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DFB-Pokal

Es ist wie immer – dem Titel folgt der Absturz

Oliver Fritsch | Donnerstag, 28. Februar 2008 Kommentare deaktiviert für Es ist wie immer – dem Titel folgt der Absturz

Aus im DFB-Pokal gegen Jena – letzte Chance von Stuttgart vertan, in dieser Saison noch etwas zu ernten / Viel Lob für die Spielkultur Hoffenheims nach der Niederlage in Dortmund

Oliver Trust (FAZ) verordnet Stuttgart eine Erneuerung: „Mehr als den Versuch, ein Abrutschen in der Liga in gefährlichere Zonen zu vermeiden, mag man dem VfB des Frühjahrs 2008 gar nicht zutrauen [wohlgemerkt, mehr als den Versuch traut man dem VfB nicht zu, OF]. Vom Minimalziel Uefa-Cup ganz zu schweigen. Einen internationalen Platz zu verpassen aber könnte Trainer Armin Veh und Manager Horst Heldt bei den Endabrechnungen in Bedrängnis bringen. Allein der Einsatzwille von Gomez, der im Verlauf der Partie bald einer tiefen inneren Wut zu entspringen schien, reichte nicht. Gomez, der seine Tore acht und neun im sechsten Spiel 2008 erzielte, musste sich von vielen seiner Teamkollegen schmählich im Stich gelassen vorkommen. Unumgänglich scheint in Stuttgart ein grundlegender Neuanfang, der nur durch einen Umbau der Mannschaft erreicht werden kann. Nach der Pleite gegen ein tapferes Team aus Jena laufen dazu im Hintergrund schon die Vorbereitungen.“

Christof Kneer (SZ) presst aus der bisherigen Stuttgarter Saison jedmögliche Erkenntnis heraus: „Immerhin können die Stuttgarter von sich behaupten, dass sie gerade Zeugen eines historischen Phänomens sind. Womöglich ist dieser VfB der erste Deutsche Meister, von dem niemand weiß, wie gut er eigentlich ist. Im Meisterjahr war der VfB extrem konstant, nun ist er konstant extrem. Zehn Siege und zehn Niederlagen hat die Elf in dieser Saison angehäuft, bei nur einem einzigen Unentschieden – eine Statistik, die ein ziemlich exaktes Urteil über diese Mannschaft erlaubt. Diese Mannschaft sucht verzweifelt ihre Mitte, sie kennt ihre eigene Normalform nicht, sie kann nur gut oder schlecht. Dass sie aber so schlecht kann wie gegen Jena, hat die Verantwortlichen doch entsetzt – zumal die Abhängigkeit von Mario Gomez immer bedrohlicher zu werden scheint.“

Elke Rutschmann (Financial Times Deutschland) fügt hinzu: „Kaum jemand traut dem VfB noch einen erfolgreichen Abschluss zu. Nach dem ganz großen Glück in der vergangenen Saison hat sich in den Köpfen der Spieler eine unerklärliche Selbstzufriedenheit verankert. Es ist wie immer – dem Titel folgt der Absturz. Ein Schicksal, das der VfB mit anderen Klubs teilt.“ Die Stuttgarter Zeitung tritt dem VfB auf den Fuß: „Eine derart leidenschaftslose Darbietung hat es in einem Pokalviertelfinale nicht oft gegeben.“

Reinhard Sogl (FR) bringt die Stuttgarter Tagesaktualität, nämlich Niederlage gegen Jena und die Geldstrafe für A-Gomez, in Einklang: „Ob der DFB-Kontrollausschuss für diese Art von schwerer Beleidigung des Titels Deutscher Meister eine kollektive Geldstrafe in Höhe von 50 Tagessätzen verhängt?“

Michael Jahn (Berliner Zeitung) gönnt’s den Siegern: „Zu DDR-Zeiten war Jena viermal Pokalsieger und erreichte unter Trainer Hans Meyer 1981 das Endspiel im Europacup der Pokalsieger (1:2 gegen Dynamo Tbilissi). Dritt- oder gar Viertklassigkeit wie 2001, als Jena zwischenzeitlich in die Amateur-Oberliga abgestiegen war, können sie bei Carl Zeiss, wo es traditionell ein anspruchsvolles und intellektuelles Publikum gibt, nur schwer ertragen. Nun kämpfen sie vehement gegen den Abstieg aus Liga Zwei, träumen aber ob des jüngsten Pokalsieges auch von alten Triumphen.“

Gut möglich, dass Hoffenheim in näherer Zukunft wieder gegen Dortmund spielt

Richard Leipold (FAZ) stutzt über den Überschwang der Dortmunder Fans nach dem Sieg gegen Hoffenheim: „Die ausgelassene, fast überschwängliche Freude bei der großen Dortmunder Mehrheit unter den gut 55.000 Zuschauern kann nur mit der langen Zeit zusammenhängen, die Dortmund nun schon im Mittelmaß festsitzt. Nach allerlei Pokalblamagen, in guten wie in schlechten Zeiten, könnte ausgerechnet dieser Wettbewerb plötzlich die Chance bieten, verlorenes Ansehen zurückzugewinnen.“

Freddie Röckenhaus (SZ) wirft hingegen ein: „Und doch beschlich manch Dortmunder Zuschauer Ernüchterung, Zweitligist Hoffenheim nämlich spielte den besseren Fußball, wirkte ballsicherer und vor allem cleverer organisiert. Hoffenheims Trainer Ralf Rangnick, vor gut zwei Jahren beim BVB-Nachbarn Schalke 04 wohl vor allem wegen unüberbrückbaren intellektuellen Gefälles zu Manager Rudi Assauer aus dem Amt gekegelt, durfte denn auch bilanzieren: ‚Torwart Marc Ziegler hat den BVB im Spiel gehalten.’ Allerdings zog der BVB am Ende dennoch verdient ins gelobte Halbfinal-Land ein, weil die verblüffend spielstarken Hoffenheimer es wie ein Boxer hielten, der sich im endlosen, selbstverliebten Ali-Shuffle gefällt, aber darüber vergisst, dass es bei seinem Sport um harte Treffer geht, und gute Noten für den künstlerischen Wert nichts zählen.“

Lob hat Röckenhaus für die Spielkultur der Hoffenheimer übrig: „Seinen Unterhaltungsfaktor bezog das Spiel kurioserweise mehr aus den Aktionen des vom SAP-Gründer Dietmar Hopp und seinen Millionen befeuerten Zweitligisten. Hoffenheim spielte auf dramatisch besserem Niveau als Dortmunds letzte Bundesliga-Gegner Cottbus und Rostock.“

Leipold ergänzt: „Es wurde sichtbar, dass Ralf Rangnick selbstbewusster denkt und handelt als mancher Erstligatrainer. Er ließ seine Mannschaft offensiv spielen und sprach hinterher nicht davon, gut mitgehalten zu haben, sondern benannte Schwächen wie die Nervosität während der Anfangsphase und die fehlende Athletik im Vergleich zu den körperbetonter spielenden Borussen. Seine Elf wird inzwischen von vielen so wahrgenommen wie eine Erstligamannschaft in spe. Gut möglich, dass Hoffenheim in näherer Zukunft wieder gegen Dortmund spielt, auch ohne dass das Los die beiden Klubs zusammenführt.“

Auf faz.net liest man schon mal was über Wolfsburgs Sieg gegen Hamburg. Morgen mehr dazu.

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