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Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Am Grünen Tisch

Der dümmste Vorschlag kommt von Blatter

Oliver Fritsch | Donnerstag, 26. März 2009 7 Kommentare

Fifa und Uefa lehnen Meldesystem der Wada ab, die Presse erinnert die Verbände deutlich an den Anti-Doping-Kampf

Fußball-Profis müssen seit 2009, dem Code der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) entsprechend, wie viele andere Sportler ihren Aufenthaltsort drei Monate im Voraus angeben, um für Doping-Kontrolleure auffindbar zu sein. Urlaub inbegriffen, Änderungen jederzeit per SMS möglich. Fifa und Uefa lehnen das Meldesystem mit dem Hinweis auf die Privatsphäre ab. Die Presse kritisiert einheitlich die Intervention der Fußballverbände. Evi Simeoni (FAZ) nimmt Profisportler in die kollektive Verantwortung: „Nun ist ein System in Kraft getreten, das Spitzenathleten ein Leben abfordert, das dem von Verbrechern auf Freigang nicht unähnlich ist. Der Generalverdacht ist dem System längst immanent. Doch die Athleten selbst haben die Dopingbekämpfung in diese moralische Sackgasse geführt. Eine deprimierende Folge von primitiven, unappetitlichen oder auch hochintelligent ausgeklügelten Betrugsfällen brachte die Dopingbekämpfung an den Rand des Erträglichen. Die Verantwortung dafür tragen alle. Auch die Fußballspieler.“

Größer als der Rest des Welt-Sports

Arnd Festerling (FR) empfindet das Vorgehen der Fußballverbände als Unverschämtheit und fragt sich, woher diese stammt: „Sie rührt her vom jahrzehntelangen Leben im Zentrum der Aufmerksamkeit von Presse und Publikum. Das führt zu verschobenen Perspektiven: Ein Manager schlägt eine allgemeine Fußballabgabe der Fernsehzuschauer vor; ein mittelmäßiger Bundesliga-Profi würde für das Gehalt des Deutsche-Bank-Chefs nie gegen den Ball treten; und Regeln, die für Eishockey und Basketball, für Handball und Hockey gelten, sind für Fußballer selbstredend unzumutbar. Wen wundert es da noch, dass Fifa und Uefa es unfair finden, wenn auch für sie der Grundsatz gelten soll: Gleiches Recht für alle.“

Die FAZ schreibt: „Joseph Blatter hält sich für größer als der Rest des Welt-Sports.“ Auch Matti Lieske (Berliner Zeitung) fokussiert den Boss: „Hätte man wetten müssen, von wem wohl der dümmste Vorschlag in dieser Debatte kommen würde, die Antwort wäre einfach gewesen: natürlich von Blatter. Es spricht Bände, dass Blatter allen Ernstes seinen Verband zum Vorreiter in Sachen Dopingbekämpfung erklärt. Jene Fifa, die noch bei der WM 2006 Blutkontrollen nicht für nötig hielt und einer der letzten Verbände war, der den Code der Wada unterschrieb.“

Die Reaktion Theo Zwanzigers, der dem Fußball „andere Elemente“ zugestehe, findet Lieske „bedenklich“. Hier, nebenbei, ein FAZ-Portrait des sozialen, strengen, sturen Theo Zwanziger.

Gefahr Wasserkopfbehörde

Klaus Hoeltzenbein (SZ) will die Argumente der Gegner des Meldesystems nicht vom Tisch wischen, kommt aber zu einem lakonischen Schluss: „In der Tat sind viele Fragen ungeklärt, beispielsweise jene nach den Standards des Datenschutzes, oder die Kernfrage, ob da nicht eine globale Wasserkopfbehörde entsteht. Wo aber soll das Problem sein, wenn die Wada, falls sie’s sich leisten kann, beim Ballack an der Strandhütte auf den Seychellen klingelt? Oder bei den Beckhams im Urlaub auf St. Barth? Kurz Wasser nimmt – und weiterzieht.“

Zudem macht er einen konkreten Vorschlag, um die Klubs statt den Spielern in die Pflicht zu nehmen: „Jeder Profiklub hat verpflichtend ein Anti-Doping-Sekretariat einzurichten, dieses hat die 365-Tage-Daten der Profis zentral zu verwalten und zu melden, bei Säumnis geht der Klub in die Verantwortung.“

Und hier flennt der weinerliche Herr Fritsch (Zeit Online): „Es spricht nichts dagegen, wenn Fußballer im Anti-Doping-Kampf in Vorleistung treten – zumal gerade sie enorm von den Vorleistungen früherer Generationen profitieren: Ihr milliardenschwerer Markt ist nicht von heute auf morgen entstanden, sondern über Jahrzehnte gewachsen. Da kann es nicht zu viel verlangt sein, den Nachfolgegenerationen einen sauberen Sport zu hinterlassen.“

Kommentare

7 Kommentare zu “Der dümmste Vorschlag kommt von Blatter”

  1. Dirk
    Donnerstag, 26. März 2009 um 16:28

    Interessante, lesenswere Zusammenstellung; aber mich stört das unpassende und unseriöse „flennt der weinerliche“. Was soll das, so würde doch niemals z.B. ein Horeni-Zitat angekündigt werden?

  2. Jan
    Donnerstag, 26. März 2009 um 16:47

    @Dirk: Das ist selbstreferentielle Selbstironie. Die eine oder andere Flapsigkeit erlaubt sich der „Chef“ hier ab und zu.

    Und es ist doch völlig in Ordnung, wenn hier nicht alles so bierernst vorgetragen wird. Selbst wenn es so ein ernstes Thema wie die Doping-Bekämpfung geht.

    Es geht doch, am Ende, um Fußball. Die schönste Nebensache der Welt.

  3. Dirk
    Donnerstag, 26. März 2009 um 17:10

    „Selbstreferentielle Selbstironie“ ist mir zu hoch.

    Ich schätze den IF, weil es hier eben anspruchsvoller und vor allem ernsthafter als anderswo zugeht.

    Es ist ja nun Unsinn (von mir), zu dieser Diskussion noch mehr zu schreiben, aber ich kann jetzt nicht anders: „Es geht doch, am Ende, um Fußball. Die schönste Nebensache der Welt“ … singen schunkelnd Blatter, Tante Käthe und MV.

  4. Jan
    Donnerstag, 26. März 2009 um 17:37

    @Dirk: Oliver Fritsch wurde im Zusammenhang mit dem laufenden Verfahren von der Gegenseite als weinerlich dargestellt. Es gab auch mal einen Bericht auf den hiesigen Seiten – der ist nach dem Relaunch der Seite aber (noch?) nicht wieder auffindbar.

    http://www.gea.de/detail/1217715

  5. Frankfurt die Macht!
    Donnerstag, 26. März 2009 um 21:38

    Sie zitieren die Rundschau: „…ein mittelmäßiger Bundesliga-Profi würde für das Gehalt des Deutsche-Bank-Chefs nie gegen den Ball treten.“
    Der Deutsche Bank Chef Ackermann verdiente in den jüngsten Jahren 10 Millionen Euro jährlich, dieses Jahr in der Finanzkrise 1,4 Millionen Euro Grundgehalt.
    Da könnte die Rundschau ja mal auf den Gehaltzettel der Eintracht schauen, ob sie ein besseres Gehalt finden. Mittelmäßige Kicker gibt es da jedenfalls genug (und wird es noch lange geben, solange Funkel am Ruder ist).

  6. Dirk
    Freitag, 27. März 2009 um 05:34

    @Jan

    genau diese Hintergrundinfo habe ich beim Lesen nicht gehabt und konnte daher nicht verstehen, wie diese Selbstrefferenz einzuordnen ist.

  7. Paul Weiler
    Samstag, 28. März 2009 um 15:15

    Von „dumm“ zu reden finde ich falsch! Herr Blatter hat es es immer intelligent verstanden sein [gelöscht, OF] System zu schützen.. und der DFB is Teil davon! Kein Wunder dass die FIFA immer der NACHREITER von anderen ist… sollen die doch
    skandalträchtig im Vordergrund stehen… ( Handball, Radsport, Ski … ) hat man keine Dopingkontrollen , so kann man ja sagen, es gibt kein DOPINGproblem! Also intelligent …..
    aber es wird enger um DFB, UEFA, FIFA…. allerdings haben sie eine Chance: wenn alles marode ist… fällst nicht mehr auf.. und alle können sich reinwaschen !!!!!!!!!!!..

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