indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Deutsche Elf

Was hat dieses Land bloß für Sorgen!

Oliver Fritsch | Mittwoch, 26. Oktober 2005 Kommentare deaktiviert für Was hat dieses Land bloß für Sorgen!

Na gut, also die Auswertung des „Krisengipfels“: Sehr unterschiedlich fallen die Meinungen aus, auch darüber, und das vorweg, was von der ganzen Sache zu halten ist. Jörg Hahn (FAZ) kann die Debatte nicht ganz ernst nehmen: „Was hat dieses Land bloß für Sorgen! Im Sommer war eines der großen, von Meinungsforschungsinstituten ausgeleuchteten Themen die Frage, ob das Bundeskanzleramt eine Frau verträgt. Mit nahezu derselben Wucht wird nun eruiert, wo der Fußball-Bundestrainer wohnen darf oder wohnen sollte. Sehen wir es doch mal so: Wollen wir wirklich einen Mann haben, der zum großen Ziel WM-Titel von Trochtelfingen aus startet? Liebe Trochtelfinger, die Alb ist schön. Es war nur Spaß, bitte bloß keine Leserbriefe.“

Alles bleibt, wie es ist

Zwei Erkenntnisinteressen leiten die Berichte: 1. Gibt es Gewinner und Verlierer? 2. Gibt es Ergebnisse, wenn ja: welche? Zu Frage 1: „Klinsmann darf sich als Gewinner fühlen“, behauptet die FAZ, weil es den Liga-Bossen nicht gelungen sei, ihn inhaltlich klein beigeben zu lassen. Der Tagesspiegel kommt zum selben Ergebnis: „Am Ende eines Tages der Aufregungen steht Klinsmann als Gewinner fest.“ Matti Lieske (BLZ) rechnet mit Stillstand in dieser großen Koalition: „Sollte sich die Runde tatsächlich in der behaupteten Harmonie aufgelöst haben, hätten sich die Vereinsvertreter vom Bundestrainer prächtig über den Tisch ziehen lassen. Als Werner Hackmann die Installation des Arbeitskreises verkündete, lächelte Klinsmann so süffisant wie Edmund Stoiber, wenn Angela Merkel redet. (…) Alles bleibt also, wie es ist.“ Frank Lamers (WAZ) hingegen sieht Klinsmann vom Weg abgekommen, und zwar für immer: „Er hat die Bildung einer Wichtigmacherrunde akzeptiert. Und statt Uli Hoeneß zu erklären, wie man eine Mail-Box abruft, hat er mehr Anwesenheit zugesichert. Er hat sich gekrümmt und gebeugt und damit vor den wachen Augen der Gruppe, die an ihn glauben muss, das System Klinsmann irreparabel zerstört. Gewonnen haben die Altvorderen aus der Bundesliga. Nur spielen die gar nicht bei der WM.“

Rüffel für Klinsmann

Was bedeutet es, dass Uli Hoeneß zum Sprecher des Haufens erkoren worden ist? Frank Hellmann (FR) wertet es als Disziplinierung Klinsmanns: „Diese Personalentscheidung, von der Hoeneß am Telefon erfuhr (!), verdeutlicht, wie heftig der Rüffel für Klinsmann ausfiel. Doch wer das Ballyhoo und den nur ausweichend Auskunft gebenden Klinsmann erlebte, der wird den Eindruck nicht los, als mache der kalifornische Alleinentscheider am Ende ja doch wieder, was er für richtig hält. (…) Noch immer wirkt er beratungsresistent, wenn es um die Empfehlung geht, im WM-Jahr häufiger in Deutschland zu verweilen.“

Rat der Fußballweisen

Zu Frage 2, den Ergebnissen: „Klinsmann und die Liga-Manager schließen Frieden, ohne inhaltlich weiterzukommen“, tadelt die SZ; die Berliner Zeitung hegte erst gar keine Hoffnung: „Das Treffen verpufft wie erwartet in heißer Luft.“ Mike Glindmeier (SpOn) unterscheidet zwischen Wort und Sinn: „Die Diskussion über den Wohnort des Bundestrainers ist etwa so inhaltsleer wie das Ergebnis des vermeintlichen Gipfeltreffens. Vielmehr hat es den Anschein, als sei der Rat der Fußballweisen lediglich dafür eingerichtet worden, die Geltungsbedürfnisse einiger Bundesliga-Funktionäre zu befriedigen.“ Die Seite 1 der WAZ zeigt ein Foto von Klinsmann im Zwielicht und unter der zweifelgeprägten Schlagzeile: „Klinsmann lässt sich jetzt öfter sehen. Sagt er“.

Unterschiedliche Schlüsse sind aus der Lektüre von Bild und Sport Bild zu ziehen. Bild wünscht naiv: „Die Liga bekommt mehr Einfluß auf die Nationalelf. Hoeneß und Assauer sind die neuen Aufpasser des Bundestrainers – damit wir aus der Krise kommen und Weltmeister werden.“ Die Sport Bild ficht die Mitbestimmung der Liga an und verweist darauf, dass in den Mannschaften der Klinsmann-„Berater“ (Bayern, Schalke, Stuttgart, Berlin) mit Ausnahme von Bremen nur wenige Deutsche spielen. Meine Lieblingsschlagzeile gehört Spiegel Online: „Hoeneß wird Klinsmanns Super-Nanny“. Mal nebenbei: Was ist das nur für eine Vermessenheit der Liga-Offiziellen, sich in die Torwartfrage einzumischen – und damit in den sportlichen Belang des Bundestrainers?

Er wird lernen müssen, dass Fußball ein Mannschaftssport ist

Es fällt auf, dass die SZ, die im Ruf steht, Klinsmann zu unterstützen (siehe die freistoss-Presseanalyse Die deutsche Fußballnationalmannschaft im Umbruch), ihn seit einigen Wochen kritischer behandelt. Christof Kneer (SZ/Seite 1) fordert von Klinsmann Einsicht und Kooperation bei der Umsetzung seiner Ziele: „Vieles spricht dafür, dass Klinsmann Recht hat mit seiner Fundamentalkritik am Fitnesszustand vieler deutscher Nationalspieler. Verständlich ist aber auch, dass sich die Ligatrainer durch Pauschalvorwürfe aus Übersee in ihrer Berufsehre gekränkt fühlen. Es hat ja einen gewissen Charme, dass Klinsmann sich als Projektleiter versteht, aber das Problem ist wohl, dass er sein Projekt am liebsten von allen Zwängen abkoppeln würde. So ist die Nationalelf zuletzt immer mehr ein Insidergeschäft von Jürgen Klinsmann geworden. Acht Monate vor der WM wird der ehemalige Mittelstürmer nun wohl lernen müssen, dass Fußball ein Mannschaftssport ist.“

E-Mail lehnt Hoeneß aus ideologischen Gründen ab

Schließlich ein Hinweis von Philipp Selldorf (SZ): „Begonnen hatte das Meeting standesgemäß mit einer von Klinsmann kommentierten Power-Point-Präsentation, was einige Beobachter besonders überzeugend fanden, dem Opponenten Uli Hoeneß aber vermutlich eher als Provokation erschien. Hoeneß ist kein großer Freund der modernen Management- und Kommunikationsmittel, Verkehr via E-Mail lehnt er aus ideologischen Gründen ab.“ Warum nur? Auch im Internet kann man SCHREIEN, HERR HOENESS!

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