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Champions League

S04, ein Kürzel für vergebliche Mühen

Oliver Fritsch | Freitag, 26. Oktober 2007 Kommentare deaktiviert für S04, ein Kürzel für vergebliche Mühen

Die Journalisten gehen mit Schalke und Trainer Slomka wegen der Niederlage in Chelsea überraschend hart ins Gericht / Bremen, das deutsche Flaggschiff (FR) / Wo steht der Mailänder Jungbrunnen?

Aus den Reaktionen der Schalker auf die Niederlage in Chelsea liest Raphael Honigstein (Financial Times Deutschland) Duckmäusertum: „Mit dem wahrhaft nicht übermächtigen Gegner, der an gleicher Stelle vor fünf Wochen nur ein 1:1 gegen Rosenborg Trondheim erreicht hatte, wurde auch der eigene Auftritt von Minute zu Minute größer geredet. Am Ende war man wirklich zufrieden, dass man gut mitgehalten hatte, genau wie beim letzten Champions-League-Ausflug nach London, als man im Schicksalsjahr 2001 2:3 beim FC Arsenal verlor. ‚Kompliment für die Mannschaft, wie sie nach dem 0:2 weiter nach vorne gespielt hat‘, sagte damals der Trainer Huub Stevens. Die Kommentare sind austauschbar, und das ist kein Zufall. Schalke, man sah das unter dem europäischen Mikroskop, hat sich in den sechs Jahren auf dem Niveau einer deutschen Spitzenmannschaft konsolidiert, aber eben nicht entscheidend weiterentwickelt. Weder auf dem Platz, wo außer solider Arbeit wenig zu erkennen war, noch in den Köpfen. Es ist ein Jammer, dass sich die zweitbeste deutsche Mannschaft der vergangenen Saison mental nicht aus der Deckung traut – wer mit dem olympischen Motto ‚dabei sein ist alles‘ nach London fährt, für den bleibt dabei sein alles. Im ambitionierten Vorstand soll der Unmut größer werden, man glaubt es gerne. Ein Blick hinüber zu den Gegnern vom nächsten Samstag, den Bremern, zeigt, dass man nicht ewig ein Meister der Genügsamkeit bleiben muss. (…) Dass S04 ein Kürzel für vergebliche Mühen ist, hat sich mittlerweile sogar bis zum britischen Independent herum gesprochen. Das liberale Blatt stellte die Besucher als ‚die Beinahe-Männer der Bundesliga‘ vor, und stellte lapidar fest, dass diese in London ‚beinahe einen Kampf abgeliefert‘ hätten.“

Peter Penders (FAZ) hingegen wirft Mirko Slomka vor, auf dem Spielfeld ein zu großes Risiko eingegangen zu sein: „Der Schalker Trainer rutscht langsam, aber sicher, in die Kritik. In der Bundesliga läuft es alles andere als rund. Und in der Champions League droht Ungemach, denn die Gelsenkirchener sind auf den letzten Gruppenplatz abgerutscht. Der zweite Platz ist zwar auch nur einen einzigen Zähler entrückt, momentan allerdings würden die Schalker sogar den Trostpreis mit dem Erreichen des Uefa-Pokals verpassen, was wirtschaftlich einige Fragen aufkommen ließe. (…) Mit drei Stürmern zu spielen ist außerhalb der Niederlande ziemlich aus der Mode gekommen, erst recht auf des Gegners Platz. Slomka aber hatte diese Taktik gewählt, was einigermaßen überraschte. Immerhin fehlte bei Chelsea Abwehrchef John Terry, und die Verteidigung der Londoner hatte zuletzt einige Lücken offenbart. Aber ob Slomka da seine Mannschaft und ihre kreativen Möglichkeiten nicht etwas überschätzt hat? Nach dem Weggang von Lincoln ist Schalke immer noch auf der Suche nach einer neuen Ordnungskraft in der Schaltzentrale. Zu reagieren fällt dann meistens wesentlich leichter als zu agieren, und im Sturm ist der FC Schalke ohnehin nicht so besetzt, dass dem Gegner schon vor dem Anpfiff die Schweißperlen vor lauter Angst auf der Stirn stehen. Slomka aber hat an dieser Taktik festgehalten, obwohl deren wichtigster Baustein kurz vor dem Anpfiff aus dem Mosaik herausgefallen war: Kevin Kuranyi.“

Wie werden sich die Engländer gefühlt haben, als sie durch den Fehler eines deutschen Torwarts in Führung gegangen sind? Übrigens, auch wenn es Abseits gewesen ist – ein großartiges Tor vom Schalker Großmüller.

Deutsches Flaggschiff

Sebastian Stiekel (FAZ) mäkelt an Lazio Rom herum: „Die Römer machten deutlich, warum sie sich in der italienischen Liga zurzeit eher auf Augenhöhe mit Cagliari und Catania bewegen als mit Inter Mailand oder Juventus Turin. Sie waren zu schwach, um eine engagierte und zumeist druckvoll aufspielende Bremer Elf zu gefährden.“ Jörg Marwedel (SZ) ergänzt despektierlich: „Es war ziemlich ungewöhnlich, dass eine italienische Mannschaft in der Champions League ausnahmslos mit Profis daherkommt, die international niemand kennt. Auch, dass sie mit dem bald glatzköpfigen 43 Jahre alten Torhüter Marco Ballotta antraten, immerhin der älteste Spieler, der jemals auf diesem Niveau und in der Serie A gespielt hat, machte die Römer zwar interessant für das Guiness-Buch der Rekorde, aber nicht wirklich imposanter.“

Frank Hellmann (FR) setzt wieder auf Werder: „Eingedenk des Stuttgarter Versagens und der Schalker Schwäche schwingt sich Werder zu der Mannschaft auf, die am ehesten als Flaggschiff des deutschen Fußballs taugt, wenn schon der FC Bayern in der Königsklasse nicht mitspielen darf. Pflichtbewusst spielt Werder den Vorreiter, zumal sich der Eindruck verstärkt, dass dieser weitgehend komplettierte Kader von Woche zu Woche an Klasse und Konstanz gewinnt.“

Die Höhepunkte aus Bremen – und siehe, Manuel Neuer: auch erfahrene Torhüter können beim Abwurf durcheinandergeraten.

Doppelstrategie

Peter Hartmann (NZZ) bestaunt die Fähigkeit des AC Mailand, dem Alter zu trotzen, und legt eine interessante Hypothese dar, warum der Klub im Europapokal kaum wiederzuerkennen sei: „Silvio Berlusconi, der Presidente der AC Milan und Leader der politischen Opposition Italiens, ist siebzig, und der Öffentlichkeit hat er die Ergebnisse seiner kosmetischen Schnitte immer hemmungslos hautnah auf dem Fernsehschirm vorgeführt, denn sie sollen ihn ja unsterblich aussehen lassen: Augenlider gestrafft, Tränensäcke geglättet, das Doppelkinn weg, Glatze neu überpflanzt. Aber wie erklärt sich das Rätsel der plötzlichen Verwandlung seiner schon für moribund erklärten Altherren-Mannschaft? Verbirgt sich hinter dem ‚MilanLab‘, der medizinischen Abteilung unter Leitung des belgischen Doktors Meersseman, eine klammheimliche Geriatrie-Klinik? (…) Die von Carlo Ancelotti heftig dementierte These, dass Milan eine Doppelstrategie fährt und, unter Vernachlässigung des Binnenwettbewerbs in der Serie A, wieder auf die Champions League spekuliert, erhält durch die glanzvolle Vorstellung gegen Schachtjor neuen Auftrieb. Für die Interessenausrichtung auf Europa gibt es auch handfeste wirtschaftliche Gründe: Der heimische Fernsehmarkt gilt aus ausgereizt, überdies hat die Regierung Prodi einen neuen Schlüssel zur Verteilung der Fernsehgelder dekretiert, der ab 2009 Großklubs wie Milan, Inter, Juventus und AS Roma zu einem solidarischen Finanzausgleich mit den Kleinen zwingt. Die Serie A muss ferner die total ausgeblutete Serie B subventionieren. Und im Hintergrund droht ein neues Gesetz, das die großen Holdings wie Berlusconis Fininvest (oder das Ölimperium des Inter-Wohltäters Moratti) zwingt, für ihre Subgesellschaften separate Bilanzen vorzulegen. Die Riesenverluste aus dem Fußballgeschäft könnten also nicht mehr überwälzt werden – das Ende des Mailänder Mäzenatentums? Aber, vielleicht, noch nicht der letzte Vorhang für diese große alte Milan-Mannschaft.“

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