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Ball und Buchstabe

Der Fall Hoyzer ist der eine Skandal, der andere, wie er in Frankfurt ignoriert wurde

Oliver Fritsch | Samstag, 29. Januar 2005 Kommentare deaktiviert für Der Fall Hoyzer ist der eine Skandal, der andere, wie er in Frankfurt ignoriert wurde

Klaus Hoeltznebein (SZ 29.1.) kritisiert den DFB, insbesondere Kontrollausschuss-Chef Horst Hilpert: „Der Vorsitzende des Kontrollausschusses, also der DFB-Sittenpolizei war ein Vertuscher, Verdränger, oder bestenfalls heillos überfordert. Hilpert, dessen Rücktritt wohl erfolgen muss, war jener Mann, auf den es angekommen wäre, als die Affäre zwar nicht mehr zu verhindern, aber noch einzudämmen war. Die Hinweise der staatlichen Sportwette Oddset auf den Manipulationsverdacht gegen Robert Hoyzer hätten schon im Sommer ein DFB-Ermittlungsverfahren – wohl mit der Folge einer Anzeige – gegen den Schiedsrichter zwingend notwendig gemacht. Es ist nicht bekannt, dass Hoyzer damals von einer DFB-Instanz vernommen wurde, dabei waren mindestens zwei manipulierte Resultate schon aktenkundig. Allerspätestens aber, als im Dezember öffentlich diskutiert wurde, dass das Zweitligaspiel Aue-Oberhausen über den Wettmarkt verschoben worden sein könnte, hätte der Kontrollausschuss seine Zuständigkeit, wenigstens ein Interesse signalisieren müssen. Da war nichts, da ist nichts, entschied Hilpert – im Handstreich lag der Vorgang unterm Tisch. Dort liegt er noch – und damit mitten im Herzen des DFB. Wen hatte Hilpert eingeweiht, wem hat er die Oddset-Papiere vorgelegt? Und: Was wusste das Präsidium? Der Fall Hoyzer ist der eine Skandal, der andere, wie er in Frankfurt ignoriert wurde.“

Hilpert dürfte kaum noch zu halten sein

Klaus Ott (SZ 29.1.) schreibt dazu: „Vor einer Woche noch tat der DFB so, als sei er am 19. Januar von den Manipulations-Vorwürfen gegen Hoyzer regelrecht überrumpelt worden. Man habe sofort reagiert, verkündeten die Verbands-Oberen. Nun stellt sich heraus, dass der DFB viel früher und konkreter vor dem Berliner Schiedsrichter namentlich gewarnt worden war als bislang bekannt. Bereits im August 2004 lagen ernsthafte Hinweise vor. Doch der DFB und sein Kontrollausschuss, der Verstöße aufklären soll, entschieden sich fürs Nichtstun. Verband und Ausschuss-Chef Hilpert geraten in Erklärungsnot. Hilpert dürfte kaum noch zu halten sein.“

Roland Zorn (FAZ 29.1.) hingegen vertraut Hilpert: „Der Jurist aus Bexbach wird sich auch bei seiner bisher schwersten Aufgabe nicht dazu hinreißen lassen, laut und ungeduldig zu werden. Niemand jedoch, der demnächst mit ihm zu tun bekommen wird, möge sich in dem gemütlich wirkenden älteren Herrn täuschen: Hilpert tritt zwar nicht abschreckend auf, argumentiert aber messerscharf und folgt bei der Suche nach dem von ihm für richtig gehaltenen Strafmaß meistens einer bezwingenden Logik. Wo Hilpert spricht, manchmal auch saarländisch nuschelt, ist Kompetenz, verpackt in eine liebenswerte Form.“

Günstlingssystem

Sehr lesenswert! Manfred Haupt, Ex-Schiedsrichter und Aussteiger, im Interview mit Thomas Kistner (SZ 29.1.) über das deutsche Schiedsrichtersystem
SZ: Sie haben im März 2001 von heute auf morgen als Zweitliga-Schiedsrichter und Bundesliga-Assistent aufgehört. Aus Frustration?
MH: Ja, das kann man so sagen.
SZ: Lässt sich der Frust beschreiben?
MH: Ich habe erkannt, dass ich in dem System, das es dort gab, nicht vorankommen konnte allein mit Ehrgeiz. Ich hatte immer den Eindruck, letztlich ist nicht die Leistung entscheidend, sondern wo du geboren worden bist.
SZ: Was bedeutet: Wo du geboren bist?
MH: Die Schiedsrichterzusammensetzung bis in die neunziger Jahre hinein war in der Republik ausgewogener, sogar in der Zeit, als die neuen Bundesländer dazukamen. Dann haben sich zwei Pole entwickelt, der Norden und der Süden. Manchmal arbeiten die auch zusammen, und die anderen sind benachteiligt.
SZ: Nach der Vereinigung haben die sich gebildet?
MH: Ja, das kristallisierte sich Anfang der 90er Jahre heraus. Als ich das begriffen hatte, habe ich entschieden: Feierabend. Konkreter Anlass war dann, als ich das Spiel Greuther Fürth gegen St. Pauli pfiff. Schiedsrichter werden ja beurteilt – und da kam ein Beobachter in die Kabine und gab so viel Mist von sich, dass ich den Eindruck hatte, der durfte oder wollte gar nicht mehr an Bewertungspunkten geben, als er mir gab.
SZ: Was heißt denn das, er durfte nicht? Das wäre Manipulation.
MH: Auf jeden Fall wäre dies ein Riesenproblem. In meiner Laufbahn hatte ich zuvor nie den Eindruck, dass bewusst manipuliert werden soll. Für die Zeit nach 2001 kann ich keine Angaben machen. Je mehr Distanz man gewinnt, umso klarer wird, dass das Auf- und Abstiegssystem nicht durchlässig, nicht transparent und meiner Meinung nach willkürlich gemacht wird. Wahre Leistung oder wahre Schwäche kommen nicht richtig in die Bewertung. Ich kann das jetzt aus der Distanz einordnen.
SZ: Es herrscht Willkür?
MH: Genau. Durch die ständigen Bewertungen baut man ein Ranking auf. Diese Schiedsrichterlisten zieht man zu Rate, wenn sie gegen einen verwendet werden sollen – oder für einen. Auch da ist nichts transparent. Sehen Sie, dieser ganze Beobachterkram, ich frage mich im Zusammenhang mit dem Hoyzer-Skandal, warum man das macht. Und die Spielleitungen von Herrn Hoyzer nicht viel strenger hinterfragt hat.
SZ: Sie würden also sagen, dass es ein Günstlingssystem ist?
MH: Auf jeden Fall! Definitiv! Das wäre auch ein guter Begriff. (…)
SZ: Wie ist denn dann das Anforderungsprofil an den Schiedsrichter?
MH: Er muss eine gewisse Intelligenz haben, eine hohe sportliche Ausstrahlung und telegen sein. Korpsgeist muss er auch haben. Ich schildere mal, wie ich das als Außenstehender vom Regionalverband Süd kenne, der von Manfred Amerell geführt wird. Amerell hält gern „Hof“, bei Lehrgängen und Zusammenkünften muss sich alles um ihn scharen. Da gibt es keine Transparenz, auch wird mit Außenstehenden keine größere Kommunikation gepflegt. Ein für mich in einer modernen Gesellschaft gefährlicher Ansatz. Die sind verschwiegen. Wenn man mit denen ins Gespräch kommen will geht das bis zu einer bestimmten Wetterlage, aber dann ist auch Schluss. Alles was man gemeinhin Insiderwissen nennt – wie jetzt beispielsweise das Schiedsrichterwesen im Süden organisiert ist – will man da Informationen haben, kriegt man keine.
SZ: Konkurrieren die Verbände regelrecht untereinander?
MH: Ja.
SZ: Mit welchem Ziel?
MH: Andere auszubremsen und die eigenen Leute voranzutreiben.

Psychologisches Untertanentum

Birgit Schönau (SZ 29.1.) vergleicht die deutsche Haltung zum Schiedsrichter mit der italienischen: „Einer der fundamentalen Unterschiede zwischen Deutschen und Italienern ist ihr Verhältnis zum Schiedsrichter. Der Schiedsrichter war, von harmlosen Frotzeleien der Fankurven mal abgesehen, vor dem Fall Hoyzer in Deutschland eine Art höhere Instanz wie der Bischof oder die Tagesschau. Man weiß zwar prinzipiell, dass er zu menschlichem Versagen fähig ist, aber er ist doch in erster Linie Amtsperson. Das empfinden die Italiener haargenauso – und deshalb misstrauen sie ihren Schiedsrichtern auch so sehr. Der „arbitro“ ist nichts anderes als der verlängerte Arm von Staat und Gesetz auf dem Fußballplatz, und als Italiener weiß man, dass man den Autoritäten besonders auf die Finger zu schauen hat. Nach jedem Spieltag werden Gelbe Karten, Rote Karten, Eckbälle und Abseitstore akribisch vom Volk unter die Lupe genommen, über Stunden im Fernsehen in Zeitlupe gezeigt und vor laufender Kamera diskutiert. Die Debatte geht dann am Montag in der Kaffeebar weiter, und manchmal landet sie auch im Parlament, wo einmal ein nicht gegebener Foulelfmeter im Spiel Juventus-Inter Mailand zentrales Thema einer Fragestunde war und zu tumultartigen Szenen führte. In der Toskana hat sich bereits ein Amtsrichter mit der Frage beschäftigt, ob Italiens Schiedsrichter an psychologischem Untertanentum gegenüber dem Rekordmeister Juventus leiden und getrieben von ihrem Unbewussten dauernd in dubbio pro Juve pfeifen. Das Urteil lautete : ja.“

Feuchtfröhlich geht es nur noch bei den Schiedsrichter-Senioren über 50 zu

„Welche Eigenschaften sind noch typisch für Referees?“, fragt Peter Heß (FAZ 29.1.): „wird von den Auserwählten Teamfähigkeit, Ernsthaftigkeit und ein auch ansonsten integrer Charakter erwartet. Diven oder Frohnaturen würden irgendwann aus dem Fahrstuhl nach oben geschubst. So ist es kein Wunder, daß die Schiedsrichter in Deutschland ein recht einheitliches Bild abgeben. Unauffällig, konservativ, angepaßt, mit hohem Gerechtigkeitsempfinden und ein wenig eitel. Fast alle mögen rein-schwarze Fußballschuhe, selbst rote Fersenlaschen sind bei den meisten verpönt, fast alle tragen spezielle Schiedsrichterunterwäsche in schwarz, damit nichts Buntes hervorlugen kann. Aus dem selben Grund sind Stutzen out und Strümpfe in, damit kein Stücken weiß der Socke das Gesamtbild stört. Die Zeiten bunter Vögel, mit dem Drang zum Feiern und zur Selbstdarstellung wie Walter Eschweiler und Wolf-Dieter Ahlenfelder gehören der Vergangenheit an: Obmann Müller bestätigt: „Feuchtfröhlich geht es nur noch bei den Schiedsrichter-Senioren über 50 zu.““

Zurück zu den dicken Schnapstrinkern!

Das Streiflicht (SZ 29.1.) fordert: „Es gibt keinen Grund, die Pfeife ins Korn zu werfen. Deutschland hat Schiedsrichter hervorgebracht, die ihresgleichen suchen. Walter Eschweiler zum Beispiel, die „schwarze Diva“: Bei der WM 1982 hat er auf dem Spielfeld eine Rolle rückwärts geschlagen und damit die elende Partie Italien gegen Peru unvergesslich gemacht. Oder der rundliche Wolf-Dieter Ahlenfelder, der herumfuchtelte, als würde er ein Kurorchester dirigieren. Einmal hat er ein Spiel nach 29 Minuten abgepfiffen und hinterher geltend gemacht, er habe zu Mittag ein Bier und einen Schnaps getrunken. Zum „Frauenschwarm“, so wie der schmucke Herr Hoyzer, hätte er kaum getaugt. Offenbar sind gelfrisierte Popstar-Darsteller nicht die Richtigen für den Job. Zurück zu den dicken Schnapstrinkern!“

SZ: „Ein Netzwerk des Betruges – Mit Durchsuchungen von vier Objekten in Berlin und der vorläufigen Festnahme zweier Männer hat der Skandal um den Fußball-Schiedsrichter Robert Hoyzer einen neuen Höhepunkt erreicht. Zuvor hatte Hoyzer vor der Staatsanwaltschaft angegeben, dass weitere Schiedsrichter und auch Spieler in den Betrug verwickelt seien.“

Tsp: „Wie Robert Hoyzer in den kriminellen Sumpf geraten sein könnte – der Versuch einer Rekonstruktion“

Gefälschte Ereignisse kontaminieren die gesamte Ereigniskette

Lothar Müller (SZ/Feuilleton 29.1.) befasst sich mit Entschädigung: „Nicht nur bei den Vereinen, die sich von Hoyzer „verpfiffen“ glauben, kommt die Sehnsucht nach Wiederholungsspielen auf, die das verschaukelte durch ein reguläres Spiel ersetzen sollen. Aber der Begriff „Wiederholungsspiel“ ist ein Euphemismus, ein Wundpflaster, das über die Unheilbarkeit des von Hoyzer angerichteten Übels hinwegtrösten soll. Er hat Lücken in der Kette regulärer Spiele erzeugt, die sich nicht rückwirkend schließen lassen. Man kann ein Fußballspiel nicht wiederholen, man kann es nur neu ansetzen. Jedes neu angesetzte Spiel aber verbreitert, während es die Regelkonformität wiederherstellt, zugleich den Riss, der im Ereignissystem Fußball entstanden ist. Denn auch Fußballmannschaften können nicht zweimal in den gleichen Fluss steigen. Und jeder Leistungsträger, der sich im Wiederholungsspiel verletzt und dauerhaft ausfällt, verlängert die Effekte des Betrugs in die Zukunft. Gefälschte Ereignisse kontaminieren die gesamte Ereigniskette.“

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