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Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Bundesliga

Hamburger SV–VfB Stuttgart 0:2

Oliver Fritsch | Dienstag, 28. Februar 2006 Kommentare deaktiviert für Hamburger SV–VfB Stuttgart 0:2

Verkrampft und ohne Esprit

Frank Heike (FAZ) drückt seine Sorge um das Hamburger Innenleben aus: „Der Zusammenhalt war die Stärke der zweitbesten Mannschaft der Hinrunde. So wurde der HSV zum gefeierten Bayern-Jäger. Die Profis schwärmten vom Klima. Davon ist in diesen Wochen wenig geblieben, und wenn der HSV auf Rang 3 auch immer noch gut dasteht, weist der Weg doch deutlich nach unten. Es hat zu viele Störungen gegeben im Innenleben der einst so gut funktionierenden Mannschaft. Natürlich haben die Hamburger inzwischen gemerkt, daß es leichter ist, etwas zu erreichen, als es zu verteidigen. Der HSV spielt verkrampft und ohne Esprit. Schon wird bang auf den anrückenden FC Schalke 04 geschaut: Klar ist, daß Rang 4 nach diesem Saisonverlauf ein Mißerfolg wäre – die Mannschaft will in die Champions League, und die garantierten Millionen wären auf dem langen Weg zum europäischen Spitzenklub der nötige Brennstoff. Plötzlich ist alles in Gefahr. (…) Es war ein beeindruckender Sieg des VfB. Befreit von den Fesseln Trapattonis, spielten die Schwaben clever im Stile einer Spitzenmannschaft.“ Jörg Marwedel (SZ) schaut skeptisch nach vorne: „Das alles sind schlechte Vorzeichen für das Gastspiel in München, das doch ein echter Gipfel werden sollte: Van der Vaart noch in der Orientierungsphase, van Buyten und Wicky gesperrt, dazu ein Sturm, in dem der überspielte Barbarez derzeit nicht mal das leistet, was dem halbierten, von ihm abgelehnten Vertragsangebot des Vereins entsprechen würde. (…) Es gibt Grund für die Annahme, dem HSV könne im Rennen um Platz 2 die Luft ausgehen.“

Iss schneller fertig als gedacht

Sven Flohr (Welt) hält Stuttgarter Sprachwandel fest: „Jürgen Rotthaus, der Marketingchef des VfB, hatte zuletzt viel zu tun, mußte er doch dafür sorgen, daß möglichst nichts mehr an den von ihm geschätzten Kulttrainer erinnert. So mußte das große Trapattoni-Porträt in der Marketing-Geschäftsstelle entfernt und ein neues Mannschaftsfoto erstellt werden, ebenso ein Fanartikelkatalog. Rotthaus sagt: ‚Wir haben aber unser Gesamtmarketing nicht auf Trapattoni ausgerichtet. Wir sind Profis genug, um zu wissen, wie anfällig so etwas ist.‘ Viele Sponsoren setzten dagegen auf Sprüche des berühmten Trainers und mußten nun Werbetafeln ersetzen. Das betraf etwa eine Fluglinie (‚Wir haben günstig‘/'Was erlauben Taxipreis?‘), einen Telefonanbieter (‚Bei uns haben die anderen fertig‘) und einen Autohersteller, der auf einer 89-Meter-Bande prahlte: ‚Wir haben fertig – der 911er ist da‘. Ganz verschwunden ist der Italiener aber nicht aus dem Stadtbild. Da die Privatsponsoren ihm die Treue halten, wirbt der plakatierte Maestro weiter für Sprudel und Maultaschen. Teils mit modifizierten Sprüchen. Einer lautet: ‚Iss schneller fertig als gedacht‘.“

MSV Duisburg–Hertha BSC Berlin 2:1

Freudsche Massenflucht

Mitgefühl kann grausam sein – Ulrich Hartmann und Javier Cáceres (SZ) berichten von der Pressekonferenz: „Falko Götz setzte einen traurigen Tunnelblick auf. Er reflektierte die Niederlage mit trübem Gestus und tristem Vokabular, und als dann mit Jürgen Kohler zu einem freudenreichen Vortrag anhub, schien Götz in ferne Welten abzugleiten, in ein Phantasiereich, in dem gute Fußballer gut Fußball spielen und ein mit großen Zielen ausgestatteter Klub auch wirklich große Ziele erreicht. Aber Götz wurde schnell zurückgeholt in die Wirklichkeit. Als Kohler die von ihren Notizblöcken aufblickenden Journalisten mit der Mitteilung überraschte, Herthas Spieler hätten mit ihrer kämpferischen Leistung jede Diskussion um ihren Trainer beendet, ‚wenn es sie denn überhaupt gegeben hat‘, da brach es aus Götz heraus. Er lachte auf und grinste breit, und womöglich hat er auch noch hoch droben im Flugzeugsessel, Seite an Seite mit Dieter Hoeneß, noch einmal vor sich hingekichert. Dass Kohler sich zum Kabarettisten eignet, war die dritte Erkenntnis. Die zweite war, dass der MSV noch gewinnen kann. Die wichtigste Erkenntnis aber war, dass es eine schwierige Woche wird für Götz und Hertha BSC, und dass die Diskussion um den Coach mitnichten verstummen, sondern lauter wird (…) Mit sieben Platzverweisen aus acht Spielen im Kalenderjahr 2006 wirkt die Berliner Selbstgeißelung wie eine freudsche Massenflucht. Die Spieler haben offenbar nicht mehr viel Spaß auf dem Platz.“

Den Spaß genommen

Matthias Wolf (FAS) hält den Berlinern vor, sie hätten ihr Baby Marcelinho besser behüten sollen: „In der Misere haben sie bei Hertha die Geduld verloren mit ihrem Exzentriker. Dabei vergessen sie, daß ohne ihn – im letzten Jahr von der Liga zum besten Feldspieler gewählt – die Hertha noch grauer und gesichtsloser wäre. Das ‚Premium-Produkt‘, der ‚Markenartikel‘ (Hoeneß), hat in Wirklichkeit nur regionale Bedeutung. Hertha bleibt die alte Dame mit provinziellem Parfum. Das gewisse Etwas liefert meist nur Marcelinho. Vielleicht der einzige Transfer, für den sich Hoeneß wirklich feiern lassen darf. Das Problem ist nur, daß er sich gerade der Masse im Kader anpaßt, in Krisenzeiten keine Führungsperson ist. Aber wo stünde Hertha selbst in diesen Tagen ohne seine acht Tore und acht Vorlagen? (…) Nein, das ist nicht mehr der Künstler, dem bei jedem Übersteiger mit seinen maßgeschneiderten Schuhen einst die Freude anzusehen war. Marcelinho wurde der Spaß genommen. Am Fußball und am Leben in einer pulsierenden Stadt. Immer seltener geht er aus. Eine Diskothek wollte er in der Nähe des Kurfürstendamms eröffnen. Die Räume waren schon gemietet – aber Hertha verbot ihm den Nebenerwerb. Deshalb hat er viel Geld verloren. Außerdem soll Hoeneß jüngst seinen Berater regelrecht abblitzen lassen haben, als dieser um eine Verlängerung des bis 2007 datierten Vertrages vorstellig wurde. Ein Thema übrigens, das der Verein vor einem halben Jahr noch selbst forciert hatte. Die Kehrtwende, aufgrund einer Formschwäche, hat Marcelinho tief getroffen. Der sensible Spielmacher hat laut nachgedacht über eine Änderung gen Schalke, Leverkusen oder Hamburg. Vielleicht wäre das nach fünf Jahren und einer abgenutzten Beziehung die beste Lösung. Nicht nur in der Hauptstadt gibt es schließlich gute Friseure.“

FR: Götz weiß keinen Rat, wie er Hertha aus der Krise führen kann

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