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Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Bundesliga

Es ist ein Elend

Oliver Fritsch | Dienstag, 4. April 2006 Kommentare deaktiviert für Es ist ein Elend

Sittenverfall auf den Spielfeldern der Bundesliga am Beispiel Schalke gegen Hamburg, Michael Ballack sei der schlimmste, auch van der Vaart simuliert gerne, in Hannover bröckelt’s, u.v.m.

Sehr lesenswert! Daniel Theweleit (SpOn) beklagt den Sittenverfall auf den Spielfeldern der Bundesliga am Beispiel Schalke gegen Hamburg: „Es gibt jede Menge Trainer, Manager und Journalisten, die von den Profis täglich ‚120 Prozent Einsatz und unbedingten Willen‘ fordern und sich dann wundern, wenn die Freude am Risiko, die Kreativität und die Kontrolle über die Nerven verloren gehen. Und die Liga in unschöner Regelmäßigkeit unglaublich schlechte Spiele bietet. Eins wie in Gelsenkirchen: Es wurde provoziert, theatralisch gefallen, auf den Schiedsrichter geschimpft, der Fußballspaß war vorbei. Schon zwei Wochen zuvor, als Schalke bei den Bayern spielte, war etwas Ähnliches passiert. Zwei auf Unnachgiebigkeit und Willenskraft getrimmte Teams zeigten in München ein an Würdelosigkeit kaum zu überbietendes Spitzenspiel, Pässe über 10 Meter missrieten, stattdessen zeigten die Spieler virtuose Grätschen mit 25 Metern Anlauf, unzählige Luftkämpfe mit ruppigem Ellenbogeneinsatz, schmerzverzerrte Gesichter nach harmlosen Fouls und alles, was sonst noch in das Repertoire des schmutzigen Fußballs gehört. Italienischen Fußball haben wir dafür einst verachtet, jetzt sind wir selber so, es ist ein Elend. (…)

Der Schmutzigste von allen ist der Held der Nation: Michael Ballack. Fernsehkommentatoren sagen nach Ballacks Gemeinheiten gerne bewundernd, der Kapitän setze ‚ein Zeichen‘, in Wahrheit handelt es sich aber um eine Spielweise, die schlicht unfair ist. Ballack beherrscht es meisterhaft, seinen Gegenspielern in kleinen Fouls richtig weh zu tun, er liebt es, mit theatralischen Stürzen nach harmlosen Tacklings Gelbe Karten zu provozieren – immer im Bewusstsein seiner Sonderstellung als Retter der Nation. Und Felix Magath klopft ihm hinterher gewiss auf die Schulter, und sagt: Super Michael, den Podolski hast du richtig eingeschüchtert! Genau so ticken viel zu viele Verantwortliche im deutschen Fußball. Magath ist einer, der im Zweifel lieber Hasan Salihamidzic (‚der ist energischer‘) aufstellt als Bastian Schweinsteiger. Über das üble spielerische Niveau der Liga und über die Überlegenheit anderer europäischer Ligen braucht man sich da nicht zu wundern. (…) Die Zuschauer eines Abstiegskandidaten wie Mainz haben bessere Aussichten auf ein attraktives Fußballspiel als die von Schalke und Bayern.“

Unkultur des Kleinbetrugs

Richard Leipold (FAZ) schimpft Rafael van der Vaart wegen dessen Hang zur Simulation: „Wenn die Kugel rollt, führt der Mittelfeldspieler des Hamburger SV meist genial Regie; im Spiel ohne Ball hat er in Gelsenkirchen bühnenreif die Rolle des Opfers bekleidet. Im Übereifer des Gefechts war Rafinha, dem schmächtigen Verteidiger des FC Schalke, die Hand ausgerutscht; er ist zu Recht mit der Roten Karte bestraft worden. Aber war nicht auch das vermeintlich schwer getroffene Opfer ein Täter? Van der Vaart fiel um, als hätte ein Schwergewichtsboxer ihn zu Boden gestreckt. Er wollte dem Schiedsrichter offenbar vorsorglich die Schwere des Vergehens vor Augen führen. So wurde er selbst zum Bösewicht. Sein Verhalten war nicht nur überflüssig, sondern unsportlich – und mit der Gelben Karte zu bestrafen. (…) Die Tendenz zur sogenannten, vor allem im gegnerischen Strafraum praktizierten ‚Schwalbe‘ ist rückläufig, auch weil die Schiedsrichter inzwischen ein Auge für dieses vorgetäuschte Foul haben. Der Trend geht hin einer anderen Art, den Gegner im Fallen zu schwächen. Auch auf Täuschungen a la van der Vaart sollten die Schiedsrichter sich vorbereiten.“ Christoph Biermann (SZ) wendet sich von den Schalker Schwalben ab: „Sowohl Gerald Asamoah als noch mehr sein Kollege Lincoln neigen dazu, aus fast jedem Zweikampf einen Freistoß schinden zu wollen. Jeder Fuß und jedes Bein, das sich ihnen in den Weg stellt, ist eine potenzielle Absprungschanze. Mitunter sind es sogar wirklich Fouls, aber bei all dem Fliegen und Zusammensinken ist das kaum noch zu unterscheiden. Dabei hätten es der im Moment in prächtiger Form spielende deutsche Nationalspieler sowie der mitunter geniale Brasilianer gar nicht nötig. Teilweise brechen sie auf diese Weise sogar Dribblings ab, die sie sonst gewonnen hätten. Asamoah und Lincoln stehen für eine in der Bundesliga weit verbreitete Unkultur des Kleinbetrugs. Angesichts der Qualität dieser Spieler wirkt das so, als würden Großunternehmer versuchen, sich am Straßenrand durch Hütchenspielertricks zu bereichern.“

Hannover 96–Arminia Bielefeld 0:1

Gegenwind

Jörg Marwedel (SZ) erspäht Risse in Hannovers Innenbau: „Vielleicht ist es gut, dass Peter Neururer und Ilja Kaenzig per Sie verkehren. So müssen der Trainer und der Manager von Hannover 96 nicht erst künstliche Distanz herstellen. Es gibt nämlich für beide Seiten Anlass, ernste Worte miteinander zu reden. Kaenzig dürfte ziemlich beunruhigt darüber sein, welches Tempo die Talfahrt des Teams aufgenommen hat nach der anfänglich von Neururer entfachten Euphorie. So miserabel präsentierte sich Hannover, dass auch der Coach nichts mehr schönreden mochte. (…) Neururer wird Antworten darauf geben müssen, wie er den Trend zu stoppen gedenkt. Es gibt ja nicht wenige Skeptiker in der Branche, die die Halbwertzeit des vollmundigen Motivators für relativ kurz halten.“ Achim Lierchert (FAZ) fügt hinzu: „Neururer weht erstmals in seiner erst sechzen Spielen währenden hannoverschen Zeit Gegenwind scharf ins Gesicht. Die von spielerischer Arnut und Konzeptlosigkeit geprägte Vorstellung schürt die Unzufriedenheit am anspruchsvollen WM-Spielort Hannover, der nicht nur zum bevorstehenden Weltturnier nach internationalem Fußball lechzt. Von einer erhofften Teilnahme am Uefa-Pokal allerdings ist das Team weit entfernt. Zudem sorgen Dissonanzen zwischen dem Coach und Manager Kaenzig in der Transferpolitik für eine angespannte Atmosphäre und lassen unruhige Tage erwarten. (…) 34 Punkte haben die Hannoveraner gesammelt und sind enttäuscht – die gleiche Marke sorgt in Bielefeld für Freude. Erstmals seit zwanzig Jahren winkt die Chance, ein drittes Jahr in Folge erstklassig zu spielen.“

Das gleiche Resultat

Neue Gesichter, altes Ergebnis, das ist Duisburg – Stefan Osterhaus (NZZ): „Es gab einmal eine Zeit, da wirkte Jürgen Kohler nicht wie Jürgen Kohler, sondern wie ein Mann, der nicht im Fussball sein Geld verdient. Er trug ein Bärtchen, das nach einem Trotzki-Bärtchen aussah. Er trug eine Goldrandbrille, die den Träger unendlich klug wirken liess. Er sah aus wie ein Kulturmensch aus Frankfurt, vielleicht wie ein Lektor vom Suhrkamp-Verlag, und alle sagten, wie sehr sich der Kohler doch verändert habe; ausgerechnet er, der Haudegen, der Stopper, der erbarmungslose Abräumer – der Mann, den sie in Dortmund Fussballgott nannten, weil er im hohen Alter endlich das Passspiel lernte. Jetzt steht ein Jürgen Kohler, der aussieht wie ein Fussballtrainer Kohler, an der Seitenlinie des MSV Duisburg. Er ist dessen Coach geworden, nachdem der damals wie heute abstiegsbedrohte Klub Norbert Meier im Winter entlassen hatte – nicht wegen Erfolglosigkeit, sondern weil er einen Spieler der gegnerischen Mannschaft mit dem Kopf gestossen hatte. Eine Dummheit, eine Affekthandlung, verwunderlich allemal, weil niemand dem Meier so etwas zugetraut hatte. Ein feiner Fussballer war er gewesen, einer, der Spielkultur schätzte, doch als Trainer in Duisburg musste er mit den Gegebenheiten auskommen. So kommt es, dass die Mannschaft unter Kohler, dem Unerbittlichen, so ziemlich den gleichen Fussball spielt wie unter Meier, dem Feingeistigen, und wahrscheinlich ist das Resultat am Ende das gleiche: Abstieg.“

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