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Internationaler Fußball

Meier reibt Salz in Englands Wunden

Oliver Fritsch | Dienstag, 29. Juni 2004 Kommentare deaktiviert für Meier reibt Salz in Englands Wunden

„die sieben Sünden der französischen Nationalmannschaft“ (Le Figaro) – ein holländischer freistoss – „Rooney, lies ein Buch!“ (Guardian) – „es bereitete Schmerzen, Frankreichs Spiel zuzuschauen“ (Le Monde) u.v.m.

Meier reibt Salz in Englands Wunden

Dem Daily Mirror (29.6.) lässt die Entscheidung von Urs Meier keine Ruhe: „Schiedsrichter Urs Meier, der großen Mist gebaut hatte, erhielt, wie vorhergesehen, Unterstützung von seinen UEFA-Kumpanen. Der Mann, der den späten Siegtreffer von Sol Campbell aberkannte, rieb zudem noch mehr Salz in Englands Wunden, indem er sagte, dass sein letztes Spiel bei dieser Europameisterschaft ein ‚schönes’ gewesen sei. Meier, der für seine haarsträubende und lächerliche Entscheidung bei der UEFA natürlich Rückendeckung erhielt, sagte, dass er mit seiner Leistung in dem Turnier sehr zufrieden und erfreut sei. Der Schweizer sagte: ‚Mein letztes Spiel war ein sehr schönes Match, also ist alles OK für mich. Ich hoffe nur, dass die ganze Welt in der Lage sehen kann, dass ich die richtige Entscheidung getroffen habe, und es enttäuscht mich natürlich sehr, dass die englische Presse nicht dazu in der Lage ist, die richtige Entscheidung zu akzeptieren.’“

Die sieben Sünden der französischen Nationalmannschaft

Dominique Pagnoud (Le Figaro 28.6.) erstellt eine alttestamentarische Klage: „Aus der katastrophalen Weltmeisterschaft in Asien haben die Franzosen keine Lehren gezogen und sich nicht ausreichend hinterfragt. Sie haben ihr „kontinentales Zepter“ verloren, ohne den Eindruck zu hinterlassen, sich dagegen zu wehren. Ohne Leben und ohne ein taktisches Konzept irrten diese „verwaschenen Blauhemden“ wie schmerzende Seelen umher. (…) Diese Europameisterschaft hat auf brutalste Weise aufgedeckt, was schon 2002 vorausgesagt worden ist. Hier die sieben Hauptsünden, die die Franzosen vernichtet haben:
1. Selbstgefälligkeit: Eine gewisse Selbstgefälligkeit und ein Mangel an Ehrfurcht haben sich wieder einmal im Geist der Nationalspieler festgesetzt. „Sie haben in keiner Weise gegen uns so gespielt wie gegen England. Sie haben uns von oben herab betrachtet.“, erklärt Dado Prso, kroatischer Nationalspieler. Genau wie 2002 hat sich diese Selbstgefälligkeit mit einer für einen Titelkandidaten unangebrachten Arroganz vermischt. Hinzu kamen fehlende Selbstkritik und mangelndes Urteilsvermögen.
2. Resignation: Hiervon ausgenommen ist lediglich die Ansprache von Zidane im Kroatien-Spiel. „Das war bewundernswert, was er nach dem zweiten Tor der Kroaten machte. Er hat uns im Mittelkreis zusammengeholt und gesagt, dass wir noch genügend Zeit hätten, um auszugleichen. Wir müssten bis zum Ende daran glauben.“, sagt Robert Pires. Die Franzosen dösten gegen die Schweiz und Griechenland vor sich hin. Sie ergaben sich ihrem Schicksal und waren unfähig, den geringst möglichen Widerstand aufkommen zu lassen. Sie zeigten sich unwürdig, Frankreich zu repräsentieren.
3. Verschleiß: moralisch und körperlich. Neben dem „gewichtigen“ Alter, das Marcel Desailly förmlich zu belasten schien, waren auch Olivier Dacourt und Sylvain Wiltord den Anforderungen nicht mehr gewachsen. Während der Saison verletzt, fehlte ihnen nun auf dem Rasen der Rhythmus. Genauso erging es Vieira und – noch vielmehr – Thierry Henry. Alles in allem war es die Unfähigkeit, Lust und Ehrgeiz in einem überfüllten Terminplan zu finden.
4. Unbeholfenheit: Eine gute Spieleröffnung existierte im Prinzip überhaupt nicht. Dafür gab es eine Unmenge an Fehlpässen, auch von Zidane, „seiner Majestät“. Einem ehemaligen Europameister unwürdiger Abfall.
5. Individualismus: Der Egoismus einiger schadete dem Interesse der Gemeinschaft. Willy Sagnol stimmte dieser These zu: “Verteidigen ist nicht nur Sache der Abwehr. Alle müssen mitmachen, aber manche scheinen dies vergessen zu haben.“
6. Eintönigkeit: An der inzwischen durchsichtigen taktischen Ausrichtung wurde festgehalten. Keiner konnte mehr überrascht werden. Nach der Amtsübernahme von Lemerre blieb Santine dem 4-4-2 treu. Dieses System verlor jedoch völlig seine Wirkung.
7. Bequemlichkeit: Zu verwöhnte Nationalspieler! Durch und durch verdorben von ihren Werbeaufträgen und ihren Millionen, erhielten sie nun auch noch die hübsche Prämie von 69 000 Euro für ihre „brillanten“ Leistungen bei der EM.“

Es wäre klasse, van Nistelrooy zu schlagen

Milan Baros ist der Mann der Stunde, Matt Dickinson (Times 29.6.): „Nachdem Rafael Benitez, neuer Coach bei Liverpool, vermelden konnte, dass es ihm gelungen war, bei einem Besuch im englischen Mannschaftshotel während der Euro 2004 Steven Gerrard dazu zu bewegen, in Liverpool zu bleiben, schlug der Trainer die Gelegenheit aus, sich für 15 Pfund ein Taxi zum Hotel der Tschechen zu nehmen, um seinen Charme auch bei Milan Baros spielen zu lassen. Nun, da er der erfolgreichste Angreifer des Turniers ist, hat er guten Grund dazu, sich zurechtweisen zu lassen und sich entsprechend zu benehmen. (…) Wie auch immer, jedenfalls dürfte Benitez ein wenig beunruhigt und besorgt sein, wenn er sich mit Baros an einen Tisch setzt, nachdem dieser nämlich van Nistelrooy und Wayne Rooney in der Torschützenliste überholt hat und immer noch dazu in der Lage ist, sein Torkonto zu bessern. Dazu sagte Baros gestern: „Es wäre natürlich klasse, van Nistelrooy im Kampf um die Torjägerkrone schlagen zu können, aber eigentlich interessiert mich das alles nicht. Ich will nur, dass unser Team den Titel holt.“ Nachdem die Tschechen vier Siege eingefahren haben und somit das einzige Team mit einer weißen Weste sind, ist es klar, dass sie ein hoch gehandelter Favorit auf den Titel sind (…) Am Donnerstag bekommen es die Tschechen mit der defensiven Unerbittlichkeit der Griechen zu tun, aber nachdem sie die letzten neun Pflichtspiele siegte, sieht vieles danach aus, dass sie den Triumph von 1976, als sie Deutschland die erste und einzige Niederlage in einem Elfmeterschießen zufügten, wiederholen werden.“

Die holländische Mannschaft ist in deutscher Art in das Halbfinale hinein geschlichen

Unser Korrespondent Henk Mees macht einen holländischen freistoss: (Henk, was heißt eigentlich freistoss auf holländisch?)
Der deutsche Geist lebt weiter bei der EM – in Orange gehüllt. Es sind die Holländer, die mit ‘deutschem Glück’ und ohne Glanz bis ins Halbfinale vorgerückt sind. ‘Wie die neuen Deutschen hat Oranje eine imponierende Ausstrahlung’, heißt der Titel des Artikels, in dem Chris van Nijnatten (Algemeen Dagblad 28.6) der holländischen Erfolg analysiert. ,,Man könnte sagen, dass die holländische Mannschaft in deutscher Art in das Halbfinale hinein geschlichen ist. Ein Spiel gut, der Rest viel Glück. Wir kennen und verachten das Szenario von unseren Nachbarn und gestalten es jetzt selbst. Es ist aber mehr als Glück allein. Es gibt auch ein Fundament, gebildet von einer Mischung von frischem Elan und neue Entschlossenheit. Die Jugend in der Auswahl Dick Advocaats hat uns überzeugt, als die alle ihre Finger gehoben haben, auf die Frage, wer sich mit einem Elfmeter beteiligen möchte. Am späten Abend zeigten sie ihren ganzen Mut, mit Robben in der Hauptrolle. Der große Gewinn der Holländer, außer dem EM-Ergebnis, ist dem Dienstwillen der Spieler geschuldet – das, was immer die Schwäche der Mannschaft war. Advocaat und seine Kollegen sind verantwortlich für diesen Gruppenprozess, was dazu geführt hat, dass die Mannschaft jetzt eine ‘fighting machine’ ist. Daher resultiert Vertrauen, mit dem man das Glück auf seine Seite zwingt.”
Hört, hört! Kolumnist Hugo Borst versucht, im Algemeen Dagblad zu erklären, woher dieser Teamgeist kommt. ,,Ich glaube dass die Wende mit der sporthistorischen Auswechslung von Robben kam. Der kollektive Wutausbruch über Advocaat hat die Mannschaft zusammengeschweißt. Auch alle wichtige Spieler haben diese Maßnahme nicht verstanden, aber dass Volk und Medien so frontal gegen den Bondscoach vorgegangen, haben sie nicht akzeptiert. Nur frage ich mich noch: Geschieht das aus Respekt oder aus Mitleid?”
Was Johan Cruijff im Fernsehen verschwieg, versteckt er nicht mehr in seiner Analyse im Telegraaf (28.6). ,,Das Spiel von Holland hatte zu viel Leerlauf. Der Raum zwischen den Linien war viel zu groß, das Tempo des Balles zu langsam, und es wurde zu wenig auf die einzelne Qualitäten der Spieler geachtet. Deshalb verstehe ich gar nicht, dass einer wie Wesley Sneijder so viel Zeit auf der Bank verbringen muss. Auch gegen Schweden fehlten seine Pässe Richtung Sturm und seine Schüsse aus der zweiten Reihe. Da blieb das ganze Mittelfeld weit vom optimalen Niveau. Gerade gegen Portugal, das viel Ballbesitz im Mittelfeld bevorzugt, werden wir so Probleme bekommen. Im Halbfinale müssen wir andere Qualitäten zeigen als gegen Schweden.”

Oranje vertreibt endlich die Sorgen

Paul Onkenhout (Volkskrant 28.6.): „Am ehesten ins Auge fiel die Abrechnung mit dem Elfmetertrauma, ein Virus, der das Nationalteam seit 1992 verfolgte. Vielleicht noch auffallender war allerdings die Geschlossenheit, die Mannschaft und Begleiter demonstrieren. Die Elf zeigt immer noch einige Mängel, technisch und taktisch, aber der Terror des Eigennutzes hat endlich ein Ende gefunden.“

Als die neuen Deutschen haben die Oranje-Elf eine imponierende Ausstrahlung

Chris van Nijnatten (Algemeen Dagblad 28.6.): „Da wir die neuen Deutschen sind, ist es einfacher und weniger quälend, eine Analyse des Erfolges zu betreiben. Ein näherer Blick lehrt allerdings, dass es mehr als Glück allein ist. Darunter liegt ein Fundament, gegossen aus der richtigen Mischung von jugendlichem Elan und einer neuen Entschlossenheit. Die Jugend in der Auswahl von Dick Advocaat hat sich am Samstag allemal bewiesen. Der verwandelten Elfmeter von Arjen Robben brachte ihm einen Platz auf dem Ehrenpodest, wo der wartende Van der Sar ihn in die Arme schloss. Dies symbolisierte die Vereinigung von Alt und Jung und besiegelte eine neue Hierarchie in der holländischen Elf. Das hat nicht so viel mit sichtbaren Führungsrollen zu tun, sondern mehr mit Verteilung von Verantwortung.“

Rooney, lies ein Buch!

John Rawling (The Guardian 28.6.) berichtet vom Rummel um Wayne Rooney und gibt ihm einen Tipp: „Voraussichtlich wird Wayne Rooney, während er seine Füße hochlegt, genug Zeit zur Verfügung haben, stets in der Hoffnung, dass der im britischen Sport meist diskutierte Knochenbruch, rechtzeitig zur neuen Saison heilt. Wenn er sich den Zeitungsartikeln entziehen kann, die seine Leistungen feiern, wäre es gar nicht verkehrt, ein paar Stunden damit zu verbringen, die gerade publizierte Autobiographie von Paul Gascoigne zu lesen. Denn nicht nur ist es ein unterhaltsames Buch, das von Gazza mit einer fast schon angstauslösenden Ehrlichkeit erzählt wird, es könnte Rooney auch die eine oder andere Sache beibringen, während er sich sonnt in der Wärme der lächerlichsten Übertreibung der Medien – seit eben diesem Gascoigne.“

Inter Bratislava

Was steht in der Vitrine Karel Brückners, Dominic Fifield (The Guardian 28.6.)? „Ein einziger slowakischer Pokal mit Inter Bratislava, gewonnen im Elfmeterschießen vor ungefähr neun Jahren. Es könnte jedoch sein, dass diese magere Ausbeute kurz davor steht, ausgebaut zu werden.“

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