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Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Deutsche Elf

Populistischer Mist

Oliver Fritsch | Dienstag, 27. Juni 2006 Kommentare deaktiviert für Populistischer Mist

Die FAZ fragt heute Offizielle aus dem deutschen Profifußball nach ihrer Meinung über Jürgen Klinsmanns Arbeit, darunter auch seine Kritiker. Peter Neururer, Hannovers Trainer, verbittet sich den Rat Oliver Bierhoffs, sich an den Methoden Jürgen Klinsmanns zu orientieren: „Oliver Bierhoff ist ein junger Mann, der in dieser Funktion noch nicht lange im Geschäft ist. Wenn er in einer euphorisierten Phase solch einen populistischen Mist erzählt, muß man ihm das nachsehen. Lehmann und Huth ausgenommen, werden doch alle aus der Bundesliga rekrutiert. So schlecht kann unsere Arbeit dann wohl nicht sein. Ich könnte viel dazu sagen, aber wir wollen während der WM Ruhe haben und die Nationalmannschaft unterstützen. Ich bin ja auch Fan der Nationalmannschaft.“ Auf die Frage, ob ein Bundesligatrainer aus dem Auftreten der Nationalelf etwas lernen könne, antwortet Neururer kurz und bündig: „Nein.“ Ein Lob kommt ihm nur schwer über die Lippen: „Ich bin nicht bei der Spielersitzung. Aber wir haben alle vier WM-Spiele gewonnen. Also macht Jürgen alles richtig.“ Neururer, der zu den härtesten Gegnern Klinsmanns zählt, ist stolz darauf, zu seiner Kritik zu stehen „Im Gegensatz zu vielen anderen Leuten ändere ich meine Meinung nicht nur aufgrund der Tatsache, daß der eine oder andere Erfolg eingefahren worden ist. Ich bleibe dabei: Das, was hier vorher gelaufen ist mit Jürgen – ich habe ihm das auch selbst gesagt –, wird nicht plötzlich gut, weil die Ergebnisse stimmen. Ich hoffe, daß wir Weltmeister werden. Aber wir werden mit Sicherheit nicht Weltmeister, weil er in Kalifornien wohnt und von der Bundesliga nicht viel mitbekommen hat. Viele von denen, die vorher mit Dreck geworfen haben, müssen jetzt wohl die Klappe halten; zum einen, weil sie kein Rückgrat haben, zum anderen, weil sie von den Ergebnissen geblendet sind. Umfaller haben wir in dieser Republik doch reichlich.“

Herzerfrischender Fußball

Hans Meyer, Nürnbergs Trainer, gilt als moderater Unterstützer Klinsmanns; er bewundert ihn: „Es ist großartig, wie Klinsmann all die Schwierigkeiten gemeistert hat, wenn man bedenkt, daß die Boulevardpresse ihn noch sechs Wochen vor der WM in Frage gestellt hat. Er hat ein Konzept, er hat es mit viel Konsequenz und Standhaftigkeit durchgezogen. Das ist nicht leicht, wenn man die Boulevardpresse im Nacken hat. Und wenn man nicht deren Ziehkind ist. Jürgen ist zum Glück nicht nur beratungsresistent, er ist auch resistent gegen all die Themen, die von außen konstruiert werden. In den letzten Wochen haben er und sein Team nicht nur die deutsche Öffentlichkeit, auch die Weltöffentlichkeit völlig überzeugt. (…) Es ist in Deutschland etwas Neues, daß der Trainer der Nationalmannschaft einen neuen Stil einführt. Einen Stil, der mit mehr Aktivität im Spiel verbunden ist und dem Zuschauerwunsch nach attraktivem Fußball entgegenkommt. Wenn er bleibt mit seinen Leuten und diese Linie fortführt, wenn er dafür sorgt, daß Sportdirektor Matthias Sammer Rückendeckung bekommt, um die Ausbildung, das ganze System bis nach unten diesem Stil entsprechend zu reformieren, dann wäre das eine phantastische Sache für den deutschen Fußball. (…) Das Schlimmste aber wäre, wenn nach dieser phantastischen Leistung bei der WM wieder jemand käme und das Physische über alles stellt. Wenn Gummibänder und Schnellkraftübungen und so weiter im Mittelpunkt stehen. Und nicht das Wichtigste: wie Jürgen Klinsmann Fußball spielen läßt. Das ist sein größtes Verdienst: daß mit ihm ein deutsches Team wieder herzerfrischenden Fußball spielt.“

Die handelnden Personen sind bei uns schwer zu überzeugen

Auszug aus dem Gespräch mit Ralf Rangnick, dem neuen Trainer Hoffenheims
FAZ: Wie könnte ein WM-Erfolg durch Jürgen Klinsmann den deutschen Fußball ändern?
Rangnick: Ich glaube, die handelnden Personen in den Vereinen werden auch durch die positiven Entwicklungen bei dieser WM nicht ihr Verhalten ändern. Das werden keine anderen Menschen werden. Dem deutschen Fußball tut gut, zu wissen, daß wir wieder vorne dabei sind. Wir holen uns wieder etwas zurück vom verlorengegangenen Image.
FAZ: Gehen den Betonköpfen im deutschen Fußball nicht langsam die Argumente aus?
Rangnick: Fußball ist ein Spiegelbild der Gesellschaft. Wenn du in Deutschland etwas ändern willst, dann stößt du meistens auf Widerstände, stärker als in anderen Ländern. Wir haben überall in Deutschland diese Trägheit. Warum sind in den Sommermonaten, wenn die Kinder große Ferien haben und unausgelastet sind, die Fußballplätze geschlossen? Wenn man da nachfragt, kommt die Antwort: Das war immer so. Die handelnden Personen sind bei uns schwer zu überzeugen. Daran wird sich auch nichts ändern, wenn die WM gut läuft für unsere Nationalmannschaft.

Klinsmann hat alles richtig gemacht

Auszug aus dem Interview mit Karl-Heinz Rummenigge, dem Vorstandsvorsitzenden Bayern Münchens
FAZ: Sie und Ihre Vorstandskollegen beim FC Bayern gehörten zu denjenigen, die Bundestrainer Klinsmann kritisiert hatten. Leisten Sie nun Abbitte?
Rummenigge: Natürlich waren wir bei gewissen Themen manchmal anderer Meinung. Aber ich muß widersprechen, daß wir Probleme mit Klinsmann hatten: Wir gehörten zu den wenigen, die ihn gestützt haben.
FAZ: Aber auch beim FC Bayern hat man die eher außergewöhnlichen Methoden des Jürgen Klinsmann schon mal belächelt.
Rummenigge: Ich fand die ganze Zeit, daß es zwar ein neuer, aber auch ein interessanter Weg ist. Denn was die Nationalmannschaft die letzten zehn Jahre geleistet hat in Form von fußballerischem Spektakel, das kann man vergessen. 2002 haben wir das Finale erreicht, aber fußballerisch keine Maßstäbe gesetzt. Jetzt setzen wir Maßstäbe. Und die Jungs waren bisher jeder Mannschaft bei diesem Turnier körperlich überlegen.
FAZ: Hat der Bundestrainer also alles richtig gemacht?
Rummenigge: Klinsmann hat alles richtig gemacht. Er hat es geschafft, alte Tugenden mit neuen Methoden aufleben zu lassen.

Mir gefällt Klinsmann sehr

Tostao, Brasiliens Weltmeister von 1970, teilt der SZ seine Freude an Klinsmann und der deutschen Mannschaft mit: „Es gibt keine Mannschaft, die Pressing spielt und im Feld des Gegners angreift – außer Deutschland. Alle Mannschaften ziehen sich zurück, alles ist taktisch und studiert, nicht vibrierend. Deutschland ist die Ausnahme. Ich wünschte mir, Brasilien würde spielen wie Deutschland. Mein Ideal ist der FC Barcelona. Er setzt den Gegner unter Druck und spielt dennoch technisch. Aber vibrierend. Nicht so langsam wie Argentinien. Die Argentinier verlieren den Ball und ziehen sich sofort zurück. Das wirkt einstudiert. Deutschland hat eine gute, keine außergewöhnliche Mannschaft, aber die Spieler spielen über ihren Möglichkeiten. Argentinien hat zwei Angreifer, die es nicht verdient haben, in der Anfangsformation zu stehen, bisweilen sogar schwache Verteidiger, und viel hängt von Riquelme ab. Wenn er inspiriert ist, spielt Argentinien gut. Klinsmann hat erkannt, dass Deutschland nur auf offensive Weise gewinnen kann. Mir gefällt das sehr.“

Wagemutiges Selbstbewußtsein

Matt Hughes (Times) beäugt skeptisch das deutsche Selbstbewußtsein: „Sogar in den türkischen Vierteln der großen Städte werden deutsche Flaggen gehisst. Die ganze ungleiche Nation scheint sich hinter der jungen Truppe von Klinsmann zu erheben. Das WM-Fieber lässt nicht nach. (…) Klinsmann scheint den WM-Virus zu verbreiten, da sich die Aussichten auf Erfolg sich mit jedem Tag verbessern. Nach dem Sieg gegen Schweden ist sich Klinsmann sicherer als je zuvor, daß Deutschland Argentinien schlagen kann. Das Selbstbewußtsein mutet sehr wagemutig an, hat Deutschland doch seit sechs Jahren keinen ‚Grossen‘ mehr schlagen können.“ Alan Pardew (Independent) hingegen empfiehlt den Engländern, sich an Klinsmann zu orientieren: „Nehmt euch ein Beispiel an Deutschland! Beim Fußball kritisieren wir immer die englischen Medien, weil sie uns so hart rannehmen. In der Vorbereitung hatten die Deutschen das auch – und noch viel mehr. Man sagte ihnen, sie seien nicht gut genug, sie würden sich bei der WM blamieren. Sie seien eine Schlachtbank. Aber sie kamen in Form. Der Geist, die Selbstsicherheit ist groß. Die Kritik hat sie stärker gemacht. Sie haben sich davon gelöst, die Fans haben sich davon gelöst – wir wissen alle, wie gewaltig ein Heimvorteil wirken kann. Mit diesem Selbstbewußtsein ist Deutschland nun Favorit auf den Titel (…). Für Deutschland ist Jürgen Klinsmann wiederbelebend. Er hat etwas, das nur wenige Trainer haben – er kennt keine Fehler. Er war ein herausragender Spieler, und er hat den Kern zu glauben. Dieser über allem stehende Glaube. Klinsmann benimmt sich wie ein Spieler. Er feiert Tore wie ein Spieler. Er lächelt, er ist glücklich und er vermittelt genau das.“

SZ: Der einstige Stürmer Jürgen Klinsmann ist auch als Trainer ein Turnierspieler
SZ: Mehr Gummiband wagen – die Bundesligisten versuchen sich an den DFB-Methoden

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SZ: über die deutsche Reservebank

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