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Länderspiel-Mittwoch

Oliver Fritsch | Freitag, 30. April 2004 Kommentare deaktiviert für Länderspiel-Mittwoch

Wer hätte vor dem Spiel gedacht, dass das Freundschaftsspiel in Rumänien auf so viel Beachtung der Medien stoßen wird? „ein 1:5 bringt den deutschen Fußball in Wallung“ (taz); „gespenstische Fußball-Nacht“ (FAZ); „Schockzustand“ (FR); „allüberall Nöte in diesem Land, Haushaltsschwäche, Abspielschwäche“ (Tsp) „was ist mit Charakter?“ (Tsp); – Kritik und Zweifel an Rudi Völler ; „Völler verspielt Urvertrauen der deutschen Fans“ (FAZ) – Holland besiegt Rehhagels Griechen mit 4:0, nachdem sie Vogts’ Schotten mit 6:0 nach Hause schickten: „Oranje-Wirbel, zuviel für deutsche Trainer“ (FAZ) – Tschechien verliert gelassen gegen Japan – Lettland , EU-Mitglied und deutscher Gegner in der EM-Vorrunde u.v.m.

Rainer Hennies (taz 30.4.) berichtet das Spiel der deutschen Nationalmannschaft: „Nikolai Litvin schaute drein wie Oliver Kahn in Bukarest. „Normalerweise ist sie eine gute Torhüterin“, sagte der Trainer der ukrainischen Fußballspielerinnen, „aber sie spielt in einem Verein in Russland, und da war sie in den letzten Wochen Feldspielerin. Ich kann Ihnen das nicht erklären.“ Irina Zvarich von Energia Woronesh war in der Tat die unglücklichste Figur beim 6:0 gegen die deutschen Weltmeisterinnen vor 13.857 Zuschauern in Oldenburg. In der zweiten Minute half sie beim Führungstreffer von Birgit Prinz mächtig mit und glänzte auch später mit Unsicherheiten in einem äußerst schwachen Team. Einziges Manko der DFB-Elf: Die sechs Tore waren, gemessen an den Chancen, immer noch zu wenige. Die La-Ola-Welle kreiste trotzdem durchs Stadion.“

Zweifellos ist ein wenig von dem Urvertrauen verspielt

Michael Horeni (FAZ 30.4.) rauft sich die Haare: “Die Ausschläge bei den Auftritten des dreimaligen Welt- und Europameisters fallen in den zurückliegenden Jahren wie das Klima immer extremer aus – die Schönwetterperioden werden dabei allerdings immer seltener, Ergebnisse wie Donnerschläge dagegen regelmäßiger: 1:5 gegen England 2001, 1:4 gegen Holland 2002, 0:3 gegen Frankreich 2003 – und nun als Tiefpunkt ein 1:5 bei den Rumänen. Zu den Niederlagen mit Gewitterneigung gesellen sich dürre Siege gegen Färöer und Co. Die Befunde, die mit diesen kärglichen Auftritten in der Ära Völler einhergehen, ähneln sich allesamt: Die technischen Grenzen der Deutschen werden immer dann besonders auffällig, wenn auch Einstellung und Aufstellung nicht stimmen. In Bukarest hat sich Rudi Völler zu einem gut Teil für die Niederlage verantwortlich erklärt, weil er mit Jeremies und Ramelow in der Innenverteidigung ein waghalsiges Experiment eingegangen war, das er viel zu spät abbrach. Bei allen Qualitäten, die der Teamchef besitzt, gehört es offenkundig nicht zu seinen Stärken, von Beginn an das passende Personal und die entsprechende taktische Ausrichtung zu finden. Immer wieder hat die Nationalmannschaft an ihren schwarzen Tagen auch mit den Vorgaben ihres Teamchefs und seines Helfers Michael Skibbe zu kämpfen gehabt. Erst die Vorstellung, seine Vorgänger Erich Ribbeck oder Berti Vogts hätten sich solch bitter bestrafte Patzer sechs Wochen vor einem großen Turnier geleistet, zeigt, wie groß der Bonus und die Hoffnung immer noch sind, die sich mit Völler verbinden. Zweifellos ist ein wenig von dem Urvertrauen verspielt, das die deutschen Fans ihrer Mannschaft und dem Teamchef gerne entgegenbringen.“

Wenn Masse die Klasse dominiert, wenn Durchschnitt der Maßstab ist

Ludger Schulze (SZ 30.4.) stöhnt: „Man muss mit dem auskommen, was man hat. Im Falle des deutschen Fußballwesens ist das derzeit so herzlich wenig, dass der Fan sich an einen schaurigen Gedanken gewöhnen muss: an den Abstieg aus der exklusiven Welt-Liga in die Grauzone der Namen- und Besitzlosen. Der Abstieg verlief parallel zum Aussterben der Spezies Weltstar. Wo einst illustre Künstler wie Beckenbauer, Seeler, Müller, Overath im Rudel herumsprangen, hat es heute viel Herde, aber nur zwei Alphatiere – Kahn und Ballack. Wenn Masse die Klasse dominiert, wenn Durchschnitt der Maßstab ist, müssen fehlende individuelle Vorzüge durch taktisches Geschick und außerordentliche Gruppenbindung kompensiert werden. Teamchef Rudi Völler hat gerade im Ressort Innere Befindlichkeit sein Spezialgebiet. Durch seine gewinnende Art und Erscheinung hat er Nationalteam, Publikum und auch Medien weitgehend auf einen Nenner und hinter sich gebracht. Ein fröhliches Klima nach der düsteren Ära unter Ribbeck geschaffen zu haben, ist ein hoher, unbestreitbarer Verdienst. Getrübt wird dies jedoch dadurch, dass Völler und sein Kollege Michael Skibbe nicht zum ersten Mal mit einem untauglichen Konzept antraten. (…) Für ein passables Abschneiden zwei Voraussetzungen zu erfüllen sind: Alle Spieler müssen ihre Leistungsgrenze erreichen – und das Trainer-Duo zu fußballintellektueller Hochform finden. Man muss schließlich auskommen mit dem, was man hat.“

Der Untergang im Land der Karpaten

Frank Hellmann (FR 30.4.) schlägt die Hände überm Kopf zusammen: „Deutschlands beste und bestens bezahlte Fußballer haben ihren Beruf am Mittwoch mit Füßen getreten. Verkommt der von titanischen Torwart-Taten und günstigen Turnier-Konstellationen erzwungene Vorstoß ins WM-Finale 2002 im Rückblick nicht zum unwirklichen Ereignis? Die fernöstliche Energieleistung wirkt wie ein Fluch auf dieselben Fußballer, die sich vor und nach dem Asien-Auftritt weitab vom Weltniveau befanden und befinden. Seit drei Jahren ist die Nationalelf für die Großen nicht mehr gut genug. Nun wird die Lektion rumänischer Art zu einer neuen Last. Der Untergang im Land der Karpaten [of: Ist das von Karl May? Die süchtige Suche nach Synonymen führt uns heute in „das Land der Karpaten“, ein Verwandter der „Mainmetropole“ und der „Domstadt“; Journalisten meinen damit Rumänien, Frankfurt und Köln.] ist nicht zuvorderst in falschen taktischen Systemen, sondern in erheblichen spielerischen Mängeln begründet. Fußballerisch fehlt bei rechtschaffenen Kollegen vom Kaliber Carsten Ramelow Grundsätzliches. Die Nivellierung an den Hochgeschwindigkeitsfußball der Moderne mit taktisch variablen, körperlich und gedanklich flexiblen Profis ist an der auch in den internationalen Wettbewerben versagenden Bundesliga offensichtlich vorbeigegangen. Abgesehen von Dietmar Hamann taugt kein Nationalspieler für einen Kaderplatz in den Top-Ligen Europas.“

Allüberall Nöte in diesem Land, Haushaltsschwäche, Abspielschwäche

Helmut Schümann (Tsp 30.4.) findet „keinen Trost: 1:5. Man muss dazu wissen, dass beim Stand von 0:5 ein Gegentreffer lediglich gewährt wird und Ausdruck von Mitleid ist. 1:5! Gegen Rumänien! Herrgott, nein, im Namen der Helden von Bern, im Namen Uwe Seelers, Günter Netzers, Franz Beckenbauers, Joachim Streichs, Jürgen Sparwassers und, bitteschön, auch im Namen von Lothar Matthäus, muss die Frage hinausgebrüllt werden: Wann jemals hatte deutscher Fußball Mitleid nötig? Jetzt! Es sind nur noch 47 Tage bis die deutsche Fußballnationalmannschaft gegen die Niederlande zu ihrem ersten Spiel der Europameisterschaft anzutreten hat – einem Wettbewerb, an dem Rumänien mangels Qualität gar nicht erst teilnehmen darf. 47 Tage, und unser Fußball steht da wie unsere Mautgebühr: Wir wollen ja schon, wir können nur nicht. Stimmt also wieder, dass der Ball rollt, wie es das Land verdient hat? Oder anders gefragt: Was müssen wir eigentlich noch alles ertragen? VW und Audi rufen jetzt weltweit 870 000 Autos zurück in die Werkstatt, deutsche Qualitätsautos, die Vorderachse ist defekt. Soll uns etwa trösten, dass es nur die Vorderachse ist, wohingegen die Vorderachse im deutschen Fußballspiel gar nicht erst eingebaut war, wie auch nicht die Mittelachse, und die Hinterachse poröser war, als es die von VW und Audi jemals sein könnten? Allüberall Nöte [of: Nöte! Welch Plural!] in diesem Land, Haushaltsschwäche, Abspielschwäche, die Windenergie steckt in der Flaute, unser Sturm auch, vom Dosenpfand zum Flaschenpfand für unsere Nationalspieler bedarf es nur eines kleinen kalauerischen Gedankensprungs, und wenn man Bundesfinanzminister Eichels Eingeständnis, bis 2006 den Haushalt eben nicht entschulden zu können, fortsetzt auf den Fußball … ganz depressiv möchte man da werden.“

Immer wieder fand sich ein Weg für spielfreudige Rumänen gegen die deutschen Dinosaurier

Michael Horeni (FAZ 30.4.) kann es nicht fassen: “Die Operation „breite Brust“, eines der Erfolgsgeheimnisse bei der WM 2002, ist also, wie Dietmar Hamann resigniert feststellte, „nach so einem Spiel nicht mehr möglich“. Die Floskel von einer lehrreichen Lektion zur rechten Zeit wollte den Deutschen an einem finsteren Abend nicht so recht über die Lippen. „Ich habe dafür keine Worte mehr“, sagte ein erschüttert wirkender Kapitän Oliver Kahn, dessen eindringliche Warnung zuvor, sich die mühsame Aufbauarbeit des EM-Jahres 2004 nicht zerstören zu lassen, ohne jede Wirkung geblieben war. „Für dieses Spiel gibt es überhaupt keine Entschuldigung. Das war eine absolute Blamage. Wir haben uns abschlachten lassen“, sagte Kahn, der als Nationaltorhüter in einer Halbzeit erstmals vier Gegentreffer hatte hinnehmen müssen – undenkbar bisher. An einen 0:4-Rückstand einer deutschen Nationalmannschaft zur Pause kann sich heute wohl auch kein Lebender mehr erinnern. Denn so etwas ereignete sich letztmals vor den beiden Weltkriegen in der Fußballsteinzeit des Jahres 1913 gegen Belgien. 91 Jahre und je drei Titelgewinne bei Welt- und Europameisterschaften später fühlten sich die Deutschen in Bukarest allerdings wieder in Zeiten versetzt, als der Fußball hierzulande laufen lernte. (…) Dabei wird sich der Perfektionist Völler vermutlich am meisten über sich selbst ärgern. Die mit Selbstverteidigung am meisten beschäftigte deutsche Viererkette ließ sich bei jeder Gelegenheit übertölpeln. Ob von rechts, links oder ab durch die Mitte: Immer wieder fand sich ein Weg für spielfreudige, laufwillige und technisch gebildete Rumänen gegen die deutschen Fußball-Dinosaurier.“

Ludger Schulze (SZ 30.4.) klagt: „Den Versuch, in dieser nieseligen Nacht den Hauch von Gutwetter-Stimmung zu verbreiten, hatte bereits ein gruseliger Auftritt seiner Leute vereitelt – wenn man nicht die Hilfskonstruktion bemühen wollte, dass die Deutschen immerhin die letzten fünf Minuten mit 1:0 erfolgreich abgeschlossen hatten. Man hat die Frohnatur Völler noch nie in so desperater Verfassung erlebt wie gleich nach der Geisterbahn-Fahrt gegen die Rumänen, als er die Augen starr auf den Resopaltisch gerichtet hatte und hinter einer Doppeldeckung aus vor der Brust verschränkten Armen tonlos erste Statements abgab. In diesem Moment war seine weitgehend abgeschlossene Planung für die Europameisterschaft polternd zusammengekracht. Es sei noch zu früh, personelle Konsequenzen zu ziehen, sagte er, doch noch habe er Zeit, „über dieses Spiel und die Leistung des einen oder anderen nachzudenken“. Doch auch das wird kaum weiterhelfen, aus der debakulösen Vorstellung gibt es nichts anderes zu saugen als sauren Ampfer. So desorientiert und abseits der Musik, die auf internationaler Bühne aufgelegt wird, hat sich eine deutsche Nationalmannschaft noch nie präsentiert. (…) Will Völler, der ursprünglich auf dem Balkan „Selbstvertrauen tanken“ wollte, nun nach einem Zipfel Zuversicht greifen, wird er nicht umhin kommen, einige radikale Schnitte am Mannschaftskörper anzusetzen. Seine in Stein gemeisselte Treue zum Leverkusener Spielkameraden Ramelow sollte einer nüchternen Betrachtung weichen; zur Disposition stehen auch Jens Jeremies, der erkennbar nicht jünger und flinker wird, sowie Jens Nowotny, der immer noch als Rekonsvaleszent zu gelten hat. Stürmer Fredi Bobic hatte seinen auffälligsten Auftritt in den örtlichen Zeitungen, die ihn beharrlich unter dem Namen „Bobici“ firmieren ließen. Für das Abwehrzentrum, in dem nur der angeschlagene Christian Wörns gesetzt ist, bietet sich der konstant stark spielende Bochumer Frank Fahrenhorst an – und im äußersten Notfall auch Thomas Linke, der immer noch den Status als „Stand-by-Nationalspieler“ besitzt. Den Kölner Angreifer Lukas Podolsi in den Kader aufzunehmen, wäre eine verwegene Idee, die jedoch Charme verriete. Was immer Völler tut – alles ist besser, als es so zu lassen, wie es ist. Denn sonst steht der deutsche Fußball in gut sechs Wochen dort, wo sich die deutsche Wirtschaft schon eingerichtet hat: auf einem Abstiegsplatz der Europaliga.“

Agenturen melden: „Der Günen-Politiker Daniel Cohn-Bendit sieht eine Mitschuld an der Krise des DFB-Teams bei der CDU. Während ihrer Regierungszeit soll die Union die Reform des Staatsbürgerrechts versäumt haben, „dass jetzt 20 Jahre Einwanderung im Fußball fehlen“, so der Europapolitiker Cohn-Bendit im Gespräch mit der „taz“. Bestes Beispiel wie die „Energie der Einwanderung“ in Erfolg umgewandelt werden könne, ist der Franzose Zinedine Zidane als Sohn algerischer Einwanderer.“

Auf anderen Wiesen

Peter Heß (FAZ 30.4.) schildert das 0:1 Tschechiens gegen Japan: “Wenigstens haben die Tschechen das Fußballspielen nicht verlernt. Deutsche Fußballfans, die nach dem 1:5 gegen Rumänien all ihre Hoffnung für die Europameisterschaft auf einen Schwächeanfall der Gegner setzen, bauen auf Sand. Zwar verlor das tschechische Nationalteam am Mittwoch nach zweieinhalb Jahren wieder ein Heimspiel und bekleckerte sich beim 0:1 gegen Japan wahrlich nicht mit Ruhm. Aber die Niederlage trug weder die Züge einer Blamage noch einer Kapitulation, noch einer fußballerischen Bankrotterklärung. An einem wunderschönen Prager Frühlingstag vermochten sich 20 tschechische Fußballprofis einfach nicht zu einer ernsthaften Berufsauffassung aufzuraffen. Sogar Trainer Karel Brückner hatte sich in den Tagen zuvor geweigert, der Partie allzu große Bedeutung beizumessen. Er wolle alle Spieler noch einmal sehen, werde deshalb fleißig wechseln, und ansonsten sei ja noch eine Menge Zeit bis zur EM. Entsprechend gelassen fiel sein Fazit aus. „Ich will aus dieser Niederlage keine Tragödie machen.““

Christian Eichler (FAZ 30.4.) sieht starke Holländer: „Diese Holländer meinen es nicht gut mit Deutschen – mit deutschen Trainern vorerst. 0:6 verloren die Schotten von Berti Vogts im November in Amsterdam. 0:4 verloren die Griechen von Otto Rehhagel diesen Mittwoch in Eindhoven. Noch sechseinhalb Wochen, und man wird wissen, ob wenigstens Rudi Völler und sein Team bei der Europameisterschaft dem neuen Oranje-Wirbel entkommen können. Von Hollands „Superteam“ sprach Rehhagel nach Schlußpfiff. Er wirkte fast erleichtert, den Niederländern schon jetzt und nicht in der Vorrunde in Portugal über den Weg zu laufen. Für die Griechen war es das Ende einer großartigen Serie von 15 Spielen ohne Niederlage. „Da muß man auch mal eine solches Ergebnis hinnehmen“, sagte der deutsche Altmeister, der nicht unzufrieden wirkte. Seine Stammelf hatte in der ersten Halbzeit den heiter kombinierenden, aber noch nicht zwingenden Holländern kein Tor und kaum eine Torchance erlaubt. Die Griechen gaben mit defensiver Raumgestaltung dem deutschen Team ein brauchbares Vorbild, wie man die spiellaunische Elf der Holländer ein bißchen frustrieren kann. (…) Aller Voraussicht nach werden die Holländer im Juni noch stärker sein, wenn ihr Antreiber Edgar Davids, derzeit beim FC Barcelona in glänzender Form, wieder dabei ist. Zudem hat die Bandbreite der Torgefahr, die der Oranje-Jahrgang 2004 entfaltet, zugenommen. Während die klassische Ajax-Schule mit ihrem Hang zum Kombinationsfußball das simple, nicht erspielte, sondern erzwungene Tor als eher zweitklassig betrachtete, ist Advocaats Team auch bei jenen unspektakulären Szenen stark, die in einem Turnier gegen gut organisierte Gegner oft entscheiden: Ecken und Freistöße. Mit dem Linksfuß Rafael van der Vaart, der das 3:0 gegen Griechenland per Freistoßflanke vorbereitete, und dem Rechtsfuß Wesley Sneijder, der gegen die Schotten drei Treffer aus Standardsituationen vorgelegt hatte, verfügt es über schnittig-scharfe Beschleuniger des ruhenden Balles. Rudi Völler und anderen EM-Gegnern droht eine Beschleunigung des Ruhepulses.“

Mit Fleiß und Leidenschaft könne man den Anschluss an Europa schaffen

Lettlands (Fußball-)Aufschwung sei hauptsächlich dem Engagement einzelner gedankt; Josef Kelnberger (SZ 30.4.) berichtet: „In Lettland ist die Europäische Union am weitesten nach Osten fortgeschritten, Richtung Russland, kurz davor, sich zu überdehnen. In keinem anderen der zehn Beitrittsländer fiel beim Referendum die Mehrheit so knapp aus. Hier hatte sich die Sowjetmacht ihr Zentrum für das Baltikum aufgebaut, ein Drittel der 2,4 Millionen Einwohner sind noch Russen, in der Hauptstadt Riga mit fast einer Million Einwohnern mehr als die Hälfte. 500 000 haben keinen Pass, weil sie beim lettischen Sprachtest versagen. Die ethnische Kluft prägt nicht nur die Politik, sondern auch den Sport. Echte Letten, die etwas auf sich halten, schicken ihre Kinder zum Basketball. Eishockey spielen beide Bevölkerungsgruppen, Fußball aber meist russische Kinder, die in schwierigen Verhältnissen aufwachsen. „Das ist unser Erbe der Sowjetzeit“, sagt Janis Mezeckis, 51, Generalsekretär des lettischen Fußballverbandes. „Idealerweise würden elf Letten mit der Hand auf der Brust die lettische Hymne singen. Aber wir sind Profis. Wir müssen mit der Realität umgehen.“ Mezeckis, geboren in Riga, hat ein Talent, die Realität zu seinen Zwecken zu benutzen. Er durchlief alle Fußball-Auswahlen der UdSSR, setzte sich 1993 von Moskau aus nach Belgien ab, wo er einem befreundeten Industriellen die Geschäfte führte. Er sagt, er habe sich damals geschworen, niemals mehr zurück zu kehren in dieses KGB-Reich. Zwei Jahre später übernahm er die Geschäftsführung des lettischen Fußballverbandes. Jetzt sitzt er im ausladenden Besprechungsraum der Verbandszentrale. An den Wänden protzen Trophäenschränke in Gold und Silber, ein Flachbildschirm neuesten Datums macht sich breit. Mezeckis thront mittendrin, energiegeladen. Er fühlt sich als Vater des Fußballwunders. Er hat Geld aus allen möglichen Töpfen von Fifa und Uefa organisiert. Hat gebrauchte Kunstrasenplätze für das Jugendtraining auch von Bayern München erworben. Hat die Vereinigung lettischer Sportfans, die vorwiegend Basketballteam und Eishockeyauswahl unterstützten, für die Fußballer gewonnen; zwei neue Trommeln verlangten die, er besorgte sie gern. Mit Fleiß und Leidenschaft könne man den Anschluss an Europa schaffen, sagt er, dies als Botschaft an Lettlands Politiker. Denn die lassen die Fußballer seltsam unbeachtet. Als Mezeckis Mühe hatte, den Charterflug zum Entscheidungsspiel in der Türkei zu finanzieren, fand er Hilfe nicht in der Politik, sondern bei Geschäftsleuten. Lettlands Fußball wird hauptsächlich finanziert von Guntis Indriksons, Chef des Mischkonzerns Skonto, Präsident des gleichnamigen Klubs und des nationalen Verbandes. Nach guter Sitte osteuropäischer Oligarchen sponsert er alle politischen Parteien, sicherheitshalber, weil die Regierung ja so oft wechselt. Die aktuelle, grün gefärbte, hat bis jetzt kein Interesse erkennen lassen, mit dem Fußballteam auf europäischer Bühne für sich zu werben. Der Verdacht liegt nahe, dass die durchweg russisch sprechende Mannschaft nicht repräsentabel wirkt. Nur Vaira Vike-Freiberga, Lettlands Präsidentin, habe die historische Dimension der EM-Qualifikation verstanden, sagt Mezeckis. Als sie die Mannschaft ehrte, versprach Nationaltrainer Aleksandrs Starkovs, 48, er werde jetzt lettisch lernen. Das war ein Spaß, aber auch ein Politikum.“

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