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Bundesliga

Darstellungswahn

Oliver Fritsch | Mittwoch, 21. Dezember 2005 Kommentare deaktiviert für Darstellungswahn

Zeit zur Besinnung angesichts der vielen Entlassungen in der Hinrunde – acht Trainer, so viele wie noch nie. Und, das ist der letzte Schrei, drei Offizielle. Den Schluss macht der VfL Wolfsburg und stellt Holger Fach und Thomas Strunz frei – ein „Erdbeben auf der Führungsebene“ (FAZ); der Verein wird nun ausschließlich von Auto-Managern geführt. Viele Autoren rätseln über die Ursache dieses bedenklichen Liga-Trends. Michael Kölmel (BLZ) schildert das Rattenrennen der Vereine: „Immer mehr Personen reden mit, die Klubs wollen dauernd präsent sein (Darstellungswahn) und der Finanzdruck wächst. Die Umsätze zwischen Champions League und Uefa-Cup gehen immer weiter auseinander, auch die Zuwendungen der Sponsoren, dazu wächst bei den meisten Klubs die Schuldenlast: Ein Abstieg wäre der Ruin. Das fördert Aktionismus, und weil Andere trotz Schulden kaufen, rüstet der nächste nach. Oder zieht freiwillig zurück.“ Skepsis – Tobias Schall (StZ) schließt aus wissenschaftlichen Studien über Zweck und Erfolg von Trainerwechseln: „Die Möglichkeiten eines neuen Trainers sind begrenzt, da er im Normalfall mit den vorhandenen Spielern auskommen muss. Entweder, er stellt die Hierarchie einer Mannschaft auf den Kopf, was aus psychologischer Sicht oft mit einer Leistungssteigerung der bisher zu kurz gekommenen Spieler verbunden ist, auf der anderen Seite aber auch mit großer Unruhe innerhalb des Kaders und Unzufriedenheit bei den bisherigen Köpfen – was im Abstiegskampf kontraproduktiv wirken kann. Deshalb setzen die Neuen oft auf die bereits vorhandenen Strukturen, mit wenigen Änderungen. Dass Trainerwechsel nach einiger Zeit, wenn sie nicht aus dem Affekt heraus vollzogen werden, durchaus Sinn haben, das ist auch in der Wissenschaft unumstritten. In Mannschaftssportarten wie Fußball nutzt sich ein Trainer im Laufe der Jahre schlicht und ergreifend ab.“

Zweites Karussell

Roland Zorn (FAZ) widmet sich dem Arbeitsplatzverlust von Thomas Strunz und Andreas Rettig: „Die einseitige Kündigung hochdotierter Verträge scheint sich dem Ende zuzuneigen. Manager werden längst von den Controllern, sprich Finanzgeschäftsführern, oder Aufsichtsräten in den Klubs kritischer begutachtet als noch vor wenigen Jahren. Vor allem dann, wenn sie sich als Teil des Profi-Showgeschäfts verstehen. So haben der zum Manager zweifellos taugende Rettig und der in diesem Job von vornherein enttäuschende Strunz ihre Öffentlichkeitsarbeit so offensiv vorangetrieben, daß sie sich damit auch überaus angreifbar machten. Der emotionale Rettig hätte seinen Job vielleicht noch, wäre er auch unter dem Druck eigener Fehlentscheidungen eine Spur kühler, dezenter, reservierter gewesen. So aber warf er sich in jede Bresche und mischte sich sogar in Rangeleien auf dem Platz ein. Managerneuling Strunz wiederum demonstrierte sein Jobverständnis auch aus eigener Unsicherheit derart autoritär, daß er sich überall Feinde machte. (…) Auf dem Fußballjahrmarkt scheint sich ein zweites Karussell in Gang zu setzen – wenn auch nicht in derselben Drehgeschwindigkeit wie bei den Trainern.“ Philipp Selldorf (SZ) glaubt an Zufall: „So viele vakante Stellen in vorderster Position hatte die Liga noch nie auf einen Schlag zu bieten: Schalke sucht einen Trainer, der das Werk von Rangnick aufnimmt; Wolfsburg einen Trainer, der das Werk von Fach vergessen macht, sowie einen Manager, der bloß nicht das Werk von Strunz fortsetzt; Köln braucht einen Ersatzmann für Rapolder und Kaiserslautern eine Führungskraft, die Jäggi ersetzt. Nie wurde so viel entlassen, beurlaubt, freigestellt, zurückgetreten wie heute. Selbstverständlich kommt einem da die These in den Sinn, dass die Liga im Jahr der Weltmeisterschaft verrückt geworden ist. Aber bei genauer Betrachtung finden sich keine überzeugenden Anhaltspunkte dafür, dass die WM der Antrieb fortschreitender Hysterie sein sollte. Eher trifft wohl zu, dass sich lauter lokale Sonderfälle zum Rekord summieren.“

Schwache Spiele, Disziplinlosigkeit, Entfremdung

Strunz und Fach, eine „offenkundige Fehlbesetzung“, beanstandet die FAZ. Besonders der Manager hat eine schlechte Presse und den schlechten Ruf als großmäuliger Emporkömmling. Sven Flohr (Welt) hat auf seine Entlassung gewartet: „Selten schien die Ablösung eines Führungsduos in der Bundesliga so logisch wie in diesem Fall. Das Duo steuerte seit Wochen auf den Abgrund zu: Strunz hatte es sich am Ende der schlechtesten Hinrunde seit dem Aufstieg 1997 mit Spielern, Fans und Vorstand verscherzt. Der Trainer war indes in der Mannschaft nicht unbeliebt. Fachs Problem war vielmehr, daß er sich an Strunz kettete und immer wieder die Nähe zum Manager herausstrich. Auch sein Umgang mit den lokalen Medien wurde zunehmend zum Problem. So herrschte Fach in einer Pressekonferenz die zurückhaltenden Reporter an, ob sie nur zum Essen gekommen seien. Fach selbst hat nun viel Zeit und auch Geld, um gut dinieren zu können.“

Javier Cáceres (SZ) meint, dass Strunz sein Scheitern ausgerechnet durch Bescheidenheit und Realitätssinn beschleunigt habe: „Nicht nur an seiner Unfähigkeit, ein Auskommen mit der Belegschaft herzustellen, scheiterte Strunz, sondern vor allem daran, dass er Harakiri beging, ohne es zu merken: Nämlich als er darauf bestand, offiziell die Abkehr vom Ziel Champions League zu verkünden. Das erschien zwar angesichts von 33 Punkten im Kalenderjahr 2005 als logisch, zumal Wolfsburg mit Personalkosten von 26,4 Millionen Euro weit hinter der Ligaspitze herhinkt. Im System VW war allerdings die Abkehr von dem Traum, den der frühere VW-Personalvorstand Peter Hartz Anfang 2002 ausgegeben hatte, ein irreparabler binnenpolitischer Fehler. VW unterhält seine fußballspielende Tochtergesellschaft nämlich vor allem zwecks Imagepflege und PR. Und die ist angesichts eines 99-prozentigen Bekanntheitsgrads der Marke VW in Deutschland vor allem international ausgerichtet.“ Auch Frank Heike (FAZ) hält die Entscheidung der Vereinsführung für folgerichtig: „Am Ende rotierte der VfL in der Krise um schwache Spiele, Disziplinlosigkeiten und Entfremdung zwischen Profis und sportlicher Führung mit einer solchen Geschwindigkeit, daß die Entlassung der sportlich Verantwortlichen kaum noch überrascht.“

Hasardeur

Thomas Kistner (SZ) kann und will nicht glauben, dass Köln Michael Meier unter Vertrag nimmt: „Schöne Bescherung für die Bundesliga: Auch Meier kehrt zurück, Moneten-Meier, der Mann vom Fach, der beim Fast-Untergang Borussia Dortmunds so kundig Hand anlegte, als es darum ging, die immer aberwitzigeren Finanzkonstrukte des damaligen Klubchefs Gerd Niebaum diplomkaufmännisch souverän ins Werk zu setzen. Ein ausgewiesener Hasardeur also (…) Dabei lässt sich die Personalie nicht unbedingt in Einklang bringen mit den aktuellen Kölner Bedürfnissen. Meier hat sich in der Branche nie dem Verdacht ausgesetzt, ein großer Kenner der Fußballszene zu sein.“

Das kannst nicht Du gewesen sein!

Norbert Meier im Interview mit Ulrich Hartmann (SZ)
SZ: Die Sperre durch den DFB, die zu Ihrer Entlassung geführt hat, wurde auch ausgesprochen, weil Sie laut Ausbildungsstatut ihre Vorbildfunktion missachtet haben. Wie sehr kann man Vorbild sein, wenn man dermaßen unter Druck steht?
NM: Man sollte sich schon bemühen, gewisse Grenzen nicht zu überschreiten. Andererseits bin ich ja auch nur ein Mensch und mache Fehler.
SZ: Trotzdem hat niemand verstanden, wie Sie Albert Streit eine Kopfnuss haben geben können und hinterher behaupten, Ihnen sei übel mitgespielt worden.
NM: Ich konnte unmittelbar nach dieser Szene wirklich nicht mehr sagen, was eigentlich passiert ist. Das ist als würden Sie einen Unfall bauen und hinterher nicht mehr wissen, was war. So war es bei mir auch. Ich habe die Sache in der Presskonferenz dargestellt, ohne die Bilder gesehen zu haben. Alle anderen hatten sie aber gesehen! Und wenn du das dann so darstellst, bist du natürlich auf dem falschen Weg. Wir brauchen gar nicht mehr darüber zu reden, dass ich einen Fehler gemacht habe. Ich will mich auch nicht mehr rechtfertigen müssen.
SZ: Aber erklären?
NM: Es kommt jemand auf Sie zu und kommt nicht nur in Ihre Coaching-Zone, sondern auch in Ihre persönliche Zone. Ich weiß nicht, wie Sie reagieren, wenn sich jemand einen Zentimeter vor Ihnen aufbaut…
SZ: … kommt im Büro selten vor …
NM: … aber ich müsste als Trainer eben weggehen. Stattdessen stehen wir da wie zwei Jungs früher, ich mache den Schritt nach vorne nach dem Motto: ‚Was willst Du jetzt von mir?’ Aber ich will dem keine Kopfnuss geben, ich habe sogar die Arme verschränkt, sehen Sie sich das mal genau an, das ist eigentlich eine Abwehrreaktion.
SZ: Mit dem Kopf nach vorne zu gehen, ist durchaus eine Aktion der Aggressivität. Aber dass Sie sich danach haben hinfallen lassen, war das eine intuitive Reaktion, um die Situation für sich zu entschärfen? Sie wussten ja wohl, dass die Kopfnuss nicht in Ordnung war.
NM: Das kann ich nicht sagen. Vielleicht habe ich mich nur erschrocken. Ich weiß, dass ich als Trainer nicht aktiv irgendwelche Spiele beeinflussen kann, und ich brauche auch nicht hinzugehen, um für Herrn Streit eine Rote Karte zu provozieren. Ich habe mich erschrocken, weil ich solche Konfrontationen nicht gewohnt bin. Da ist nicht meine Art.
SZ: Zu welchem Zeitpunkt ist Ihnen bewusst geworden, was passiert ist?
NM: Als ich mir nachts zuhause die Bilder angesehen habe. Da habe ich mich noch einmal richtig erschrocken.
SZ: Wie hat sich Ihre emotionale Wahrnehmung der Szene dadurch verändert, dass Sie sie oft im Fernsehen sahen?
NM: Gar nicht. Es war nicht wie bei einem Mann, der plötzlich sein Gedächtnis wiederfindet. Ich habe die Szene gesehen und dachte: Da steht jemand anderes! Das kannst nicht Du gewesen sein!

Sieg der Old Economy über den Börsenwahn

Norbert Thomma (Tsp) zeichnet Kontinuität und Bodenständigkeit in München und Freiburg aus: „Die von Gerhard Schröder postulierte Politik der ruhigen Hand – in diesen beiden Vereinen ist sie zu bestaunen. Kontinuität hat Vorrang. Verträge per Handschlag werden eingehalten. Finanzielle Eskapaden überlässt man der Konkurrenz. Dabei ist Uli Honeß so etwas wie der Dagobert Duck der Liga: Geld lässt seine Augen leuchten. Seine Erdung hat der Metzgersohn trotzdem nie verloren. Achim Stocker hat lange in Freiburg die Oberfinanzdirektion geleitet, er weiß, dass auch Büroklammern ihren Wert haben. Bayern und Freiburg, das ist der Sieg der Old Economy über den Börsenwahn. Einmal als große Oper, einmal als Kleinkunstbühne. Applaus, Applaus!“

Rätsel

Ein überraschender Text von Heinz-Wilhelm Bertram (FTD): „Magath ist vielen Münchnern ein Rätsel geblieben. Befremdend wirkt etwa, dass er in der Hochburg des hellen Bieres seine Antworten mit rituell-zeremonieller Hingabe auf dem Grund seiner geliebten Tasse Pfefferminztee zu suchen scheint. Warum spricht er so provozierend leise? Um dann so laut zu werden, dass die Tonanlage kreischt. Wie ist zu erklären, dass er sachlich und pragmatisch referiert, um urplötzlich ohne erkennbaren Grund loszupoltern? Die ratlosen Beobachter können sich nicht erklären, warum der Bayern-Trainer bei seinen Antworten oftmals Mutmaßungen und Zweideutigkeiten hinterlässt.“

Welt-Interview mit Felix Magath

FR: Hans Meyer hat den 1. FC Nürnberg auf Vordermann gebracht

FR: Piotr Trochowski zieht die Fäden im Mittelfeld des Hamburger SV und hat die WM im Hinterkopf

BLZ: Der kultige FC St. Pauli empfängt Hertha BSC

Entscheidung bei den TV-Rechten: „Die Liga hat meisterhaft gespielt, sie hat die Wettbewerber am Nasenring durch die Manege geführt, man konnte spüren, wie die Nervosität von Tag zu Tag stieg“ (FAZ)

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