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Ball und Buchstabe

Schön und gut war die Welt noch nie, schon gar nicht im Spitzensport

Oliver Fritsch | Dienstag, 25. Januar 2005 Kommentare deaktiviert für Schön und gut war die Welt noch nie, schon gar nicht im Spitzensport

Seite 1 – Roland Zorn (FAZ 25.1.) kommentiert den Fall Hoyzer: „Mag der Berliner Parteiische „nur“ ein Einzelfall sein: Der Mann hat mit seiner Geschichte die letzte, scheinbar unerschütterliche Bastion der Ehrlichkeit und Uneigennützigkeit schwer ramponiert. Nur: Schön und gut war die Welt noch nie. Schon gar nicht im Spitzensport. So einmalig der Fall Hoyzer anmutet, ist auch diese Geschichte nur ein weiteres Kapitel eines unendlich langen Romans zum Thema „Der böse Bube im Sport“. Fortsetzung folgt, garantiert.“

Ein Verdienst der Wachsamkeit des DFB ist es nicht

Matti Lieske (taz 25.1.) bemängelt die Scheuklappen des DFB: “Geradezu krampfhaft versuchten der DFB und sein Schiedsrichterausschuss, das Bild von der heilen deutschen Fußballwelt aufrechtzuerhalten, eine Oase der Reinheit in der Wüste der Korruption zu behaupten. Entsprechend naiv klingen die Reaktionen der Funktionäre, nachdem sich herausgestellt hat, dass der große Bogen, den Wettbetrug und Bestechung angeblich um deutsche Stadien machen, nur eine Schimäre war. Ein Verdienst der Wachsamkeit des DFB ist es nicht, dass die Machenschaften des Robert Hoyzer aufflogen. Wären nicht Hinweise von Kollegen eingegangen, hätte der 25-Jährige am Sonntag nicht nur sein Bundesliga-Debüt gegeben (als vierter Mann), sondern in aller Ruhe weiter Spiele verpfeifen können, auf die er selbst oder andere Personen gewettet hatten. Obwohl fast jede Partie, die Hoyzer leitete, von fragwürdigen Entscheidungen geprägt war, wurde er unbeirrt als größtes Schiedsrichtertalent präsentiert.“

Womöglich zu großer Eifer

Meinungsseite – Thomas Kistner (SZ 25.1.) prüft die Ermittlungen des DFB: „Die bisherigen Aufklärungsbemühungen des DFB-Kontrollausschusses sind wenig überzeugend. Chefermittler Horst Hilpert hatte die Oberhausen-Affäre im Blitzverfahren eingestellt, ohne das Schattenreich der Zockerbranche nur am Rande beleuchtet zu haben – nach dem Motto: Skandale sind anderswo. Das alte Verbandsprinzip, Konflikte diskret unterm eigenen Dach auszutragen, haben die DFB-Funktionäre auch im Fall Hoyzer gepflegt, wobei delikat ist, dass erneut wichtige Anhaltspunkte aus der Wettspielszene kamen. Diesmal aber ging es nicht um eine Vereinsaffäre, der Fall Hoyzer betrifft einen DFB-Schiedsrichter. Also ging der Kontrollausschuss mit großem, womöglich zu großem Eifer zu Werke. Jedenfalls war der Anfangsverdacht auf eine Betrugsstraftat wohl früh genug ersichtlich, weshalb hilfreicher gewesen wäre, die Sache nicht selbst – erwartungsgemäß ohne zusätzlichen Erkenntnisgewinn – zu betreiben, sondern die Staatsanwaltschaft einzuschalten. Bekanntlich verfügt die Justiz über wirkungsvollere Ermittlungsinstrumente als ein Fußballverband. (…) Der von Juristen geführte DFB, der sich nun als erbarmungslose Verfolgungsinstanz geriert, hat den Handlungsspielraum für professionelle Ermittler stark begrenzt.“

Philipp Selldorf (SZ 25.1.) ergänzt fragend: „Warum ist der DFB am Wochenende mit dem Fall an die Öffentlichkeit gegangen? Warum konfrontierte er Hoyzer damit, was ihm vorgeworfen wird? Erhielt dieser so nicht Zeit und Gelegenheit, Beweise seiner Taten zu beseitigen?“

Martin Hägele (NZZ 25.1.) wirft ein: „Wer im DFB-Haus war der grösste Verdränger? Wer hat Hinweise auf ominöse Wetten in den Aktennotizen ruhen lassen? Dem droht nun ein böses Erwachen.“

So ein Ding kann der nicht alleine durchziehen

Ex-Schiedsrichter Wolf-Dieter Ahlenfelder im Interview mit Heinz-Wilhelm Bertram (FTD 25.1.)
FTD: Handelt es sich ihrer Meinung nach um einen Einzelfall?
WDA: Immer vorausgesetzt, die Vorwürfe sollten sich bestätigen: Dann kann mir keiner erzählen, dass Hoyzer isoliert als Einzelperson manipuliert hat. Da müssen andere mitspielen, so ein Ding kann der nicht alleine durchziehen. Ich würde mich nicht wundern, wenn in diese Geschichte nicht auch Linienrichter verstrickt sind. Wenn, wie offenbar geschehen, unschuldige Spieler des Platzes verwiesen oder ungerechtfertigt Abseits oder sogar Elfmeter gepfiffen wurde, dann macht das kein seriöser und kompetenter Linienrichter mit.
FTD: Befürchten Sie eine Ausweitung des Skandals auf andere Personen?
WDA: Ich fürchte, das, was wir bisher wissen, ist nur die Spitze des Eisbergs. Wenn da wirklich sieben, acht Spiele vorsätzlich verpfiffen wurden, muss es Mittäter, mindestens Mitwisser geben. Meiner Meinung nach liegt es auf der Hand, dass da ein ganzer Rattenschwanz nachkommt.
FTD: Was ein Jahr vor der Weltmeisterschaft fatal für den DFB und für den Fußball wäre.
WDA: Deshalb machen die hohen Herren in Frankfurt ja so einen Eiertanz. Die drucksen nur rum, faseln von Ungereimtheiten. Der Hoyzer soll sieben, acht Spiele verschaukelt haben, das wussten etliche Leute beim DFB, angeblich nur der Herr Zwanziger nicht. Die merken gar nicht, wie die mit ihrer Druckserei auffallen. Man stelle sich vor, der Hoyzer nennt Namen. Namen von Linienrichtern, die ihn bei seiner Manipulation unterstützt hätten. Was meinen Sie, was dann im Lande los wäre?!
FTD: Ist der Ruf ihrer Zunft auf lange Sicht ruiniert?
WDA: DFB und DFL stehen vor einem Scherbenhaufen. Und warum? Weil die Schiedsrichter im Profibetrieb krankhaft die Saubermänner spielen. Das ist doch krank, die sind ja unfehlbarer als der Papst. Wenn ich sehe, wie der DFB-Schiedsrichterlehrwart Striegel den größten Stuss, der am Samstag gepfiffen wurde, einem Millionenpublikum als einwandfrei verkaufen will, dann fehlen mir 99 Pfennig an der Mark. Die messen mit einem Zollstock, ob der Felix Magath eineinhalb Zentimeter außerhalb der Coaching-Zone steht, und dann kommt womöglich heraus, dass da eine ganze Serie von Spielen manipuliert wurde. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf, liegen die jetzt komplett in der Ohnmacht.

Die sportliche Naivität, mit der bisher Fehlurteile betrachtet wurden, geht dahin

Wie wird Kritik an Schiedsrichtern künftig ausfallen, Michael Horeni (FAZ 25.1.)? “Wenn ein Spieler im Strafraum ohne Gegners Einwirkungen niedersank, fragwürdige Entscheidungen wie im Schalker Tränenjahr 2001 oder verweigerte Strafstöße wie im Frankfurter Fast-Meisterjahr 1992 eine Begegnung oder gar den Titelkampf entschieden: Immer dann gab es zwar mitunter handgreifliche Wut und böse Worte – „Blinder“, „Tomatenalarm“ und „Heimschiedsrichter“ gehörten stets zum Grundwortschatz der Entrechteten. Aber selbst wenn Tausende im Stadion „Schieber“ riefen, dann wurde der Schiedsrichter letztlich doch in der Gewißheit verflucht, gerade kein Betrüger zu sein, sondern weiterhin ein Unparteiischer. Die Spielszenen, die jetzt aus den von Hoyzer wohl absichtlich fehlgeleiteten Begegnungen noch einmal vorgeführt werden, entfalten eine zerstörerische Wirkung. Denn die sportliche Naivität, mit der bisher scheinbar unerklärliche Fehlurteile betrachtet wurden, geht dahin. (…) Es bedarf wenig Phantasie, um die Nöte von Hoyzers Schiedsrichterkollegen in den kommenden Wochen vorauszusehen. Selbst wenn sie sich bei der Arbeit nur aufrichtig irren: Die Leistungen deutscher Referees werden nicht mehr bloß mit sportlichem, sondern auch mit detektivischem Blick verfolgt.“

SZ: „Der Betrugsverdacht gegen Robert Hoyzer zeigt, dass Sportwetten ein kaum kontrollierbares Milliardengeschäft sind.“

faz.net-Dossier Schiedsrichterskandal

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