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Deutsche Elf

Stilwechsel

Oliver Fritsch | Donnerstag, 22. Juli 2004 Kommentare deaktiviert für Stilwechsel

Jürgen Klinsmann wird vermutlich neuer Bundestrainer, Thomas Kistner (SZ) feiert den „Befreiungsschlag“ (SZ) / „Stilwechsel“ (SZ) / „Klinsmann könnte den alten Männern beim DFB gefährlich werden“ (Tsp) u.a.

Stilwechsel

Jürgen Klinsmann wird vermutlich neuer Bundestrainer, Thomas Kistner (SZ 22.7.) feiert: „Jürgen Klinsmann und Oliver Bierhoff als neue Impulsgeber für die angeknockte deutsche Nationalmannschaft, das wäre mehr als eine Trendwende: Ein Befreiungsschlag. Auch ein Befreiungsschlag für den bräsigen, von groteskem Personalgeschacher gelähmten DFB, der so gar nicht passen mag in dessen bürokratisch dahinsiechenden Zeitenlauf – mutig, modern, ja: fast mondän. Immerhin sind Klinsmann und Bierhoff, die ehemaligen DFB-Torjäger und -Kapitäne, auch den deutschen Auswahlspielern mit dem meisten Intellekt der letzten 20 Jahre zuzurechnen. Was einerseits die große Not und den daraus erzwungenen Stilwechsel im DFB signalisiert, zum anderen aber gerade in diesem Geschäft keineswegs ohne Relevanz ist. Denn die Geschicke der Nationalmannschaft werden allzeit kräftig von den Launen der Regenbogenpresse beeinflusst, manchmal sogar erbarmungslos gesteuert. Und dass sich der Boulevard dabei naturgemäß leichter (und lieber) mit den schlichten Gemütern liiert, liegt auf der Hand. Insofern dürfte Klinsmann und Co., die sich schon zu aktiven Zeiten nie mit den lautesten Schreihälsen arrangiert haben, der Wind erst einmal heftig ins Gesicht blasen. Fraglos wäre ein Lothar Matthäus für die Biertischrunden im Land attraktiver gewesen. (…) Klinsmann hat bereits seine Philosophie skizziert. Ein arges Revirement wäre demnach unter seiner Verantwortung zu beobachten, von der Sichtung im untersten Jugendbereich bis zur Altersbegrenzung auf höchster Funktionärsebene. All das klingt vernünftig, vieles davon ist unumgänglich, falls der zweitklassige deutsche Fußball tatsächlich wieder auf die Beine kommen will. Eine andere Frage ist aber, ob der DFB das noch will, wenn dafür auch solche Köpfe rollen müssen, die für den Niedergang der letzten Jahre verantwortlich waren.“

Er könnte den alten Männern beim DFB gefährlich werden

Stefan Hermanns (Tsp 22.7.) analysiert Gerhard Mayer-Vorfelders Motive für die Entscheidung, Klinsmann zu bitten: „Der frühere Nationalspieler hat sich zuletzt als entschiedener Kritiker der Zustände im DFB hervorgetan. „Im Prinzip muss man den ganzen Laden auseinander nehmen“, hat er der SZ gesagt. Klinsmann ist beliebt, er gilt als kluger Kopf, findet bei den Medien Gehör. Kurz: Er könnte den alten Männern beim DFB gefährlich werden. Mayer-Vorfelder jedenfalls folgt mit seiner Strategie einem erprobten Muster. Das Prinzip hat schon im Machtkampf um das Amt des Präsidenten funktioniert. Wenn du deine Feinde nicht ausschalten kannst, musst du sie so heftig umarmen, dass ihnen irgendwann die Luft wegbleibt. Deshalb gibt es im DFB künftig zwei Präsidenten, und der zweite, Theo Zwanziger, redet plötzlich ganz sanft über den ersten, Mayer-Vorfelder, den er zuvor heftig bekämpft hat. Deshalb könnte es bald einen Teammanager Klinsmann geben – unter einem Präsidenten Mayer-Vorfelder natürlich, der weiterhin das letzte Wort hätte. Allerdings lässt sich das Prinzip MV auch nicht bis ins Unendliche ausreizen. Wenn es so weiter geht, ist irgendwann einfach keine Macht mehr da, die geteilt werden kann.“

Chim chiminee, chim chiminee
Chim churoo
Jurgen was a German
But now he’s a Jew

He’s coming home
He’s coming home
He’s coming
Klinsmann’s coming home

Zwei Sprechchöre der Fans von Tottenham Hotspurs über Jürgen Klinsmann, zunächst als Diver geächtet empfangen, später als Torjäger verehrt und als Sympathieträger geliebt. Klinsmann spielte zwei Mal für die Spurs: 1994/95 und von November 1997 bis Juni 1998. Das erste Lied (Melodie aus Mary Poppins) mag in politisch-korrekten deutschen Ohren schellen – doch zu Unrecht: Die Spurs stilisieren sich als Verein mit jüdischem Hintergrund und jüdischer Tradition. Die Rückkehr des (mittlerweile) Europameisters feierten die Fans 1997 mit der Adaption von ‚Football’s coming home‘, der Hymne der EURO 96. Jürgen Klinsmann sang sie beim Empfang der Europameister auf dem Frankfurter Römer – einer seiner schwächeren Auftritte.

Ein Vorschlag, der, sagen wir, etwas abseits des Weges liegt

In den letzten Tagen und Wochen hat die SZ Christoph Schlingensief als Bundestrainer vorgeschlagen und Käpt’n Blaubär und Arnold Schwarzenegger und Miss Marple und und und. Christian Zaschke (SZ 21.7.) schlägt dem Fass die Krone ins Gesicht: „Zugegeben, bislang waren die hier unterbreiteten Vorschläge einerseits exzellent, andererseits vorhersehbar, denn alle genannten Kandidaten drängen sich ob ihrer mannigfachen Qualitäten auf. Heute nun soll ein Vorschlag unterbreitet werden, der, sagen wir, etwas abseits des Weges liegt. Der zunächst seltsam und befremdlich anmutet, der, seien wir ehrlich: grotesk, irrsinnig, bizarr, wahnwitzig und vollkommen übergeschnappt ist. Ballaballa. Bekloppt. Sicherung durchgebrannt. Aber es geht dem deutschen Fußball gerade nicht so gut, genaugenommen geht es ihm so schlecht, dass es Zeit ist für einen neuen Weg, für ein Experiment. Vielleicht geht es schief, und jene, die nach uns kommen, werden dereinst in großer Verachtung sagen: Wie konnten sie nur! Vielleicht aber wird der Tag der Vertragsunterzeichnung ein nationaler Gedenktag, weil sich alles zum Guten wendete, das Blatt, der Fußball, die Welt. Vielleicht wird unser Kandidat auf den Schwingen des Schicksals zum Höchsten getragen, und mit ihm der Fußball, mit ihm das Land. Es kann eine Zeit des Jubels und der Freude sein, ein Rausch, und ja, nun muss es heraus, das höchste Wort, wir wollen, hosianna, den Bundestrainer vorschlagen, wir rufen: Lothar Matthäus. Kleiner Scherz. Nichts für ungut.“

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