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Bundesliga

Relegation – Sozialplan für abgestürzte Erstligisten

Oliver Fritsch | Donnerstag, 28. Mai 2009 2 Kommentare

Pro und Contra Relegationsspiel / Martin Jol verlässt Hamburg fluchtartig, das Verhältnis zu seinen Spielern schien schlechter als vermutet und die Mitverantwortung an der Transferpolitik größer als von ihm dargestellt / Bruno Labbadia, in Leverkusen umstritten / Uli Hoeneß und Michael Rensing machen es sich mit dem Sündenbock Jürgen Klinsmann sehr leicht

Matti Lieske (Berliner Zeitung) lehnt die wiedereingeführte Relegationsrunde ab: „Eine zweite Chance, doch noch erstklassig zu bleiben. Eine Art Netz und doppelter Boden für abgestürzte Erstligisten, Sozialplan für Strafraumversager, Abwrackprämie und Rettungspaket in einem. Es ist wie bei jenen Doppelkopfrunden, wo neu gegeben wird, wenn jemand fünf Neunen oder Könige hat. Wo bleibt da der Sportsgeist?“

Außerdem müsse man auch „B“ sagen, meint Lieske: „Wenn man so etwas schon in den Ligabetrieb einführt, dann sollte man das wenigstens konsequent tun. Nicht nur Cottbus und Nürnberg in der Relegation also, sondern außerdem eine hübsche Viererrunde um den Meistertitel.“

Der Königsblog entgegnet: „Ich halte die Relegationsspiele für fair. Der Zweitligist muss eben besser sein als der Erstligist. Und damit beweisen, dass er an seiner statt in Liga 1 gehört. So ist Sport.“

Zwei Verlierer

Frank Heike (FAZ) kommentiert Martin Jols Kündigung in Hamburg: „Jol hat dem HSV vorgeführt, woran es hapert: an Risiko, und an einer klaren Linie bei der Mannschaftsausrichtung und Spielerverpflichtung. Die Art, wie er nun gegangen ist, lässt den bis dato allseits beliebten Jol allerdings auch als Verlierer da stehen – wie den ganzen HSV.“

Im Abendblatt jedoch liest man, dass das Verhältnis Jols zu seinen Spielern schlechter gewesen sei als es schien: „Inzwischen offenbaren sich immer mehr Risse in der bis zuletzt als unerschütterlich loyal auftretenden Interessengemeinschaft Jol/Mannschaft. Nicht wenige Spieler geben sich erleichtert. Geklagt wird vor allem über fehlende taktische Elemente in den Trainingseinheiten, inhaltsleere Ansprachen vor den Spielen sowie über mangelhaften internen Umgang. Insbesondere die von Martin Jol immer wieder angeschobene Qualitätsfrage im Kader stieß bei den Spielern übel auf und sorgte für ein frühes Zerwürfnis, das nur über die Erfolge unter der Oberfläche gehalten werden konnte. Trauriger Höhepunkt: Am Ende soll sich die Mannschaft über Jol sogar schon lustig gemacht haben, weil der vor jedem Spiel seinen Bruder und ‚persönlichen Assistenten‘ Cornelis in die Kabine des Gegners schickte, um ein Trikot fürs heimische ‚Museum‘ zu schnorren – da gab es viel Häme hinter vorgehaltener Hand.“

Sven Goldmann (Tagesspiegel) verteidigt Jols Kritik an Dietmar Beiersdorfers und Bernd Hoffmanns Transferpolitik: „Jol vermisste Aggressivität und Mut. Im Januar, als nach dem 20 Millionen Euro schweren Transfer von Nigel de Jong zu Manchester City plötzlich viel Geld da war, scheuten die Hamburger das Risiko einer prompten Re-Investition – mit dem damals durchaus nachvollziehbaren Argument, dass der Markt mitten in der Saison nichts Gescheites hergebe. Warum der HSV dann aber seinen Kader mit einem Ersatztorwart aus Marokko, einem verteidigenden Unsicherheitsfaktor aus Dänemark und vier mittelmäßigen Mittelfeldspielern verwässerte, das hat bis heute niemand verstanden. Man darf davon ausgehen, dass Jols Anteil an diesen Transfers eher bescheiden war.“

Dahingegen erinnert Heiko Hinrichsen (Stuttgarter Zeitung) an Jols Involviertsein: „Jol lässt außer Acht, dass es noch in der Winterpause eine gemeinsame Entscheidung des HSV-Führungstrios gewesen war, sich quasi auf der Resterampe des internationalen Fußballmarktes nicht über Gebühr einzudecken. Unerwähnt ließ Jol überdies, dass der HSV bereits vor Saisonbeginn rund 30 Millionen Euro in die Neuzugänge Marcell Jansen, Mladen Petric, Thiago Neves und Alex Silva investiert hatte, was einen Vereinsrekord bedeutete. Vor allem Neves und Silva, die Jol unbedingt haben wollte, konnten sich nicht durchsetzen.“

Zu leicht

Jan C. Müller (FR) befasst sich mit der Situation Bruno Labbadias, der in Hamburg im Gespräch ist: „Die Situation von Bruno Labbadia lässt sich mit der von Thomas Doll vor einem Jahr bei Borussia Dortmund durchaus vergleichen, zumal zufällig auch Labbadia Trainer eines Pokalfinalisten ist. Wie Doll im April 2008 scheint auch Labbadia im Mai 2009 keine Rückendeckung mehr in seinem Klub zu genießen, wie damals in Dortmund scheint es auch diesmal in Leverkusen Verantwortliche zu geben, die in der Szene streuen, dass der Trainer gewogen und für zu leicht befunden wurde.“

Keine Nummer 1

Peter Körte (faz.net) ärgert sich über Michael Rensing und Uli Hoeneß, weil diese nicht für ihre Defizite und Entscheidungen geradestehen wollen: „Das Fußballleben wird den Gernegroß Michael Rensing bestrafen, der seine mäßigen bis schlechten Leistungen jetzt auch noch Klinsmann in die Schuhe schieben will, als wäre nicht schon vor der Saison klar gewesen, dass Rensing in diesem Leben jedenfalls nicht das Zeug zur Nummer 1 bei den Bayern hat. Uli Hoeneß müsste Klinsmann für eines ewig dankbar sein: dass er ihm die Last abgenommen hat, Rensing auszubooten. Wer Hoeneß neulich im Sportstudio über Rensing hat reden hören, weiß, dass der Mann keine Zukunft in München hat – nur Rensing ist offenbar nicht klug genug, das zu merken.“

Die FAZ beschreibt Armin Veh als „einen Trainer, der schwer einzuordnen ist und sich eine gewisse Unabhängigkeit bewahrt hat.“. Die FR portraitiert Michael Oennning, den Germanisten, Pianisten und Trainer Nürnbergs.

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Kommentare

2 Kommentare zu “Relegation – Sozialplan für abgestürzte Erstligisten”

  1. Gunnar
    Freitag, 29. Mai 2009 um 16:25

    Labadia mit Dolls Zeit in Dortmund zu vergleichen halte ich für nicht gerechtfertigt. Labadia hat zumindest in der Hinrunde mit Leverkusen etwas gezeigt. Doll ist dies in seiner ganzen Zeit in Dortmund schuldig geblieben.

  2. Ingrid
    Dienstag, 2. Juni 2009 um 16:36

    Nach den nun ausgetragenen Relegationsspielen könnte man ja sagen: Hätte man sich auch sparen können. Der Drittletzte der 1. Liga muss nach zwei eindeutigen Niederlagen gg. den Dritten der Zweitligatabelle jetzt doch absteigen und der Drittletzte der 2. Liga nach zwei knappen Niederlagen gg. den Tabellendritten der 3. Liga auch absteigen (was ich sehr bedaure).
    Beide Verlierer erzielten kein einziges Tor.
    Für die Fans der beiden Vereine gab es wohl die spannendsten Spiele der Saison und für die Vereine noch mal eine Zusatzeinnahme.

    Sollte es nach der nächsten Saison wieder so einen Ausgang der Relegation geben, ob es dann wieder eine Änderung im Modus gibt?

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