indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Bundesliga

Der HSV setzt Michael Oenning vor die Tür – Treueschwur ohne Wert

Kai Butterweck | Dienstag, 20. September 2011 10 Kommentare

Der Hamburger SV hat die Reißleine gezogen. Trotz Treueschwur trennt sich der Tabellenletzte mit sofortiger Wirkung von Trainer Michael Oenning. Außerdem: Abgang in Wolfsburg und Rückkehr nach Schalke

Frank Heike (FAZ.net) zieht die Chefetage der Hanseaten in die Verantwortung: „Mag Oenning zu unerfahren und zu unauffällig für einen Großklub wie den HSV gewesen sein und mit seinen fortwährenden taktischen und personellen Änderungen ohne klaren Spielstil viel zum Misserfolg beigetragen haben: Die Geschichte der ersten Trainerentlassung der Saison erzählt auch von schweren Managementfehlern im Fußballunternehmen Hamburger Sport-Verein. In das Vakuum hinein, das der Rücktritt des ehemaligen Vorsitzenden Hoffmann erzeugte, beförderten Jarchow und – aus der Londoner Ferne mitbestimmend – auch Arnesen einen Mann zum Chef, von dem in Verein und in der Mannschaft niemand so recht überzeugt war. Weil es in der Vereinsspitze der Hamburger im vergangenen März plötzlich niemanden mit einer Vernetzung zum deutschen Markt mehr gab, nahm man den Nächstbesten, um Ruhe zu haben. Auf der anderen Seite war Oenning froh über den unverhofften Job und nahm die Spieler, die sein Vorgesetzter Arnesen ihm lieferte. Ohne zu murren.“

Mike Glindmeier (Spiegel Online) findet deutliche Worte: „Dass ein Trainer nach fünf Niederlagen in sechs Spielen seinen Job verliert, ist in der Bundesliga nichts Außergewöhnliches. Dass man ihm vor laufender Kamera die Treue schwört und ihn dann zwei Tage später rauswirft, kam auch schon vor. Aber es ist ganz schlechter Stil. Mit diesem Zickzackkurs hat der HSV nicht nur seinen Ruf beschädigt, sondern auch seinen Sportdirektor. Und gleichzeitig Sympathien verspielt.“

Jarnow und Arnesen fehlt der Mut

Klaus Bellstedt (stern.de) fordert Konsequenzen abseits des Rasens: „Natürlich sind Oenning zuletzt die Argumente ausgegangen. Seine Bilanz als HSV-Trainer ist erschreckend. In 14 Spielen holte er mit der Mannschaft nur einen Sieg. Das Team ging zuletzt immer mehr auf Distanz zu ihrem Chef. Und trotzdem hätte es auch die Möglichkeit gegeben, am jungen Trainer festzuhalten. Die Saison ist gerade mal sechs Spieltage alt. Aber Jarchow und Arnesen hat dazu schlicht der Mut gefehlt. Und jetzt? Folgt der nächste Neustart. Eigentlich unfassbar. Oenning, das muss festgehalten werden, war nicht Arnesens Trainerkandidat. Für die kleine, billigere Lösung hatte sich vor allem der neue Club-Chef stark gemacht. Das Experiment ist grandios gescheitert. Konsequenterweise müsste Jarchow sich eigentlich gleich mit feuern. Aber auch dafür wird ihm der Mut fehlen. Der nächste Trainer des HSV, er kann einem bei diesen Club-Verantwortlichen jetzt schon leid tun.“

Frank Hellmann (FR) kennt die Gründe für Oennings Scheitern: „Beim Hamburger SV kam der Deutsch- und Sportlehrer – wie auch in Nürnberg – über die Rolle als Co-Trainer ins Amt. Nun ist er gescheitert in der Stadt, die er zum Lebensmittelpunkt auserkoren hat. Dort heiratete er, dort kamen seine zwei Kinder Falk und Fynn zur Welt. Zum Verhängnis wurde Oenning vor allem, dass er seine Kompetenz in der Spielanalyse den Spielern nicht angemessen zu vermitteln vermochte. Auch bei Durchsetzungsvermögen und Überzeugungskraft werden dem Mann, der neben dem Fußballlehrerschein auch Trainerlizenzen für Tennis, Surfen und Snowboard besitzt, Mängel nachgesagt.“

Vorn harmlos, hinten hilflos – der HSV gibt 2011 ein trauriges Bild ab

Patrick Krull und Matthias Linnenbrügger (Welt Online)blicken mit Sorge in die nahe Zukunft: „Sechsmal schickte Oenning sein Team in dieser Saison aufs Feld, sechsmal wählte er unterschiedliche Aufstellungen. Gegen Mönchengladbach versuchte er es am vergangenen Wochenende mal mit sieben Defensivspielern – und scheiterte grandios. Das Tor zum 0:1 war bereits das achte Gegentor nach einer Standardsituation. Vorn harmlos, hinten hilflos – der HSV gibt 2011 ein trauriges Bild ab. Die Ära Michael Oenning wird schon jetzt als eines der dunkelsten Kapitel in die HSV-Chronik eingehen. Denn schaffen die Norddeutschen auch am Freitag beim Auswärtsspiel in Stuttgart keinen Sieg, droht der saisonübergreifende Minusrekord von 14 Spielen in Serie ohne Erfolg. Das schaffte bisher nur Josef Schneider. Der war seinen Job als HSV-Trainer im Jahr 1967 nach dem 14. Spiel in Folge ohne Erfolg allerdings los.“

Rafael Buschmann (Spiegel Online) kümmert sich bereits um einen Nachfolger: „Die Vita von Marco van Basten scheint zum theoretischen sportlichen Konzept des HSV zu passen: Er gilt als ausgewiesener Befürworter und Förderer von Talenten, so wie sie nach dem personellen Umbruch der Hamburger in diesem Jahr auch im neuen HSV-Kader stehen sollen. Der 46-Jährige setzte während seiner Zeit bei Ajax und in der niederländischen Nationalmannschaft regelmäßig Nachwuchsspieler ein und schenkte ihnen auch über längere Zeiträume das Vertrauen. Auch in Sachen Leidensfähigkeit kennt sich van Basten, der seit 2009 vereinslos ist, aus. Er trat bei seiner letzten Trainerstation Ajax Amsterdam nach 15 Monaten wegen anhaltender Erfolglosigkeit zurück.“

Arne Friedrich muss raus aus Wolfsburg, das ist die banale Wahrheit

Arne Friedrich hat überraschend seinen Vertrag beim VfL Wolfsburg aufgelöst. Christof Kneer (SZ) gibt Felix Magath eine Mitschuld: „Vor ein paar Wochen hat er ohne Not mit einem möglichen Karriere-Ende seines Innenverteidigers spekuliert, und man kann sich vorstellen, wie sehr das seinem Innenverteidiger gefallen hat. Arne Friedrich muss raus aus Wolfsburg, das ist die banale Wahrheit hinter dieser erstaunlichen Kündigung. Er hat nur Pech gehabt an diesem Ort, er ist nie warm geworden mit ihm, und weil er als Intimus des ehemals mächtigen Dieter Hoeneß gilt, hat ihm der aktuell mächtige Magath von Anfang an sein herzlichstes Misstrauen geschenkt.“

Schalke gibt ein peinliches Bild ab

Die Rückkehr zu seiner alten Wirkungsstätte geriet für Manuel Neuer zum Spießrutenlaufen. Peter Penders (FAZ) tadelt die Schalker Vereinsführung: „Was steckt dahinter, dass der FC Schalke nichts, absolut gar nichts getan hat, um die befürchteten Attacken seiner eigenen Fans gegen Manuel Neuer, die jede Geschmacksgrenze überschritten, möglichst zu verhindern oder wenigstens bei der Rückkehr des Bayern-Torwarts an seine alte Wirkungsstätte deeskalierend zu wirken? Resignierte die Vereinsführung, weil rationale Argumente oder soziale Aspekte wie Fairplay diesen Fans ohnehin nicht näher zu bringen sind? Oder setzte sich der reichlich selbstverleugnend wirkende Gedanke durch, besser nicht einzugreifen, um nicht zwischen die Stühle zu geraten und damit selbst zum Hassobjekt zu werden? Mit diesem Wegschauen hat der traditionsreiche Klub aus Gelsenkirchen in Sachen Manuel Neuer abermals ein peinliches Bild abgegeben und obendrein einen herben Imageschaden erlitten.“

freistoss des tages

Kommentare

10 Kommentare zu “Der HSV setzt Michael Oenning vor die Tür – Treueschwur ohne Wert”

  1. mustard
    Dienstag, 20. September 2011 um 10:22

    Die fuehrung des HSV hat sich bis zuletzt vor Michael Oenning gestellt. das jetzt Kritik von einzelnen Journalisten daran aufkommt war abzusehen.

    Allerdings wuerde ich gerne mal sehen was Mike Glindmeier sagen wuerde, wenn er ein paar schlechte Artikel abliefert und anschliessend in der Oeffentlichkeit oder zumindest laut in der Redaktion von seinen Vorgestzten diskutiert wird ob man ihn nicht besser entlassen sollte – waehrend er gerade damit beschaeftigt ist einen neuen artikel zu schreiben.

    Meine Vermutung: er kaeme wohl mit einer ganz anderen definition von schlechten Stil an als in seinem hier auf if zitierten Artikel.

    Aber meiner Meinung nach hat die Fuehrung des HSV aus der vertrackten (und selbstverschuldeten) Situation noch das beste gemacht. Besser den Trainer oeffentlich stuetzen als weiter zu demontieren, wenn man noch nicht die entscheidung getroffen hat ihn zu entlassen.

  2. Christoph
    Dienstag, 20. September 2011 um 13:08

    Großclub HSV? Seriously?

    Doch nicht wirklich oder?

  3. Florian
    Dienstag, 20. September 2011 um 18:16

    Danke Christoph,

    habe ich doch auch gedacht, ich lese nicht recht. Warum sollte der HSV ein Großklub sein? Weil er ein großes Stadion hat? Weil er in einer großen Stadt Fußball spielt?
    Ich werde das Gefühl nicht los, dass sich (manche) Fans des HSV wie auch Journalisten im Jahr 1983 wähnen. Das ist immerhin 28 Jahre her und damals holte der HSV den letzten wichtigen Titel (sofern mich mein Gedächtnis nicht getäuscht hat).
    Definitiv kein Großklub, der HSV.

  4. mustard
    Dienstag, 20. September 2011 um 19:31

    Der HSV war z.B. in der Saison 08/09 in der Liste der umsatzstaerksten Fussballvereine der Welt auf Platz 11 – neuere Zahlen habe ich auf die schnelle nicht gefunden.

    Darueber hinaus hat der HSV eine reiche Geschichte, internationale und nationale Titel, einen gewissen Bekanntheitsgrad (frag mal einen Juventus-Anhaenger), auch in den letzten Jahren oft international gespielt und ist in einer Millionenstadt mit entsprechender Presselandschaft zu Hause.

    Wenn man den Status „Grossklub“ alleine an Titlen festmachen wollte, was waere dann z.B. Manchester City?

  5. Ulfert
    Mittwoch, 21. September 2011 um 00:02

    Vllt ist Großverein im Sinne des Anspruchs an sich selber gemeint – ebenso wie Hamburger (Medien) gerne meinen, Hamburg sei eine Weltstadt, soll der HSV eben ein Großverein sein. Nach Bayern und Köln dann auf Rang drei 😉

    Es gibt genug Statistiken, um diese Behauptungen mit mindestens einer zu belegen (nicht wahr, mustard). Sportlich gesehen ist er es zur Zeit nicht, weder in D noch in Europa.

    Sehr interessanter FdT.

  6. qualitätsbeiträge nur ausnahmsweise
    Mittwoch, 21. September 2011 um 00:50

    Warum sollten die Schalker Fans nicht ihrer Enttäuschung Luft machen?
    Warum sollen sie das nicht so machen, wie sie es immer machen?
    Warum ist das peinlich, wenn der FC Schalke die Fans hat, die er hat?
    Und seit wann muss man im Stadion sagen: „Herr Neuer, ich gehe mit Ihrem emotionalen Mäandern nicht konform und bitte Sie hiermit meine tiefe innere Betroffenheit zur Kenntnis zu nehmen, ohne jedoch nicht auf die Gelegenheit zu verzichten, auch die vollendete Zertrümmerung meines Vertrauenssockels Ihnen gegenüber als gegeben mitzuteilen.“

  7. hutzel44
    Mittwoch, 21. September 2011 um 08:02

    … dem Artikel von Herrn Penders ist nichts hinzuzufügen.

    Begriffe wie Respekt, Anstand und FairPlay scheinen weiten Teilen des Schalker Publikums fremd zu sein. Huldigt ihr mal schön weiter eurem Kumpel- und Bergarbeitermythos.
    Widerlich.

  8. Kai Butterweck
    Mittwoch, 21. September 2011 um 08:20

    @qualitätsbeiträge: schön geschrieben;-) respekt, anstand und fairplay hin oder her, ich hätte mich schon sehr gewundert, wenn es bei neuers rückkehr anders abgelaufen wäre.über die art und weise kann man sicher streiten, aber das ihm kein wohlwollen entgegen fliegen würde, dürfte doch allen klar gewesen sein.

  9. Ulfert
    Mittwoch, 21. September 2011 um 11:14

    Lustig, dass den Schalkern vorgeworfen wird, die Stimmung nicht zu besänftigen. Das ist zwar einerseits auch irgendwo richtig, aber (wie gewöhnlich) nur eine Seite der Medaille. Das ganze Transfergeschacher, öffentliche Aussagen von Neuer, öffentliche Abwerbeversuche usw. gingen ja nicht nur von der Schalker Vereinsführung aus. Auf deutsch: Auch die Bayern haben mit der Art und Weise der Abwerbung (ähnlich wie bei Miro Klose) sehr kräftig dazu beigetragen, dass der Spieler bei den Anhängern des vorherigen Clubs unten durch ist.

    Dazu kommt das Hickhack von Neuer mit den Ultras der Bayern, bei dem er sagte, er wisse wie ein Ultra denke weil er selbst einer sei, aber gleichzeitig wechselte er zu Bayern – wer sich nach dem ganzen Theater wundert, dass Neuer auf Schalke (sehr) unbeliebt ist, hat irgendwas verpennt.

  10. qualitätsbeiträge nur ausnahmsweise
    Samstag, 24. September 2011 um 23:40

    zum den Rufen nach dem Kopf Jarchows möchte ich hinzufügen, dass es absurd ist, einen nach der ersten (wenn auch) gröberen Fehlentscheidung rauszuschmeißen. Da hätte der FC Bayern, der am ehesten in Richtung Unfehlbarkeit 😉 Hoeness und Nerlinger schon lange in die Wüste geschickt….

  • Quellen

  • Blogroll

  • Kategorien

  • Ballschrank

  • Blogverzeichnis - Blog Verzeichnis bloggerei.de
116 queries. 2,197 seconds.