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Die Angst vor dem Versagen stand in seinen Augen

Oliver Fritsch | Dienstag, 29. Juni 2004 Kommentare deaktiviert für Die Angst vor dem Versagen stand in seinen Augen

wie hält man Elfmeter (BLZ) – die Bild-Zeitung fliegt mit Rudi nach Florida (SZ) – zweifelhafte Sprachkritik an Kerner und Beckmann u.v.m.

Die Angst vor dem Versagen stand in seinen Augen

Ronald Reng (BLZ 30.6.) fragt Thomas Ravelli, wie man Elfmeter hält: „Dem Torwart, der Elfmeter tötet, wie es heißt, haftet etwas Zauberhaftes an. Doch Übernatürliches oder gar Glück hat wenig damit zu tun, warum manche Torhüter wie damals Ravelli und heute der Italiener Francesco Toldo Spezialisten im Elfmeterstoppen sind. Schon eher liegt es an der Sprungtechnik des Torwarts, sagt Ravelli: „Ich beobachte, wie viele Torhüter beim Elfmeter einen Fehler machen: Sie gehen erst einmal einen Schritt nach vorne, um Anlauf für den Absprung ins Toreck zu nehmen.“ So verlieren sie wertvolle Hundertstel einer Sekunde, um den Ball noch zu erreichen. „Die Explosivität, aus dem Stand schnell und weit ins Eck springen zu können, ist sehr wichtig.“ Der Torwart, der außergewöhnliche Sprungkraft besitzt, kann zudem länger warten, bevor er losfliegt – und so hoffen, dass seine Regungslosigkeit auf der Torlinie den Schützen aus der Fassung bringt. Zu erahnen, in welche Ecke der Schütze zielt, ist der entscheidende Punkt. Die meisten Torhüter gehen hierbei von der Faustregel aus: Ist der Schütze Rechtsfüßler, schießt er ins – aus seiner Sicht – rechte Ecke, ein Linksfüßler zielt nach links. Es ist für den Schützen der natürliche, der gerade Weg. Tatsächlich waren die beiden einzigen Schüsse, die Torhüter bei den Elfmeterschießen in Portugal bislang halten konnte, Versuche von Rechtsfüßlern ins rechte Eck, sowohl vom Schweden Olof Mellberg gegen Hollands Edwin van der Sar als auch von Vassell gegen Ricardo. Man sah Mellberg zum Elfmeterpunkt gehen und wusste, er würde scheitern. Die Angst vor dem Versagen stand in seinen Augen. Aber das sieht nur der Fernsehzuschauer. Der Torwart, der Elfmeter tötet, schaut dem Schützen nicht ins Gesicht. Er liest dessen Körpersprache. „An den Schultern kannst du sie erkennen“, sagt Ravelli. „Ein Rechtsfüßler, der nach rechts zielt, reißt die Schulter des Führungsarms beim Ausholen nach hinten. Zielt er nach links, muss er die Schulter erst einmal nach vorne legen.““

Holger Gertz (SZ 30.6.) stimmt die Europa-Hymne an: „“Wer den Pfennig nicht ehrt, ist des Talers nicht wert“, sagte man früher, aber das ist lange her. Jetzt gibt es Pfennige und Taler nur noch in vergessenen Geldbörsen, und das Sprichwort haben die Portugiesen auch umgedichtet: „Wer den Euro nicht will, kann die EURO nicht haben.“ So stand es auf Transparenten, die sie ins Stadion schleppten vor dem Spiel gegen die Engländer, die den Euro als Zahlungsmittel – und als Idee – verschmähen und die EURO als Fußballmeisterschaft wieder nicht gewinnen werden. Die Portugiesen siegten durch den Strafstoß eines von seinen Handschuhen befreiten Torwarts; die Portugiesen, die den Euro stolz in ihren Taschen tragen und zur Belohnung das Halbfinale geschenkt bekamen und Tage drauf auch die Aussicht, den Chef Europas zu stellen. Jose Manuel Barroso, künftiger Kommissionspräsident. Nach langem Feilschen und Schachern und Jammern steigt endlich weißer Rauch auf, und dem entsteigt: ein Portugiese. (…) Kaum einer kennt die Vorzüge jener Figuren, die sein Land nach Brüssel oder Straßburg oder sonst wohin schickt, während ihm die Europaparlamentarier der anderen Nationen erst recht nichts sagen. Allerdings: Fragt man in London Passanten nach dem Zweikampfverhalten eines französischen Fußballspielers sogar der unspektakuläreren Kategorie, etwa Willy Sagnol – die meisten werden was antworten können. Im nervösen Berlin kennen nur Ignoranten nicht die Melancholie des Portugiesen Rui Costa, wie man im – zur Schnauzbärtigkeit neigenden – südeuropäischen Raum die während der Turniers fortschreitende Vollbärtigkeit des Schweden Olof Mellberg registriert haben dürfte, vermutlich wohlwollend. (…) In der europäischen Politik müssen die kleinen Staaten Angst haben und um Stimmrechte schachern, aus dem Gefühl heraus, über den Tisch gezogen zu werden. Bei der EURO können sie das auskämpfen, austragen. Tschechien gegen Deutschland, Griechenland gegen Frankreich, Portugal gegen England. Der Fußball kann gewachsene Minderwertigkeitsgefühle winzig machen, die Kleinen spielen mit den Großen. Und die Allermächtigsten, die EU-Kommissare mit den dicksten Autos sozusagen, das sind bei der EURO die Schiedsrichter. Der Italiener Collina, der Deutsche Merk. Auch sie konnten nichts tun für ihre mächtigen Länder.“

Matti Lieske (taz 30.6.) phantasiert: „Ennio Morricone eine glänzende Wahl für einen Auftritt bei der EM. Seine Stücke sind wie geschaffen als Soundtrack eines Fußballturniers und ihre Motive passen perfekt. Im Grunde sollte man die Filme noch einmal als Remake mit Fußballern und Trainern drehen, und mit Giovanni Trapattoni als Regisseur. „Spiel mir das Lied vom Tod“ etwa, der genialste deutsche Verleihtitel aller Zeiten, scheint dem portugiesischen Coach Felipe Scolari praktisch auf den Leib geschrieben. Andauernd redet der Brasilianer davon, dass es beim Fußball um Töten und Sterben gehe, und qualifiziert sich damit konkurrenzlos für den Part von Henry Fonda. Den von Claudia Cardinale kann Victoria Beckham übernehmen, deren Ehemann ja, im Scolari-Sinne, verdammt früh dahin gemurkst wurde bei diesem Turnier. Wahlweise könnte man sie natürlich auch als Uma Thurman in „Kill Wayne, Part I“ besetzen, Regie: Paul Gascoigne. Der listen- und gestenreiche Scolari wäre auch erste Wahl für die Rod-Steiger-Nachfolge in „Todesmelodie“, nicht ganz so gelungener, weil sich arg beim Vorläufer anbiedernder deutscher Titel von „Giú la Testa“, „Nimm den Kopf runter“, jener Satz, den der irische Knallfrosch James Coburn immer sagt, wenn er eine kurze Lunte gelegt hat. Die ideale Rolle übrigens für Francesco Totti, auch wenn dessen Munition ein bisschen weniger explosiv ist. Den unglücksseligen Taubstummen aus Sergio Corbuccis „Il Grande Silenzio“ könnte der Däne Morten Olsen übernehmen, Lieblingssatz: „Kein Kommentar.“ Dieser Film lief in Deutschland als „Leichen pflastern seinen Weg“, eine saudumme Variante des würdigen Originaltitels und etwa so, als hätte man „The Big Sleep“ in „Hau mir auf die Rübe, Kleines!“ transformiert. Die Kinski-Rolle in „Silenzio“ wird extern besetzt – mit Bernd Hollerbach.“

Bei so vielen spannenden Fragen schlagen Leser-Herzen schneller

Ralf Wiegand (SZ/Medien 30.6.) zerknüllt die Bild-Zeitung: „Zum Glück hat wenigstens einer einen Sitz in der Maschine von Rudi Völler ergattert – der Mann von Bild. Darüber hat er sich so sehr gefreut, dass er gleich eine Kolumne schrieb: „Rudi Völler in Florida, und ich, der Bild-Reporter, darf ganz nah bei ihm sein.“ Dank Bild wissen wir nun: Rudi grillt. Rudi telefoniert. Rudi schaut fern. Er erholt sich bei Vanilleeis mit Schokoladen-Sauce. Rudi spielt sogar mit seinen Kindern, weil, weiß Bild: „Kinderherzen hüpfen ehrlicher als ein Ball.“ Und Reporter-Herzen zerspringen vor Mitgefühl für diesen geschundenen Mann. Vielleicht allerdings hätte Völler seine Reisebegleitung etwas sorgfältiger auswählen sollen. Als Bild im vergangenen Sommer schon einmal ihre Ermittler auf die Palmen des US-Sonnenstaats schickte, fanden sie nämlich Florida-Rolf. Erst fing es harmlos an („So schön lebt Sozialhilfe-Empfänger Rolf in Florida“) – und dann ließen sie ihn nicht mehr in Ruhe, bis das Sozialgesetz geändert und der Langzeit-Arbeitslose wieder in die Heimat überführt worden war. Heute ist er so vergessen wie Erich Ribbeck. Die Parallelen sind frappierend: Wie damals Florida-Rolf ist jetzt auch Florida-Rudi republikflüchtig geworden, weil er den Druck der täglichen Arbeit in Deutschland nicht mehr aushielt. (…) Wie lange wird der Bild-Reporter durch- und Völlers Fahne hochhalten? So lange vom Grill des Teamchefs mal ein italienisches Würstchen für ihn runterfällt? Bis Völler den ersten Job ablehnt, den Bild ihm vorschlägt? Bis er mit seiner Ehefrau mal wieder alleine ins Eis-Café gehen will? Bei so vielen spannenden Fragen jedenfalls schlagen Leser-Herzen schneller, ganz ehrlich!“

Die Berliner Zeitung (30.6.) meldet: „Endlich darf David Beckham aufatmen, denn jetzt steht fest: Er kann gar nichts dafür, dass sein Elfmeter in den Wolken landete statt im Tor, im Viertelfinale der EM gegen Portugal. Uri Geller, der Welt berühmtester Löffelverbieger, hat enthüllt: Beckham ist das Opfer einer telepathischen Fehlsteuerung. Geller höchstpersönlich wollte ihm Energie senden vor seinem Elfmeter, positive natürlich, er lebt ja in London. Nur leider lief irgendwas falsch – allein deshalb schoss Beckham übers Tor. Welch ein Drama, einerseits. Andererseits: Welche Freude! So viel ist unklar gewesen während des Turniers – damit ist es aus. Nun weiß man: Stets hatte Geller, der Mann fürs Mysteriöse, die Finger im Spiel. Er hat den deutschen Spielern die Beine verzaubert, auf dass sie schleichen wie Schnecken. Er hat dem Italiener Totti den Speichel vermehrt und dem Schweizer Frei dazu – da mussten sie ja spucken. Was soll jetzt noch passieren? Selbst wenn Griechenland Europameister wird und all die Ahnungslosen schreien von einer Sensation, werden Kenner nur gähnen: Sie wissen, woran es wirklich lag.“

Die Zeitschrift Deutsche Sprachwelt kritisiert, nahezu ohne Beleg, die TV-Kommentatoren für deren „unmäßigen Gebrauch überflüssiger Anglizismen“ und fordert deren Auswechslung. Warum wird eine solch substanzlose Pressmitteilung auf Spiegel-Online und der FAZ veröffentlicht? Anglizismen sind doch wohl das letzte, was mich bei Kerner und Co stört.

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