indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Deutsche Elf

Meister bezwingt Lehrjunge

Oliver Fritsch | Donnerstag, 26. Juni 2008 Kommentare deaktiviert für Meister bezwingt Lehrjunge

Spielerisch, technisch und taktisch unterlegen – doch das fehlerhafte Deutschland erkämpft sich von den Türken in der letzten Minute den Sieger-Nimbus zurück / Die Türkei erfährt von allen Seiten größten Respekt / Deutsche Abwehr schwach; Philipp Lahm mit ungewohnt vielen Fehlern, aber dem herrlichen Siegtor; von Michael Ballack nicht viel zu sehen; Lukas Podolski hop und top / Die ZDF-Sendestörung im Fernsehen verursacht eine andere, gemilderte Rezeption

Michael Horeni (FAZ) macht sich auf die Suche nach der Ursache für den deutschen Sieg: „Die körperliche Präsenz, die Dynamik und Entschlossenheit, mit der das Team von Joachim Löw den Favoriten Portugal überrascht und verunsichert hatte – all das war gegen die Außenseiter aus der Türkei von Beginn nicht mehr so da, wie es nötig gewesen wäre. Die Rollen waren, und das wurde schnell klar, ganz einfach vertauscht. Die Türken waren von unbändiger Energie getrieben, sie ließen die Deutschen kommen und nutzten dann jede Unkonzentriertheit und Fehlerhaftigkeit zu schnellen Angriffen. Von Selbstsicherheit und Selbstbewusstsein war zunächst einmal nur etwas in der Mannschaft Fatih Terims zu sehen, die beherzt die Chance ergriff, sich den größten Gewinn in der türkischen Fußball-Geschichte zu sichern. Die Deutschen indes wirkten in ihrem nervösen und fahrigen Spielaufbau lange wie eine Mannschaft, die glaubte, mehr verlieren als gewinnen zu können. Lahm krönte einen deutsch-türkischen Fußballabend, an dem sich am Ende die typisch deutsche Tugenden durchsetzen, die im entscheidenden Augenblick dann doch mit den Deutschen und nicht mit dem türkischen Double waren.“

Christian Gödecke (Spiegel Online) wird und wird nicht schlau aus Löws Team: „Eine Mannschaft, die im Verlaufe dieses Turniers gestolpert ist, als man es nicht erwartete (gegen Kroatien). Die kämpferisch überzeugte, als man einen spielerischen Befreiungsschlag erhoffte (gegen Österreich). Die glänzte, als alle ein Kampfspiel befürchteten (gegen Portugal). Die sich nun so schwer tat, als alles für einen deutlichen Erfolg sprach. Und die dann doch noch zum 3:2 traf, als es keiner mehr für möglich hielt. Diese DFB-Elf hat in diesem Turnier nie getan, was man von ihr erwartet hat. Nur gewonnen hat sie am Ende meistens. Und so verblasst das Wie hinter dem Ergebnis, zum ersten Mal seit 1996 wieder das Endspiel einer EM erreicht zu haben.“

Psychologie im Vordergrund

Peter B. Birrer (Neue Zürcher Zeitung) fühlt sich prächtig unterhalten und findet Makel beim Gewinner: „Und wieder kam das Publikum im St.-Jakob-Park in den Genuss eines packenden K.-o.-Spiels. Der Halbfinal zwischen Deutschland und der Türkei war vor allem in der Schlussphase an dramatischen Momenten und unerwarteten Wenden fast nicht zu überbieten. Weil das späte Glück diesmal nicht den tapferen Türken, sondern den über weite Strecken enttäuschenden Deutschen lachte, stehen diese im Final. Für neutrale Beobachter entwickelte sich ein attraktives Wechselbad, das über das dürftige Rendement des deutschen Teams hinwegtäuscht. Der spätere Sieger bekundete vorerst erhebliche Mühe. Er fand sich in der Favoritenrolle nicht zurecht und musste den überraschend gut organisierten Türken besonders in der ersten Halbzeit mehr Spielanteile und Torchancen zugestehen. Er wirkte verunsichert und kam auch nicht in einen ruhigeren Zustand, als Schweinsteiger nach dem Pass seines Copains Podolski elegant zum 1:1 ausglich. (…) Einmal mehr rückte die Psychologie in den Vordergrund.“

Äußerst unangenehme Ausgangslage

L‘Équipe aus Frankreich stimmt ein, zeigt aber Verständnis: „Deutschland hat enttäuscht. Es ist ein Rätsel, wie diese Mannschaft die guten und die schlechten Vorstellungen vereint. Diesmal konnten die Spieler von Joachim Löw sich nur mit den Mitteln der Vergangenheit behelfen, soll heißen: mit ‚dem Deutschen’, ohne jedwede Ästhetik. Man hatte viel von der Mannschaft erwartet, doch sie bot nur eine weitere erschöpfte Vorstellung – allen voran Kapitän Michael Ballack. Er wirkte schwerfällig im Vergleich mit den Türken. Er war kurzatmig, obwohl er gegen Portugal noch stark gespielt hatte. Man kann den enttäuschenden Start der Partie mit dieser physischen Schwäche der Deutschen erklären, aber das Mentale hat sicherlich auch eine große Rolle gespielt. Sie waren Favoriten gegen eine wundersame türkische Mannschaft, die nichts zu verlieren hatte. Und so blieben sie lange Zeit gehemmt in einem Spiel, das sie auf jeden Fall gewinnen mussten, und in dem ihnen keiner eine Niederlage verziehen hätte. Es war eine äußerst unangenehme Ausgangslage.“

Nie endender Mut

Le Monde bekundet beiden Seiten großen Respekt: „Die Niederlage kann die Türken nur sehr traurig stimmen. Ein weiteres Mal haben sich die Männer von Fatih Terim einen Namen im Fußball gemacht, indem sie ihn zu dem zurückführten, was er wirklich ist: ein Spiel, das in jedem Moment in der Lage ist, sich zu drehen; eine Zusammenballung von Emotionen. Aber gegen einen Gegner der genauso fähig war, im richtigen Moment die Leidenschaft zu entzünden, mussten sich die Türken in den erschöpfenden Schlussminuten beugen. (…) Schon im Sterben liegend qualifizierte sich Deutschland nicht unverdient für das Finale, indem es seine Stärke, auf schwierige Situationen zu reagieren, und seine Offensivkraft unter Beweis gestellt hat. Aber diese Partie vermindert dennoch nicht den großartigen Eindruck, den die Türkei hinterlässt, deren nie endender Mut als Erinnerung an diese Europameisterschaft bleiben wird.“

Mit Bravour

Stephan Ramming (Neue Zürcher Zeitung) stimmt ein: „Die Türken waren spielfreudig, abgeklärt, den favorisierten Deutschen phasenweise gar überlegen. Das erstaunte, weil die Vorzeichen auf ein ganz anderes Spiel hätten schließen lassen. Vom letzten Aufgebot war die Rede, davon war nichts zu spüren, man sah ein gut eingespieltes, diszipliniertes Team, das sich Chance um Chance erarbeitete und attraktiven Fußball zeigte – nichts deutete jedenfalls darauf hin, dass diese Mannschaft mit Siegen in letzter Sekunde und einigem Wettkampfglück in den Halbfinal vorgestoßen ist. Was war geschehen? Man weiß es nicht.“

Nico Stankewitz (stern.de) fügt hinzu: „Wenn man nicht zufällig Deutscher wäre, man müsste Fan dieser Mannschaft sein. Wie die türkischen Reservisten aufopferungsvoll kämpften, aber angeführt von dem überragenden Hamit Altintop auch spielerisch auftrumpften, das zeugte von Qualität und Charakter. Die Türkei hat sich trotz der Niederlage viel Respekt verdient – allein schon für die Art, wie das Team mit dieser beispiellosen Zahl von ausgefallenen Stammspielern umgegangen ist. Fatih Terims Elf wirkte perfekt eingestellt und vorbereitet, setzte die deutsche Abwehr früh unter Druck und war – auch mit der Maßnahme Ballack in Manndeckung zu nehmen – hervorragend auf das veränderte deutsche System mit nur einem Stürmer eingestellt. Die Türkei verabschiedet sich mit Bravour aus dem Turnier, die Turniermannschaft Deutschland steht im Finale – nach der Leistung im Halbfinale wohl wieder als Außenseiter.“

Der Live-Blog der BBC fasst das Spiel in einer wunderbaren Sentenz zusammen: „Wenn es ein Team gibt, das mehr als die Türkei darüber weiß, wie man Spiele in der letzten Minute gewinnt, dann ist es Deutschland. Meister gegen Lehrjunge.“
(via allesaussersport)

Lahm war typisch für das deutsche Spiel

Zur Einzelkritik – Christian Eichler (FAZ) bewertet Podolski zweischneidig: „Podolski bleibt in jedem Fall der unterhaltsamste Spieler dieser EM auf deutscher Seite. Unterhaltsam, das gilt im Angriff wie in der Abwehr. Denn in beiden Rollen, die er auf seiner neuen Position im linken Mittelfeld ausüben muss, ist er immer für Torgefahr gut. In der Defensivbewegung schläfrig und ohne Blick dafür, welchen Gegenspieler er nehmen muss und wen sein Partner Lahm nimmt – in der Offensivbewegung aber explosiv und hellwach wie ein Raubtier.“

Im Tagesspiegel heißt es: „Der größte Skandal der Fußballgeschichte: Eines der Ballkinder hatte Lahm vor dem Spiel in der Kabine eingesperrt, sein Trikot angezogen und sich aufs Feld geschmuggelt. Anders lässt sich der Auftritt der deutschen Nummer 16 in der ersten Halbzeit nicht erklären.“ Spiegel Online ergänzt: „Lahm war typisch für das deutsche Spiel. Unerwartet schlecht, aber im wichtigsten Moment da. Ballack gelang nichts. Hätte er nicht in der ersten Hälfte Metzelder und Mertesacker zusammengestaucht, man würde sich wohl wundern, dass sein Name auf dem Spielberichtsbogen auftauchte.“

Gedanklich schon bei der Pokalübergabe in Wien?

In der SZ lesen wir: „Friedrich hatte mit dem Linksverteidiger Hakan mehr Probleme als vorige Woche mit dem galaktischen Linksaußen Cristiano Ronaldo. Wurde im Spiel nach vorne mehrmals bei seiner Lieblingsbewegung erwischt: preschte energisch vor, guckt energisch, stellt dann energisch den Fuß auf den Ball und spielt energisch zurück. Lahm: immer wieder gute Aktionen, machte dennoch einen ungewohnt gestressten Eindruck und verlor spektakulär häufig Zweikämpfe. Sensationell sein Siegtreffer in letzter Minute. Mertesacker wirkte mitunter so, als wäre er nicht nur 196 Zentimeter lang, sondern auch 196 Kilogramm schwer. Schlampige Abspiele. Bei näherer Betrachtung seines Mienenspiels musste man an einen Studenten denken, der an der Examensaufgabe leidet. Empfahl sich in seinem 48. Länderspiel zum ersten Mal für eine Auswechslung. Hitzlsperger leitete mit einem jener Pässe, die Klinsmann ‚vertikal’ getauft hat, den Ausgleich ein. War auch sonst mit vielen direkten Pässen der schnelle Umschalter von Abwehr auf Angriff, den Löw sich wünscht. Von Angriff auf Abwehr ging das Umschalten nicht immer ganz so schnell. Der kreativste, produktivste und konstanteste unter den Mittelfeldspielern. Ballack fand wegen der vielen Abwehrbeine keine Schleichwege und musste sich obendrein ständig im defensiven Mittelfeld aufhalten. Fand keinen Zugriff aufs Spiel. Was ihm gegen die Portugiesen geglückt war – und das war fast alles –, das misslang ihm nun gegen die Türken. Frings war als Kämpfer und Zerstörer gefragt – und deshalb auch eine sehr wertvolle Ergänzung.“

Die Berliner Zeitung fügt an: „Metzelder wankte durch den Strafraum wie eine Warnboje auf hoher See. Seine Orientierungslosigkeit übertrug sich auf die ganze Abwehr. Die Lücken in der Defensive waren größer als die Sahara und Sibirien zusammen. Lahm zeigte ungewohnte Unsicherheiten. Steigerte sich in der zweiten Hälfte mit Vorstößen, hätte einen Elfmeter für und gegen sich bekommen müssen. Mit Lehmann schwach vor dem 2:2. Machte alles durch sein Tor wett. Ballack schien gedanklich schon bei der Pokalübergabe in Wien zu sein – oder zumindest am Pastabuffet nach dem Spiel. Schoss einen Freistoß lustlos in die Mauer. Klose fand lange überhaupt nicht ins Spiel, erhielt kaum Anspiele. Nicht wiederzuerkennen gegenüber früheren Leistungen. So grau wie das Kostüm von Kanzlerin Merkel. Doch auf seine Kopfballstärke ist eben Verlass, auch wenn ihm Rüstü beim 2:1 höflich den Vortritt ließ.“

Die richtigen Stilmittel?

Ingo Durstewitz (FR) beäugt den rabiaten Ton des Kapitäns: „Ballack, der Spiritus Rector, sah sich gerade im ersten Abschnitt mehr als Einpeitscher, ja als Spielertrainer. Nach 13 Minuten, nachdem Kazim Kazim die Latte getroffen hatte, riss ihm erstmals der Geduldsfaden, da stauchte er sehr vernehmlich Per Mertesacker und Christoph Metzelder zusammen. Eine Minute später dirigierte er Bastian Schweinsteiger, und als die Türken dann die Führung erzielt hatten, gab es für Ballack kein Halten mehr: Er herrschte Lukas Podolski und vor allem Schweinsteiger an, die Adern am Hals traten hervor, Ballack schlug sich mit der Faust in die flache Hand. Sie sollten sich, forderte er zu Recht, doch bitte schön, ein bisschen mehr bewegen und nicht wie angewurzelt an der Außenlinie kleben bleiben. Man hätte fast Angst bekommen können vor dem sonst so adretten und wohl erzogenen Beau aus Görlitz. Und dann? Dann flankte Podolski und Schweinsteiger spitzelte den Ball geschickt ins Netz zum Ausgleich. Und Ballack? Kein Jubel, keine Freude, stattdessen ein sehr, sehr ernstes Einzelgespräch mit Simon Rolfes. Muss ja auch mal sein. Der Mittelfeldmann, daran gibt es nichts zu deuteln, füllte seine Rolle als leitender Angestellter auf dem Platz sehr wohl und sehr präsent aus, aber ob seine Stilmittel der Motivation die richtigen sind? Darüber lässt sich streiten.“

NZZ: Ballack, Rolfes, Frings – das zentrale Mittelfeld der Deutschen hakt

Geschenk mit bekanntem Inhalt

Daniel Meuren (faz.net) fühlt sich ein wenig um Stimmung beraubt: „Nachdem das ZDF wegen des Sendeausfalls notgedrungen auf das Fernsehsignal des Schweizer Fernsehens umschalten musste, schaffte Belá Rethys Stimme den Weg in die deutschen Fanmeilen und Fernsehhaushalte um gut drei Sekunden schneller als das dazugehörige Bild. Solche drei Sekunden können sehr lang sein. Rethy wirkte deshalb zunächst einmal wie ein Mann mit prophetischen Gaben, der Abspiele deutscher Spieler schon im Voraus erahnen kann. Als Rethy dann aber Kloses Vollstreckerqualitäten beim Tor zum 2:1 vorhersah, ehe die dazugehörige Flanke den Fuß von Lahm verlassen hatte, wurden wir misstrauisch. So misstrauisch, dass unsere Freude doch arg gedämpft war über den Treffer. Der Zuschauer will das Tor eben mit allen Sinnen live erleben, quasi das Gefühl haben, den Ball mit den eigenen Augen ins Netz hineingeschaut zu haben – statt es wie eine vom Propheten Rethy verkündete frohe Botschaft hinnehmen zu müssen, die anschließend visualisierte Realität wird. Der Jubel in den deutschen Wohnzimmern über Kloses zwischenzeitlichen Führungstreffer ist folglich anders ausgefallen als üblich. Etwa so, wie man ein Tor im Radio bejubelt. Der Reporter kann das Tor dort noch so wortreich und elegant beschreiben – was dem Fernsehmann im Radioversuch, als das Bild aus Basel zwischendurch völlig verschwunden war, übrigens nur sehr stockend gelang; Fernsehen und Radio sind eben zwei unterschiedliche Disziplinen – das Gefühl der punktgenauen Ekstase wird er nicht provozieren können. Oder so, wie man sich über ein Geschenk freut, dessen Inhalt im Moment des Auspackens bereits verraten wurde.“

Meinen Kumpels und mir war dieses Gefühl aus dem Viertelfinale bekannt. Wir schauten privat in der Gießener Innenstadt. In der Nähe ist ein gut besuchter Biergarten mit Leinwand, und der hatte das Signal drei Sekunden früher. Die Tore haben wir so immer vorher mitbekommen.

Französische Presse bearbeitet von Jonathan Lütticken

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