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Nationalmannschaft

Oliver Fritsch | Montag, 29. März 2004 Kommentare deaktiviert für Nationalmannschaft

ein sehr lesenswertes Spiegel-Portrait Dietmar Hamanns, „Mister Reliable“ – FAZ kramt im Archiv und berichtet das erste Länderspiel Deutschlands gegen Belgien (1910) u.v.m.

Mister Reliable

Sehr lesenswert! Jörg Kramer (Spiegel 29.3.) preist Dietmar Hamann: „In Deutschland wird der schmale Ballverteiler trotz überragender Auftritte wie bei der letzten Weltmeisterschaft sein Mitläufer-Image einfach nicht los. Experten, zu denen auch die Kollegen in der Nationalelf gehören, können Hamanns Bedeutung dagegen schon aus den Mannschaftsaufstellungen des Weltfußballs herauslesen: Nur ein einziger deutscher Feldspieler kommt in einer der drei europäischen Topligen in Spanien, Italien und England derzeit regelmäßig zum Einsatz – die vermeintliche Randfigur Hamann. Auch dafür, dass das vergangene Länderspieljahr als eines der finstersten in die deutsche Fußballgeschichte einging, gibt es womöglich eine plausible Erklärung: Hamann konnte verletzungsbedingt nur eine Partie bestreiten. Rechtzeitig zur Europameisterschaft ist er, nach Knöchelblessur und Sehnenoperation, nun gewohnt geräuschlos zurückgekehrt in Rudi Völlers Team, das am Mittwoch gegen Belgien einen weiteren Test vor dem Turnier in Portugal absolviert. Der Wert des Spielers Hamann, erklärte der Teamchef, falle vor allem dann auf, wenn er fehle. Wer genau hinsieht, erkennt Hamanns Effizienz jedoch noch deutlicher, wenn er mitspielt. Wegen seiner zentralen Position und der modernen Spielweise ist er auf dem Rasen der Chef. Völler-Assistent Michael Skibbe stellte eine „große Akzeptanz“ im Spielerkreis fest. (…) Im Fußballdeutschland der schrillen Aufgeregtheiten, die eine vom Personenkult dominierte Bundesliga allwöchentlich produziert, wirkt der stille Pragmatiker Hamann mit seiner Leichtigkeit wie ein Fremdkörper. Dass es Fernsehkanäle gibt, die etwa nach Oliver Kahns Fehler gegen Real Madrid eine Sondersendung ansetzen und den Bruder des Bayern-Torhüters sowie andere Experten in heiligem Ernst über Kahns Psyche diskutieren lassen, nimmt Hamann halb entsetzt, halb belustigt zur Kenntnis. Ebenso befremdet ihn, wie zurzeit in München Management und Medien Doppelpass spielen und dem Bayern-Star Michael Ballack offenbar die Notwendigkeit eines Auslandswechsels einreden wollen. Als früherer Bayern-Spieler kennt Hamann die Allianzen. Als kühler Kopfmensch neigt er zu Formulierungen wie: „Das hilft keinem“ oder „Da hat niemand was davon“. Und als Legionär, der im Land der Fußballpuristen seinen Seelenfrieden gefunden hat, gelangte er zu der Erkenntnis: „Wenn du dich zu viel mit anderen Dingen beschäftigst, leidet die Leistung.“ Er hat keine Millionen-Einnahmen aus Sponsorenverträgen wie Ballack und Kahn. Ein Bekannter, der einst ein Profil für die Werbeindustrie von ihm erstellte, hat den Job gewechselt, jetzt ist die Verbindung zu den Marketingabteilungen der Firmen gekappt. Dafür hat er aber auch nicht diesen Jahrmarkt der Ikonen zu ertragen. (…) Hamanns Aufgabe besteht darin, vor der Abwehrkette die gegnerischen Angriffe abzufangen und den eroberten Ball – mit innerer Gemütsruhe und doch in gebührendem Tempo, wie es dem rasanten Stil der Premier League entspricht – in einen offensiven Spielzug umzuleiten. Sie nennen ihn den „Anchor man“ („Daily Mail“), Fans tauften ihn „Mister Reliable“, Herr Zuverlässig. Der „Guardian“ bezeichnete Hamann als „Metronom“, weil er beim FC Liverpool „aus der Tiefe den Rhythmus diktiert“. Nichts kennzeichnet die Rückständigkeit des deutschen Fußballs so deutlich wie die Geringschätzung, die die Stellung Hamanns hier erfährt. Anklagend hielt kürzlich Bayern-Manager Uli Hoeneß dem schwächelnden Ballack vor, er sei ja gar kein „offensiver Mittelfeldspieler“ – Inhaber jener Position also, von der man die „Rolle des absoluten Stars“ beanspruche. Das galt vielleicht vor 30 Jahren, als die so genannten Regisseure mit der Nummer 10 majestätisch das Spielfeld durchschritten, meistens mit dem Ball am Fuß. Heute spielt die Musik längst in der Hamann-Region. Dort, im Zentrum vor der Abwehr, walten in England kreative Koryphäen wie der Franzose Patrick Vieira von Arsenal London. In Deutschland, wo reine Abwehrkünstler wie Guido Buchwald oder Renner wie Dieter Eilts in dieser Zone lange stilbildend ackerten, werden die Männer auf der Schlüsselposition immer noch „Staubsauger“ genannt. In England heißen sie Strategen. (…) Vor vier Jahren, nach dem Reinfall bei der Europameisterschaft in Holland und Belgien, sah er sich zum vaterlandslosen „Rebellen“ gestempelt. Die deutschen Fans pfiffen ihn im ersten Länderspiel der Völler-Ära aus. Hamann hatte nichts anderes getan, als – gemeinsam mit mutigen Mitstreitern wie Markus Babbel und Jens Jeremies – aus Pflichtgefühl nach der Notbremse zu greifen. Die Gruppe wandte sich an den alternden Libero Lothar Matthäus mit dem Plan, den als taktisch unbedarft enttarnten Teamchef Erich Ribbeck vor der EM zu entmachten. Altmeister Matthäus schützte jedoch seinen Förderer Ribbeck und informierte seinen Mentor Beckenbauer. Später war in Beckenbauers Hauspostille „Bild“ zu lesen, Babbel und Hamann hätten während des EM-Turniers in einer Kölner Bar „bis nachts um drei“ getanzt – in Wahrheit waren die Spieler in Köln zum Abendessen. „Bild“-Protegé Matthäus beschimpfte Teile der Mannschaft als „charakterlos“. Hamann hat das alles nicht vergessen. Es war die Zeit, da er sich als „Eierkopf“ gebrandmarkt fühlte, „nur auf die Mütze“ bekam und sich fragte, ob er die jeweils „drei, vier Tage nicht anders verbringen“ könnte, als zu Länderspielen der Nationalelf zu reisen. Anders als Babbel entschied er sich nicht für einen Rücktritt – aber für mehr Distanz zum deutschen Fußball.“

Distanz zu einem Teil des deutschen Fußball-Establishments

Michael Horeni (FAZ 30.3.) hat Jens Lehmann zugehört: “Die Vorfreude auf das Länderspiel gegen Belgien steht Jens Lehmann nicht gerade ins Gesicht geschrieben. Auf der Pressekonferenz erinnert der Mediendirektor des DFB daher den Torwart erst einmal an seine Erfolge, die ihn in dieser Saison noch drei Titel mit Arsenal London einbringen können. Am Vortag hatte Lehmanns Team durch ein 1:1 gegen Manchester United zudem einen neuen imponierenden Startrekord von 30 Ligaspielen ohne Niederlage aufgestellt. Üblicherweise nehmen die Nationalspieler das Redeangebot vor der Fragerunde dankbar an und reden dann je nach Temperament munter oder nichtssagend drauflos. So will es seit Jahrzehnten das öffentliche Ritual, und Lehmann kennt dieses Spiel sehr genau. Doch der Torwart, der in Köln endlich mal ein Länderspiel von Beginn an bestreiten darf, blockt die Vorlage des guten Willens ab. Er sei hier, um Fragen zu beantworten, sagt er kühl. Er muß kein weiteres Wort mehr sagen, um seine Distanz zu einem Teil des deutschen Fußball-Establishments auszudrücken. Um das Innenleben der Nationalelf ist es derzeit insgesamt nicht gut bestellt.“

Philipp Selldorf (SZ 30.3.) referiert Rudi Völler Sorgen um Stürmer: „Rudi Völler wählte die Konferenzschaltung, als er am Sonntag im Hotel der Nationalmannschaft in Bergisch-Gladbach die beiden Sonntagsspiele schaute. Deswegen war er live dabei, als Miroslav Klose durch einen wirklich schönen Kopfballtreffer den schlimmsten Fluch brach, der einen Angreifer befallen kann: den der Erfolglosigkeit vor dem Tor. Bis zu jenem Moment glich die Torlosigkeit der deutschen Nationalstürmer einer nicht endenden Wüstenei. Entsetzliche Dürre, horrende Ödnis, tiefe Verlorenheit, mittendrin vier Männer: Fredi Bobic, 464 Minuten ohne Erfolgserlebnis; Kevin Kuranyi, 723 Minuten; Oliver Neuville, 349 Minuten – und bis zur 53. Minute der Partie zwischen Hamburg und Kaiserslautern auch Miroslav Klose, 964 Minuten. Computerhirne haben ermittelt, dass die Sturmreihe der Nationalmannschaft somit 1 Tag, 17 Stunden und 41 Minuten ihre Bestimmung verfehlt hatte. Ein Protokoll des Schreckens vor dem Testspiel am Mittwoch in Köln gegen Belgien, zweieinhalb Monate vor dem Start der Europameisterschaft. Rudi Völler hat sich natürlich mit Miroslav Klose, einem seiner Lieblingsspieler, über das Tor gefreut. Aber das Vergnügen wendete sich schon im nächsten Moment in Sorge und am nächsten Tag in baffes Entsetzen. Denn am Montag bestätigte sich die Beobachtung des Teamchefs, dass sich Klose bei der Landung vom Kopfballflug verletzt hatte. Knie verdreht, „die Tendenz ist, dass er einige Wochen ausfällt“, sagte Völler, und ein Seufzen begleitete diesen Satz. Welch böse Ironie – Operation gelungen, Patient tot.“

Andreas Morbach (FR 30.3.) widmet sich dem deutschen Gegner: „Aimé Antheunis ist ein höflicher Mensch. Der 60-jährige Trainer der belgischen Fußball-Nationalmannschaft hat wahrscheinlich keinen allzu großen Respekt vor der deutschen Nationalmannschaft, nur sagen würde er das nicht. Den WM-Zweiten Deutschland führt der Weltverband Fifa aktuell auf Rang zehn, Belgien, bei der morgigen Eröffnung des neuen Kölner Stadions Testgegner der DFB-Auswahl, liegt sechs Plätze dahinter. Kein gewaltiger Unterschied. Aus den Papiertürmen um ihn herum kramt Antheunis die Zuschauerzahlen des vorletzten Bundesligaspieltags hervor. „Dortmund 80 000, Schalke 61 000″, liest er vor, „das ist der Unterschied.“ Zu den Spielen in Belgiens erster Liga kommen im Schnitt 12 000 Menschen, aber ansonsten gilt: „Bremen, Bayern, Stuttgart – im Moment ist das das gleiche Niveau wie Brügge oder Anderlecht.“ Beim RSC Anderlecht hatte Belgiens Trainer der Jahre 1999 bis 2001 nach zwei guten gerade eine schlechte dritte Spielzeit hinter sich, als er nach der WM 2002 den Job als Nationalcoach bekam. Seitdem fährt Antheunis jeden Tag von Lokeren aus eine Stunde zum Verbandssitz an der Houba de Strooper Laan 145 in Brüssel, wo ihn im weitläufigen Foyer die glorreichen achtziger Jahre auf großen Fotos empfangen: Rekordnationalspieler Jan Ceulemans nach einem Torerfolg; der überfüllte Grande Place von Brüssel beim Empfang der WM-Vierten von 1986; Georges Grün bei seinem entscheidenden Kopfballtreffer am 20. November 1985 im Relegationsspiel in Rotterdam. Auf frische Jubelbilder warten sie in der Brüsseler Zentrale bereits einige Zeit. Bei den letzten vier Weltmeisterschaften schied Belgien spätestens im Achtelfinale aus. „Im Fußball geht es immer hoch und runter“, sagt Anthenuis und glaubt tapfer an bessere Zeiten, doch er kennt auch die ungünstigen Rahmenbedingungen: Die vielen Ausländer und das starke Leistungsgefälle in der belgischen Liga mit den fünf großen Clubs Anderlecht, Brügge, Lüttich, Gent, Genk – und dem amateurhaften Rest. Oder der verhätschelte Nachwuchs. „Vielleicht haben wir den jungen Spielern zu viel geholfen anstatt mehr auf ihr Naturell zu setzen“.“

Immer schön, wenn auf dem Dachboden gestöbert wird. Heinrich Peuckmann (FAZ 30.3.) findet Schnipsel aus grauer Vorzeit: „Am 16. Mai 1910 fand in Duisburg das erste Länderspiel zwischen Deutschland und Belgien statt, und es wurde eines, das an Kuriositäten kaum zu übertreffen ist. Der DFB hatte bei seiner Planung nämlich vergessen, daß am Tag vorher das Endspiel um die deutsche Meisterschaft stattfand. Vor allem Spieler des Karlsruher FV, die Holstein Kiel nach Verlängerung mit 1:0 besiegten, waren eingeladen worden, hatten aber nach Siegerehrung und ausgiebiger Feier keine Lust, nach Duisburg zu fahren. So kam es, daß sich eine Stunde vor Spielbeginn lediglich acht der erwarteten Spieler eingefunden hatten. Was war zu tun? Die Belgier waren komplett angereist, 5000 Zuschauer saßen oder standen erwartungsfroh auf den Rängen, an eine Absage war nicht mehr zu denken. Also begann man, sich stillschweigend auf der Tribüne umzusehen, ob irgendwelche bekannten Spieler zu entdecken wären. Es waren natürlich Duisburger Fußballer von den Ortsrivalen Preußen und SV anwesend, um mal mitzuerleben, wie so ein Länderspiel ablief. Zu ihrer eigenen Überraschung stiegen sie innerhalb von Minuten von Beobachtern zu Akteuren auf. Alfred Berghausen als Verteidiger, Lothar Budzinski als Läufer und Christian Schilling auf halbrechts fanden sich, ehe sie sich versahen, in der Anfangsformation wieder, während Andreas Breynk vorerst auf der Auswechselbank Platz nahm. Was die Annalen nicht verraten, aber interessant wäre zu erfahren, ist die Antwort auf die Frage, ob die vier Duisburger nach dem Spiel ihr Eintrittsgeld zurückerhalten haben.“
of: Erinnert mich an meine „Zweite“ Mannschaft; die ist auch darauf angewiesen, dass Zuschauer da sind, die ihre Sporttasche immer dabei haben.
Es ist kaum zu glauben, dass sie so was einen Ball nennen

Philipp Selldorf (SZ 29.3.) lässt sich keinen Schnickschnack für einen Ball vormachen: „Jedes Mal, wenn eine Welt- oder Europameisterschaft bevorsteht, präsentiert die Firma adidas einen neuen Turnierball, der angeblich jahrelanger Forschungsarbeit und höchster deutscher Ingenieurskunst entstammt und dadurch noch besser, schneller und schöner ist als dessen Vorgänger. Diese Bekundungen können den erfahrenen Fußballfan nicht sonderlich verblüffen, denn es wäre ja ziemlich widersinnig, wenn adidas erklären würde, diesmal sei ihnen leider nicht so viel eingefallen, weshalb der neue Ball plump und lahm und viel hässlicher geraten sei als das andere Ding. Der Ball zur EM in Portugal heißt Roteiro und birgt, wenn man dem Hersteller Glauben schenkt, mehr Erfindergeist als die modernsten Marsraketen der Nasa: Ihm liegt ein „völlig neues Konzept der Ballfertigung“ zugrunde („die sogenannte thermische Verklebung“), er hat eine nahtlose Oberfläche und folgt dem System der „Power Balance Technology“. Revolutionär wie die Kollektionen Vivienne Westwoods ist seine silbern glänzende Erscheinung, ein Ballkleid, das noch keiner gewagt hat. Aus gutem Grund allerdings. Denn mit der Hülle des Roteiro verhält es sich wie mit Madame Westwoods Kreationen: Man sieht sie gern auf dem Laufsteg oder bei dekadenten Partys in London und New York, weit weg von zu Hause also – aber bitte nicht im Alltag, denn der ist hart genug. Am Wochenende wurde der Roteiro in München, Freiburg und Rostock eingesetzt, aber es gibt immer noch keinen Grund, dem spanischen Nationalspieler Joaquin zu widersprechen, der beim Länderspiel gegen Peru Mitte Februar die Ehre hatte, die Premiere des neuen Stücks zu kommentieren. Joaquin erklärte: „Es ist kaum zu glauben, dass sie so was einen Ball nennen.““

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