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Champions League

Chelsea lebt in der Vergangenheit und in der Zukunft

Oliver Fritsch | Mittwoch, 24. Oktober 2007 Kommentare deaktiviert für Chelsea lebt in der Vergangenheit und in der Zukunft

Raphael Honigstein (Stuttgarter Zeitung) stellt uns Avram Grant, Chelseas Trainer, als kleines Licht und Dünnmann vor: „Seine Trainingsmethoden sind zwar noch nicht ganz im 21. Jahrhundert angekommen – einige Spieler berichteten schockiert über Dribbelübungen im Hütchenparcours –, dafür hat er die gewiefte Überlebensstrategie der Schildkröte für sich entdeckt: Er zieht den Kopf ein und lässt einfach alles mit sich machen. Im Sommer übernahm der Israeli das Amt des Sportdirektors, ohne jegliche Kompetenzen. Die Beförderung zum Cheftrainer hat ihm wohl noch weniger Machtfülle eingebracht. Er wehrte sich nicht, als die dänisch-holländische Fraktion um Manager Frank Arnesen vergangene Woche den Holländer Henk Ten Cate als neuen Assistenten durchsetzte. Ten Cate, die ehemalige rechte Hand von Frank Rijkaard beim FC Barcelona, soll flüssigen Angriffsfußball und ein wenig Autorität mitbringen. Grant hat sich bisher nur als umgänglicher Kumpeltyp präsentiert; alle Kontroversen wurden tapfer weggeflunkert. Die Kabine ist zwar nicht ganz so gespalten wie vom Boulevard behauptet, doch eine gewisse Leere und auch ein Hauch von Resignation haben sich dort breit gemacht, wo früher der absolute Siegeswille und kollektive Kampfbereitschaft wohnten. (…) Für große Spannung ist auf jeden Fall gesorgt: Beamte von Scotland Yard werden sich unter die Zuschauer mischen und sie werden genau hinschauen, wer beim Besuch der von Gasprom gesponserten Gelsenkirchener alles auf der Ehrentribüne sitzt. Als vor zwölf Monaten der von Roman Abramowitsch unterstützte ZSKA Moskau beim FC Arsenal antrat, wurden im Emirates Stadium nämlich später Spuren von Polonium gefunden – jenem radioaktiven Material, mit dem der Kreml-kritische ehemalige Spion Alexander Litwinenko mutmaßlich ermordet wurde.“

Wolfgang Hettfleisch (FR) betont die Fügsamkeit Grants: „Der Israeli, anfangs als Übergangstrainer gehandelt, scheint inzwischen fester im Sattel zu sitzen, als einigen lieb ist. Nachdem weder Frank Rijkaard, noch dessen Landsmann Guus Hiddink Interesse an der Mourinho-Nachfolge gezeigt und auch der inzwischen offenbar für jeden Trainerjob auf der Insel gehandelte Jürgen Klinsmann abgewinkt hatte, mehren sich die Zeichen, dass Grant ein bisschen länger auf dem Schleudersitz verweilen könnte. Zumal der frühere Coach der israelischen Nationalmannschaft, anders als sein Vorgänger, gut mit Teambesitzer Roman Abramowitsch kann. Dem russischen Milliardär wiederum könnte das Arrangement deshalb gut gefallen, weil er neuerdings unbeanstandet die Spieler persönlich ins Gebet nehmen soll. Abramowitsch, heißt es, sei jetzt Stammgast in Cobham und lasse einzelne Profis schon mal wissen, wie er sich ihre Aufgabe im kommenden Spiel vorstelle. Die Rijkaards, Hiddinks und Klinsmanns dieser Welt hätten sich soviel wohlwollenden Zuspruch von oben fraglos verbeten. (…) Schalke wird auf einen Gegner treffen, der für den Moment mehr in Vergangenheit und Zukunft zu leben scheint als in der Gegenwart.“

Neue Kargheit

Dirk Schümer (FAZ) schildert die Entitalienisierung Lazio Roms, eingeleitet durch den Präsidenten, einen Reinigungsunternehmer: „Lazios Star ist die Mannschaft. Der albanische Ersatzstürmer Igli Tare, der über Bundesliga-Erfahrung verfügt, sagt seiner Mannschaft denn auch gute Chancen voraus, in Bremen zu bestehen: Lazio sei besonders gut darin, einer spielstarken Mannschaft den Spaß zu verderben. Darum darf sich Bremen auf eine tückische Kontertaktik einstellen. Präsident Lotito würde gewiss gerne in der Champions League weiterkommen, wäre als fußballerischer Realist aber wohl auch mit einem Platz im Uefa-Pokal als Gruppendritter zufrieden, damit sein sparsames Ensemble weiter Geld verdient. Knapp am Kollaps vorbeigeschrammt, hat sich Lazio im vorderen Mittelfeld der Serie A sportlich etabliert. Lotito ist zuletzt im italienischen Schiedsrichterskandal nur für vier Monate gesperrt worden; das am Rande verwickelte Lazio konnte einen Abzug von dreißig Punkten gerichtlich auf drei reduzieren und dann bis in die Champions League vordringen. Keine üble Bilanz für einen Skandalverein. Dazu konnte sich der Großreinemacher Lotito von neofaschistischen Tifosi, die einst die Tribünen und das Geschäft mit den Fan-Artikeln fest in der Hand hatten, erfolgreich distanzieren. Der rechtsradikale Stürmerstar Paolo Di Canio, der Tore mit dem römischen Gruß zu feiern pflegte, wurde sang- und klanglos entlassen. Nun noch mindestens ein Punkt in Bremen und ein Sieg am Sonntag im Derby gegen den Lokalrivalen AS Rom – und Lazio Rom wäre der fröhlichste Komapatient der Medizingeschichte.“

Birgit Schönau (SZ) begrüßt die neue Kargheit bei Lazio: „Lotito setzte bei Lazio ein Höchstgehalt von 500.000 Euro netto im Jahr durch, dafür hätte ein Vieri früher nicht mal das linke Bein gehoben. Er lässt sein Team in Trikots mit dem Schriftzug So.Spe spielen, so heißt die Wohltätigkeitsorganisation der römischen Nonne Paola. Es ist ein absolut einmaliges Trikot-Sponsoring für die Serie A, unbeachtet von der Presse und der Amtskirche. Der einstige Weltklub Lazio macht heute Werbung für ein katholisches Mutter-Kind-Heim am Stadtrand von Rom.“

Illusion

Stefan Osterhaus (NZZ) unterstreicht die Zauberkraft Diegos: „Diego bündelt die Bremer Hoffnungen auf dem europäischen Hochplateau, wenn es darum geht, gegen Lazio Rom die letzte Chance zu wahren. Diego hin oder her: In der Champions League ist es um Bremen nicht gut bestellt. Umso mehr brauchen sie den Spieler, dessen millimetergenaue Anspiele die Illusion schaffen, Werder verfüge in Boubacar Sanogo und Hugo Almeida über erstklassige Angreifer.“

BLZ: Werder Bremens Brasilianer Carlos Alberto ist krank und niemand weiß genau, was ihm fehlt

NZZ: Milan erstickt in der eigenen Routine und verliert gegen Empoli
SZ: Das Spiel AS Rom gegen Neapel gerät zur aufregenden Aufholjagd mit Herzflimmern-Finale, zum Manifest gegen den Ergebnisfußball

Köter

Sven Gartung (FAS) porträtiert Marseille liebevoll: „Wie erklärt man als Chronist Olympique de Marseille, seines Zeichens Rekordmeister, derzeit zu Hause in der Liga auf einem Abstiegsplatz, skandalumrankter Klub, der aber in dieser jungen Saison als Champions-League-Teilnehmer noch ungeschlagen ist? Am treffendsten scheint der Vergleich mit einem Hund: verzogen, laut bellend, dann wieder leise winselnd, bunt oder räudig, Wunden leckend, folgsam oder eigenwillig – ein Köter, den man am liebsten fortjagen würde, dann aber doch wieder ins Herz schließt. Von Zeit zu Zeit schüttelt sich dieser verrückte Hund wie nach einem Wasserbad kräftig durch, befreit sich von dem Ungeziefer, welches sich über die Zeit in seinem Pelz festgesetzt hat, ohne jedoch ganz zum süßen Schoßhündchen zu werden.“

Kaufen und Verkaufen

Ilja Kaenzig (NZZ) erörtert, aus der Perspektive eines Spielers, Für und Wider eines Wechsels zu Schachtjor Donezk: „Die hohe Dichte im Kader mit vierzehn Ausländern und zahlreichen Nationalspielern hat zur Folge, dass Stars oft auf der Ersatzbank sitzen. Dazu gesellen sich Adaptionsschwierigkeiten in der wenig Lebensqualität bietenden Kohlebaustadt Donezk und das nach wie vor geringe sportliche und infrastrukturelle Niveau der ukrainischen Meisterschaft. Obwohl Präsident Rinat Achmetow den besten Spielern selbst für westliche Verhältnisse sehr hohe Gehälter zahlt, will der erst auf diese Saison hin gekommene Italiener Cristiano Lucarelli im Winter bereits in die Serie A zurückkehren. Achmetow verhält sich auf dem internationalen Transfermarkt mittlerweile mit großem Geschick. Wohl wissend, dass seine ausländischen Spieler oft schon nach einer Saison einen Transfer in den Westen fordern, basiert die Transferpolitik auf der ständigen Erfassung von Spielern aus Brasilien oder dem Balkan mit Potenzial für eine internationale Karriere. Das System des Kaufens und Verkaufens soll weiter perfektioniert werden, da den guten Transfers massive finanzielle Abschläge beim Verkauf der Spieler gegenüberstehen – dies, weil Schachtjor von abwanderungswilligen Spielern unter Druck gesetzt wird und Transferverhandlungen deshalb aus ungünstigen Positionen führen muss. Ein Argument für den längeren Verbleib ausländischer Spieler soll ab Sommer 2008 das neue Stadion sein. Die Euro-2012-Spielstätte ist ein für Ost-, aber auch Westeuropa beeindruckender, auf drei Ringen 50.000 Zuschauer fassender Nachbau der Allianz-Arena. Rund um das Stadion entsteht eine Parklandschaft von der Größe einer Kleinstadt, die zum zentralen Ort der Freizeitgestaltung der Bürger Donezks werden soll.“

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