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Deutsche Elf

Löw honoriert keine Leistung, sondern zählt Jahresringe

Oliver Fritsch | Dienstag, 9. September 2008 Kommentare deaktiviert für Löw honoriert keine Leistung, sondern zählt Jahresringe

Folgen der EM: Am Bundestrainer entzündet sich die gleiche Kritik wie während und unmittelbar nach der EM, diesmal weil er Patrick Helmes nicht aufgestellt hat; außerdem wird seine Fähigkeit bezweifelt, Michael Ballack und Oliver Bierhoff in Schach zu halten / Im „Kulturstreit“ mit Bierhoff erhält Ballack zunehmend Rückendeckung aus der Presse; Theo Zwanziger schaltet sich ein

Der prägnanteste Satz in der überregionalen Fußballpresse von heute steht in Stefan Osterhaus’ Hommage an Patrick Helmes, seiner Meinung nach neben Lukas Podolski den besten deutschen Stürmer; allerdings ist der Adressat der Bundestrainer, der Helmes in Liechtenstein nicht einsetzte. In der Neuen Zürcher Zeitung wirft Osterhaus Joachim Löw erneut vor, nicht nach Leistung aufzustellen: „Bloß im Nationalteam, wo Löw entgegen allen Äußerungen ein Bonussystem etabliert hat, das nicht die Leistung, sondern die Jahresringe honoriert, hat Helmes noch das Nachsehen. Wer die Performance der Stürmer Nummer 2 (Klose), 3 (Gomez) und 4 (Kuranyi) nach ihren Einsätzen gegen den fußballerischen Zwerg betrachtete, der fragte sich, warum hier nicht der Mann spielte, dem der Fußball ähnlich viel Vergnügen zu bereiten scheint wie Podolski.“

Helmes’ Vorzug sei die „Gedankenlosigkeit“ vor dem Tor und überhaupt: „Dass sich Helmes wie Gomez von einer plötzlichen Offerte aus München aus dem Tritt bringen lassen würde, ist kaum vorstellbar.“ Eine Hand hat Osterhaus noch frei, um Rudi Assauer, dem ehemaligen Konzeptmanager von Schalke 04, eine Backpfeife zu verpassen; denn Ralf Rangnick sei, nach eigener Auskunft, schon vor Jahren ein Bewunderer Helmes’ gewesen, doch nach Schalke, Rangnicks damalige Arbeitstätte, habe er ihn nicht holen dürfen: „Dass Rangnick Helmes nicht verpflichtete, lag nach seiner Auskunft vor allem daran, dass bei seinem damaligen Klub Schalke 04 klangvolle Namen auf den Einkaufslisten erwartet wurden.“ Das sitzt!

Osterhaus spricht mir übrigens aus der Seele, auch ich hätte Helmes am Samstag gerne gesehen (siehe Live-Blog). Vielleicht ja morgen. Und unbedingt lesen: die SZ vom Freitag über Ungereimtheiten beim Agali-Transfer nach Schalke im Jahr 2001. In den Hauptrollen: Assauer und Jürgen Möllemann.

Isoliert?

Ein paar gewohnt steile Thesen entwirft Matti Lieske (Berliner Zeitung). Er kann in der DFB-Elf keinen Spieler finden, der Michael Ballack den Rang streitig machen könnte. Was wäre, fragt sich Lieske, wenn die Mannschaft in Rückstand gerät? „Wer würde die Initiative ergreifen, die richtigen Worte finden, die Mitspieler motivieren, aus der Lethargie reißen und selbst mit gutem Beispiel vorangehen?“ Und nun geht er eine lange Liste von blassen Figuren durch: „Robert Enke, der spätberufene Torhüter in seinem dritten Länderspiel? Thomas Hitzlsperger, der zwar schon 39 Mal das DFB-Trikot getragen hatte, aber eigentlich immer als Notnagel. Miroslav Klose, der kaum einen gescheiten Ball zustande brachte? Philipp Lahm, der kürzlich von sich sagte, er glaube schon, dass sein Wort etwas zähle, was nicht sehr überzeugend klang. Schweinsteiger, Podolski, die einstigen Gute-Laune-Buben, deren Äußerungen wahrscheinlich jeder für einen Scherz halten würde? Oder gar Christoph Metzelder von der Reservebank aus? Kein Zweifel, das Team von Löw hat ein Autoritätsdefizit.“

Alles nur Mitläufer? Kann schon sein. Doch auch an Ballack zweifelt Lieske, auf die neue Situation in dessen Klub blickend: „Ballack wird seine dominierende Position nur halbwegs verteidigen können, wenn er fit ist und beim FC Chelsea eine große Rolle spielt, was unter Felipe Scolari nicht unbedingt zu erwarten ist.“ Und wir sind darauf gespannt, ob Ballacks Berater Michael Becker Lieske für den folgenden Vergleich eine Unterlassungserklärung unter die Nase hält: „Ballack muss aufpassen, dass es ihm nicht wie dem späten Matthäus geht, der bei der EM 2000 als letzter Vertreter des ruhmreichen Teams der Neunziger völlig isoliert war.“

Kein Herr im Haus

Der Teamführung obliege es, die Fliehkräfte dieses vermutlich anstehenden Rangkampfs gering zu halten. Doch dem Manager spricht Lieske den Draht zu Ballack ab: „Für Joachim Löw und Oliver Bierhoff wird es eine delikate Aufgabe, die Dinge in der Balance zu halten und in die gewünschten Bahnen zu lenken. Vor allem Bierhoff scheint damit überfordert zu sein, wie sein andauernder Zwist mit Ballack zeigt.“ Auch Löw wird beäugt: „Der Trainerstab wirkte im EM-Sommer gelegentlich ziemlich isoliert vom Team und entsprechend hilflos.“

Im Kommentar verschärft Lieske seine Kritik an Löw, an dem er Härte vermisst: „Der nächste Knall scheint unvermeidlich, wenn nicht jemand ein Machtwort spricht. Derjenige, der dazu berufen scheint, war bisher seltsam unsichtbar. Er habe Ballack auf seine Pflichten als Kapitän hingewiesen, sagte Löw, fehlte nur noch, dass er Bierhoff seine Rechte als Manager verlas. Um den Eindruck zu vermeiden, dass es ihm an Autorität beiden Seiten gegenüber gebricht, wäre es hilfreich, wenn vorn auf dem Podium kein Vakuum säße, sondern ein Bundestrainer mit klaren Worten. Der zeigt, wer der Herr im Hause ist.“

Angriffsfläche im DFB

Präsident Theo Zwanziger hat sich in den Ballack/Bierhoff-Zwist eingeschaltet, der dpa sagte er gestern mahnend: „Es gibt immer mal Meinungsverschiedenheiten, auch bei uns im Präsidium. Aber so etwas muss intern geklärt werden und darf nicht über die Medien immer am Laufen gehalten werden. Es hat eine Aussprache gegeben. Da ist alles ausgeräumt worden. Nach der Berichterstattung der vergangenen Tage müssen wir aber aufpassen, dass sich das Thema in den Medien nicht verselbständigt.“ Natürlich, die Medien sind’s wieder mal. Hat Steinbrück gestern bei Beckmann nicht ähnlich argumentiert?

Philipp Selldorf (SZ) befasst sicht mit Zwanzigers Worten: „Wenn das Statement auch nicht den Tonfall eines Donnerwetters hatte, so war es doch so ähnlich gemeint.“ Selldorf führt auch angebliche geschäftliche Interessensgegensätze zwischen Bierhoff auf der einen und Ballack und dessen Berater Michael Becker auf der anderen Seite ins Feld. Ballack wirbt für Adidas, Bierhoff warb für Nike. Doch ob man sich deswegen in die Haare kriegen muss? Der Werbekonflikt verläuft wohl eher zwischen dem DFB und Bierhoff, worauf auch Selldorf hinweist. Bierhoff biete eine „Angriffsfläche für seine Kontrahenten im Verband“, etwa Wolfgang Niersbach. Kontrahenten?! Interessante Bezeichnung.

Hier der aktuelle Bierhoff-Spot für eine Bank; der DFB kooperiert seit kurzem mit einem direkten Konkurrenten

Künstliche Symbolik, inszenierte Danksagungen

Uneinigkeit, so ist nun zu hören, soll es in den Tagen nach dem Kroatien-Spiel gegeben haben. Knallharte Aussprache unter Männern oder Wohlfühlatmosphäre mit Frauen und Kindern? Also die Methode Ballack oder die Methode Bierhoff? Entschieden hatte man sich für die Methode Bierhoff, was Ballack aufgestoßen sein soll. Jan C. Müller (FR) gibt ihm Geleitschutz: „Ballack hat nie ein Hehl aus seiner strukturkonservativen Auffassung gemacht. Er hält nach vermeidbaren Niederlagen einen ordentlichen Anraunzer noch immer für motivierender als Sinnsprüche im Hotelfoyer. Psychologische Rundumbetreuung und Familienzusammenführung während der Arbeitszeit lehnt er ebenso ab wie die unter Bierhoff gepushte, künstliche Symbolik der Nähe zu den Fans. Massenmedial inszenierte Danksagungen wie wiederholt mit Transparenten oder den beiden Auftritten auf der Fanmeile in Berlin 2006 und 2008 sind Ballack ein Gräuel.“

Müller deutet an, dass die deutschen Spieler zu weich für den Engländer Ballack sein könnten: „Der auf dem Fußballplatz eher zu herrischem Habitus denn zur einfühlsamen Unterstützung neigende Kapitän hat sich, erst recht seit seinem Engagement beim FC Chelsea, eine direkte, unverblümte Fußballersprache zu eigen gemacht. Was in England zum herzlichen Umgangston gehört, wird in Deutschland mitunter als verletzend empfunden.“ Carlos Ubina (Stuttgarter Zeitung) fühlt den Wind aus der gleichen Richtung wehen: „Seit er beim FC Chelsea täglich mit Weltklasseleuten arbeitet, sind seine Erwartungen gestiegen, und nicht jeder im Kreis der Nationalmannschaft scheint den Ballack’schen Ansprüchen gewachsen.“

Zum Schluss noch ein Piotr-Trochowski-Portrait von Peter Heß (FAZ): „Insgesamt wirkt der gebürtige Pole viel positiver und entschlossener. Seine Körpersprache hat sich verändert.“

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