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Bundesliga

Cacaus Sternstunde, Podolski ein Hemmschuh

Frank Baade | Montag, 22. Februar 2010 1 Kommentar

Die Bayern werden auf italienisch gestoppt, der HSV verkraftet die zu kurze Pause nicht, in Mainz wachsen die Ansprüche, bei Stuttgart erlebt Cacau eine Sternstunde, Dortmund mit Anlagen eines Spitzenteams

Nach dem Rückstand das Chaos

Hoffenheim kommt zum Ende des Heimspiels gegen Gladbach zum Remis. Unglücklich, befindet Sven Goldmann im Tagesspiegel: „Es wäre noch mehr drin gewesen für die Himmelsstürmer der vergangenen Saison. Sie bestimmten über weite Strecken das Spiel, aber für den künstlerischen Eindruck gibt es nun mal keine Punkte. Fußballspiele werden durch Fehler entschieden, und davon machte Hoffenheim am Freitag einfach zu viele. Nach dem Rückstand brach das Chaos aus in der Hoffenheimer Abwehr. Gladbach ließ haarsträubende Fehler von Mittelfeldspieler Isaac Vorsah und Torhüter Timo Hildebrand ungestraft und erhöhte dann nach dem bis dahin schönsten Spielzug auf 2:0.“

Beton- und Nadelstichtaktik

Christoph Ruf (Berliner Zeitung) analysiert Nürnbergs erfolgreiche Aufstellung im Spiel gegen Bayern: „Hecking hatte mit drei Mittelfeldspielern vor der Abwehr – einer Art Triple-Sechs – operiert. Auf die Idee, verriet er, sei er beim Besuch des Champions-League-Spiels der Bayern gegen Florenz gekommen. Dort sei ihm aufgefallen, wie häufig gerade Thomas Müller von außen nach innen kreuze. Er habe sich also vorgenommen, die flinken Vertikal- und Diagonalwege der Bayern-Offensivleute humorlos zu verrammeln. Dieter Hecking konnte diese Gedanken in all ihrer Schlüssigkeit allerdings erst im kleinen Kreis ausführen. Er musste warten, bis van Gaal im Mannschaftsbus war. Ein paar Minuten zuvor war der Niederländer seinem Kollegen ins Wort gefallen, als der die eigenen Überlegungen erläutern wollte. Er solle nicht alles verraten, die Trainer der kommenden elf Bayern-Gegner hörten mit. Van Gaal lachte in diesem Moment sogar ein wenig – ein Anblick, an den man sich erst gewöhnen muss.“

In der Stuttgarter Zeitung hofft Oliver Trust im Namen der (restlichen) Liga: „Dieser Spieltag könnte die Wende im Meisterrennen bringen. Warum? Nein, nicht, weil der FC Bayern das erste Mal nach neun Siegen nur Unentschieden spielte und das 1:1 beim 1. FC Nürnberg als Patzer empfunden wird. Es ist viel schlimmer. Der FC Bayern wurde entschlüsselt. Die Anti-Bayern-Formel ist auf dem Markt. Nürnberg hatte wie Florenz gespielt. Die Nürnberger nahmen dem Bayern-Mittelfeld so den Schwung und machten es den Flügelspielern schwer. Arjen Robben mühte sich rechts ohne viel Erfolg und musste zur Halbzeit erschöpft raus. Links fehlte Franck Ribéry wegen einer Verletzung. Mitte zu, die Flügel meist dicht. Der Club stand klug gestaffelt, die Bayern schlichen wie hungrige Wölfe um die Beute, ohne zuschnappen zu können.“

In der zweiten Halbzeit sei es besser geworden, meint Christian Eichler (FAZ). Am Ende immerhin war es „ein richtiges, packendes Derby – ein Fußballspiel, in dem beide Seiten auf Sieg spielten. Nun konnten die Nürnberger den Bayern eine Spielweise aufzwingen, die denen nicht behagte. Dem Dauerdruck der Bayern in der Schlussphase, dem oft aber die spielerische Note fehlte, hielt der Club mit viel Biss und Entschlossenheit stand.“

Eine „Beton-und-Nadelstich-Taktik des Clubs“ sah Moritz Kielbassa (SZ) in Nürnberg, an der die Bayern schließlich scheiterten (sofern man ein Remis als Scheitern bezeichnen darf): „Das Glückskontingent der Bayern war aufgebraucht, sie erlebten ein Déjà-vu der ersten Saisonphase, als trotz ausgiebiger Ballkontrolle Geistesblitze und Siegtore häufig fehlten.“

HSV kann nicht, Frankfurt will nicht

Der HSV kann van Nistelrooy nicht einsetzen und kommt zu Hause nur zu einem Punkt gegen Eintracht Frankfurt. Matthias Linnebrüger (Welt) glaubt Hamburgs Trainer Labbadias Einschätzung, dass die zu kurze Pause nach dem Europa-League-Spiel mitentscheidend war: „Beim HSV machte sich schon im ersten Spielabschnitt der Kräfteverschleiß bemerkbar. Die Hamburger versuchten zwar im Rahmen ihrer körperlichen Möglichkeiten nach vorn zu spielen. Richtig fruchten aber konnten die Bemühungen nicht. Zudem blieb Frankfurt weitestgehend passiv. Es schien, als lauere das Team darauf, dass beim Gegner die Kräfte nachlassen würden. Mit Sicherheit hätte die angedachte Einwechslung van Nistelrooys dem Spiel wenigstens einen Höhepunkt beschert, so aber blieb die Partie auch in der zweiten Hälfte auf niedrigem Niveau. Der HSV konnte nicht recht, Frankfurt wollte nicht.“

Letzterem widerspricht Frank Heike in der FAZ : „Die Eintracht hatte gemerkt, dass bei diesem HSV mehr drin sein könnte es als ein Punkt, doch immer wieder waren es schlampige Abspiele, die mehr als aussichtsreiche Angriffe verhinderten.“

Im Tagesspiegel resümiert Frank Heike schließlich: „Der HSV musste sich eingestehen, zu Hause wieder mal Punkte gegen einen Mittelklasse-Gegner liegen gelassen zu haben. Insgesamt fehlten dem Hamburger Spiel wieder einmal Tempo und Überraschungseffekte, um gegen einen tief stehenden Gegner zu Treffern zu kommen. Die Eintracht war bei einigen Kontern gefährlicher als der HSV, war am Ende aber zufrieden mit dem einen Punkt.“

Keine Rücksicht auf Sentimentalitäten

Der FSV Mainz bleibt zu Hause weiter ungeschlagen, doch die Fans pfeifen aufgrund des torlosen Remis gegen den VfL Bochum. Die Berliner Zeitung berichtet: „Die ungewohnten Pfiffe der eigenen Fans brachten die Verantwortlichen von Mainz 05 nach dem 0:0 gegen den VfL Bochum auf die Palme.“ Sowohl Manager Heidel als auch Trainer Tuchel hätten ihr Unverständnis über diese in Mainz ungewohnte Reaktion der Fans geäußert. „Die nach wie vor bemerkenswerte Heimbilanz des Aufsteigers mit sieben Siegen, vier Unentschieden und keiner Niederlage schraubt in Mainz die Ansprüche in Höhen, die die Mannschaft derzeit nur schwer erfüllen kann.“ Für den Gegner hingegen gilt: „Der VfL Bochum kann auch eine starke Serie aufweisen: Das Team von Trainer Heiko Herrlich ist seit sieben Spielen ungeschlagen und liegt schon acht Punkte vor dem Relegationsplatz 16.“

Eine sehr gute Mainzer Leistung bescheinigt Marc Heinrich (FAZ) der Mannschaft von Thomas Tuchel: „Am Auftreten der Mainzer gerade im ersten Abschnitt gab es fast nichts auszusetzen: Sie dominierten von Beginn an das Geschehen, gaben keinen Ball verloren und drängten mit hoher Laufbereitschaft das Team aus dem Revier in dessen eigene Hälfte zurück. Kleiner Schönheitsfehler: Die Rheinhessen ließen auf dem tiefen Boden im Bruchweg-Stadion die nötige Abgeklärtheit im entscheidenden Augenblick vermissen. Vor allem zwischen Bancé, dem unermüdlich rackernden Mainzer Angreifer, und dem Bochumer Schlussmann Heerwagen entwickelte sich ein sehenswertes Duell.“

Tobias Schächter (SZ) erinnert ebenfalls an die – bescheidenen – Verhältnisse in Mainz: „Der Klassenerhalt ist nicht selbstverständlich, denn Mainz 05 verfügt mit einem Lizenzspieleretat von rund 19 Millionen Euro über eines der kleinsten Budgets der Liga. Platz acht und 32 Punkte stehen nach 23 Runden zu Buche, und neben München und Leverkusen sind die Rheinhessen zuhause als einziger Erstligist ungeschlagen.“ Interessant bleibe, wie es weitergehen werde mit diesem Team, mit diesem Traienr: „Es wird spannend sein zu beobachten, wie der junge Trainer Tuchel die Mannschaft weiter entwickelt. Tuchel nimmt auf Sentimentalitäten kaum Rücksicht, das bewies er in der Winterpause, als sich der Klub von Aufstiegshelden (Baljak, Gunkel, Pekovic) trennte und vier neue Spieler holte, die die Qualität des Kaders erhöhten.“ Der gesamte Klub sei erst im Entstehen begriffen: „Alles wächst derzeit noch in Mainz: Der Konkurrenzkampf, die neue Arena, aber auch die Erwartungen der Fans.“

Soldos ängstliche Kölner

Fürchterlich schwache Kölner diagnostiziert Jörg Strohschein im Tagesspiegel: „Soldos Mannschaft wirkte über die gesamten 90 Minuten uninspiriert und geradezu ängstlich, was die dominanten und spielstarken Stuttgarter problemlos für sich zu nutzen wussten. Und gelang es den Rheinländern, trotz aller Probleme doch dann und wann vor dem Stuttgarter Tor aufzutauchen, dann zeigte VfB-Torhüter Jens Lehmann seine Qualitäten. (…) Dabei hatten die Kölner noch Glück, dass die Stuttgarter in der letzten Viertelstunde so fahrlässig mit ihren Torchancen umgingen, sonst hätte sich das Debakel noch verschlimmern können.“

Cacau beherrscht die Schlagzeilen, doch da gab es ja noch einen weiteren potenziellen Südafrika-Fahrer in dieser Partie. Peter Penders (FAZ) hat hin- und wieder weggesehen: „Ein anderer deutscher Nationalstürmer hat seinem Klub durch seine Rückkehr weniger Erfolg beschert. Lukas Podolski scheint den FC mehr zu bremsen, wenn er einsatzbereit ist. Gegen den VfB spielte das Fußballidol vom Dom neben Novakovic in der Sturmmitte und vermochte in der ersten Halbzeit gar keine Akzente zu setzen. Meist versteckte er sich, setzte sich Podolski dann doch mal in Bewegung, wirkten seine Laufwege nicht mit denen seiner Kollegen abgestimmt. Wenn Köln in den ersten 45 Minuten gefährlich wurde, dann war Novakovic am Ball.“

Philipp Selldorf (SZ) nimmt Podolski in Schutz: „Für den Preis, den er gekostet hat, kann er nichts, und Podolski ist in Köln, was er immer war: ein sehr guter Fußballer, der Orientierung und Anleitung braucht. Die fehlt ihm in einer Elf ohne Zielbewusstsein und geeignetes Führungspersonal. Eklatante Besetzungslücken, vor allem auf den defensiven Außenposten und zentralen Schaltstellen, offerieren jedem Gegner ein aussichtsreiches Spielrezept.“

An anderer Stelle in der SZ leidet Philipp Selldorf mit den Anhängern des ersten Kölner Fußballclubs: „Gerade dann, wenn die Kölner in sein Stadion kommen, wirkt der FC oft so marode und ausgehöhlt wie die ganze bankrotte Stadt. Seine Heimbilanz ist fürchterlich.“

Nach seinen Eskapaden wieder mal eine gute Leistung zeigte der Stuttgarter Torwart, urteilt wiederum Philipp Selldorf (SZ): „Immer dann, wenn die Partie an einen möglichen Wendepunkt geriet, stand Lehmann den Stürmern Novakovic und Podolski unüberwindlich im Weg. Komplimente wies er streng zurück. Es gibt schließlich keinen größeren Lehmann-Fan als Lehmann. Dieser Fan ist zurzeit ziemlich hin- und hergerissen.“ Lehmann würde zwar gerne weitermachen, weiß aber nicht, wo, denn in Stuttgart kann er definitiv nicht bleiben. „Das gewisse Alter hat man ihm in Köln nicht angemerkt, er bewegt sich durch den Strafraum wie ein 30-jähriger, und seinen schon vor 20 Jahren nervenden, aber effektvollen Perfektionismus hat er auch als Greis nicht abgelegt.“

Nun aber endlich zum Hauptdarsteller dieser Partie: Eine „Sternstunde“ nennt Marko Schumacher (Stuttgarter Zeitung) Cacaus Auftritt in Köln und weiß, wer zuletzt in der Bundesliga einen Hattrick für den VfB erzielte: Jürgen Klinsmann, 1986 in Düsseldorf. „Die vier Tore verbessern seine Perspektive jedoch nicht nur im Vertragspoker, sondern auch im Kampf um einen Platz im WM-Kader der deutschen Nationalmannschaft. Cacaus Vorteil ist, dass er einen Stürmertypen verkörpert, wie es ihn in Deutschland nicht oft gibt. Er lässt sich oft zurückfallen und ist für die Gegner schwer zu greifen. Lukas Podolski ist ähnlich veranlagt – und bot gegen den VfB eine unterirdische Leistung.“

Deckungsarbeit wie ein Zufallsgenerator

Zwei verschieden lange Durststrecken trafen in Dortmund aufeinander, beschreibt Richard Leipold (FAZ) die Lage vor der Partie: „Gemessen an den Ergebnissen der vergangenen Wochen, stand dieses Fußballspiel unter dem Rubrum des Krisenmanagements. Borussia Dortmund hatte zuletzt dreimal nacheinander verloren, Hannover sogar siebenmal in Serie. Kleine Ergebniskrise gegen große Formkrise also. Die Dortmunder gingen mit viel Schwung ans Werk und setzten ihren biederen Gegner früh unter Druck.“

Dieser Gegner sei daraufhin untergegangen. Beinahe Hoffnungslos sei die Lage für Hannover 96, urteilt Felix Meininghaus im Tagesspiegel: „Die Lage in Hannover hat sich auch unter Trainer Mirko Slomka um keinen Deut verbessert. Im Gegenteil, fünf Spiele, null Punkte lautet die desaströse Zwischenbilanz des neuen Trainers, auch zwei Psychologen haben noch keine Wende zum Guten gebracht. Nach den 90 Minuten ging Slomka mit seinen Spielern hart ins Gericht: ‚Wer solche Fehler macht, gehört nicht in die Bundesliga.‘ Tatsächlich: So spielt ein Absteiger. Derzeit, so scheint es, hat sogar Hertha BSC größere Chancen, den Klassenerhalt zu schaffen.“

Ein bisschen wie Lotto sei das Spiel der 96er, meint Freddie Röckenhaus (SZ): „Hannovers Deckungsarbeit glich von Beginn an einem Zufallsgenerator.“ Slomka habe daraufhin seiner Mannschaft die Bundesligatauglichkeit abgesprochen. Doch: „Wer das organisierte Chaos in Slomkas Elf gesehen hatte, fragte sich, wann die Selbstkritik des Trainers einsetzen würde. 96-Manager Jörg Schmadtke verneinte wortkarg und mit der Mimik eines Magenkranken, dass man in Hannover angesichts des unübersehbaren Slomka-Debakels bald nach Trainer Nummer vier in der laufenden Saison Ausschau halten müsse. Hannovers Präsident Martin Kind hatte vor wenigen Tagen gestanden, dass er zunächst eher zu einem ‚Typ Feuerwehrmann‘ tendiert habe – also nicht zu Slomka.“ Der Sieger dieser Partie hingegen verfüge über beste Anlagen: „Dortmunds junge Mannschaft präsentierte sich zwar mit erneuten Schwächen im Abschluss, aber mit Energie und den Spielstrukturen einer Spitzenmannschaft.“

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Kommentare

1 Kommentar zu “Cacaus Sternstunde, Podolski ein Hemmschuh”

  1. Kralle (Albstadt)
    Montag, 22. Februar 2010 um 13:20

    Betr. Van Gaal: Er solle nicht alles verraten . . . Von Dem Graal würde ich mir gerade den Mund verbieten lassen – im eigenen Stadion!!! Das kann Er mit den „Bauern“ machen . . .

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