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Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Ball und Buchstabe

Überstrapaziert

Oliver Fritsch | Montag, 29. Mai 2006 Kommentare deaktiviert für Überstrapaziert

Holger Gertz (SZ/Seite 3) ist erleichtert, daß die WM nicht im Zeichen des Wahlkampfs steht und sich Angela Merkel im Vergleich mit Gerhard Schröder mit Anbiederungen an den Fußball zurückhält: „Fünf Millionen Arbeitslose sind ein Fakt, aber Fußball ist ein Symbol. Ein Symbol kann von Fakten ablenken. Fakten sind oft eine Enttäuschung, Symbole sind oft ein Versprechen. Der Fußball, den jeder spielen kann, der jedem auf der Welt gehört, mit dem jeder etwas verknüpft, der auch dem ärmsten Kind eine Chance zu bieten scheint, der eine Sprache anbietet, in der sich alle verständigen können, der Spannung ins Leben trägt und echte Solidarität abverlangt, ist ein enorm starkes Symbol. Ein Medienkanzler wie Schröder wusste, was es bringen kann, wenn man zum richtigen Zeitpunkt auf überflutetem Gelände steht, in Gummistiefeln und Regenzeug. Selbst Gummistiefel können Symbolkraft entfalten. Wer als Politiker eher mit Symbolen arbeitet, als sich an Realitäten zu orientieren, wird den Fußball wirken lassen, wo er nur kann. Wird, wie Schröder, den Fußballer Pelé herzen, wo er ihn zu fassen kriegt. Wird in Cottbus den Schal von Energie Cottbus tragen und in Dortmund den vom BVB und in Hannover den von 96. Wird sich ‚Fußballkanzler‘ nennen lassen und darauf vertrauen, dass die Wähler – und die Medien – seine Nähe zum Fußball als echt verstehen und nicht als kalkuliert. (…) Jetzt sind es noch zwei Wochen bis zur WM. Und wenn nicht Schröder beschlossen hätte, die Wahl vorzuziehen, wäre jetzt Wahlkampf. Dann wäre Schröder längst ins Trainingslager gereist, dann würden Demoskopen fragen, wie die WM die Wahl beeinflusst. Dann würden die Spieler Asamoah und Odonkor instrumentalisiert: als von den Politikern oder von den Medien oder von beiden verwertbares Symbol dafür, dass Fußball weiter ist als eine Gesellschaft, in der Ausländer zu Tode geprügelt werden. Aber weil der Fußballkanzler ausgewechselt wurde und der bayerische Fußballministerpräsident sich mehr oder weniger selbst aus dem Spiel genommen hat, hat auch der Fußball als Symbol in der politischen Diskussion an Bedeutung verloren. Sogar in der Politikersprache. Wer – außer Stoiber – spricht noch davon, Deutschland müsse endlich die Abstiegsplätze in Europa verlassen? (…) Angela Merkel hat zu ihrer China-Reise in der vergangenen Woche keinen Fußballer mitgenommen. Sie hatte Wirtschaftsleute zum Türöffnen dabei. Vielleicht haben Politiker den Fußball überstrapaziert, vielleicht haben sie seine Wirkung überschätzt. Vielleicht haben sie sich lächerlich gemacht mit ihren verzweifelten Versuchen an der Torwand. Angela Merkels Popularität ist jedenfalls immer noch beachtlich. Obwohl sie mit Fußball nicht viel anfangen kann.“

Man kann alles Notwendige während des Spiels sagen

Manfred Breuckmann im Interview mit der Berliner Zeitung
BLZ: Führen Sie für’s Radio Interviews mit Fußballern?
Breuckmann: Nein, Gott sei Dank nicht. Ich halte von Fußballer-Interviews überhaupt nichts. Die Jungs sollen Fußball spielen und keine Interviews geben. Die meisten davon sind nichtssagend bis unsäglich und vom Informationsgehalt auch sehr dürftig.
BLZ: Im Fernsehen gehören sie aber zu jeder Fußball-Übertragung.
Breuckmann: Ich persönlich könnte darauf gut verzichten. Es gab mal eine Zeit, da fingen Fußballspiele noch mit der Eurovisionshymne an. Anschließend erschien auf dem Bildschirm der Mittelkreis des Fußballfeldes, da standen zwei Spieler und machten den Anstoß. Wenn das heute noch genauso wäre, hätte ich überhaupt nichts dagegen. Das Vorprogramm gibt es doch nur, damit die Werbespots besser platziert werden können, und nicht, weil ein umfassender Informationsanspruch herrscht. Man kann alles Notwendige während des Spiels sagen.
BLZ: In Ihrer Vita finden sich Ausflüge ins Fernsehen, am Ende sind Sie beim Radio geblieben. Warum?
Breuckmann: Es gibt zwei Möglichkeiten: einmal die Arbeit für eine Sendung wie die Sportschau, wo man eine Konserve herstellt, die später gesendet wird. Da fühle ich mich als Live-Kommentator im Hörfunk wesentlich besser aufgehoben. Dann gibt es die Magazinmoderation. Aber dabei stört mich diese inszenierte Körperlichkeit: Bim ersten Satz guckst du in die Kamera 1, dann drehst du dich nach rechts und guckst in die 2, und bei deinem letzten Satz gehst du einen Schritt zurück. Das ist für mich eine Art Fesselung, da kann ich weder meine sprachlichen Qualitäten noch Lockerheit entfalten. Fernsehen ist eben nicht die Steigerung von Radio, sondern eine ganz andere Art Berichterstattung, die man sich mühsam beibringen muss.
BLZ: Wie würden Sie den Zustand des deutschen Fußballs beschreiben?
Breuckmann: Mittelmaß. Ein Mittelmaß, das vielleicht durch eine gewisse Euphorie bei dieser WM noch gesteigert werden kann. Ansonsten können die Deutschen aber mit Nationen wie Brasilien, Argentinien, Italien, England oder Holland nicht mithalten. Das ist Fakt. Darüber wird ja nur deswegen noch diskutiert, weil alle so enthusiastisch und manchmal auch so hysterisch fordern, dass Deutschland Weltmeister werden muss bei der WM im eigenen Land. Es wäre schön, wenn wir es würden, aber wenn es leistungsmäßig nicht langt, wovon ich ausgehe, dann ist das doch keine nationale Katastrophe. Dann wird doch Deutschland nicht von der Weltkarte getilgt.

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