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Pressestimmen zur Vergabe der WM 2010 in Südafrika

Oliver Fritsch | Montag, 17. Mai 2004 Kommentare deaktiviert für Pressestimmen zur Vergabe der WM 2010 in Südafrika

Michael Bitala (SZ 17.5.): „Das, was sich in den Straßen von Soweto, Alexandria, Johannesburg, Kapstadt, Durban oder Bloemfontein nach der Fifa-Entscheidung vom Wochenende abgespielt hat, kann man mit Worten fast nicht beschreiben. Es reicht nicht, zu sagen, dass all die Tausenden von Menschen, die sich – egal welche Hautfarbe sie haben – in die Arme fielen, sich küssten, sich Champagner über die Köpfe gossen und Leuchtraketen in den Himmel schossen, allein den WM-Zuschlag gefeiert haben. Dieser Sieg ist mehr, es ist, als hätte das Land nun endlich alle Fesseln gesprengt, als seien die Südafrikaner von nun an erst wirklich freie Menschen. Zehn Jahre nach dem Ende des rassistischen Apartheidregimes, zehn Jahre nach der ersten freien, demokratischen Wahl, ist dies die Krönung für ein Land, das Jahrzehntelang geächtet war. „Es wird das größte, das schönste Fest, das die Welt je gesehen hat“, sagte ein Mann, dem die Tränen über die Wangen liefen, „und ich darf das noch miterleben.“ Auch wenn Südafrika die beste Bewerbung abgegeben hatte, auch wenn das Land über die beste Infrastruktur des Kontinents und über die größte Erfahrung mit Sportereignissen verfügt – dass es letztlich geklappt hat, ist vor allem einem Mann zu verdanken. Nelson Mandela war der WM-Botschafter für Südafrika. Und so sprach der jahrzehntelang eingesperrte Freiheitsheld, der Friedensnobelpreisträger und erste demokratisch gewählte Präsident Südafrikas nach der Bekanntgabe: „Ich fühle mich wie ein kleiner Junge mit 15 Jahren. Es ist ein toller Tag für uns.“ Und wie es seine Art ist, beeilte er sich auch, seine Landsleute in der Stunde des Triumphs zu mahnen: „Südafrika sollte das Wahlergebnis nicht arrogant, sondern mit Bescheidenheit und in Demut akzeptieren. Wir sind alle gleich: Die, die jetzt gewonnen haben ebenso wie die, die jetzt nicht gewonnen haben. So geht das im Leben, aber man hat eine Million Chancen.“ Es feierte nicht nur Südafrika. Ganz Afrika jubelte über die Zusage zur ersten Fußball-WM auf dem Kontinent, die Nigerianer genauso wie die Tansanier. Und wenn man einem Kolumnisten der kenianischen Tageszeitung Daily Nation glauben kann, dann ist dieses Turnier das beste Entwicklungshilfeprogramm für Afrika.“

Claudio Klages (NZZ 17.5.): „Der politisch lange Zeit (und zum Teil heute noch) instabile Kontinent spielt auf internationaler Fussballebene erst seit etwa 20 Jahren mehr als eine marginale Rolle, organisatorisch werden erst in jüngster Vergangenheit die Standards der europäischen Fussball- Kolonialherren erreicht. Und für die Afrikaner, besonders für den viermaligen Kandidaten Marokko, sprach in der Vergangenheit primär das «Herz», doch massgebend war im Milliardenunternehmen Fussball jeweils überwiegend der Kommerz. Am zehnten Jahrestag des Demokratieprozesses hat Südafrika – zwischen 1976 und 92 wegen der Apartheid-Politik aus der Fifa ausgeschlossen – nun also den Zuschlag erhalten. Nicht zuletzt dank der charismatischen Ausstrahlung des gesundheitlich schwer angeschlagenen Nelson Mandela, der damit vielleicht die letzte Mission für sein Land beendet sieht. Er erhofft sich in der Organisation dieses Grossanlasses eine einmalige Chance, die Einheit unter den lange sozial, kulturell und ethnisch getrennten Gruppen zu stärken und Südafrika neue Prosperität zu verleihen. Schwarz und Weiss, nach den Worten Mandelas aus dem ganzen Kontinent, sollen jetzt gemeinsam den steinigen Parcours von der Kandidatur zum glanzvollen WM-Organisator gehen. Denn 150 000 neu zu schaffende Arbeitsplätze dürften der fussballbegeisterten Republik, so gross wie Italien, Frankreich und Spanien aneinander gereiht, und ihren 44 Millionen Einwohnern einigen Aufschwung verleihen. Immerhin stehen Grossunternehmen aus anderen Kontinenten als Sponsoren wie offizielle Verbandspartner angeblich schon Spalier. Hoffnungsvolle und gute Aussichten für die Wirtschaft am Kap. Mit Hilfe neuer Kräfte und Finanzquellen will Südafrika in den nächsten Jahren die Sportinfrastruktur massiv aufrüsten. Den emotionalen Gedanken müssen nun rationale folgen. Das organisatorische Know-how der Afrikaner steckt auch im äussersten Süden nach wie vor in den Kinderschuhen, materielle wie personelle Hilfestellung nicht zuletzt seitens des Weltverbandes ist von Beginn an unerlässlich. Zu verniedlichen ist beispielsweise auch die nach wie vor unkontrollierbare Kriminalität besonders im Grossraum um Johannesburg nicht, wo im Sommermonat Juni, dem Fussball-WM-Datum, Temperaturen deutlich unter zehn Grad kaum einladend auf Spieler, Zuschauer und den zu erwartenden Touristenstrom wirken dürften. Zudem zeigte sich Blatter am Samstag punkto massive Reduktion der Eintrittspreise für die WM-Spiele eher abweisend bzw. wies diese nicht zu unterschätzende Problematik an die Veranstalter weiter. Erinnert sei dabei an die leeren Stadien 1986 in Mexiko, wo riesige Menschenmengen in ländlicheren Regionen staunend, aber frustriert vor den Arenen stehen bleiben mussten.“

Martin Hägele (taz 17.5.): „Joseph Blatter, der auch so geliebt werden möchte wie Mandela, hatte für die frühere Apartheid-Nation gekämpft. Südafrika hatte mit Mandela, Frederik de Klerk, dem letzten weißen Staatspräsidenten, und Erzbischof Desmond Tutu gleich drei Friedensnobelpreisträger mit auf den Zürichberg gebracht und letztendlich auch wegen dieser Figuren gewonnen. Dagegen verblassten die auf vielen Gebieten besseren Argumente der marokkanischen Kandidatur. Die Delegation aus dem Königreich in Nordafrika hatte sich womöglich zu sicher gefühlt. Selbst in der letzten Nacht, in welcher bekanntermaßen die Stimmen der wackeligen Wahlmänner festgezurrt oder auf irgendwelche Art eingekauft werden, hatte sich das Bewerber-Team um den ehemaligen Banker Sead Kettami äußerste Zurückhaltung auferlegt. Mit dem Gefühl, in Blatters Parlament über eine Mehrheit von 13:11 zur verfügen, war das Team Marokkos ins Bett gegangen. Am Morgen aber hatte sich das Schicksal gedreht. Der Südkoreaner Chung, so hieß es, sei vom schwedischen Uefa-Präsidenten Lennart Johansson umgebogen worden; Slim Aloulou (Tunesien) habe ein in Aussicht gestellter Fifa-Job die Meinung ändern lassen; und Jack Warner sei direkt nach dem Votum von Kloten heim nach Trinidad und Tobago gedüst, damit er keinem, der auf das Wort einer der zwielichtigsten Gestalten des Weltsports gesetzt hatte, hinterher in die Augen sehen müsse. Geschichten dieser Art haben bei der Vergabe von Fußball-Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen schon immer eine Rolle gespielt – und werden vor allem im Lager der Verlierer als moralischer Beweis für die Unzuverlässigkeit vermeintlich verbündeter Funktionäre hergezogen. Eine andere These besagt, Marokkos Bewerbung sei nicht authentisch genug gewesen, weil sie in erster Linie von der amerikanischen Consulting-Firma Alan I. Rothenbergs und einer Gruppe internationaler Experten und Lobbyisten getragen worden sei. Nelson Mandelas Mannschaft dagegen wirkte in den entscheidenden Stunden wie eine eingespielte „Bafana-Bafana“, wie die Nationalauswahl Südafrikas genannt wird. Ein Team, dem man sein Herz für Afrika schon optisch abgenommen hat.“

Thomas Scheen (FAZ 17.5.): „Ägyptische Zeitungskommentatoren zeigten sich am Wochenende enttäuscht über die Entscheidung zugunsten Südafrikas und gaben der Politik die Schuld. „Wir sind auf dem Altar der globalen Politik geopfert worden, und wir waren naiv genug, zu glauben, es gehe um Sport“, schrieb der bekannte Sportjournalist Ibrahim Hegazi in der Sonntagsausgabe von „Al Ahram“. Ähnlich wurde in Marokko argumentiert, dem eigentlichen Verlierer der „afrikanischen Ausschreibung“. Während der König und die gesamte Regierung artig ihre Glückwünsche in Richtung Südafrika aussprachen, zitierte eine Zeitung einen jungen Marokkaner mit den Worten, die FIFA sei eine „internationale Föderation von Gangstern und der Großfinanz“. Speziell FIFA-Präsident Joseph Blatter wurde in Marokko scharf angegriffen, weil seine offenkundige Bevorzugung Südafrikas einen fairen Wettbewerb von vornherein unterbunden habe. Ein Mitglied des marokkanischen Organisationskomitees unterstellte dem FIFA-Präsidenten im staatlichen marokkanischen Rundfunk, Blatter kontrolliere die FIFA „nach Belieben“. Aus Tunesien hingegen, das sich gemeinsam mit Libyen beworben hatte, waren kaum Stimmen zum Ausgang der Ausschreibung zu hören. Tunesien hatte seine Kandidatur am Freitag abend zurückgezogen, nachdem beiden Ländern die Chancenlosigkeit ihres Unterfangens bedeutet worden war. Hintergrund war die Weigerung Libyens, im Falle eines Zuschlages, israelische Delegationen einreisen zu lassen.“

Jens Weinreich (FTD 17.5.): „Andreas Abold blieb auch diesmal im Hintergrund. In einer der letzten Reihen hatte er sich ein Plätzchen gesucht im Saal des so genannten World Trade Centers von Zürich. Glückwünsche nahm Abold, Kommunikationsberater aus München, schon vor der Verkündung des Ausrichters der Fußball-WM 2010 entgegen. Oder besser: Er grinste und murmelte: „Na ja, warten wir mal ab.“ Zu diesem Zeitpunkt hatten Mitglieder des Fifa-Exekutivkomitees längst durchklingen lassen, dass Südafrika im ersten Wahlgang gegen Marokko erfolgreich gewesen war. Doch Fifa-Präsident Joseph Blatter ließ die Versammlung noch einige Minuten warten, ehe er einem Briefumschlag langsam den Namen des Gewinners entzog: „South Africa“. Nun hielt es Abold, den stillen und stets so gefassten Ratgeber der Südafrikaner, nicht mehr auf dem Stuhl. Abold sprang auf, herzte die Umstehenden, wurde in die Arme genommen, und vergoss reichlich Tränen. Der Mann, der oft so geschickt mit Emotionen spielt, wurde von seinen Gefühlen übermannt. Was hatte er seinen Geschäftspartnern nicht alles empfohlen in den vergangenen Monaten. Zum Empfang der Fifa-Inspektoren begab sich Friedensnobelpreisträger Nelson Mandela noch einmal in jene Zelle auf der Gefängnisinsel Robben Island, in der er Jahrzehnte seines Lebens eingesperrt war. Dieses Treffen im Kerker traf vielleicht nicht jedermanns Geschmack. Doch es wirkte nach. „Das waren doch Emotionen?“, fragte Abold rein rhetorisch. „Das ging unter die Haut, nicht wahr?“ Natürlich, Mandela, das 85 Jahre alte Nationalsymbol Südafrikas, steht als Synonym für die großen Gefühle. Wer die südafrikanische Delegation „Madiba, Madiba“ singen hörte – Mandelas Klan-Namen –, wer die Bilder des ekstatischen Jubels aus Südafrikas Städten sah, der glaubte eine Ahnung zu bekommen von der Bedeutung des Augenblicks. Zum ersten Mal findet eine Fußball-WM in Afrika statt. Zwar weiß man dies seit vier Jahren, als die Fifa das Rotationsprinzip zwischen den Kontinenten beschloss. Der Moment der Verkündung hatte trotzdem eine historische Dimension.“

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