indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Bundesliga

Das System Magath ist der Gewinner der Saison

Oliver Fritsch | Montag, 18. Mai 2009 5 Kommentare

Vorabglückwünsche, aber auch alter Spott für Wolfsburg / Bayern spielt in Hoffenheim wie in der gesamten Saison / Hertha ist nicht die beste Mannschaft der Liga, also auch kein Meister / Babbel bajuwarisiert Stuttgart / Beim HSV kämpft jeder gegen jeden / Bielefeld unterstreicht seine Provinzialität und entlässt Michael Frontzeck

Der VfL Wolfsburg gilt trotz lediglich zwei Punkten Vorsprung seit dem 5:0-Sieg in Hannover als Fast-Meister. Auch die Presse holt die Vorabwürdigungen aus der Schublade. Christian Eichler (FAZ) betont Systemunterschiede in der Trainerfrage: „Nicht das Modell Klinsmann, das System Magath wurde zum Gewinner der Saison – nicht der große Innovator und Dirigent von Kompetenzteams, sondern der Boss alter Prägung, der alle Fäden in der Hand hält und die Kargheit der Kommunikation als Stilmittel ausspielt.“

Doch muss der VfL Wolfsburg seines attraktiven Stils zum Trotz noch immer mit Vorbehalten leben. Einen giftigen Kommentar verfasst Jan Christian Müller (FR), indem er auf die mutmaßliche Abneigung vieler Fans gegen das traditionslose Produkt Wolfsburg zielt: „Nächste Woche könnte eine im Reagenzglas der VW-Labors geplante Meisterschaft gefeiert werden, dummerweise gibt es aber wenig Grund, dass sich die ganze Republik mitfreut. Bundesligaspitzenfußball oder – brrrrrr, noch schlimmer – Champions League in Wolfsburg ist eine völlig überflüssige Angelegenheit. So überflüssig wie das in der Regel gähnend leere Factory Outlet in Bahnhofsnähe. So überflüssig gar, dass selbst der Trainer sich auf und davon macht. Wenn man mal ausnahmsweise vorurteilsfrei darüber nachdenkt, kann man sich ein bisschen mitfreuen: Danke, ihr Wolfsburger Söldner, dass ihr die Liga ordentlich aufgemischt habt. Aber einmal reicht.“

Symbolisches Upgrading

Spitzer wendet es das Feuilleton der FAZ am Sonntag. In der schöngeistigen Kolumne Pro & Contra schleichen Peter Körte und Volker Weidermann um die Frage, ob Wolfsburg in Zukunft eine größere Rolle in diesem Land spielen soll. Körte hält es mit dem Trainer: „Kann diese Stadt das symbolische Upgrading überhaupt verkraften, welches sie von der Peripherie ins Zentrum der Öffentlichkeit schleudert? Wäre es da nicht besser, vom großen Ironiker Magath zu lernen, der sich nun schnell wieder aus dem Staub (der niedersächsischen Steppe) macht? Vermutlich wäre es das – wenn denn Magath nicht ausgerechnet nach Gelsenkirchen ginge.“ Auch Weidermann kommt nicht an der Magaths Scheidungswunsch vorbei: „Was ist das für eine Stadt, in der der mögliche Meistertrainer in den Tagen vor dem unwahrscheinlichsten Triumph, den die Geschichte des deutsche Fußballs je geschrieben haben wird, sich zu einem chaotischen Oligarchenclub im Ruhrgebiet davonmacht?“

Wölfi-Kids-Club auf Reisen

Superstürmer Edin Dzeko gibt zu, dass er enttäuscht über Magaths Weggang sei, doch Christian Otto (Tagesspiegel) kann auf dem Feld keinen Formverfall der VfL-Spieler erkennen: „Sie hegen keinen Groll gegen ihren Chef, der sie über Wochen an der Nase herumgeführt und seinen Wechsel zum FC Schalke verschwiegen hat. Sie folgen ihm wie einem Anführer, der das richtige Rezept kennt und den Zaubertrank auf dem Weg zur letzten großen Schlacht ausschenkt.“

Frank Hellmann (FR) kann sich einen kleinen Wischer gegen die Wolfsburg-Fans nicht verkneifen: „Eigentlich wäre bei den Spielplangestaltern der DFL mal ein dickes Dankeschön fällig. Denn günstiger hätte man fürs notorisch reiseunfreudige Fan-Volk des VfL Wolfsburg den vorletzten Spieltag nicht ansetzen können, als bei dieser Konstellation das Niedersachsenderby bei Hannover 96 zu offerieren. Das war nicht einmal dem Wölfi-Kids-Club zu weit.“

Verlust alter Souveränität

Bayern wahrt mit dem 2:2 in Hoffenheim seine Chance auf die Champions League und (etwas geringer) die Meisterschaft. Verein und Medien machen einen Verantwortlichen für die wohl titellose Saison aus: Jürgen Klinsmann. Michael Neudecker (Berliner Zeitung) stellt in der zweiten Halbzeit konditionelle Mängel fest: „An der Säbener Straße ist schon häufiger in dieser Saison über womöglich falsches Fitnesstraining geflüstert worden, die Übungen der im hochklassigen Fußball weitgehend unerfahrenen Athletiktrainer von Klinsmann seien nicht sportartspezifisch genug, hieß es. Man hat diese Flüstereien nie ernst genommen, innerbetriebliche Kritik ist ja gerade bei einem Verein wie dem von Alphatieren durchwanderten FC Bayern nicht ungewöhnlich. Spätestens seit Samstag muss die Frage nach der physischen Basis allerdings erlaubt sein.“

Moritz Kielbassa (SZ) filtert aus dem Spiel ein Substrat heraus: „In Hoffenheim verdichteten sich nochmal in 90 Minuten alle Eindrücke der Saison: Sehenswerte Angriffsaktionen minus zeitweise eklatantes Defensivverhalten ist gleich: Verlust alter Souveränität.“

Plan übererfüllt

Hertha BSC hingegen wird doch kein Meister, und Katrin Weber-Klüver (Financial Times Deutschland) kann sich gut damit anfreunden: „Schön erspielt wurden Herthas Siege selten. Meist wurden sie mehr errungen durch Konzentration und Disziplin. Das gab den Träumen vom Titel Stoff, Substanz gab es ihnen nicht. Die Sehnsucht der Stadt nach einem Titel, die Bereitschaft zur Hingabe unter dem Publikum, das in der Rückrunde immer zahlreicher wurde, war doch weitaus größer als Leistung und Leidenschaft der Spieler. Man träumt in Berlin gern von Sommermärchen. Träumen allein reicht nicht. In einer Saison, die aller Voraussicht nach von überragenden Stürmern entschieden wird, war Herthas Rasenschach mit zwei launischen Angreifern in labilen Arbeitsverhältnissen zu wenig. Und das, das ist auch gut so.“

Allerdings gesteht sie Hertha eine Image-Besserung zu, die sie anschaulich beschreibt: „Es ist Hertha BSC gelungen, die Stadt endlich einmal wieder dafür zu interessieren, dass sie diesen Erstligisten hat. Es ist Hertha BSC gelungen, zum Gegenstand von Gesprächen in Kreuzberg und Prenzlauer Berg zu werden, in denen es nicht darum ging, dass dieser Verein irgendwie unsympathisch sei, das Stadion fürchterlich zum Anschauen von Fußballspielen, die Mannschaft komplett uninteressant, das Management anstrengend arrogant. Das zarte Pflänzchen Zuneigung wuchs auch unter dem Heer der zugereisten Skeptiker, die die Hauptstadt bevölkern, mit den erstaunlichen Siegen, der netten Art des Trainers, vor allem dank der zwischenzeitlichen Tabellenführung. Ach, säuselte die Metropole der Zuwanderer in plötzlicher Aufwallung von Identifikationsgefühlen.“

Vor großer Enttäuschung schützt Markus Völker (taz) die Hertha: „Nein, es geht im Fußball nicht ungerecht zu. Meister wird in der Regel die beste Mannschaft. Die Hertha war es definitiv nicht. Die beste Mannschaft der Liga sollte auftrumpfen im entscheidenden Moment. Wenn es um alles geht, muss eine Elf, die den Titel beansprucht, dominant sein, kraftvoll – und tollen Fußball zeigen. Es sollte kein Zweifel an ihrer Ausnahmestellung aufkommen. Das alles konnte Hertha BSC nicht bieten. Trotz der Mobilisierung großer Fan-Massen und rekordverdächtiger Absatzzahlen. Doch auch, wenn Hertha BSC der große Erfolg verwehrt bleibt, so wissen die Berliner doch, dass sie den Plan übererfüllt haben.“

Bajuwarisiert

Christof Kneer (SZ) hat den VfB Stuttgart, Sieger gegen Cottbus, noch auf seiner Rechnung: „Bayer ist Babbel bis heute, und seinen VfB hat er inzwischen schleichend bajuwarisiert: Dank der Implantierung eines furchterregend bayernähnlichen Sieger-Gens wirkt diese junge Elf viel reifer als sie eigentlich sein dürfte – und jetzt schafft der VfB sogar schon jene schmutzigen 2:0-Siege, auf die eigentlich Bayern das Patent besitzt.“

Jeder gegen jeden

Vor den „Scherben eines harten Jahres“ (FAZ) steht der HSV nach dem 0:1 gegen Köln. Der Kampf um drei Titel hat ihn verschlissen. In den Zeitungen ist erstmals von Dissonanzen zu lesen. Trainer Martin Jol fordert mit einer „vollen Breitseite gegen die Vereinsführung“ (FAZ) neue Spieler, die Mannschaft um Frank Rost schließt sich an, Sportchef Dietmar Beiersdorfer wehrt sich, Boss Bernd Hoffmann kritisiert die Mannschaft. In der taz liest man: „Irgendwie haben die Hamburger alles richtig gemacht. Und trotzdem stehen sie vor dem Nichts.“

Rainer Schäfer (Berliner Zeitung) fühlt mit den Hamburgern, wirft ihnen aber mangelnde Einheit vor: „Eine Saison, die verheißungsvoll begonnen hatte, die der HSV bis Anfang Mai bravourös gestalten konnte und die jetzt im Horror endet. In der Schlussetappe, die Belohnung für eine Tortur von Saison vor Augen, ist der HSV außer Kontrolle geraten. Die Niederlagen gegen Bremen haben mehr Wirkung gezeigt als vermutet. Am Ende dieser brutalen Spielzeit hören sie auf, miteinander zu agieren, Fans und Spieler, Trainer und Vorstand, auch der Vorstand untereinander.“

Frank Heike (FAZ) ergänzt ein Deja-vu: „Man hat den Eindruck, beim HSV kämpft jetzt wieder einmal jeder gegen jeden, um den eigenen Ruf zu retten. Das erinnert an die Endzeit unter Thomas Doll. Es war schon sehr bitter, wie die Profis nach einer an sich großen Saison mit Pfiffen verabschiedet wurden.“ Jörg Marwedel (SZ) fragt sich, ob der Trainer noch unantastbar ist: „Das lange harmonische Verhältnis zwischen Jol und seinen Vorgesetzten beginnt zu bröckeln. Die noch kürzlich angestrebte Vertragsverlängerung über 2010 hinaus liegt inzwischen in der Schublade. Nicht nur, weil Jol zuletzt häufiger taktische Fehler passiert sind. Erstmals hat er nämlich Hoffmann und Beiersdorfer angegriffen.“

So belanglos wie Hannover 96

Katrin Weber-Klüver (Financial Times Deutschland) misst die Tiefe der Enttäuschung anhand einer Fan-Psychologie: „Was Menschen elektrisiert ins Stadion und ins Gespräch zieht, ist nicht die Sicherung von Rang 10, sondern Titelrennen und Abstiegskampf. Selten in seiner jüngeren Geschichte hat der Hamburger SV eine solche Anteilnahme erlebt, wie vor zwei Jahren, als der Verein am Rande des Abstiegsstrudels taumelte. Aus mitleidig Zugeneigten wurden leidenschaftliche Fans. Und was haben sie jetzt davon? Sind frustriert, weil der HSV zwar in dieser Saison viele Erfolge feierte, aber keinen final durchschlagenden. Sogar der Kampf um Rang 5 scheint verloren. Das macht den HSV gerade fast so belanglos wie Hannover 96.“

Provinztrottel

Michael Frontzecks Entlassung in Bielefeld einen Spieltag vor Saisonende geht auf den Fußballseitenetwas unter. Eichler schreibt im FAZ-Kommentar: „Es wirkt wie der verzweifelte Versuch, den Spielern die letzte Ausrede zu nehmen und dem Publikum ein Opfer zu bringen.“ Körte geht in seinem Blog auf faz.net mit der Vereinsführung ins Gericht: „Die Verantwortlichen bei der Arminia stehen wie Provinztrottel da, die nicht rechtzeitig gemerkt haben, was die Glocke geschlagen hat. Wer solche Strategen an der Spitze hat, braucht im Grunde gar nicht mehr in die Schlacht zu ziehen.“

Erstaunlicherweise dreht sich Klaus Hoeltzenbeins Kommentar in der SZ heute um Fußball und Gewalt, auch um die Auseinandersetzung zwischen DFB und Polizeigewerkschaft: „An ihrer polierten Oberfläche ist die Bundesliga in erster Linie ein Familienfest, ein Ereignis für alle – mit Besucherzahlen, die jede andere Liga in den Schatten stellen. Unter dieser Oberfläche aber brodelt es zunehmend.“

Und noch ein Bernd-Schneider-Portrait in der FR.


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Kommentare

5 Kommentare zu “Das System Magath ist der Gewinner der Saison”

  1. Twitted by xberg
    Montag, 18. Mai 2009 um 14:56

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  2. Peterchen
    Montag, 18. Mai 2009 um 17:57

    Erstens fand der „unwahrscheinlichste Triumph, den die Geschichte des deutsche Fußballs je geschrieben“ hat bereits 1998 statt. Dass eine solch aufgerüstete Millionentruppe zumindest irgendwo oben mitspielt ist ja nun so überraschend nicht. Und zweitens frage ich mich, ob nach der Hinrunden-Lobhudelei der Spott auch bei einer Meisterschaft Hoffenheims dermaßen ausgefallen wäre…

  3. Bercovich
    Montag, 18. Mai 2009 um 21:13

    Peterchen – sehe ich auch so. Die Herren von der FAZ lieben dann das Wortgeklingel doch zu sehr, um auf die Fakten zu schauen… Würde doch sagen, dass 1998 Lautern um Einiges unwahrscheinlicher als Meister gewesen ist… Egal…

    Was das Fitnesstraining bei den Bayern betrifft, erinnere ich mich noch an die Wochen vor der Winterpause, als man vielfach lesen konnte: Aber fit sind sie, die Bayern, können in den letzten 15 Minuten immer noch zulegen! – Wieviele Berichte, die uns Lesern etwas Konkretes über die Trainingsmethoden mitgeteilt haben, hat’s denn gegeben? Ich kann mich keines erinnern. Immer nur Schlagworte, Nachplappern, Schwimmen mit dem Strom…

  4. Ingrid
    Dienstag, 19. Mai 2009 um 15:48

    Gerade gelesen:
    Im Fußball ist vieles reiner Zufall
    Der renommierte Sportwissenschaftler Roland Loy behauptet: Niemand weiß, was wirklich zum Erfolg führt
    http://www.newsclick.de/index.jsp/menuid/2168/artid/10311099

  5. Oliver Fritsch
    Dienstag, 19. Mai 2009 um 16:40

    Zu Loys Buch hab ich das mal fabriziert:
    http://www.zeit.de/online/2009/12/bg-fussball-irrtuemer

    Ich finde ja: Wenn alles zweifelhaft ist, dann ist auch zweifelhaft, dass alles zweifelhaft ist.

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