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Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Am Grünen Tisch

Romantisierung der Rechtsunsicherheit

Oliver Fritsch | Mittwoch, 17. Juni 2009 2 Kommentare

Der Handelfmeter, den Brasilien zum 4:3 gegen Ägypten nutzte, und den der Vierte Mann verhängte, feuert die Debatte um den Videobeweis neu an

Arnd Festerling (FR) führt praktische Einwände als Gegenargument ins Feld: „Man könnte zugunsten des Videobeweises anführen, dass er manche Regelwidrigkeit aufdecken würde, die sonst erst zu später Sportschau-Stunde ans Licht käme. Andererseits, und das ist das zentrale Problem in einer Sportart wie Fußball, deren Spielfluss nur unregelmäßig und zufällig unterbrochen wird, bräuchte es eine Spielpause fürs Studium der TV-Aufzeichnungen ebenso wie zur Verkündung der zu ziehenden Konsequenzen. Sonst müsste ja über Situationen geurteilt werden, die vielleicht schon länger zurückliegen. Theoretisch könnten also Spieler Tore schießen, denen anschließend per Videostudium nachgewiesen wird, dass sie schon eine Minute zuvor hätten vom Platz fliegen müssen. Nun könnte man ja sagen, der Monitor wird nur in Situationen zurate gezogen, die der Schiri abgepfiffen hat. Aber dann blieben nicht gepfiffene Elfer weiter ungeahndet, nur gegebene würden gegebenenfalls zurückgenommen. Verwirrend, dieser einäugige Beweis, und daher kaum praktikabel. Zudem haben auch Fernsehbilder ihre Tücken, sind selten eindeutig.“

Claudio Catuogno (SZ) hingegen hält an der Befürwortung des Videobeweises im Profifußball fest: „Auf dem Dorfbolzplatz ist die Verbindlichkeit der Tatsachenentscheidung unabdingbar, um die Autorität der Schiedsrichter zu schützen. Unter den Blicken von Milliarden Fernsehzuschauern ist sie ein Anachronismus. Doch bisher gefällt sich der Fußball in einer fragwürdigen Romantisierung der Rechtsunsicherheit – als machte erst die menschliche Fehlbarkeit aus dem Geschäft wieder ein Spiel.“

Kommentare

2 Kommentare zu “Romantisierung der Rechtsunsicherheit”

  1. Charly
    Freitag, 19. Juni 2009 um 13:29

    Arnd Festerling hat offensichtlich sämtliches Stammtischwissen zum Videobeweis in einem Kommentar zusammengefasst.

    Jeden seiner Bedenken hätte er begraben können, wenn er sich die professionelle Handhabung des Videobeweises – z.B. im Tennis (auch im American Football wird das mW so gehandhabt) – angeschaut hätte: Jeder hat nur eine limitierte Anzahl von Gelegenheiten, in denen er beim Schiedsrichter den Videobeweis einfordern kann, wenn er sich benachteiligt fühlt.

    Im Fußball könnte man z.B. dem Trainer 2x pro Spiel das Recht geben, beim Schiedsrichter zu intervenieren. Das sollte dem Spielfluss keinen Abbruch tun und der Trainer wird sich genau überlegen, ob er den vermeintlich ungerechten Einwurf überprüfen lässt. Ohnehin entscheidet auch beim Videobeweis der Schiedrichter und trifft damit eine Tatsachenentscheidung. Er hat halt nur eine weitere Quelle für seine Entscheidungsfindung.

    Eine sich verschiebene Chronologie kann ich durch den Videobeweis überhaupt nicht erkennen.

  2. Marvin Nash
    Freitag, 19. Juni 2009 um 16:09

    Unfassbar. Jetzt macht sich die FIFA aber lächerlich. Schon die zweite Videoentscheidung beim Confed-Cup. Dieses Mal eine Rote Karte. Setzen sich die Schiris bewusst über die Regeln hinweg oder dürfen sie nun doch die Leinwände zuhilfe nehmen? Man sollte ja denken, dass nach dem Elfer gegen Ägypten das Thema von der FIFA bei den Schiris angesprochen wurde.

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