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Nachschuss

René Martens – Wunder gibt es immer wieder

Oliver Fritsch | Donnerstag, 25. März 2004 2 Kommentare

In einer Zeit, in der sowohl historisch fundierte als auch kopflos drauflos faselnde Abhandlungen über traditionsreiche deutsche Fußballvereine sich zumindest bei Verlagen einer nicht unerheblichen Beliebtheit erfreuen, kann es kaum überraschen, dass René Martens eine umfassende Chronik des FC St. Pauli vorgelegt hat. Schließlich gilt dieser Verein unter Fußballanhängern als der spaß- und zugleich wertorientierte „Underdog“ des deutschen Profifußballs, als eine der letzten wilden Alternativen zu den durchkapitalisierten Fußballunternehmen der Bundesliga.

Sicherlich muss man dem Autor des Buches in diesem Zusammenhang dankbar sein, dass er die sich geradezu aufdrängenden Klischee-Titel (etwa: „You´ll never walk alone“) vermeidet. Ob allerdings der in stiller Erinnerung an einen unsäglichen Song von Katja Ebstein gewählte Titel „Wunder gibt es immer wieder“ nicht besser zur Vereinschronik der Spielvereinigung Oer-Erkenschwick oder des VfB Gießen gepasst hätte, soll hier nicht entschieden werden. Kein Buch und kaum ein Fußballverein haben jedenfalls einen derartigen Titel verdient.

Bei näherer Lektüre stellt man allerdings fest, dass Martens trotz des Titel-Missgriffs keinesfalls wie ein wiedergeborener Waldemar Hartmann fabuliert. Diese Geschichte des FC St. Pauli ist ohne Zweifel ausgezeichnet recherchiert, gut geschrieben und fast immer lesenswert. Besonders gelungen ist aus meiner Sicht der Einstieg in das Thema, der die besondere Rolle der Fans für die Entfaltung des St. Pauli-Images beziehungsweise der eigenartigen Vereinskultur herausarbeitet. Diese Entwicklungstendenz illustriert beispielsweise der Umstand, dass die von den Fans ursprünglich als Sympathiekundgebung für Klaus Störtebeker benutzte Piratenflagge – der „Jolly Roger“ – inzwischen zum quasi offiziellen Vereinswappen geworden ist. Dem inzwischen offensichtlichen Wandel der Fankultur am Millerntor und deren schleichender Entpolitisierung ist ein anschließendes Roundtable-Gespräch gewidmet, dass einen interessanten Einblick in aktuelle Strömungen der Fanszene liefert. Auf den folgenden rund 150 Seiten erfolgt dann die akkurate und mitunter allzu biedere Wiedergabe der Geschichte des FC St. Pauli von 1907 bis 2002. Im Verlauf seiner Argumentation macht Martens unter anderem deutlich, das der FC die meiste Zeit seines Bestehens ein national gesinnter und bürgerlicher Sportverein gewesen ist. Den vermeintlich anarchischen und nonkonformistischen Charme dieses Clubs sucht man jedenfalls in der Vereinsgeschichte bis zu den frühen achtziger Jahren vergebens. Allenfalls eine latente Anfälligkeit für chaotische Vereinspolitik scheint in mehreren Epochen wiederzukehren. Weitere Kapitel beschäftigen sich (noch einmal ausführlich) mit der aktiven Fankultur, mit den Gründen für die Rivalität zum HSV, der Arbeit der vereinseigenen Vermarktungs GmbH und dem Millerntor-Stadion.

Trotz seiner Sympathie für den FC St. Pauli kann der Rezensent auf eine abschließende Anmerkung nicht verzichten: Vereinsgeschichten sind wohl nur für echte „Die-Hard-Fans“ ein ungetrübter Genuss. Wer seinen Kaffee nicht täglich aus einer Tasse mit Totenkopf-Emblem trinkt und ohne St.Pauli-Schal oder Bettwäsche leben kann, wird von der zweihundertfünfundachtzigseitigen Anekdoten- und Faktenfülle irgendwann überfordert. Auf die komplette Auflistung der Spielerkader von 1947 bis heute hätte ich so ebenso verzichten können wie auf die Meisterschaftsplatzierungen seit 1922 oder die Top 100 der St. Pauli-Spieler. Mehr als überflüssig sind ferner die ebenso qualvollen wie niveauarmen Ausführungen über etwaige Gemeinsamkeiten von St. Pauli und „kritischer Theorie“. Insgesamt überwiegt beim Lesen jedoch das Vergnügen, wozu ebenfalls die ansprechende Gestaltung des Buchs durch den Verlag beiträgt.

Jürgen Schwier

René Martens (2002). Wunder gibt es immer wieder. Die Geschichte des FC St. Pauli. Göttingen : Verlag Die Werkstatt. 21,90 . (Bezug amazon)

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Kommentare

2 Kommentare zu “René Martens – Wunder gibt es immer wieder”

  1. 100 Jahre magisches Leiden, meine FC St. Pauli Jahrhundert-Elf — ☠ Camp Ring2
    Dienstag, 22. September 2009 um 13:26

    […] FC St. Pauli?”, fragte mich René Martens kürzlich in Vorbereitung der neuen Auflage seines Klassikers “Wunder gibt es immer wieder – Die Geschichte des FC St. […]

  2. Jahrhundert-Elf des FC St. Pauli wählen | fussball lebt
    Freitag, 5. März 2010 um 15:38

    […] Martens hatte dieselbe Frage schon zur 100-Jahre-Jubiläumsauflage von “Wunder gibt es immer wieder” gestellt. Und wir Sankt-Pauli-Blogger haben geantwortet. Nun startet Alice, neuer Sponsor […]

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