indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Ball und Buchstabe

Viel Lärm um nichts

Matthias Nedoklan | Sonntag, 28. August 2011 7 Kommentare

Gelesen haben es wenige, darüber sprechen tun fast alle. Dabei ist Philipp Lahms Autobiografie „Der feine Unterschied“ ein gewöhnliches, stellenweise langweiliges Buch. Verkaufen wird es sich trotzdem.


Das Rezept geht auf: Die Freunde vom Boulevard drucken vorab ein paar halbwegs brisante Seiten und alles, was in der Fußballwelt etwas sagen möchte, echauffiert sich. Unverschämtheit, Stillosigkeit, Charakterschwäche schreit man, über den Entzug der Kapitänsbinde wird spekuliert. Und natürlich schleicht sich „Der feine Unterschied“ auf Platz 1 der Bestsellerlisten – noch vor Charlotte Roches Schoßgebeten mit ihrer Sex-sells-Strategie.

Dabei ist Lahms Biografie, anders als die mühevoll ausgewählten Auszüge suggerieren, ein harmloses Buch. Ein paar Spielberichte hier, ein paar Allgemeinplätze wie „Softies haben im Fußball keinen Erfolg“ und „Jeder von uns muss permanent Stärke ausstrahlen“ da.

Where did it all go wrong, Philipp?

Das ist alles eher unaufgeregt, so dass man sich die Frage stellen muss: Warum dieses Buch? Warum ändert einer, der immer als perfekter Musterprofi galt, so zwanghaft sein Image? Denn seine Autobiografie steht in einer Reihe von brisanten Aussagen, die man ihm kaum zugetraut hätte: Die „Ich-gebe-die-Binde-nicht-ab!“-Drohung gegen Ballack, das „der-FC-Bayern-braucht-eine-Philosophie“-Interview in der Süddeutschen. Jetzt also gleich ein ganzes Buch.

Als einer der Topverdiener der Bayern wird Lahm finanziell keine Sorgen haben, finanzielle Interessen wie von Felix Magath unterstellt, dürften keine Rolle spielen. Es bleiben nur Deutungsversuche. Durch das ganze Buch schimmert ein Anspruch, gehört zu werden, das Kapitänsamt beim FC Bayern und in der Nationalelf nicht einfach so zu bekleiden. Lahm möchte sich hinter Beckenbauer, Breitner, Walter und Matthäus einreihen. Auch wenn er eigentlich selbst immer behauptet, Fußball brauche keine Leitwölfe mehr.

Die Effenberg-Generation war wenigstens authentisch

Auf seinem Weg zum öffentlichen Leitwolf hat Lahm mit seinem Ghostwriter Christian Seiler ein merkwürdiges Buch geschrieben, vollgeladen mit einer Hybris, die man dem netten Philipp gar nicht zugetraut hätte. Doch Lahm wird immer als kleiner süßer Kerl gesehen werden. Egal, was man über die Generation Effenberg und Matthäus sagen will – die Verbalgrätschen der alten Garde waren eben authentisch. Lahms Buch ist eben genau das nicht.

Armschiene und buschige Augenbrauen

Die Öffentlichkeit hat sich in Lahm verliebt, als er sich fast den Arm gebrochen hätte: Dank Sönke Wortmanns Sommermärchen ist Lahm 2006 in Erinnerung geblieben, wie er mit Armschiene und buschigen Augenbrauen von seinem Tor im Spiel gegen Costa Rica erzählt. Man möchte ihm in die Wangen kneifen und über den Kopf wuscheln, wie man es selbst bei der eigenen Großmutter gehasst hat.

Mittlerweile 27 geworden, attestiert sich Lahm eine „große Karriere“. Zwischen jeder Zeile schimmert Arroganz durch – natürlich ist die Allianz-Arena das schönste Stadion in Europa, natürlich ist keine deutsche Mannschaft jemals so talentiert wie der FC Bayern. Elfmeter gegen die Bayern gibt es nur umstrittene.

Trainerkritik als billiges Nachtreten

Natürlich hat Philipp Lahm nie einen besseren Trainer gehabt als Jogi Löw. Klinsmann ahnungslos, Magath zu streng, van Gaal zu stur, Völler bestenfalls Animateur. Das ist alles nicht sonderlich überraschend, wirkt aber wie Nachtreten. Zum Glück gab es nach der EM 2008 ein reinigendes Gewitter, die Widerworte der alten Spieler waren kaum zu ertragen, haben die ganze Mannschaft zerrissen. Und den Teamgeist, die Kameradschaft, die will der gute Philipp nie beschädigen. Ist es glücklich, eine Mannschaft anzugreifen, die teilweise so auch 2012 noch spielen wird?

Dem Medienprofi ist ein Buch „passiert“, für das er sich bereits entschuldigt hat – Missverständnisse halt. Von solchen Widersprüchen ist das Buch zersetzt, ein Zeichen, dass Lahm in letzter Zeit durch Interviews und eben eine Autobiografie in eine Rolle wachsen will, die er gar nicht nötig hat, die er von seiner Ausstrahlung gar nicht ausfüllen kann.

Vom Jugendtrainer zum Berater

Dass aus seinem Jugendtrainer Roman Grill sein Berater wurde, ist heikles Geschäftsmodell. Aber Philipp dankt einfach dem Roman für seine tolle Unterstützung, und alle stürzen sich auf die Passagen, in denen der Kapitän von glühenden Playstations bei Rudi Völler berichtet.

Unter dem Strich bleibt die Erinnerung an die geborgene Kindheit, ein paar lustige Stellen, ein bisschen Intimes. Über große Teile regiert jedoch der Leerlauf – ein eher ernüchternder Blick auf Lahms Fähigkeiten zur Reflektion, oder aber ein grauenvoller Blick in die Leere des Profifußballs.

„Ich bin nicht schwul“

Ein bisschen Taktik, aber nicht genug, ein paar Interna ohne wirklich mal in die Vollen zu langen, ein paar Ratschläge, die man sich auch hätte selber denken können, ein paar Seiten Homo-Gerüchte und Gegenargumente („Ich bin nicht schwul und ich führe keine Scheinehe“). Leser und Käufer wird das Buch trotzdem finden.

Philipp Lahm: Der feine Unterschied – Wie man heute Spitzenfußballer wird, Kunstmann, 269 Seiten.

Kommentare

7 Kommentare zu “Viel Lärm um nichts”

  1. mustard
    Sonntag, 28. August 2011 um 21:27

    Ein IMHO sehr zutreffendes Fazit der Diskussion um Lahms Buch.

  2. Ach du Scheiße, der Armin Veh
    Sonntag, 28. August 2011 um 22:27

    Eine sehr informative und gut geschriebene Buchkritik – bwz. Nicht-Kauf-Empfehlung 🙂

  3. tafelrunde
    Sonntag, 28. August 2011 um 23:09

    Hervorragende Gedanken zur Diskussion von @Matthias Nedoklan. Dennoch sollen hier noch ein paar Zeilen – nicht unbedingt pro Lahm – aber contra der ganzen nicht nur medialen Hysterie gesetzt werden.

    Also, was ist denn nun eigentlich gelaufen? Lahm hat ein Buch schreiben und von der Bild promoten lassen. Soweit, so ungut.

    Was aber manche der durch die handelsüblichen Bild-Zitate und Headlines angesprochenen, das sind hier Völler und Magath, über „die Medien“ abgesondert haben, spottet jeder Beschreibung. Noch schlimmer sind Aussagen von Leuten aus der Branche (v.a. Trainer und Ex-Spieler, v.a. sei hier ein Effenberg genannt, der den humorlosen, Ironie freien und besserwisserischen Bundesbürger aufs Beste gibt – entgegen seiner eigenen Selbstdarstellung als „Outlow“), die weder das Buch gelesen haben, noch irgendwie auf die besagten Zitate eingehen, sondern nur dumpf wie nur irgendwas auf stereotypen Allgemeinplätzen rumreiten, die weder in den Zitaten und offensichtlich auch nicht im Buch vorkommen.

    Nämlich dass Lahm einen Ehrenkodex verletzt hätte, dass keine Interna aus der Kabine nach außen gelangen dürften. Hat er denn dieses getan? Nein. Er hat erkennbar keine irgendwie intimen Erkenntnisse offenbart. Er hat, wie schon in verschiedensten Artikeln in der freien Presse dargelegt, nur allgemein bekannte Wahrheiten in seinem Buch widergeben. Außerdem geht es hier um max. 3 Aussagen über 3 Ex-Trainer, das auch noch aus dem Zusammenhang gerissen, und weder über Spieler noch sonstige Kabinen-Interna.

    Woran jazzt sich nun die Aufregung über das Lahm-Buch eigentlich hoch?

    Lahm hat wohl innerhalb von über 200 Seiten einige Trainer seiner Vergangenheit in einen Kontext einzuordnen versucht, inwieweit diese, aus seiner heutigen Sicht, ihm bei seinem Vorwärtskommen helfen konnten oder auch nicht. Dass aus (fast) jeder Aussage eine entsprechende Headline, gerade bei Bild konstruiert werden kann, sollte inzwischen bekannt sein.

    Sich aber von Seiten der sog. Experten, also Trainer und Ex-Spieler so darauf zu verbeißen, zeugt nicht unbedingt von deren Verständnis, wie die Medienwelt schon (leider) zu lange funktioniert. Es scheint hier im Gegenteil eine Front zum Vorschein zu kommen, die bisher momentan an anderen Stellen immer wieder auftaucht. Die zwischen den Traditionalisten gegen die Erneuerer. Lahm im Allgemeinen und gerade durch sein Buch eignet sich da hervorragend, grundsätzliche Grabenkämpfe auszutragen.

    Die Medien insgesamt freuts.

  4. Ach du Scheiße, der Armin Veh
    Montag, 29. August 2011 um 11:49

    @Tafelrunde: Ich denke, man muss versuchen, zweierlei zu trennen:
    a) Lahms Buch.
    b) die Reaktionen darauf.
    Bei b) stimme ich Deiner gut argumentierten Analyse zu: Die Medien- und Publikums-Hysterie sowie das selbstgerechte Geschwätz der Thomas Strunze sind deutlich widerlicher als Lahms Buch.
    Aber das macht a) Lahms Buch noch lange nicht zu einem sinnvollen Werk. Die if-Rezension hier stützt meinen Verdacht, dass dieses Buch inhaltlich überflüssig ist. Und ein inhaltlich leeres Buch nährt die These, dass Lahm das Buchschreiben zur Selbstpositionierung als Deutschlands größter zeitgenößischer Fußballer benutzen wollte, aber eigentlich nichts Substanzielles für 200 Seiten zu sagen hat. Da – finde ich – bekommt er die Reaktionen, die er verdient.

  5. OF
    Mittwoch, 31. August 2011 um 10:05
  6. OffensivGeist
    Samstag, 19. Mai 2012 um 20:13

    Hallo zusammen,
    der vorangegange Bericht hat mir sehr geholfen. Allerdings muss man sagen, dass die Meinungen zu Lahms Buch insgesamt sehr auseinander gehen. Zumal man, wie bereits erwähnt unterscheiden muss zwischen Lahms Buch ansich und der Verkaufsförderungsstrategien.
    Im Zuge einer Studienarbeit habe ich mich intensiv mit Lahms Marketing-Produkt beschäftigt und im Zuge dessen:
    - die zentrale Reaktionen vor und nach der Buch-Veröffentlichung festgehalten,
    - die Strategie und Ziele dargelegt, die grundsätzlich mit der Veröffentlichung Philipp Lahms Biografie erreicht werden sollten,
    - sowie ebenfalls Strategie & zentralen Ziele der Agentur acta7 (Lahms Vermarktungsagentur) und des Verlages bzgl. des Marketings der Publikation untersucht.
    - Weiter erfolgte eine Evaluierung und Modell-Darstellung des Marketings sowie die aus dieser Aktion resultierenden Auswirkungen auf Lahms Image.
    - Abschließend habe ich ein, aus meiner Sicht, sinnvolles Kommunikationsmanagement erarbeitet.
    Diese STudienarbeit wird Schritt für Schritt in mehreren Artikeln auf meinem Blog veröffentlicht. Ich möchte „indirektem Freistoss“ für seine ausführliche Berichterstattung zu diesem Thema danken, er diente mir unteranderem als Quelle bei der Recherche. Vielen Dank.

    Nun wünsche ich allen ein hoffentlich erfolgreiches CHampions-League Finale für die Bayern. Viel Spaß und Beste Grüße aus München.

  7. Die Lahm Biografie - Zentrale Reaktionen
    Mittwoch, 27. Juni 2012 um 08:42

    […] im Fußball keinen Erfolg“ und „Jeder von uns muss permanent Stärke ausstrahlen“ da“ (NEDOKLAN, 2011). Nedoklan bescheinigt Lahms Biografie ein stellenweise langweiliges Buch zu sein, hinterfragt aber […]

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