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Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Champions League

Manie in der Manege des José Mourinho

Martin Hauptmann | Donnerstag, 28. April 2011 8 Kommentare

Im Champions-League-Hinspiel gegen Barcelona zeigte José Mourinho der ganzen Welt sein hässliches Gesicht; so glanzvoll seine Erfolge als europäischer Spitzentrainer aussehen, so beschämend sieht sein Verhalten nach Niederlagen aus 

Die Süddeutsche Zeitung sammelt einige Stimmen aus der internationalen Presse-Landschaft zum „El Clasico“. Hier einige sehr aussagekräftige:

„Messi ist ein Außerirdischer, der über allen schwebt.“
Corriere della Sera/Italien

„Der Fußball gibt dem FC Barcelona Recht. Mit einem großen Messi haben die Blauroten ein verkümmertes Real Madrid erledigt – vor und nach dem Platzverweis für Pepe.“
El País/Spanien

„Stark verschlingt den Klassiker.“
As/Spanien

„Messi ist der verdammte Boss.“
Sport/Spanien

„Höllen-Clasico! Mourinho wittert eine Verschwörung, nachdem Messi das Spiel der Schande in Spanien erleuchtete.“
Daily Mail/England

„Es war eines der bösesten Champions-League-Halbfinals aller Zeiten. Glücklicherweise wird Lionel Messis zweites Tor die Hässlichkeit dieses Abends überdauern. Es bedurfte des weltbesten Spielers, um den Mourinho-Mythos bloßzustellen.“
The sun/England


Mourinho, der große Krieger 

Peter Ahrens (Spiegel) rügt Mourinhos bloße Kriegsspiel-Auffassung: „Nichts hasst Real-Coach José Mourinho so sehr wie Niederlagen gegen den FC Barcelona – das sind für ihn persönliche Demütigungen. Bei den Katalanen hat er seine große Trainerkarriere als kleiner Assistent angefangen. Seitdem leidet der 48-Jährige an einem Minderwertigkeitskomplex dem Verein gegenüber. […] Es ist immer das Mourinho-Prinzip gewesen: sich Feinde zu erschaffen und dann dem eigenen Team einzutrichtern, man sei umzingelt von ihnen und müsse sich gegen sie wehren. Aber nirgendwo hat er dieses Prinzip innerhalb kurzer Zeit so perfektioniert wie bei Real Madrid. In das Champions-League-Duell mit Barcelona gingen Mourinhos Männer wie Krieger einer Armee. Mit dem einzigen Ziel, das Spiel des Gegners zu zerstören. Mit fast allen Mitteln. […] Der große niederländische Trainer Rinus Michels hat vor vielen Jahren den Satz gesagt: „Fußball ist Krieg.“ Es ist die Überschrift für Mourinhos Wirken.“

Mourinho, der Schauspieler 

Oliver Wittenberg (Spox.com) erwartet ein ehrlicheres Auftreten vom Real-Startrainer: „Mourinho setzte bei der Inszenierung seines persönlichen Theaters bewusst auf eine anti-aggressive Körperhaltung. Mimik und Gestik sollten Hilflosigkeit, ja, Verzweiflung suggerieren. Seht her, hier sitzt das Opfer! […] Vielleicht schlüpfte Mourinho auch deshalb so flink und chamäleongleich in die Rolle des Outlaw, um sich seinerseits keine Fragen gefallen lassen zu müssen. Unliebsame womöglich. Warum sich zum Beispiel über weite Strecken der ersten Halbzeit kein Spieler von Real über die Mittellinie traute? Ob man bei Real noch mehr Angst vor Barcelonas Offensive bekommen hat, nachdem die Nachricht von Iniestas Ausfall bekannt wurde? […] Aus Prinzip müsste Perez seinen kapriziösen Trainer nun eigentlich wieder an die Kette legen und stattdessen den hoch seriösen Valdano nach vorne schicken, um bestellen zu lassen, was man bei Real Madrid alles sonst nicht macht oder nicht gerne sieht. Es kann jedenfalls nicht im Selbstverständnis des immer noch ruhmreichsten europäischen Fußball-Klubs liegen, sich einen Trainer zu halten, der persönliche Animositäten und seine Profilneurosen vor der ganzen Welt ausbreitet und dabei ungebremst ins Ungeheuerliche abdriftet.“

Thomas Hummel (SZ) zeigt sich enttäuscht vom Verhalten des Real-Trainers: „Es gibt in der Fußballwelt einige Akteure, die mit Verweis auf einen diskutablen Schiedsrichter-Pfiff von ihrem eigenen Versagen ablenken wollen. Aber niemand beherrscht diese Kunst so wie José Mourinho. Und niemand zieht die Show so gnadenlos durch, wie der Portugiese. Denn das Spiel zuvor hatte den Eindruck hinterlassen, dass Real Madrid sich schlicht und einfach mit einer Extrem-Taktik verspekulierte.“

Mourinho, der Manisch-Verrückte

Klaus Bellstedt (Stern) übt Kritik am herumpöbelnden Mourinho: „Spielverzögerung, versteckte Fouls und permanentes Lamentieren beim Schiedsrichter: ‚Winning Ugly’, schmutzig siegen – das war Mourinhos Ziel. Und die meisten Spieler folgten ihrem Kriegsführer. Mesut Özil übrigens nicht. Der deutsche Nationalspieler wurde von ‚Mou’ in seiner Kreativität derart beschnitten, dass er in der ersten Hälfte wie paralysiert auf dem Rasen umherlief. Von Mourinho gab es nach der Partie keinen einzigen selbstkritischen Ton zu hören. Was zu erwarten war. Stattdessen erreichte sein Kampfzustand fast manische Züge: ‚Eines Tages hoffe ich eine Antwort auf die Frage zu bekommen: Warum?’, giftete er kurz vor Schluss der Pressekonferenz noch in Richtung Wolfgang Stark.“

Mourinho, der Freund der Spieler

Klaus Hoetzenbein (SZ) nimmt Mourinho anhand der Szene des Platzverweises gegen Pepe in Schutz: „Wie mitten in dieser aufgeheizten, zornbebenden Atmosphäre, die einem altertümlichen Schlachtengemälde glich, zwei Menschen stehen, den Arm jeweils um die Schulter des anderen gelegt, die leidenschaftlich, aber nicht feindselig die rote Karte diskutieren. Dann gehen José Mourinho, der Trainer von Pepe, und Carlos Puyol, Kapitän des getretenen FC Barcelona, auseinander. Sekunden später landet Mourinho auf der Tribüne – wegen Schiedsrichter-Beleidigung. […] Wieder einmal hat der Real-Trainer versucht, eine Niederlage in seinem Sinne umzudeuten – ein Mourinho verliert nicht, andere Mächte beflügeln den Untergang“.

Die Rolle des Schiedsrichters ist inzwischen bedenklich

Wolfgang Stark zeigte am Mittwoch im „Clasico“ eine sehr gute Leistung. Schiedsrichter-Chef Heribert Fandel lobte ihn gar in den höchsten Tönen. In einem Spiel, das durch die immense Brisanz, die große Wettbewerbs-Härte und das mediale Interesse so unglaublich aufgeheizt war, ließen sich Rudelbildungen und aggressive Manöver während des Spiels in Gänze nicht vermeiden. Wie er 22 wildgewordene Akteure mit seiner breiten Schrittstellung und den klaren Kommandos durch die Partie führte, war beeindruckend!
Für Real Madrid und „Mou“ hätten es vertretbar am Ende auch drei rote Karten (Adebayor, Pepe, Ramos) sein können. Im Normalfall hätte sich darüber niemand beschweren dürfen! Stark bewies in einigen Situationen bereits großes Fingerspitzen- und Taktgefühl. Man könnte ihm zwar vorhalten, ein solches Spiel noch härter führen zu müssen. Aber das wäre unfair! Dazu bräuchte er seitens der UEFA noch mehr Rückendeckung und auf dem Platz noch mehr Unterstützung. Eine härtere Marschroute der UEFA, explizit vor dem Spiel an beide Parteien angekündigt, hätte womöglich einigen Zündstoff von vornherein herausgenommen. Da müsste die Schiedsrichter-Kommission vielleicht auch mal in die Offensive gehen statt sich immer nur aus einer defensiven Haltung heraus für ihre vermeintlichen Fehlleistungen zu rechtfertigen.
Die achtlose, oft unangemessene Kritik gegen Schiedsrichter, die gerade in solchen „aufgeputschten“ Spielen zum Ausdruck kommt, ist eine Unsitte im Fußball geworden. Eines wird deutlich: je stärker der Fußball die Sinnfrage der Menschen lösen soll, desto mehr wird sichtbar, dass es Menschen nicht gelingt, einen fairen Wettkampf ohne Proteste anzuerkennen.

Villas-Boas, der neue Mourinho?

Tilo Wagner (FAZ) begeistert der junge, 33jährige FC Porto-Coach André Villas-Boas, „Portugals neuer Meistertrainer“: „Heute Abend steht Villas-Boas mit dem FC Porto im Europa-League-Halbfinale. […] Der Trainer des FC Porto kleidet sich stilsicher, trägt einen gepflegten Fünf-Tage-Bart und spricht selbst dann ruhig und kalkuliert, wenn er den Gegner mit messerscharfen Kommentaren provoziert. Die Ähnlichkeit mit dem portugiesischen Erfolgscoach José Mourinho lässt sich kaum von der Hand weisen. Doch im entscheidenden Moment zeigt Villas-Boas eine Menschlichkeit, die Mourinho nicht mehr zulässt: Nach wichtigen Siegen springt er wie ein kleiner Junge über den Platz.“

Kommentare

8 Kommentare zu “Manie in der Manege des José Mourinho”

  1. Christoph
    Freitag, 29. April 2011 um 11:01

    Die Tore Messis haben einem Spiel eine versöhnliche Note gegeben.

  2. mustard
    Freitag, 29. April 2011 um 13:20

    Mourinho ghabe neben dem Platz ist einfach nur noch laecherlich. Irgendwann muessen einmal Sanktionen vom Verband folgen.

  3. lateral
    Freitag, 29. April 2011 um 17:15

    Das rustikale und defensive Spiel darf man Mou nicht vorwerfen. Welche Taktik er wählt, ist allein seine Sache. Deshalb gilt es zu differenzieren und das von seinem unsäglichen – aber durchaus hollywoodesken – Auftreten klar zu unterscheiden. Als Fußballlehrer ist er der Beste, der in all den Jahren trotz x Clubwechseln beachtliche Erfolgen geschafft hat. Ich jedenfalls mag seinen Fußball – den athletischen, defensiv strukturierten, aber durch seine überfallartigen Konter nie unattraktiven Fußball – mehr als das ewig herumschiebende Titicaca der Barcelonianer.

  4. Christoph
    Freitag, 29. April 2011 um 19:13

    @lateral:

    Diese Taktik des defensiv strukturierten athletischen Konterfußball hat er mit Inter perfektioniert und damit verdient in der letzten Saison die Champions League gewonnen. Aber sieben Spieler hinter dem Ball zu platzieren und damit Barca zermürben zu wollen, spricht nicht unbedingt von Konterfußbaal, sondern von Planlosigkeit. Selbst Ronaldo gab zu, dass es ihm nicht gefällt, so defensiv zu spielen, ganz zu schweigen von Özil, der ja ein absoluter Offensivgeist ist.

    Das Titicaca-Passspiel Barcelonas ist sehr oft sehr langweilig, gerade deshalb waren die Tore von Messi ja ein sehr erfrischender Kontrapunkt zu dem Spiel.

  5. Ulfert
    Samstag, 30. April 2011 um 10:12

    @christoph: bei 7 Spielern hinter dem Ball bleiben 3 zum Kontern. Reicht doch 😉

    Seit wann ist die Meinung Ronaldos wichtig oder ausschlaggebend für die Taktik des Trainers? Bzw – seit wann erwartet man von einem Stürmer dass er sich übers Verteidigen freut? Das Spiel passte nicht zu Özil – deswegen wurde der auch ausgewechselt.

    Ich finde beide Spielstile in Ordnung – wobei der meiner Ansicht nach angenehmere (den Ball treten statt des Gegners) gewonnen hat.

  6. Christoph
    Samstag, 30. April 2011 um 12:34

    @Ulfert:

    Bleiben drei zum Kontern, reicht doch.

    Sicher richtig, vorausgesetzt, die bekommen mal einen Ball. Und as war ja eher selten der Fall. Dass Özil ausgewechselt wurde für Adebayor spricht aber auch für die Ideenlosigkeit des Herrn M: Lange Bälle auf Adebayor, der sie verteilen sollte. Das ist aber auch nicht Adebayors Spielweise.

    Mourinho stieß ganz einfach an seine Grenzen, deshalb auch diese negative Spielweise des Gegner tretens statt des Balles.

  7. Hans-Ullrich Klemm
    Samstag, 30. April 2011 um 14:01

    Wer ist eigentlich dieser Mourinho?
    Als langjähriger Fernsehzuschauer kennt man diese sportliche Leitfigur am Spielfeldrand der internationalen Sportstätten von hochgehandelten Vereinen der europäischen Spitzenklasse schon längst.

    Seine unbescheidenen Aktivitäten vor, während und nach den Spielen – egal, wer für die Ursache verantwortlich scheint – treten immer häufiger auf. Sie haben bei dem soeben verlorenen Champions-Legue-Halbfinale in Madrid gegen den Erzrivalen FC Barcelona mit seinem Platzverweis einen negativen Höhepunkt erreicht!

    Die Kenner dieser Person belegen allerdings, dass der gutaussehende Randalierer, Provokateur, Bösewicht und Selbstdarsteller im schicken Anzug am Spielfeldrand in seinen jungen Jahren ein ganz stiller und
    zurückhaltender Sportlehrer an einem Gymnasium war und als späterer Aktiver kaum in Erscheinung trat.

    Erst mit den großartigen Erfolgen als anerkannter Star-Trainer in Porto, Chelsea, bei Inter Mailand und nun bei Real Madrid wurde er scheinbar für keine Person mehr angreifbar. Seine nach außen wirkende rumpelnde Überheblichkeit entstand erst mit den aufkommenden Erfolgen seiner Mannschaften, die er als sportlicher Leiter betreute.

    Bleiben in Zukunft allerdings die von ihm selbst hochgesteckten Ziele aus, wird es schnell um diese kompromisslose und oft brutalwirkende, eigensinnige Person ruhiger werden, weil aus seiner Sicht die Niederlage nicht zum Vokabular des Sportes zählt.

    Allerdings werden seine bestehenden historischen Erfolge für den aktuellen Volksfeind Nr. 1 von Katalonien unauslöschbar bleiben!

  8. Ulfert
    Samstag, 30. April 2011 um 14:11

    @christoph: Nicht nur Mourinho stieß an seine Grenzen, sondern auch die Mannschaft. Auch bei Mourinho muss immernoch die Mannschaft spielen, und nicht der Trainer. Das sind ja keine Schachfiguren.

    Man kann es in beide Richtungen sehen: Entweder man unterstellt Mourinho Ideenlosigkeit, dann war eben alles schlecht und alles seine Schuld.

    Oder man gesteht ihm zu dass er gesehen hat dass sein Team spielerisch unterlegen war und dass er versucht hat die Situation zu retten – indem er auf die „lucky-punch“-Spielweise umgestiegen ist (bzw umsteigen ließ). Im Pokalfinale hat das funktioniert.

    @H-U Klemm: Synonyme und Adjektive gefrühstückt? 🙂

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