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Ascheplatz

Die Affäre verströmt Rotlichtgeruch

Frank Baade | Mittwoch, 25. November 2009 3 Kommentare

Im Wettskandal sind vor allem Spieler aus unteren Ligen empfänglich, wer erpressbar ist, wird von den Betrügern benutzt, osteuropäische Spieler werden gezielt in anderen Ligen zur Manipulation untergebracht

Flurin Clalüna erinnert sich in der NZZ: „Letzten Sommer hat die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) geschrieben, was sie vom Fussball hält: Sie sieht ihn durch irrationale Ablösesummen, unseriös beratene Spieler und Kriminelle als ‚perfekte Plattform für die Geldwäsche‘. Der Fussball ist undurchschaubar geworden – nicht nur wegen Spielmanipulationen. Hinter der Fassade gibt es verdeckte Zahlungen, schwarze Konten, Trainer und Manager, die bei Transfers mitverdienen.“ Die oberste Schicht des Fußball sei oft nicht beteiligt: „Im Millionenspiel Fussball werden vor allem jene in Versuchung geführt, die nicht an die ganz grossen Finanzströme angeschlossen sind. Cristiano Ronaldo oder Didier Drogba lassen sich nicht kaufen. Spieler, die im Dunkel einer unteren Liga arbeiten, sind für eine Handvoll Euro empfänglicher.“

Belgien, Italien, Türkei: Gewalt, Erpressung, Einschüchterung

Die SZ berichtet aus dem Nachbarland Belgien, aus dem schon öfter Manipulationen bekannt wurden: „Neue Entwicklungen gibt es auch aus Belgien. Frühere Verantwortliche des belgischen Zweitligisten Union Namur sind von Manipulationsvorwürfen gegen ihren Klub keineswegs überrascht. ‚Man hat mich für verrückt erklärt, als ich mich von einigen Spielern getrennt habe. Aber ich wusste, warum‘, sagte der frühere Manager von Union Namur, Fabio Cordella. ‚Unsere Mannschaft war nicht schwächer als andere und ist trotzdem richtig vermöbelt worden.‘ Union Namur soll im März ein Spiel gegen Charleroi mit 0:3 und ein Spiel gegen Louvain mit 0:2 wegen betrügerischer Manipulationen verloren haben. Auch der frühere Präsident von Union Namur zeigte sich nicht überrascht.“ Ihm sei damals schon zugeraunt worden, dass man mit Spielen seiner Mannschaft Geld erschleichen könne. Bei Nachforschungen seinerseits habe sich dies bestätigt.

Michael Braun blickt für die taz nach Italien: „Die Staatsanwaltschaft glaubt beweisen zu können, dass Vereinspräsident Postiglione und der Mafioso Cossidente die Zweitliga-Partie Ravenna – Lecce in der Saison 2007/08 ebenso verschoben haben wie mindestens sechs Spiele der dritten Liga in der Saison 2008/09. Allein bei dem Spiel Ravenna – Lecce soll Cossidente einen Wettgewinn von immerhin 86.000 Euro eingestrichen haben. In ihren Methoden sollen die Betrüger alles andere als zimperlich gewesen sein. Der Ermittlungs-Chef erklärte jedenfalls im Radio: ‚Dort, wo es nicht möglich war, in ruhiger Manier am grünen Tisch ein Resultat auszuhandeln, wurde mit Gewalt und Einschüchterung operiert.‘ Neuerliches Misstrauen in eine eh schon angeschlagene Glaubwürdigkeit.“

Andreas Rüttenauer erledigt das Selbe in Richtung der Türkei (taz): „Der Marler Anwalt, der Deniz C., einen der in Untersuchungshaft Genommenen vertritt, hat einige Spiele publik gemacht, an deren Manipulation sein Mandant mitgewirkt haben soll. Darunter sind zwei Partien der höchsten türkischen Spielklasse (Trabzonspor gegen Antalyaspor und Ankaraspor gegen Bursaspor), außerdem zwei Zweitligaspiele aus der Schweiz und Belgien. C. wird zudem vorgeworfen, einen Wettanbieter aus Nürnberg ‚verschleppt, gefangen gehalten und mit Schlägen gequält‘ zu haben, um 100.000 Euro Spielschulden einzuforden.“

Auch UEFA-Offizielle beteiligt?

Thomas Kistner hält in der SZ ein paar üble Gerüchte bereit: „Schon bringt die Online-Ausgabe der Sunday Times die Uefa selbst ins Gerede. Nach Informationen des Londoner Blattes stehen ‚Uefa-Offizielle im Verdacht, Wettbetrügern zu helfen, indem sie diese mit Insiderhinweisen auf Schiedsrichteransetzungen versorgten.‘“ Zudem seien Spieler von Admira Wacker ins Gerede gekommen, u. a. weil sie erpressbar wurden: „Hier stellt sich auch die branchentypische Frage, wie ein Admira-Spieler angeblich viereinhalb Millionen Euro Schulden anhäufen konnte. Solche Daten erfüllen jedenfalls das gängige Opferprofil für erpresserische Organisationen.“

Hans Leyendecker (SZ) kennt sich in der Szene aus: „Die Affäre verströmt einen Rotlichtgeruch. Etliche der Verdächtigen nennen sich Kaufleute, ihr Geschäft ist der Im- und Export aller Waren oder die Grundstücksverwaltung. Übersetzt heißt das, dass mancher von ihnen ein paar Saunaclubs sein eigen nennt.“ Und Aufklärung könnte nah sein:„Mindestens einer soll schon ausgepackt haben. Vielleicht wettet einer der Zocker in der Untersuchungshaft jetzt auf den Ausgang des Verfahrens.“

1,3 Milliarden Menschen nur auf Platz 102

Bernhard Bratsch berichtet für die FR aus dem Betrugs-verseuchten China: „Die grassierenden Spielmanipulationen gelten als Hauptgrund, warum das bevölkerungsreichste Land der Erde trotz seiner Fußballbegeisterung auf der Weltrangliste nur auf Platz 102 liegt. Erst vergangenen Freitag hob die chinesische Polizei einen illegalen Wettring aus und verhaftete fünfzehn Verdächtige, darunter den Trainer des Zweitligisten Qingdao Hailifeng und mehrere Spieler. Für zahlreiche chinesische Fußballklubs sind die Gelder aus Wettmanipulationen eine wichtige Einnahmequelle.“ Der Markt sei höchst lukrativ: „Die staatlich betriebenen Losbuden setzen im Jahr über vier Milliarden Euro um. Bei der Polizei und anderen Behörden muss die chinesische Wettmafia über beste Kontakte verfügen. Schließlich macht sie aus ihren Aktivitäten kein Geheimnis, sondern wirbt offen im Internet um Agenten.“

Mit Einjahres-Engagements alles abräumen und weiterziehen

Thomas Jäkle schreibt sehr ausführlich im österreichischen Wirtschaftsblatt, dass es nicht allein die verlockenden Quoten seien, die den Betrug attraktiv werden ließen. „Auch die Rahmenbedingungen, die gerade bei Manipulationsversuchen Haus öffnen. Nachdem ab der kommenden Saison in Österreichs zweithöchster Spielklasse keine Amateurmannschaften von Profiklubs mehr spielberechtigt sind, sind gerade Spiele dieser Teams im Radar der Betrugsspezialisten. Im konkreten Fall: Die Austria Amateure müssen Ende der laufenden Saison 2009/2010 auf jeden Fall absteigen, auch wenn sie sich sportlich weiterhin qualifizieren würden. Spieler von Teams in einer derartigen Situation seien dabei besonders im Fokus von Wettbetrügern.“ Und noch interessanter ist, was er über die weitere Vorgehensweise weiß: „In der Wettszene ist es kein Geheimnis, dass Spieler aus den Balkanstaaten auf Rundreise durch Europa geschickt werden. Mit Einjahres-Engagements werden Profis vorzugsweise in die zweiten oder dritten Ligen in Nordeuropa transferiert oder an andere Klubs ausgeliehen. Einige Spieler setzen auf die eigene Niederlage, wie es in Österreich auch immer wieder vorgekommen ist. Wird der Boden zu heiß, oder wurde bereits genügend Geld abgeräumt, werden die Vereine gewechselt. Die Spieler ziehen dann weiter in ein anderes Land – wieder in die zweite, dritte oder gar vierte Liga.“

Vom target player zur Zielmannschaft

Friedrich Stickler, Chef der österreichischen Lotterien, erläutert im Standard: „Es gibt ein Dreieck des Verbrechens. Da gibt es das Syndikat, die Spuren führen in den fernen Osten und nach Südosteuropa. Dann gibt es eine Zielmannschaft in irgendeiner Liga. Es reicht, wenn Kontaktleute zwei bis drei Spieler in Schlüsselpositionen ansprechen und für sich gewinnen. In ganz anderen Ländern wird dann gewettet. Die offiziellen Sportwettenanbieter kriegen das gar nicht mit, weil es keine Auffälligkeiten gibt. Bei praktisch allen der verdächtigen Partien merkten der Buchmacherverband und die Sportwettengesellschaft keine Abweichungen.“

Kroatische Sprichwörter von erfolgreichen Wettkönigen

Im selben Standard erhebt Sigi Lützow Ante Sapina zum „Kopf der Woche“ und erklärt, warum diesem die Manipulation so leicht fällt: „Er lernte als erfolgreicher Wettkönig im familieneigenen Berliner Café King nahe dem Kurfürstendamm ebenfalls der Wettleidenschaft erlegene Schiedsrichter und Kicker kennen. Sie groß dazu zu überreden, zum Zwecke des Wettbetrugs Fußballspiele gegen Entgelt zu manipulieren, sei gar nicht notwendig gewesen. „Man muss einen Frosch auch nicht überreden, ins Wasser zu springen“, zitierte Ante Sapina, wegen seiner Findigkeit ‚Navigator‘ genannt, dazu vor Gericht ein kroatisches Sprichwort.“

Sein Publikum ist der Richter des Fußballs

Jens Bierschwale fürchtet um die Glaubwürdigkeit des Sports (Welt): „Wo große Geldsummen bewegt werden, ist offenbar die Korruption nicht weit. Doch ein Gesetz gegen Manipulation von Spielen oder auch gegen Dopingvergehen fehlt dem Sport in Deutschland bislang, weshalb die Szene seltsam ungeschützt gegen interne und externe Betrüger daherkommt und die Mittel für ein glaubwürdiges Abschreckungsszenario gering sind.“

Christoph Biermann ist tatsächlich eher froh über das Auftreten dieses Skandals (Spiegel Online): „Auch wenn die Ermittlungen jetzt erfolgreich waren, ist damit die Gefahr des Wettbetrugs selbstverständlich nicht gebannt. Auch in Zukunft werden Kriminelle versuchen, damit viel Geld zu verdienen. Aber die Zeiten, in denen das hierzulande einfach schien, sind erst einmal vorbei.“

Flurin Clalüna kommentiert schließlich in der NZZ: „Im Fussball geht es bei Spielmanipulationen um den innersten Kern: Wenn der Fussball die Unvorhersehbarkeit verliert, verliert er alles. Auch in der Schweiz gibt es Klubs, die offenbar nicht wissen, was ihre Spieler treiben, dass sie sich zu Betrügereien verabreden und sich mit ein paar tausend Euro bestechen lassen. Der Fussball ist undurchschaubar geworden – nicht nur wegen Spielmanipulationen. Hinter der Fassade gibt es verdeckte Zahlungen, schwarze Konten, Trainer und Manager, die bei Transfers mitverdienen. Das alles weiss oder ahnt man, aber selten genug gibt es Beweise dafür. Nun ermitteln staatliche Behörden, später werden die Verbände und Ligen ihre Sanktionsmöglichkeiten ausschöpfen. Aber der letzte Richter des Fussballs ist sein eigenes Publikum.“

Kommentare

3 Kommentare zu “Die Affäre verströmt Rotlichtgeruch”

  1. Marvin Nash
    Mittwoch, 25. November 2009 um 12:27

    Ich will ja ungern nörgeln, aber gibt es diese Woche nichts zum letzten Buli-Spieltag?

  2. Frank Baade
    Mittwoch, 25. November 2009 um 12:28

    Doch, kommt sofort…

  3. Lena
    Mittwoch, 25. November 2009 um 20:33

    Mich würde interessieren, was passiert wenn in beiden Mannschaften zwei oder drei Spieler gekauft sind. Dann wärs ja wieder ein offenes Spiel…

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