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Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Deutsche Elf

Bruder-Duell

Oliver Fritsch | Mittwoch, 25. Juni 2008 Kommentare deaktiviert für Bruder-Duell

Deutschland und die Türkei leben und spielen nach ähnlichen Werten / Joachim Löw und Michael Ballack führen eine „Vernunftehe“ (FAZ) / Ballack-Portrait (SZ) / Die Türken zählen auf göttlichen Beistand / Das Märchen von Fatih Terim und seinen Söhnen

Stefan Osterhaus (Neue Zürcher Zeitung) wählt die Überschrift „Bruder-Duell“ und macht die Deutschen auf ihre Ähnlichkeit mit den Türken aufmerksam: „Die Binsenwahrheit, wonach die Deutschen erst geschlagen sind, wenn sie im Kabinengang stehen, scheint für die Türken unter Fatih Terim in verstärktem Masse zu gelten: Wer diese Mannschaft in den letzten drei Spielen erlebt hat, der könnte meinen, sie gebe ein Spiel erst dann verloren, wenn der Mannschaftsbus das Hotel erreicht hat. In der Nachspielzeit schlug jeweils ihre Stunde. Und im Duell vom Punkt zeigte sie sich so nervenstark wie die Deutschen, die Hohepriester des Elfmeters. Diese Disziplin frappiert Außenstehende, die sie als Vertreter orientalischer Lässigkeit wähnten. Auch die körperliche Präsenz würde den deutschen Abwehrrecken gut anstehen. Wenn Deutschland auf die Türken trifft, dann spielt die Mannschaft gegen einen fußballerischen Wiedergänger. Mögen sich Deutsche und Türken trotz der mehr als 40-jährigen Geschichte der Gastarbeiter noch immer fremd sein, so legt der Fußball den Schluss nahe, dass zumindest die eine Seite die Werte der anderen dankend aufgesogen hat.“

Im weiteren Text fußt Osterhaus die historische Bindung der Türkei auf die Deutschen auf Jupp Derwall und Colmar von der Goltz, seines Zeichens deutscher General im 19. Jahrhundert.

FR: Derwalls stolzes Vermächtnis – der Ex-Bundestrainer begründete einst als Coach von Galatasaray die enge Bindung des türkischen an den deutschen Fußball

Keine einheitliche Linie

Michael Horeni (FAZ) befasst sich unter dem Titel „Szenen einer Vernunftehe“ mit dem pragmatischen Verhältnis zwischen Joachim Löw und Michael Ballack: „In den letzten Tagen ist um die Nationalelf ein Deutungsstreit erkennbar geworden, der sich sozusagen um die Frage des Urheberrechts des Erfolgs dreht, um die taktische Veränderung, die gegen Portugal so hervorragend wirkte. Es ist eine unglücklich geführte Diskussion, und das liegt daran, weil sie auch die Machtfrage im Team berührt. Ballack und Löw haben in dieser Frage bisher keine einheitliche Linie gefunden, und so gaben die Hauptfiguren in diesen Tagen nur wortreiche, aber unpräzise Erklärungen ab, die nicht recht zusammenpassen wollten. (…) Löw schätzt die sportliche Entwicklung, die Ballack durch seinen Wechsel in die Premier League genommen hat, außerordentlich. Bei der WM 2006 betrachteten Löw, damals schon für die Taktik zuständig, und Klinsmann den Kapitän als ‚Kind der Bundesliga’, als einen Spieler, der stark von den routinierten Abläufen der Liga geprägt worden sei. Nun ist Ballack, gereift und gestärkt, bei Chelsea. Er hat sich zu einem eigenständigen Macht- und Kraftzentrum entwickelt.“

Andere Kanäle gefunden

Holger Gertz (SZ/Seite Drei) stellt in einem langen Portrait Michael Ballack und dessen Berater Michael Becker als Repräsentanten des veränderten Fußballdeutschlands vor: „Kein Glück zu haben, ist eine Facette eines Images, die sich immer wieder selbst erneuert. Gerade hat Ballack nach großem Spiel mit Chelsea das Champions-League-Finale verloren, im Elfmeterschießen. Er war schuldlos besiegt. Es gibt Bilder, auf denen man sieht, wie er, am Mittelkreis stehend, in sich zusammensackt. Viele hatten gedacht, Ballack würde verzagt zur Europameisterschaft anreisen. Aber er war gut drauf, von Anfang an, alle sagen das. Er musste das abhaken, weil ja die EM kam, der gepackte Kalender der Fußballer kann psychologisch gesehen auch Vorteile haben. (…) Michael Becker versteht sich eher als Lebensberater. Er hält die Zahl seiner Klienten klein, um sich um jeden kümmern zu können. Zahlreiche Schimpfwörter hält Becker bereit für die Männer aus seiner Branche. Es gibt Würste und Bratwürste, Hühnerdiebe und Eckensteher. Er hat es nicht darauf angelegt, sich beliebt zu machen, aber er ist bestens vernetzt, er weiß, dass er intelligenter ist als die meisten anderen im Business, und er ist anerkannt. Der Verhandlungspartner Becker wird als seriös geschätzt. (…) Ballack hat, als er noch bei Bayern spielte, viele Titel geholt. Aber wenn die Bayern mal schlechter waren, sah die Bild eher in ihm den Schuldigen als zum Beispiel in Torwart Kahn, der auch Fehler gemacht hatte. Es braucht Mut, um Distanz zu halten. Man braucht eine Haltung. Beckers und Ballacks Weg ist inzwischen auch ein bisschen der des DFB. Wo früher die Boulevardblätter eine solche Macht hatten, dass sie Bundestrainer ins Kippen bringen konnten, wird heute verstärkt die Nähe zu den seriösen Medien gesucht. Sie haben viele kluge Typen im Team, Löw, Ballack, Lahm, Lehmann, der manchmal am meisten sagt, wenn er nichts sagt. Sie können ironisch sein und strafend, wenn es sein muss. Die Nationalmannschaft präsentiert sich anders als vor Jahren, sie hat andere Kanäle gefunden. Aber das ändert nichts an dem Anspruch, dass sie auch mal wieder was gewinnen muss.“

Ballack, der bei den Geschwindigkeitsmessungen der Uefa den deutschen Höchstwert hält, wird in der FR mit den Worten zitiert: „Mit Odonkor möchte ich mich da nicht messen. Beim Fußball ist ja auch der Ball dabei, und den muss man auch mal treffen.“ Hat der Capitano auch einen Witz über Frings parat?

Gegen Allah ist Beckenbauer eine lächerliche Krippenfigur

Markus Völker (taz) verweist auf die Unterstützung, die die Türkei erfahren wird: „Dass die Deutschen leichtes Spiel haben, könnte sich als Trugschluss erweisen, denn das türkische Team wittert eine historische Chance. Es handelt quasi im nationalen Auftrag. Die Kicker in den roten Leibchen sind nun keine normalen Fußballspieler mehr, sie sind Botschafter mit Stollenschuhen, Abgesandte eines EU-Prätendenten. Ja, selbst Allah ist mit im Spiel, hat er doch der Nationalelf und, nicht zu vergessen, dem türkischen Volk die späten Tore gegen Tschechien und Kroatien geschenkt. Allah ist groß, Allah ist mächtig, gegen ihn ist der Fußballheilige Franz Beckenbauer nur eine lächerliche Krippenfigur.“

Heldenepos

Fortsetzung folgt – Roland Zorn (FAZ) erzählt das Märchen von Fatih Terim und seinen Söhnen, ohne dass das letzte Kapitel geschrieben wäre: „‚Fatihs Familie’ wird dereinst die Erzählung von einem furchtlosen Trainer und seinen opferwilligen, geschundenen und wieder auferstandenen Spielern heißen – in ihr wird ausführlich und voller Emotionalität vom dramatischen Aufstieg der Türkei zu einer Macht des europäischen Fußballs die Rede sein. Dass das Team von Fatih Terim mit einem Sieg über den Giganten Deutschland den Gipfel der Europameisterschaft, das Finale, erklimmen kann, wird für sich gesehen schon mythenbildend wirken in dem eurasischen Land. Dass Terim diesen größten Coup der türkischen Fußballgeschichte mit seinem letzten Aufgebot in Angriff nehmen muss, gibt dem, wer weiß, neunzig- oder hundertzwanzigminütigen Stück mit der möglichen Zugabe Elfmeterschießen den ganz besonderen Stoff zum identitätsstiftenden Heldenepos.“

NZZ-Portrait Terim: Unbeugsamer, Expressionist, Chauvinist?
BLZ: Terim gilt selbst in seiner Heimat als umstritten

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