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Bundesliga

Das Dortmunder Spiel bleibt hübsch anzuschauen, aber rätselhaft unvollendet

Oliver Fritsch | Montag, 27. September 2004 Kommentare deaktiviert für Das Dortmunder Spiel bleibt hübsch anzuschauen, aber rätselhaft unvollendet

FSV Mainz-Borussia Dortmund 1:1

Da war mehr drin für Dortmund – Michael Eder (FAZ 28.9.): „Besser geht’s nicht. Wenn jemand richtig guten Fußball sehen wollte, war er im Mainzer Bruchwegstadion bestens aufgehoben. Borussia Dortmund zauberte gegen den forschen Aufsteiger eine Torchance nach der anderen aus dem Hut, präsentierte ein dynamisches 4-3-3-System holländischer Prägung mit Ewerthon und Odonkor als rasenden Außenstürmer und Koller als kolossalem Mittelstürmer. Toller Fußball, aber: Schlechter geht’s nicht. Am Ende konnte kein Dortmunder das hübsche Spiel genießen. Sie hatten alles richtig gemacht, nur das Tor hatten sie nach Kollers Führungstreffer nicht mehr getroffen. Fast ein Dutzend bester Torchancen hatten vor allem Ewerthon und Odonkor vergeben. (…) Das Dortmunder Spiel bleibt unter van Marwijk hübsch anzuschauen, aber rätselhaft unvollendet.“

Ein Lernprozess mit Punktbelohnung

Ulrich Hartmann (SZ 28.9.) fügt hinzu: „Während Benjamin Auer und seine Kollegen einmal mehr die Helden gaben, übernahmen der Dortmunder Stürmer Ewerthon und weitere gelb-schwarze Großverdiener den Part der Trottel, die ihre zahlreichen, schön herausgespielten Großchancen derart kläglich vergaben, dass der Dortmunder Sportdirektor Michael Zorc verzweifelt feststellte: „Warum wir dieses Spiel nicht gewonnen haben, werde ich wahrscheinlich erst im nächsten Leben verstehen.“ Ums Verstehen geht es sowieso nach diesem Duell zwischen blitzschnellen und technisch beschlagenen Fußballern wie jenen aus Dortmund und den Mainzern, die ihr deutlich langsameres Spiel durch präzise Positionierung auf dem Feld kompensieren müssen. Es war dies dann auch jener Erfolg, über den sich Trainer Klopp besonders freute: „Die Jungs entwickeln sich ständig weiter, wir haben wieder etwas dazugelernt“, sagte er, „wir haben gelernt, dass wir uns nicht verzetteln dürfen und hatten in der zweiten Halbzeit eine klarere Ordnung.“ Ein Lernprozess mit Punktbelohnung, das ist für die Mainzer Bundesliga-Azubis freilich wie ein Ausbildungsplatz mit Gesellenvergütung.“

Hamburger SV-Hertha BSC Berlin 2:1

Die Hamburger hatten endlich eine bislang vermisste Qualität gezeigt: Hingabe

Alle Hamburger Blicke waren auf Toppmöller gerichtet – Jörg Marwedel (SZ 28.9.): „Es war alles angerichtet für die Beerdigung erster Klasse: Eine Boulevardzeitung hatte bereits mit gespieltem Mitgefühl eine Art Abschieds-Interview mit Klaus Toppmöller geführt. Auf der Tribüne hatte Kurt Jara Platz genommen. Böse Zungen zischten, er wolle wohl nicht nur Hertha BSC Berlin beobachten, sondern dabei sein, wenn es zu Ende gehe mit seinem, den er nicht gerade einen Freund nennt. Und vor Toppmöllers Trainerbank hatten sich – ein schauriges Ritual – mal wieder die grauen Männer aufgebaut, um mit ihren Kamera-Kanonen zu schießen wie mit Schnellfeuergewehren: fast zwei Dutzend Fotografen in grauen Leibchen, die auf Geschäfte hofften mit dem Konterfei des vermeintlich Gescheiterten. Rund zwei Stunden später hatte sich der Spuk verflüchtigt. „Es ist Ruhe“, befand der HSV-Vorsitzende Bernd Hoffmann. (…) Die Hamburger hatten endlich eine bislang vermisste Qualität gezeigt: Hingabe. Toppmöller, der zwischenzeitlich schon zu resignieren schien, weil ihn in Hamburg keiner liebe, hatte ebenfalls gekämpft. Wie ein Löwe in einem zu engen Käfig war er in der Coaching-Zone umhergestapft, um sich nach dem glücklichen Ende mit Sportchef Dietmar Beiersdorfer in die Arme zu fallen. Einer, der innerlich Abschied genommen hat, wäre zu solchen Emotionen kaum fähig.“

Mehr als gediegenes Mittelmaß wird es weder in Berlin noch in Hamburg zu sehen geben

René Martens (FTD 28.9.) bezweifelt Hamburger Harmonie: „Der erste Mensch, den Klaus Toppmöller an seine Brust drückte, war ausgerechnet der Pressesprecher seines Klubs. Dabei wirkt das Verhältnis sonst nicht so herzlich. Jörn Wolf, vor dieser Saison noch Redakteur auf dem örtlichen Boulevard, rückt dem Coach stets bedrohlich dicht auf die Pelle, wenn ihm ein Mikrofon oder Aufnahmegerät entgegen gehalten wird – damit dem Medienprofi keine Nuance entgeht, falls Toppmöller mal wieder gegen Gott und die Welt poltert. Die Umarmung mit dem „Presseoffizier“ (SZ) wirkte auch aus einem anderen Grund etwas wunderlich. Denn unmittelbar vor dem 2:1-Sieg hatte der Trainer eine Attacke gegen die Medienpolitik des HSV geritten: „Ich führe die Interviews, die mir der Vorstand vorschreibt.“ Der Vorsitzende Bernd Hoffmann zeigte sich sogleich irritiert. Es sei doch normal, dass der Klub Gesprächsanfragen weiterleite. Glaubwürdig wirken beide Statements nicht. Toppmöllers Handynummer ist unter Journalisten durchaus verbreitet. Und lässt sich ein Trainer, der immerhin mal bis ins Finale der Champions League vorgestoßen ist, etwa genehmigen, mit welchen Journalisten er redet? Es herrschte wahrlich ein Kommunikationskuddelmuddel (…) Was die Spieler boten, offenbarte eher trübe Aussichten für den Rest der Saison. Mehr als gediegenes Mittelmaß wird es weder in Berlin noch in Hamburg zu sehen geben – also genau das, was die Funktionäre beider Klubs seit gefühlten 100 Jahren abzuschaffen versprechen.“

Ein Sieg, der einiges überdeckt

Frank Heike (FAZ 28.9.) auch: „Daß ein Sieg und demonstrative Einigkeit auf dem Rasen längst nicht reichen, um Trainer und Vorstand im Einklang leben zu lassen, bewiesen Toppmöllers Aussagen. In Toppmöllers Sätzen schwang wieder viel Wenn und Aber mit, dabei wenig Vertrauen in den Arbeitgeber: „Ich werde alles dafür tun, daß der HSV wieder nach oben kommt – wenn man mich läßt.“ Was blieb nach dem zweiten Erfolg im sechsten Spiel, war ein vertrautes Bild vom HSV: Ein Sieg, der einiges überdeckt, was schon bei einer Niederlage in Leverkusen wieder offen zutage treten könnte. Es fehlt die Konstanz auf dem Rasen und das Vertrauen unter den Verantwortlichen. Toppmöller und der HSV: auf unbestimmte Zeit verlängert. Das geht an diesem Gefühlsmenschen nicht spurlos vorüber. „Ich bin auch nur ein Mensch“, klagte er, und die Anspannung des Siegenmüssens war ihm in den letzten zehn Spielminuten auf der Bank anzusehen. Nichts hielt ihn auf seinem Platz.“

Armin Lehmann (Tsp 28.9.) hat die Hertha noch nicht aufgegeben: „Wer genau hingeschaut hat, der konnte sehen: Diese Mannschaft kann schon was, mehr auf jeden Fall als das Team aus dem Vorjahr. Hertha hat eine Spielanlage, mit der man gewinnen kann. Die Elf ist offensiver ausgerichtet, soll aggressiv zu Werke gehen und dabei doch technisch sauberen Fußball bieten. Eine ganze Menge davon war zu sehen. Und die Mannschaft selbst ist, anders als nach dem Braunschweig-Spiel vermutet, geschlossen. Sie kann kämpfen und spielen – und sich über eigene Fehler ärgern, ohne die Schuld woanders zu suchen. Auch das ist was wert. Leider kann sie zurzeit nur wenige Tore schießen – und deshalb nicht gewinnen. Man kann Hertha jetzt loben. Es ist eine Art Kredit auf die Zukunft.“

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