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Drei-Phasen-Verdrängung: kurz registriert, aber nichts gesehen, nichts gehört

Oliver Fritsch | Montag, 24. Januar 2005 Kommentare deaktiviert für Drei-Phasen-Verdrängung: kurz registriert, aber nichts gesehen, nichts gehört

Klaus Hoeltzenbein (SZ 24.1.) beäugt die Ermittlung des DFB gegen Robert Hoyzer: „Er wird den ersten Bundesliga-Skandal in seiner Dimension kaum erreichen, aber er trifft den Fußball ähnlich schwer, denn er trifft ihn in seinem Kern – bei den Unparteiischen, bis Samstag die Zelle der Unschuld und der moralischen Unantastbarkeit im DFB. Und er trifft ihn zur völlig falschen Zeit: Anderthalb Jahre vor der WM kann niemand in Deutschland einen Skandal gebrauchen (…) Als kurz vor Weihnachten ruchbar wurde, die Zweitligapartie Aue gegen Oberhausen könne mittels Großwetten manipuliert gewesen sein, wurde wieder die Drei-Phasen-Verdrängung aktiviert: kurz registriert, aber nichts gesehen, nichts gehört. Nun ist der DFB gezwungen, sich einer neuen Realität zu stellen. (…) Warum pfiff Hoyzer trotz der Vorwürfe weiter? Wurde der Reiz der Sportwetten unterschätzt, wurde gar etwas vertuscht im Haus des DFB?“

Eine Art autogener Korruption

Auch Christian Eichler (FAZ 24.1.) befasst sich mit dem Manipulationsvorwurf und mit der Satisfaktion für die Geschädigten: „Es ist der erste Schiedsrichterskandal in Zeiten des globalen Wettmarktes. Seit sich auch in Deutschland nicht mehr nur Totozettel ausfüllen, sondern hohe Summen auf einzelne Spiele setzen lassen, sind der alltäglichen, privaten Korruption neue Türen geöffnet. Man muß nicht mehr, wie beim Bundesligaskandal 1971, Dutzende von Mittätern und Mitwissern einbinden, braucht keine konspirativen Treffen und Geldumschläge mehr. Es ist eine Art autogener Korruption, die ein einzelner anonym übers Internet betreiben kann. Derjenige, der für die Bestechung bezahlt, ahnt davon in der Regel nichts: der unterlegene Klub, das zahlende Wettbüro, der Tipper, der leer ausgegangen ist. (…) Ebenso wie am Neuen Markt, wo die Geschädigten selbst bei klarer Rechtslage kaum etwas wiedersahen von ihrem Geld, so wird sich auch im Fußball, einer Welt vollendeter Tatsachen und Tatsachenentscheidungen, kaum Wiedergutmachung schaffen lassen. Man kann den Pokalwettbewerb nicht wiederholen. Man kann nur daran arbeiten, daß sich der Pokalskandal nicht wiederholt. Ein schwarzes Schaf unter den Männern in Schwarz: neu im deutschen Fußball. Der muß nun alles tun zu beweisen, daß es keine Herde ist.“

Kein Wunder

Knut Pries (FR/Seite 3, 24.1.) fügt hinzu: „Ein Wunder wäre vielmehr, wenn ausgerechnet im deutschen Profi-Fußball, der bekanntlich hübsche Sümmchen bewegt, eine Sauberkeit herrschte, um die andere Bereiche – nennen wir stellvertretend die Politik – hart ringen müssen. Um ähnliche Anstrengungen wird das ballschiebende Gewerbe nicht herumkommen, und das – verschärfte Kontrolle – ist gut so. Gut wäre freilich auch das positive Gegenstück: mehr Anerkennung für die, die sich in redlicher Manier fürs Gemeinwohl nützlich machen, ob in kurzen Hosen auf grünem Rasen oder im Anzug bei der Volksvertretung.“

Das war ein Schlüsselspiel für die Saison

Klaus Toppmöller (FAZ 24.1.) über die Niederlage in Paderborn: „Ich denke, es war das einzige Spiel in meiner Profi- oder Trainerkarriere, in dem ich massiv den Eindruck hatte, daß beabsichtigt Einfluß genommen wurde. (…) Ich schaue mir auch im Ausland viele Spiele an und muß eine Lanze für die deutschen Schiedsrichter brechen. Die pfeifen in der Regel sehr, sehr gut. Schwarze Schafe kann man nicht ausschließen, aber es wäre natürlich eine Katastrophe für den Sport, wenn das kein Einzelfall ist. (…) Das war ein Schlüsselspiel für die Saison. Die ganze Woche danach war Kesseltreiben angesagt von Fans und Medien. Alle waren geladen und unzufrieden mit uns. Dann fehlte Mpenza wegen Rot, und Benny Lauth ist als zweiter Stürmer verletzt ausgefallen. Paderborn hat mir geschadet.“

Pass auf, das kann ich noch viel besser

Stefan Beinlich (BLZ 24.1.) erinnert sich: „Wir haben das geschluckt, weil wir sonst als schlechte Verlierer gegolten hätten. Aber gleich nach dem Spiel habe ich schon erfahren, dass der Schiedsrichter zu einem Paderborner Spieler in der Pause gesagt haben soll: „Spielt ihr mal so weiter! Den Rest erledige ich.“ Das passt ins Bild. Ich habe auf dem Platz zu ihm ironisch gesagt: „Was Sie hier machen, ist das Allerbeste.“ Daraufhin hat er mir geantwortet: „Pass auf, das kann ich noch viel besser.“ Das war kurz vor dem zweiten Elfmeter.“

„Verpfiffene Spiele erschüttern deutschen Fußball“, FAZ

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