indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Deutsche Elf

Sonderling

Oliver Fritsch | Freitag, 7. Juli 2006 Kommentare deaktiviert für Sonderling

Jan Christian Müller (FR) leistet Abbitte am Bundestrainer: „Sogar die eher Klinsmann-kritische FR hat sich bekehren lassen. Wir stellen nüchtern fest: St. Jürgen hat sich mittels tadellosem Offensivfußball in eine Sache hineinmanövriert, aus der er nun nur noch ganz, ganz schwer wieder rauskommt. Vor ein paar Monaten hätten wir ihn nur allzu gern gemeinsam geteert und gefedert und durch den Frankfurter Stadtwald zum Flughafen getrieben, damit dieser komische Sonderling uns nie wieder unter die Augen kommen möge. Und jetzt: Hängen wir unser Deutschland-Fähnchen in den Wind, liegen dem Reformator des ganzen großen Landes wimmernd zu Füßen und bitten ihn inständig, sich nicht durch den Hinterausgang zu verkrümeln.“

bildblog: Eine sehr lesenswerte Dokumentation über die Kreidefresser der Bild-Zeitung, die Klinsmann nun zum Bleiben überreden wollen, nachdem sie monatelang eine Kampagne gegen ihn geführt haben

Geistig-moralische Elite

Peter Heß (FAZ) kommentiert die Entscheidung der Mannschaft, sich am Sonntag von ihren Fans in Berlin zu verabschieden: „Die Forderung, den Fans etwas zurückgeben zu dürfen, macht die Nationalmannschaft zu einer geistig-moralischen Elite des deutschen Fußballs. Diese Feststellung soll weniger als Lob für die Klinsmänner verstanden werden, sondern eher als Kritik an den sonst herrschenden Verhältnissen. Wenn in vier Jahren sich die Nationalmannschaft wieder ein Abschlußbad in der Menge verordnet und kein Kommentar dazu erscheint, ist der deutsche Fußball einen Schritt weiter gekommen.“

Rückfall ins Mittelalter

Freddie Röckenhaus (SZ) betet, daß Klinsmann weitermacht und malt tausend Teufel an die Wand: „Das Pandämonium, mit dem uns der deutsche Fußball permanent droht, besteht aus Menschen wie Matthäus, Breitner, Sammer, Effenberg, Littbarski oder – jawohl – Berti Vogts. Dazu kommen Honoratioren im Pensionisten-Alter (wie Hitzfeld und Rehhagel) und ewig Irrlichternde wie Daum. War nicht, auf den Schwingen dieser deutschen WM, beinahe schon vergessen worden, welches Wachsfigurenkabinett jahrzehntelang den Spaß an ‚La Mannschaft‘ nahm? Diese Sorte würde sofort nach Klinsmanns Abgang unaufhaltsam und zerstörerisch· in das Vakuum drängen, das die Demission hinterließe. Ein Rückfall in die Zeiten des Rumpelfußballs, des Mittelalters, des meterdicken Mauerns. Ein Wechsel wie von Willy Brandt zu Helmut Kohl. Die Abschaffung der Moderne.“

Primitive Mannschaft

Nachgereicht – ein böser Spielbericht übers Halbfinale aus der spanischen Presse: „Die italienische Auswahl war besser als das extrem zurückhaltende Deutschland. (…) Die Begegnung vermittelt einen Eindruck vom Niveau, auf dem sich der Fußball in letzter Zeit bewegt. Es sind Mannschaften wie die meisten, die am Turnier teilgenommen haben: lauter Spieler, die laufen, hinfallen, wieder aufstehen, weiterlaufen und wieder hinfallen, während sie mit Litern von Schweiß den Rasen bewässern. Daher ist es normal, daß es zur Verlängerung kommt. Erst in dieser setzt Italien auf Qualität und fährt einen Sieg ein, den das primitive Deutschland niemals verdient gehabt hätte. Deutschland ist eine Mannschaft, die übertriebene Lobreden erhalten hat und an die man sich als eine der schlechtesten Mannschaften erinnern wird, die dieses Land je bei einer WM repräsentiert hat. Die Schlagkraft, mit der sie an noch primitiveren Mannschaften vorbeigezogen ist, hat ein falsches Bild ihrer eigentlichen Qualität hinterlassen. (…) Wahrscheinlich ist sich niemand der Schwächen des Teams mehr bewußt als Klinsmann, und deshalb beschloß er, Schweinsteiger auf der Bank zu lassen und auf die Kilos und Zentimeter von Borowski zu setzen. Aber Borowski auf der linken Seite aufzustellen ist wie eine Ampel in der Wüste zu plazieren, die zwar da ist, aber keiner weiß so recht, wozu. So konnte Klinsmann nicht anders, als seinen Fehler zu korrigieren und Schweinsteiger für den schwerfälligen Borowski einzuwechseln. Aber der Großteil des Übels war schon geschehen. Als sie das Mittelfeld und den Ball preisgegeben hatten, war Deutschlands Antwort, hinter den Italienern und dem Ball herzurennen; und wenn sie die Gelegenheit hatten, mit Zustimmung des mexikanischen Schiedsrichters zu foulen, der im Zweifel immer die Gastgeber bevorzugt hat. Und so verging die erste Halbzeit – die beste Nachricht für Klinsmann war, daß sie kein Tor kassierten. Kehl gewann keine Bälle und kreierte keine Angriffe; Ballack war sehr langsam und glänzte wenig; Klose betrat kaum den Strafraum, ebenso wie Podolski, ein weiterer überschätzter Stürmer; sie alle verloren sich in der Mittelmäßigkeit.“

FR-Interview mit Joachim Löw

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Es muss etwas Neues passieren

Sehr lesenswert! DFB-Chefscout Urs Siegenthaler (SZ) zieht die Lehre aus dem Turnier und aus dem Primat der Defensive: „Dieses Turnier ist eine Aufforderung an die Trainer, sich Gedanken zu machen, wie man die Offensive wieder fördern kann. Die Trainer müssen sich überlegen: Wollen wir wieder Fußball spielen? Ich denke, dass der Fußball keineswegs ausgereizt ist, wie manchmal behauptet wird. Eher das Gegenteil ist der Fall: Ich bin überzeugt, dass der Fußball in seiner taktischen Entwicklung noch in den Kinderschuhen steckt. Inzwischen haben wir es geschafft, im Spiel gut organisiert zu sein, und schon sagen alle: Oh, Super-Taktik! Das Problem ist aber: Es gibt noch überhaupt keine Lösung, diese gute Organisation des Gegners zu überwinden. Man spielt mal hintenrum oder mal vertikal oder der Stürmer kommt entgegen und lässt prallen, aber das ist alles nach dem bekannten Schema. Echte Alternativen gibt es nicht. Der Fußball hat jetzt eine Phase erreicht, in der mal wieder was Neues passieren muss.“ Den Grund, warum Brasilien auf seine satten Stars gesetzt hat, kann Siegenthaler nur andeuten: „Aber man darf natürlich eines auch nicht vergessen: Manchmal sind den Trainern einfach die Hände gebunden. Es kann ja keine sinnvolle WM-Vorbereitung sein, wenn Brasilien 15 Trainings an Sponsoren verkauft und jede Einheit zum Volksfest wird. Oder Costa Rica, die tingeln durch halb Europa, spielen heute in Kiew, morgen in Barcelona und wieder zwei Tage später in London. Manchmal gibt es wirtschaftliche Aspekte, die einem Trainer die Arbeit erschweren, und das wirkt natürlich aufs Niveau einer WM. Als Fan frage ich mich ja: Warum spielt Ronaldo? Der hat zehn Kilo Übergewicht, und auf der Bank sitzen zehn schlanke Ronaldos. Oder rechts hinten, da spielt Cafu, der ist 36, und auf der Bank sitzt eine Granate wie Cicinho. Da habe ich als Laie nur diese Antwort: Vielleicht hat der Trainer irgendwelche Auflagen, von denen der Siegenthaler nichts weiß.“

Siegenthaler glaubt, daß vielen Fußballprofis der Weg ins Traineramt zu leicht geebnet werde: „Viele Profis beenden ihre Karriere, wollen Trainer werden und kriegen zum Üben erst mal eine Jugendmannschaft. Aber das sind Berufsanfänger. Ich hatte als Profi in der Schweiz auch Trainer, und die mit den Länderspielen haben gerne gesagt: Folgt eurem Gegner bis aufs Klo! Ich habe damals schon gedacht: Hast du keine andere Lösung? Ich denke, dass der Trainerjob im Nachwuchs total unterschätzt wird, dabei sind das genau die Trainer, die uns sagen werden, wie man bei der nächsten WM wieder offensiver spielen kann.“ Siegenthaler empfiehlt das kleine ABC der koordinativen Fähigkeiten: „Die Spieler können nicht mehr so flanken wie früher. Was glauben Sie, warum Raymond Domenech mit seinen Spielern tanzen üben wollte? Das ist überhaupt nichts Lächerliches, da geht es um Beweglichkeit und Rhythmisierung, um Koordination bei hohem Tempo, alles Eigenschaften, die ein bisschen verloren gegangen sind. Vielleicht hat man sich im Fußball in den letzten Jahren einfach zu sehr auf die gute Organisation im Spiel konzentriert. Dabei ist die Demut vor den kleinen Formen wie der Flanke etwas verloren gegangen.“

Wir müssen den Optimismus und den Schwung der WM nutzen

Siegenthaler mahnt die Verantwortlichen des deutschen Fußballs dazu, die Arbeitsweise Jürgen Klinsmanns zu übernehmen: „Ich fürchte, dass jetzt die Meinung aufkommt, mit sechs Wochen Handauflegen sei alles geregelt. Es kann aber nicht so sein, dass die Bundesliga jetzt weiterwurstelt und im Mai 2010 holt der DFB dann wieder sein Turnierteam, den Klinsmann, den Löw, den Verstegen und den Siegenthaler. Uns kann man dann buchen, wir sind dann wie die vier Tenöre, und so geht das von Turnier zu Turnier. Also, das war jetzt natürlich Sarkasmus pur, ich will damit nur sagen: Das kann’s nicht sein. Wir müssen den Optimismus und den Schwung der WM nutzen, um Teile der Arbeit in die Liga hineinzutragen. Wir müssen erreichen, dass die Liga sich fragt: Machen wir alles richtig? Das ist das, was im deutschen Fußball grundsätzlich fehlt: die Bereitschaft, sich zu hinterfragen. Das wirkt sich auch in der Trainerausbildung aus, und am Ende ist es dann halt so, dass die Italiener uns taktisch weit voraus sind.“

Gefragt, warum Eckbälle und Freistöße an dieser WM so erfolglos gewesen sind, antwortet er: „Das war in der Tat auffällig, ich glaube, dass es da einen einfachen Grund gibt: mangelndes Training. Und da landen wir automatisch wieder bei der Taktik. Nehmen Sie mal Italien: Die haben bei dieser WM am meisten Tore aus diesen ruhenden Bällen gemacht. Warum? Weil sie das trainieren konnten. Und warum konnten sie das trainieren? Weil sie viele andere Dinge schon intus hatten. Was Klinsmann und Löw sechs Wochen akribisch einstudiert haben, können die Argentinier seit sechs Jahren. Und die Italiener seit sechzig. Einem Cannavaro muss keiner mehr erklären, was Viererkette ist.

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