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Interview

Interviews mit Jürgen Klinsmann und Jürgen Klopp

Oliver Fritsch | Dienstag, 26. Oktober 2004 Kommentare deaktiviert für Interviews mit Jürgen Klinsmann und Jürgen Klopp

Jürgen Klinsmann (FR): „Für mich ist ein Interkontinental-Flug ein Arbeitstag“ – Jürgen Klopp (Spiegel): „José Mourinho hält sich wohl mittlerweile für den Erfinder des Flachpasses“

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Für mich ist ein Interkontinental-Flug ein Arbeitstag

Jürgen Klinsmann im Interview mit Jan Christian Müller & Frank Hellmann (FR 26.10.)
FR: Sie beklagen die negative Sichtweise der Deutschen. Derzeit drohen aber wieder Tausende Arbeitsplätze, allein bei Opel und Karstadt, verloren zu gehen. Kann man den Pessimismus in diesem Land nicht verstehen?
JK: Wir Deutschen kommen schwer damit klar, wenn sich die Dinge nicht weiter nach oben entwickeln. Nun sind wir seit einiger Zeit gezwungen, zurückzuschrauben. Ich würde mir trotzdem wünschen, dass wir die Dinge positiver anpacken würden und offener für Neuerungen wären. Ich glaube, dass wir mit der Nationalmannschaft mithelfen können, für 2006 eine Stimmung aufzubauen, die von Zuversicht geprägt ist. Und wir können einen Schuss Patriotismus hineinbringen.
FR: Sie sammeln trotz der WM-Mission 2006 jetzt Flugmeilen wie andere Briefmarken. Ursprünglich war mal geplant, dass Ihre Familie nach Deutschland kommt. Warum ist es so wichtig, dass Sie sich noch ständig in Kalifornien aufhalten?
JK: Hin- und herzupendeln gibt mir Kraft. Wenn ich in Los Angeles aus dem Flugzeug steige, fühle ich mich dort bestens aufgehoben. Ich lebe in den USA ja ganz anonym. Für mich und meine Familie ist das ganz wichtig: Mein Bub geht zur Schule, meine Frau hat ihren normalen Ablauf, und ich kann mich unerkannt bewegen.
FR: Versäumen Sie so nicht wichtige Spiele und Vorgänge im deutschen Fußball?
JK: Ich sehe das anders: Ich behalte eine Blickweise von außen bei. Wenn ich jede Woche in der Frankfurter DFB-Zentrale sitzen würde, hätte ich eine andere Sicht, eher eine Binnensicht. Außerdem benutze ich regelmäßig die modernen Kommunikationsmittel.
FR: Also geht’s mit Laptop ins Flugzeug?
JK: Ganz genau. Für mich ist ein Interkontinental-Flug ein Arbeitstag. Ich arbeite sechs, sieben Stunden am Laptop. Dann schlafe ich zwei, drei Stunden. Am Flughafen habe ich in der Lounge bereits die erste Möglichkeit, online zu gehen und die Mails zu verschicken.
FR: Jürgen Klinsmann als Internet-Junkie…
JK: Ich kann auch in jedem Café sitzen und bin dort online. Beispielsweise haben Oliver Bierhoff und ich so gemeinsam eine Präsentation für den DFB-Bundestag entwickelt. Da haben wir dauernd hin- und hergemailt. Und flugs waren 40 Seiten beieinander.
FR: Die Präsentation hat die DFB-Vertreter sehr beeindruckt.
JK: Es ging darum, dass wir mit dem Trainerstab unser Konzept bis zur WM 2006 vorstellen wollten. Wir haben in ein Powerpoint-Format einige Videosequenzen eingebaut: Woher kommen wir, wofür stehen wir? Jeden WM-Titel, 1954, 1974, 1990, haben wir in die globalen Zusammenhänge eingeordnet. Oliver Bierhoff hat seine Vorstellungen zu Medien, OK und Sponsoren erklärt, Joachim Löw hat unseren sportlichen Stil – offensiv, aggressiv, schnell – erläutert. All das ergab ein Gesamtbild. Wir haben den DFB, die Liga, das Präsidium und die Landesverbände damit emotional mit ins Boot genommen. (…)
FR: Sie möchten auch noch einen Mentaltrainer oder einen Psychologen einbinden?
JK: Ich kann das jedenfalls nicht – ich habe das nicht gelernt. Bei den Hockeyspielern und Handballern ist ja auch ein Mentaltrainer dabei. Ich halte es für längst überfällig, diesen Bereich zu integrieren. Andere Sportarten sind uns da weit voraus. Man kann das Konzentrationsvermögen, Stressverhalten, die Druckbewältigung oder die Körpersprache trainieren. Ich nenne Ihnen mal ein Beispiel: Wenn ein Führungsspieler nach einem Gegentor den Kopf hängen lässt, gibt das sofort eine Kettenreaktion. Das sehen die anderen und lassen auch den Kopf hängen.

Mehr Star als meine Jungs hier in Mainz kann man nicht sein

Spiegel-Interview (25.10.) mit Jürgen Klopp
Spiegel: Mit den vermeintlich Intellektuellen vom SC Freiburg hielt einst die Alternativkultur Einzug in die Bundesliga. Wofür steht Mainz: für die Auflösung des Innovationsstaus im Land?
JK: Für den Erlebnisfaktor. Ich weiß nicht, ob das innovativ ist, aber: Wir spielen Erlebnisfußball. Ich lasse wirklich genau die Art von Fußball spielen, der ich gern zuschaue. Ich sehe bestimmt zehn Spiele pro Woche, und glauben Sie mir: Da sind viele dabei, bei denen ich vor dem Bildschirm fast einschlafe. Wir dagegen bedienen die Stammtischparolen.
Spiegel: Was meinen Sie damit?
JK: Die Leute sagen so oft, die Fußballer sollten rennen und kämpfen. Genau das schreiben wir uns auf die Fahnen. Wir sind die Speerspitze des Otto Normalverbraucher. Die Eintrittskarte der Spieler für diese Mannschaft ist Woche für Woche klar definiert: Leidenschaft, Laufbereitschaft, Wille.
Spiegel: Die einzelnen Profis kennt – von den Mainzer Fans abgesehen – kaum jemand. Benutzen die eigentlich auch Haargel?
JK: Natürlich. Ich übrigens auch. Und ich fand es nicht richtig von Felix Magath, dass er seine Kritik an Egoismen auf dem Fußballplatz verknüpft hat mit dieser Bemerkung über die Art, wie sich junge Menschen für die Straße präparieren.
Spiegel: Der Bayern-Trainer wollte mit der Metapher vom Gel, das sich die Spieler in die Haare schmieren, doch nur eine Gefahr anschaulich machen: Im Bemühen, als Individuum möglichst gut auszusehen, hätten die Profis heute Schwierigkeiten, sich ins Mannschaftsspiel zu integrieren. Solche Stars haben Sie wohl nicht?
JK: Das glauben Sie. Ob einer bundesweit ein Star ist oder nur regional, macht nämlich im Ergebnis keinen Unterschied. Mehr Star als meine Jungs hier in Mainz kann man nicht sein. (…)
Spiegel: Sie versperren mit viel Laufarbeit den Etablierten den Raum zur Entfaltung. Ist das nicht destruktiv?
JK: Nein, destruktiv wäre es, wenn wir einen Abwehrriegel vor dem eigenen Tor aufbauen würden. Was wir machen, ist Torvorbereitung, während der Gegner noch den Ball hat. Wir wollen den Ball so früh erobern, dass wir nur noch einen Pass brauchen, um vor der Kiste zu stehen. Wir laufen auch gar nicht mehr als andere.
Spiegel: Ach nein?
JK: Wir schalten nur zwischendurch nicht ab. Denn warum sollen wir Pausen machen? Wir trainieren doch die ganze Woche, um dann 90 Minuten fit zu sein. Und wir haben ein klares System. Wir stechen nicht einfach durch die Gegend wie die Hornissen. Wir locken den Gegner und stechen dann zu.
Spiegel: Ist der Vergleich mit der Mannschaft Südkoreas, die bei der letzten Weltmeisterschaft immerhin ins Halbfinale kam, zulässig?
JK: Absolut. Ich selbst bin allerdings Fan des englischen Fußballs. Wegen der Leidenschaft.
Spiegel: Chelsea Londons Trainer Jose Mourinho sagt, gerade wegen dieser Leidenschaft hätten englische Teams – außer Manchester United 1999 – in der Champions League nichts gewonnen.
JK: Sein Siegeszug mit Porto letztes Jahr in allen Ehren. Aber er hält sich wohl mittlerweile für den Erfinder des Flachpasses. Seine Meinung kann ich nicht teilen.
Spiegel: Sie wollen also englischen Teams wie Arsenal London nacheifern?
JK: Arsenal spielt im Prinzip wie wir, nur dass sie den Ball häufiger haben.

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