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Champions League

Dortmunder Ladehemmung und Leverkusener Verwalterfußball

Kai Butterweck | Freitag, 30. September 2011 4 Kommentare

Während der BVB trotz hochkarätiger Chancen in Marseille leer ausgeht, freut sich Leverkusen über den ersten Champions League-Dreier. Außerdem: Carlos Tevez am langen Hebel

Klaus Hoeltzenbein (SZ) kennt die Gründe für die derzeitige Dortmunder Durststrecke: „Wer sich auf die Suche begibt, warum die Borussia das Tor nicht trifft, gerät schnell tief in die Details der Personalplanung wie auch der Taktik. Denn die Dortmunder sitzen derzeit streng genommen in der Falle ihres Klopp-Systems, dessen Ertrag in der Meistersaison zu Recht als Vorzeigefußball gefeiert wurde. Es baut auf nur eine Spitze sowie drei offensive Mittelfeldspieler, die drumherum für Verwirrung sorgen. Zentraler Faktor aber ist der eine Angreifer, der die langen Bälle, die die Kollegen schlagen, annehmen, halten oder direkt verwerten kann. Das Problem: Funktioniert die Spitze nicht, funktioniert ganz Dortmund nicht, und da kein taugliches Alternativ-System einstudiert ist, erkennt die Borussia nun schmerzhaft, dass sie von der Muskulatur eines in Argentinien geborenen Paraguayers abhängt.“

Felix Meininghaus (Spiegel Online) geht mit den Dortmunder Verlierern hart ins Gericht: „Die Gründe für das deprimierende Erlebnis waren an beiden Enden des Spielfelds zu finden. In der Offensive versäumte es die Borussia, aus einer Vielzahl von Chancen auch nur einen Torerfolg zu kreieren. Und in der Abwehr lud die Mannschaft einen wahrlich nicht überragenden Gegner mit haarsträubenden Fehlern zu Toren ein. Tatsächlich war die Nacht von Marseille ein beeindruckender Beleg dafür, wie sehr es dem BVB an internationaler Klasse mangelt. Das eklatante Missverhältnis von Aufwand und Ertrag war schon während der berauschenden Meistersaison auffällig, doch das konnte kompensiert werden, weil die Mannschaft meist sicher stand und zu null spielte. Das hat sich geändert, nun addieren sich zur mangelnden Chancenauswertung auch noch haarsträubende Abwehrfehler.“

Den Dortmundern fehlt ein zuverlässiger Vollstrecker

Jörg Winterfeldt (Berliner Zeitung) lobt den Einsatzwillen der jungen BVB-Mannschaft: „Aber trotz aller Frustration über die Erkenntnis, dass seine junge Meistermannschaft der Vorsaison sich noch als zu grün erwies für die große Bühne des europäischen Fußballs, propagierte auch Klopp jenen Kampfeswillen, den er seinem Team so nachdrücklich eingeimpft hatte, dass er in Marseille nicht vorzeitig versiegte, nicht einmal in aussichtslosem Rückstand. Die Borussia verfügt über taktischen Verstand und spielerisches Geschick, um durchaus mitzuhalten mit den Großen. Allein, es fehlen ein zuverlässiger Vollstrecker der Großchancen vor des Gegners Tor, die Konzentration, in der Defensive 90 Minuten fehlerfrei zu verteidigen, und Nuri Sahin. Der stabilisierte die Hintermannschaft in der Meistersaison entscheidend, wurde an Real Madrid verhökert, aber nicht angemessen ersetzt.“

Carsten Eberts (SZ) klopft dem Meister tröstend auf die Schultern: „Er hat eine junge Mannschaft, die wunderbar funktionieren kann, die es derzeit jedoch nicht tut. Sei es wegen Verletzungen, unter anderem von Top-Stürmer Lucas Barrios, der in den vergangenen Wochen nur selten ersetzt werden konnte. Sei es durch den Wechsel von Mittelfeldorganisator Nuri Sahin zu Real Madrid, der die Dortmunder mehr schwächt, als es die Verantwortlichen bislang zugeben haben. Oder sei es, weil hochveranlagte Spieler, wie beispielsweise Mario Götze, trotz bester Gelegenheiten das Tor nicht treffen. Das Spiel des Meisters hat sich seit der vergangenen Saison nicht verändert. Der BVB kann – anders als der FC Bayern etwa – sein eigenes Tempo kaum dosieren. Die Mannschaft betreibt stets den größtmöglichen Aufwand, spielt stets lange Bälle in die Spitze, rückt überfallartig nach, rennt wieder und wieder an. Wird dieses Spiel nicht belohnt, zermürbt das die Spieler.“

Trocken, holprig, unspektakulär

Daniel Theweleit (Spiegel Online) freut sich für die Leverkusener: „Trocken, holprig, unspektakulär war dieser Sieg, und dennoch ist der Wert dieses Abends gewaltig. Tabellarisch wie psychologisch. Zwar wurde Leverkusen angesichts eines ängstlichen Verwalterfußballs in der zweiten Hälfte von den eigenen Fans ausgepfiffen. Aber auch das war nur zweitrangig. Die wichtigste Erkenntnis dieses Abends ist, dass sich Mannschaft und Trainer wieder kooperationsbereit zeigen.“

Andreas Morbach (Tagesspiegel) vermisst die Begeisterung abseits des Rasens: „Sechseinhalb Jahre Enthaltsamkeit – das ist eine lange Zeit. So weit zurück lag das letzte Heimspiel von Bayer Leverkusen in der Champions League. Zur Rückkehr der Rheinländer in Europas Sahnehäppchenliga war nun Besuch aus dem nahen Genk angesagt. Doch wer glaubte, die Bayer-Fans wären nach so langer Trockenheit mächtig scharf auf eine Fußballsause, sah sich getäuscht. In der mit ihren 30.000 Sitzgelegenheiten ohnehin eher niedlichen BayArena blieben im Duell mit dem belgischen Meister viele Plätze frei. Leverkusens Vereinsobere machten lange Gesichter – doch zumindest legte das Team von Robin Dutt seine punktuelle Enthaltsamkeit ab.“

Den Leverkusenern war anzusehen, wie viel Talent sie haben

Daniel Theweleit (Berliner Zeitung) verpasst der Werkself zwei Gesichter: „Nach zuletzt drei Niederlagen in Folge hatte Bayer extrem viel Kritik einstecken müssen, nun war der Werkself deutlich anzusehen, dass sie sich wehren wollte. In vielen Phasen Ball lief schnell und sauber, Stefan Kießling arbeitete mit all seiner beeindruckenden Leidenschaft für die Mannschaft, und der in der Bundesliga gesperrte André Schürrle ließ wieder einmal seine Fähigkeiten aufblitzen. Den Leverkusenern war anzusehen, wie viel Talent sie haben, es gab wunderbare Kombinationen, Dribblings, Beinschüsse, wunderbare Momente. In anderen Augenblicken war der Mannschaft von Robin Dutt aber auch anzusehen, wie unfertig sie ist. Immer wieder vergeudete sie ihre brillant heraus gespielten Ausgangssituationen im und um den Strafraum der Belgier durch finale Ungenauigkeiten oder falsche Entscheidungen.“

Man müsste den ganzen Profifußball austauschen

Die Arbeitsverweigerung von Carlos Tevez im Spiel der Bayern gegen Manchester schlägt weiter hohe Wellen. Christian Eichler (FAZ) beschäftigt sich mit den Hintergründen: „Es ist das Verwirrspiel eines Mannes, der sich am langen Hebel glaubt. Denn Klubs investieren viel Geld in gute Spieler, und ihre Verträge mit diesen Spielern stellen einen Gegenwert dar – Millionen, die sich aus Marktwert und Restdauer des Vertrages errechnen. Ein normaler Arbeitnehmer verliert durch Kündigung seinen Job – ein namhafter Fußballprofi aber gewinnt die Chance auf einen neuen, besseren. Er muss nur einen Klub finden, der sich die teure Ablöse für den nun vereinslosen Profi sparen und ihm deshalb noch mehr Gehalt zahlen kann. So wie der Italiener Antonio Cassano, der den Präsidenten von Sampdoria Genua beleidigte, rausflog – und als Schnäppchen vom AC Mailand genommen wurde. In diesen Fällen wird gern gefordert, Klubs sollten zusammenhalten und solchen Spielern keinen neuen Job anbieten. Damit es so käme, müsste man nicht einen einzelnen Profi austauschen. Sondern den ganzen Profifußball.“

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Kommentare

4 Kommentare zu “Dortmunder Ladehemmung und Leverkusener Verwalterfußball”

  1. augelibero
    Freitag, 30. September 2011 um 11:41

    Jetzt haben sie es doch gemerkt, die geschätzten Fußballfeuilletonisten: Dortmunds Mannschaft und Dortmunds Trainer sind für die CL noch zu grün. Wow, wer hätte das gedacht! Nachdem man das im vergangenen Jahr in der unterklassigen Europa Liga schon feststellen musste, nun auch in der Königsklasse. Potzblitz!

    Und jetzt kommen sie aus den Löchern und legen den Fingern arschtief in die Wunde. Da möchte man fast kotzen. Was hat man sich denn vorgestellt? Schauen die nie CL-Spiele? Ist denen nicht aufgefallen, dass nie Juniorentruppen wie Arsenal London sondern immer erfahrene Teams (ManU, Inter, AC Milan) oder zumindest altersmäßig gemischte Mannschaften (Barcelona, Porto) den Pokal gewinnen?

    Und für die Herren Nostalgiker: Der FC Bayern gewann in den 70er mit eiskaltem Ergebnisfußball den Meisterpokal drei Mal, die stürmischen Gladbacher Fohlen gingen stets leer aus. Ein Zufall?

    Wer am Mittwoch bei Klopp genau hingehört hat, muss ihm Recht geben: Die jugendlichen Tugenden haben die Mannschaft überhaupt in den Wettbewerb geführt, deshalb sollte man jetzt dazu stehen. Da hat er Recht. Die klugen Fußballfeuilletons machen es sich da einfacher: Der Jugendstil wird bei allen Gelegenheiten immer gelobt, gefordert oder angemahnt (zuletzt Schalke und Huub Stevens), aber wehe man bekommt von einem alten Fußballhasen (Didier Deschamps) und einer cleveren Truppe (OM) die Grenzen aufgezeigt. Leider geben Leute wie Deschamps ihr Wissen zwar an ihre Mannschaften, nicht aber an Journalisten weiter. Aber das ist ein Problem der Fußballfeuilletonistenausbilung. Mal eine andere Frage: Wieso schreiben eigentlich nicht mal junge, moderne, systemische Konzeptjournalisten über den Fußball?

  2. Marvin Nash
    Freitag, 30. September 2011 um 20:33

    Super Beitrag, ich kann Dir nur zustimmen. Positiv ist nur, dass in Dortmund keine Panik ausbricht und diese aktuelle Durststrecke durchschritten werden wird. Der BVB wird daraus gestärkt und gereift heraustreten. Vielleicht nächstes Jahr nur in der Europa League oder gar nicht international. Aber mit diesem Verein muss man die nächsten Jahre rechnen. Bremen macht es mit viel bescheideneren Mitteln und weniger Potenzial vor, wie es geht.

  3. augelibero
    Dienstag, 4. Oktober 2011 um 10:48

    @Marvin: Genauso ist es! Selbst die große Bayern-Mannschaft der 70er Jahre hat international jahrelang Lehrgeld bezahlt. Wenn die hochtalentierte BvB-Mannschaft zusammen bleibt und Zeit bekommt, spielt sie in zwei oder drei Jahren auch international mit. Darauf warte ich gerne!

  4. hutzel44
    Dienstag, 4. Oktober 2011 um 12:12

    … diese Zeiträume gibt euch der Transfermarkt nicht mehr. Dass eine Mannschaft länger reifen und wachsen kann funktioniert nur (Hannover) im Schatten der großen Mannschaften und ohne Superstars. Ich glaube kaum, dass der BVB Spieler wie Subotic, Götze oder Hummels (meinetwegen auch Schmelzer, die auch in der Nationalmannschaft im internationalen Focus stehen) langfristig binden kann. Für diese Art von Langfristikeit hat der BVB nicht die geeigneten finanziellen Mittel. Sobald Real, Barca oder Manu 55 Mio bietet, ist Götze oder wer auch immer in Spanien/England.

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