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Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Am Grünen Tisch | Bundesliga

Taumelnder Louis van Gaal soll es beweisen – fällt er gegen Hannover?

Martin Hauptmann | Freitag, 4. März 2011 9 Kommentare

Die Luft beim FC Bayern ist für van Gaal merklich dünn geworden; eine Saison ohne Titel droht; gegen Hannover ist er zum Siegen verdammt. Außerdem:  Der Chip im Ball als eine Folge des neuen Weltzeitdenkens

Robert Peters (Rp online) zählt den Trainer im Boxring des FC Bayern schon mal an: „Seine Kritiker haben es leicht, Argumente gegen den eigenwilligen Niederländer zu sammeln. In der Mannschaft soll das erste vernehmbare Murren zu hören sein, und ein paar Profis haben der ‚Sport-Bild‘ ihre Unzufriedenheit ausgeplaudert – aus guter Deckung, versteht sich. Van Gaals Taktik der Ballkontrolle erstarrt zurzeit im Selbstzweck, weil das Team kein Tempo und keine Rhythmus-Wechsel in seinen Ballpassagen findet.“

Louis van Gaal kämpft gegen Hannover um seinen Job

Auch Jörg Hanau (FR) interessiert, wie lange Bayern-Trainer Louis van Gaal noch das Regiment führen darf. „Die Tage von Louis van Gaal als Trainer des FC Bayern München scheinen gezählt. Die Frage ist, wann die Bayern-Bosse die Daumen senken. Erst am Ende der Saison? Oder schon nächste Woche? Die Meisterschaft ist futsch, der Trostpokal verspielt. Es geht nur noch darum, das Minimalziel zu erreichen. […] Van Gaals Gladiolen welken vor sich hin. Aber wer könnte das bayerische Blumenbeet im Frühling zum blühen bringen? Die in München bevorzugten Hobbygärtner Ottmar Hitzfeld und Jupp Heynckes stehen in der Schweiz und in Leverkusen unter Vertrag. Vielleicht bedienen sich die Bayern in Frankfurt. Nein, nein – nicht Michael Skibbe. Der hat genug eigene Probleme. Aber in der Zentrale des DFB sitzt einer: Matthias Sammer.“

Sebastian Winter (Spiegel) wagt einen Ausflug unter die Dichter. Sein Thema: das Schicksal des Bayern-Trainers Louis van Gaal: „Seine Intuition ist ihm abhandengekommen, die Personalrochaden auf dem Feld stiften Unruhe. Die Partie gegen Hannover könnte über sein Schicksal entscheiden.[…] In der Legende vom Fliegenden Holländer muss ein von den Göttern verdammter Kapitän mit seiner Mannschaft auf einem unheimlichen Segelschiff auf ewig durch die Weltmeere kreuzen. Hilflos, ohne rechtes Ziel. Es ist ein Dilemma, denn die Besatzung ist stark wie kaum eine andere, und das Schiff besitzt grenzenlose Möglichkeiten: Mal fährt es rückwärts, mal verschwindet es, um dann urplötzlich aus den Untiefen der Ozeane wieder aufzutauchen. Louis van Gaal kennt die Geschichte bestimmt, sie hat ja mit seiner Heimat zu tun. Und das Bild passt gar nicht so schlecht zu den Bayern dieser Tage: Wie der sture, herrische Trainer van Gaal und seine fähige, aber ebenso launische wie glück- und erfolglose Crew ähnlich der ‚Flying Dutchman‘ durch diese Saison taumeln, selten in der Nähe der Perfektion […] und oft ein Schatten ihrer selbst“.

Je größer der Markt, desto höher die Konkurrenz um gute Spieler 

Christian Eichler (FAZ) führt die finanzpolitischen Nöte des FC Bayern vor Augen: „Die Zeiten, in denen der Klub als Stärkster in der Bundesliga-Nahrungskette nach Belieben die besten deutschen Profis bekam, sind vorbei, seit der Erfolg des Nationalteams sie auch in Spanien und England interessant gemacht hat. Ein junger Top-Spieler hat, um auf der großen Bühne präsent zu sein, nicht nur die Option Bayern. Er ist längst nicht mehr auf dem deutschen, er ist auf dem Weltmarkt. Einer wie Neuer kann sich seinen Klub aussuchen. Und seine Fans.“

Ifab verhandelt ernsthaft über den Chip im Ball  

‚Im Leben gleicht sich alles aus! Zufälle ziehen das Glück an’, sagen die einen. ‚Alles reine Spekulation, es zählen die Fakten!’, erwidern die anderen. Je offener der Ausgang eines Spiels ist, desto häufiger ruft es knifflige, streitbare Situationen hervor. Hier ein pikantes Handspiel im Strafraum, das vermutlich keine natürliche Körperbewegung war, da ein brutales Foul hinter dem Rücken des Schiedsrichters, dort ein schicksalhafter Ball knapp hinter der Torlinie, den nur niemand beweisen kann. Wären die wirtschaftlichen Folgen sportlicher Entscheidungen heute nicht so weitreichend und dramatisch für alle Beteiligten, käme wohl vermutlich jeder mit dem traditionellen Modell klar. Schließlich regen strittige Situationen den Austausch von Emotionen an und stärken dadurch das Miteinander.
Nach Ansicht von Daniel Theweleit (FTD) wäre die Einführung des Chips im Ball eine Fußball-Revolution, vergleichbar mit der der Rückpassregel: „In der 90. Minute hatte der Duisburger Olivier Veigneau einen Ball von der Torlinie geschlagen, über den er später sagen sollte, ‚wahrscheinlich war der drin’. […] Geht es nach den Fans, den Schiedsrichtern und den Trainern, wird es solche Situationen bald nicht mehr geben, sie alle fordern mehrheitlich technische Hilfsmittel für Unparteiische. […] Jetzt muss nur noch das International Football Association Board Ifab, das Gremium, das über die Fußballregeln wacht, einen entsprechenden Beschluss fassen. […] Das Ifab betrachtete den Chip im Ball oder das Hawk-Eye jahrelang als Teufelswerk, das den Fußball entmenschliche. […] Jérôme Valcke, Ifab-Mitglied und Generalsekretär der Fifa, hatte verkündet, dass das Thema ‚nie wieder auf die Tagesordnung des Ifab kommen‘ werde. Am Samstag trifft sich das Gremium wieder einmal, und unter Punkt IV der Agenda steht: ‚Goal Line Technology’.“
Es bleibt die große Gefahr, dass zahlungskräftige Vereine den Fußball anhand oben genannter Spielszenen als Instrument benutzen, indem sie medial-global eine „Überwachungs-Debatte“ aufheizen, die Verantwortungsträger schließlich zum reaktionären Handeln zwingt. Denn mal ehrlich: Wer profitiert denn am meisten von diesen Neuerungen? Die Kleinen jedenfalls nicht.

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Kommentare

9 Kommentare zu “Taumelnder Louis van Gaal soll es beweisen – fällt er gegen Hannover?”

  1. Manfred
    Freitag, 4. März 2011 um 18:01

    So wenig mir das Wohlergehen des FCB am Herzen liegt, aber: eine bessere Situationbeschreibung bzw Analyse, als Breitnigge sie verfaßte, werden die oben zitierten Tastaturquäler wohl im Leben nichtmal ansatzweise hinkriegen. Was ziemlich traurig ist.
    Hier sein Blogeintrag:
    http://www.breitnigge.de/2011/03/03/die-wochen-der-wahrheit-4-fc-schalke-04/

  2. Ulfert
    Samstag, 5. März 2011 um 11:54

    „Hier ein pikantes Handspiel im Strafraum, das vermutlich keine natürliche Körperbewegung war, da ein brutales Foul hinter dem Rücken des Schiedsrichters, dort ein schicksalhafter Ball knapp hinter der Torlinie, den nur niemand beweisen kann.“

    Nimmt man noch Abseitssituationen, verbale Provokationen und (versteckte) Tätlichkeiten hinzu, hat man nahezu alle kritischen Situationen erfasst deren Bewertung einen echten direkten Einfluss auf den Ausgang des Spiels haben können (imho rote Karten oder sehr gute Torchancen). Von all diesen Situationen kann der Chip im Ball gerademal eine einzige klären, und die kommt meiner Empfindung nach auch noch am seltensten vor.

    Der Chip im Ball ist eine Nebelkerze und ein Ablenkungsmanöver. Die beste und schnellste Möglichkeit ein technisches Hilfsmittel zu etablieren wäre der Fernsehbeweis (zum Beispiel mit zusätzlichem Schiri), aber scheinbar wäre das zu einfach und zu mächtig. Dabei könnte man dabei den „menschlichen Faktor“ als Fehlerquelle intakt halten, und die Spielleitung und Entscheidungshoheit läge auch weiterhin beim Schiedsrichter. Ich habe leider keine Ahnung warum so ein technischer Spielkram wie der Chip im Ball entwickelt werden muss wenn doch eine andere Möglichkeit verfügbar wäre.

  3. Martin Hauptmann
    Samstag, 5. März 2011 um 15:29

    Sehe ich auch so. Der Fernsehbeweis ist im Moment noch zu mächtig; der Widerstand der breiten Masse wäre zu groß; und so ist der Chip vermutlich die nächste Etappe auf dem Weg dahin.

  4. OF
    Samstag, 5. März 2011 um 20:47

    Stimmt, Manfred, sachliche Analyse. Vielleicht ein wenig zu lang, geschwätzig.

  5. Manfred
    Samstag, 5. März 2011 um 22:01

    Der leidet halt mit und ist nicht auf x Zeilen, Zeichen oder Worte beschränkt 😉

  6. Ulfert
    Sonntag, 6. März 2011 um 02:48

    @Martin: Welche breite Masse meinen Sie? Die einzigen Widerständler gegen technische Hilfsmittel die mir einfallen sitzen in den Funktionärssitzen der FIFA und UEFA – der Trainer und Fan von nebenan würde sich gegen so etwas nicht sträuben, da bin ich mir sicher. Viele Trainer haben sich nach wichtigen und entscheidenden Fehlentscheidungen schon geäußert, auch vom jeweils bevorteilten Team.

    Das mag mein bescheidener Ausschnitt aus der Gesamtstimmung sein, aber eine „breite Masse“ sehe ich eher in der Zustimmung zu mehr Schiedsrichterqualität, und nicht dagegen.

  7. anderl
    Sonntag, 6. März 2011 um 03:48

    @Ulfert:
    ich kenne da schon ein paar Stimmen aus der breiten Bevölkerung, die das Argument der FIFA nachvollziehen können, dass der Fussball von der Kreisklasse bis zur WM unter gleichen Bedingungen stattfinden soll.

  8. Ulfert
    Montag, 7. März 2011 um 00:24

    Hmm, ich find das Argument sehr scheinheilig. Schließlich geht es in den oberen Ligen um viele Millionen, da sollte man nicht den Amateur-Standard anlegen und sich derart menschlichen Fehlern unterwerfen, wenn es anders geht.

    Abgesehen davon gibt es zB im Jugendfußball auch nur einen Schiri, das sind dann ja auch keine gleichen Bedingungen. Gibt es in der Kreisklasse vier? Im Endeffekt wäre der Videoschiri ja auch nur ein Schiri mehr (mit halt extra Übersicht auf Bildschirmen). In der CL und Europa League gibt es inzwischen sechs. Soll das dann auch in der Bundesliga und Kreisklasse so werden?

  9. MS
    Montag, 7. März 2011 um 12:36

    Ulfert hat’s schon gesagt, ich möchte auch noch einmal: Der Fußball in unteren Ligen ist doch bereits ein anderer als im Profibereich. Keine Linienrichter, Schiris sind (zunehmend) nur gelegentlich da, seltene Stollenprüfung, keine TV-Vertretung, Fans, Hooliganprobleme abseits der Öffentlichkeit, „Rasen“/-pflege, unrunde Bälle, 7er-Ligen im Jugendbereich, etc. Gibt so viel.

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