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Interview

Ein Jahr Jürgen Klinsmann und die deutsche Elf

Oliver Fritsch | Montag, 25. Juli 2005 Kommentare deaktiviert für Ein Jahr Jürgen Klinsmann und die deutsche Elf

Der Einstand

Jürgen Klinsmann startet im Juli 2004 mit Vorschusslorbeeren. Die FAZ feiert Klinsmann (und Bierhoff) nach dem Einstand auf Seite 1: „Beide verstehen den Charakter und den Stil des deutschen Fußballs“. Gleichzeitig verweisen einige Kommentatoren skeptisch auf die Unerfahrenheit des „Berufsanfängers“ Klinsmann. Doch Hoffnung und Vertrauen überwiegen, zum Beispiel in der FAZ: „Dem Fußball ist zu wünschen, dass Klinsmann mit einer Vision antritt, die über 2006 hinausgeht.“ Der Tagesspiegel blickt in die Zukunft und behält mit seiner Prognose recht: „Klinsmann ist ein Kulturschock für den deutschen Fußball.“ Lothar Matthäus, den viele Beobachter befürchtet haben, hätte anderes zu lesen bekommen. An den Urteilen der Qualitätspresse spürt man Erleichterung darüber, dass dem DFB trotz langer Suche eine bessere Lösung geglückt ist – Ergebnis einer unabhängigen Entscheidung, wie die taz betont: „Für Beckenbauer war das eine herbe Schlappe, für Bild nicht minder.“ Die NZZ fasst das Ende der Trainerfindung zusammen“Die vernünftigen Kräfte im deutschen Fußball haben gesiegt.“

Der Beginn

Viele Änderungen Jürgen Klinsmanns polarisieren zunächst die deutsche Fußball-Diskussion: das neue Koordinationstraining, die Absetzung Oliver Kahns als Kapitän, die Entlassung Sepp Maiers, die Verpflichtung ausländischer Experten und eines Psychologen, die WM-Quartierfrage und nicht zuletzt die Wohnortdebatte. Die Diskussionen verlaufen oft ähnlich: Ankündigung einer „Reform“, großer, aber kurzer Schrei auf dem Boulevard, Rückendeckung durch die Redakteure der Qualitätspresse, die Klinsmann bei seiner „Palastrevolution“ (FR) meist auf seiner Seite hat; sie nehmen die laute Kritik des Boulevards oft zum Grund, über Deutschlands „Fußball-Stammtisch“ zu spotten – und das Ignorieren dieser Kritik als Gelegenheit für Spott. Ein Teil dieser Zustimmung mag durch die Genugtuung begründet sein, die ihnen Klinsmann bereitet, indem er den Lautsprechern und vermeintlichen Experten kein Gehör schenkt. Den inzwischen beliebten, aber oft unfairen Vergleich mit Rudi Völler gewinnt Klinsmann um Längen. Sehr wohlwollend registrieren alle Journalisten die ersten Ergebnisse auf dem Spielfeld.

Erste Bewährungsprobe

Ungewöhnlich früh, nämlich nach etwa 60 Tagen, und ungewöhnlich heftig gerät Klinsmann in die Kritik: für seine Absicht, das WM-Quartier Leverkusen zugunsten Berlins abzulehnen. Die FR warnt bissig vor zu viel Macht für den „präpotenten Projektmanager im Bundestrainer-Gewand.“ Und selbst die FAZ schreibt: „Man kann darüber streiten, ob Klinsmanns Reformfuror hier und da ein bisschen heftig ausfällt.“ Die Quartierfrage ist zwei Monate später fast vergessen.

Unbeirrt weiter

Die Entlassung Sepp Maiers im Oktober 2004 (siehe auch Torwartfrage) hätte mehr Kritik verursacht, vor allem auf dem Boulevard, wenn Maier sich geschickter verhalten hätte. Seine Äußerungen unter alle Gürtellinien haben es ihm aber verunmöglicht, den schwarzen Peter Klinsmann zuzuschieben. Schon bald wird es keinen Journalisten oder Experten geben, der Maiers Rauswurf rügt. Klinsmanns Konsequenz beeindruckt die Redaktionen, vor allem die BLZ („scharf konturierte Personalpolitik“) und die SZ: „In Deutschlands wichtigster Mannschaft ist ein nie für möglich gehaltenes Klima von Initiative und Zuversicht eingekehrt, der Fußball der Nationalelf hat wieder eine methodische Grundlage und eine glaubwürdige Perspektive erhalten, es gibt Phantasie und frische Ideen.“

Das vorläufige Ende der Kritik

Seit dem 3:0 gegen Kamerun im November 2004 wird Klinsmanns Arbeit als Bundestrainer meist sehr positiv bewertet. Die Welt am Sonntag stellt fest: „Klinsmanns Kritiker schweigen, das ganze Land sammelt sich hinter seinem Hoffnungsträger für 2006.“ In der SZ liest man: „Das ganze Land scheint sich hinter Klinsmanns schmalen Schultern sammeln zu wollen.“ Diese Euphorie mag übertrieben sein, doch die Kritiker sind mundtot und seitdem nicht mehr so laut zu hören wie in den ersten Monaten. Warum ausgerechnet das Kamerun-Spiel? Vermutlich ist Fußball-Deutschland erstens von der leidenschaftlichen Spielweise und der heißen Atmosphäre bei diesem Freundschaftsspiel überrascht worden. Ein großer Pluspunkt sei, „dass unter Klinsmann jedes Testspiel zum Ernstfall wird“, schreibt (nicht nur) die BLZ. Zweitens merken die Beobachter, dass sich Klinsmann an Ergebnissen messen lässt und dafür gerade steht. Immer öfter ziehen die Journalisten Vergleiche mit Gesellschaft und Politik: ‚Vorbild Klinsmann‘, ein, wenn auch, leichtfertiger Ritterschlag. Die Asien-Reise, sportlich Mittelmaß, verläuft ohne nennenswerte Kritik. Die Berichte am Ende des Jahres, die immer auch nachhaltige Resümees, sind Hymnen und Oden: Die FAZ fühlt eine „geistig-sportliche Wende“, für die FR „ist die Nationalmannschaft wieder zu einem Erlebnis geworden.“

Die Ausnahme

Der sehr kritische Spiegel-Bericht im Dezember 2004 bleibt zuerst ohne nennenswerte Resonanz: „Die ganze Figur Klinsmann wirkt seit der Kür zum Bundestrainer wie eine einzige Marketing-Inszenierung.“ Die Langzeitwirkung einer Spiegel-Recherche muss beachtet werden: Ein Kommentar in einer anderen Zeitung ist flüchtiger, eine Spiegel-Kritik bleibt haften. Den Vorwurf der Schönrednerei („Die Bilanz der Asien-Reise ist mäßig, doch rhetorisch ist der neue Bundestrainer schon sehr, sehr gut“) taucht beim Confederations Cup gelegentlich und in Hintergrundgesprächen immer wieder auf.

Vor dem Höhepunkt Confed-Cup

Die ersten Monate des Jahres 2005 verlaufen ohne Höhepunkte in der Berichterstattung, erst im Vorfeld des Confed-Cups nimmt sie Fahrt auf. Profil gewinnen Klinsmann und zunehmend Bierhoff durch die Abgrenzung von Bayern München, dem alle Experten großen Einfluss zuschreiben. Dass Bierhoff nach der Eröffnung der Allianz-Arena die Pfiffe für Jens Lehmann und deren Duldung durch die Bayern-Offiziellen öffentlich rügt, wird ihm seitens der Qualitätspresse sehr hoch angerechnet. „Das Duo setzt den jahrelang von Völler praktizierten Schmusekurs mit dem mächtigsten deutschen Fußballverein nicht fort“, lobt die FR.

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