indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Deutsche Elf

Alles Müller, oder was?

Kai Butterweck | Freitag, 18. November 2011 5 Kommentare

Der ungefährdete Sieg gegen die Holländer bildet den krönenden Abschluss eines erfolgreichen Länderspieljahres. Die Presse berauscht sich vor allem am Spiel des Münchners Thomas Müller

Jan Christian Müller (FR) verspürt eine ähnliche „Magie“ wie zu Löws Stuttgarter Zeiten. Ein Spieler erscheint ihm derzeit unersetzbar: „Der 22-Jährige Thomas Müller symbolisiert mit seinem Frohsinn, seiner Auffassungsgabe, seinem Tempo und seiner Technik, seinem Wagemut und seiner Wucht idealtypisch die atemberaubende Entwicklung eines Teams, das 2010 England und Argentinien, 2011 dann Brasilien und die Niederlande aussehen ließ wie Gartenzwerg-Mannschaften. Die Datenbanken werfen für den Irrwisch aus München, der im ernüchternden WM-Halbfinale gegen Spanien gelbgesperrt pausieren musste, immer neue, immer herausragendere Werte aus. Die Qualität in der Kadertiefe lässt es zu, selbst Unpässlichkeiten von gestandenen Männern wie Bastian Schweinsteiger und Philipp Lahm zu kompensieren, auch Klose kann durch Mario Gomez und Özil durch Mario Götze ersetzt werden. Nur Müller ist die Spitze des Dreiecks, die besser niemals fehlen sollte.“

Philipp Selldorf (SZ) schließt sich dem an: „In dieser Luxus-Mannschaft gibt es zwar viele Spieler, deren Talente sie einzigartig erscheinen lassen, aber dank des hoch entwickelten Ganzen kaum einen mehr, der eine leere Stelle hinterlässt, wenn er mal fehlt. Die Ausnahme bildet Thomas Müller, der unter den großen Fußballern auf der Welt unvergleichlich ist. Eine schräge, aber gute Laune der Natur hat ihn hervorgebracht. In Hamburg haben Müller und Kollegen dem ohnehin glänzenden Länderspieljahr eine funkelnde Krone aufgesetzt. Wie im vorigen Jahr hat die Nationalmannschaft auch 2011 ein Konjunkturhoch ohne Brüche und nennenswerte Schwankungen erlebt, von Partie zu Partie ist sie besser geworden. Das Publikum wird verwöhnt wie selten zuvor, Testspiele sind auf einmal Festspiele.“

Stefan Hermanns (Tagesspiegel) erfreut sich am neuen Selbstbewusstsein der deutschen Mannschaft: „Jogi Löws Truppe ist inzwischen so von ihren Fähigkeiten überzeugt, dass sie auch Duelle gegen Großmächte wie Holland oder Brasilien so angehen wie bisher nur Spiele gegen Belgien, Österreich oder Kasachstan. Bei der EM 2008 und zwei Jahre später im WM-Halbfinale gegen die übermächtigen Spanier war Löws Mannschaft noch in alte Muster zurückgefallen – weil sie innerlich nicht überzeugt war, Spanien spielerisch beikommen zu können.“

Viele Beine und goldene Füße

Michael Horeni (FAZ) prophezeit eine neue Ära: „Die Spiellust, die sich von vorne bis hinten über Klose, Müller, Özil, Kroos und Khedira en bloc präsentierte, und sich dazu auch mit altdeutscher Effizienz im Torabschluss paarte, wird aber nicht über Nacht verfliegen. Dafür steht das Fundament, an dem Löw so akribisch und entspannt gearbeitet hat, personell viel zu fest auf vielen Beinen und goldenen Füßen. Man kann sogar hoffen, dass in Deutschland gerade der Grundstein gelegt wird für eine noch viele Jahre und weit über die Europameisterschaft tragende neue deutsche Spielkultur, die nun nur noch beweisen muss, dass sie auch das Erfolgsrezept der Vergangenheit in sich aufzunehmen weiß.“

Stefan Osterhaus (NZZ Online) hievt die Elf von Jogi Löw in spanische Gefilde: „Der Scheinrückzug gilt in Lehrbüchern als probates taktisches Mittel, um einen Gegner in falscher Sicherheit zu wiegen. Ob Hollands Trainer Bert van Marwijk im Länderspiel gegen die deutsche Mannschaft auf diese Idee kam? Um dann im nächsten Jahr an der Euro aus der Position des Underdogs gegen den großen Rivalen zuzuschlagen? Das darf nach dem 0:3 der Holländer stark in Zweifel gezogen werden: Das Match in Hamburg war ein Debakel ersten Ranges, der Weltranglistenzweite wurde vom DFB-Team auf der ganzen Linie vorgeführt. Die Deutschen ihrerseits zelebrierten Fußball auf einem Niveau, das gegenwärtig nur sie und Spanien beherrschen.“

Die Lage hat sich gedreht

Oliver Fritsch (Zeit Online) entzückt sich über vertauschte Rollen: „Der deutsche Fußball hat unter Joachim Löw einen steten Wandel vollzogen, es gibt kein geeigneteres Kontrastmittel dafür als Holland. Betrachtet man die vergangenen vier Jahrzehnte war Holland selbst zu erfolgreichsten deutschen Zeiten seinem großen Nachbarn ästhetisch und irgendwie auch moralisch überlegen. Holland stand für Voetbal total, Ballzirkulation, Schönheit, Deutschland für Berti, Briegel und Borowka. Immerhin konnte sich Deutschland mit dem nicht unwesentlichen Fakt trösten, dass es mehr Titel gewann. Nun hat sich die Lage gedreht. Die Deutschen sind die Feingeister, die Ball und Gegner laufen lassen, die hochspringen müssen, wenn der Gegner auf Jagd geht. Holland hingegen vanbommelt. In Hamburg gelangen ihnen in manchen Szenen nicht mal die Fouls. Ihre Angriffe waren so inspirierend wie die Oh-wie-ist-das-schön-Gesänge der deutschen Fans. In Ausdruck und Ergebnis war Deutschland deutlich überlegen.“

Peter Ahrens (Spiegel Online) weist auf vorhandenen Sand im Getriebe hin: „Es gibt sie dennoch, die kleinen Baustellen – und man muss sagen, hier ist Löw im Jahr 2011 nicht besonders vorangekommen. Die Position des Rechtsverteidigers ist nach wie vor unzureichend besetzt: Ob Jérôme Boateng, Benedikt Höwedes oder Christian Träsch 2012 den Vorzug bekommen, ist völlig offen. Die Optimallösung stellt niemand aus dem Trio dar. Und in der Innenverteidigung hat sich ausgerechnet der Erfahrenste in der Abwehrzentrale, Per Mertesacker, in den vergangenen Monaten als Restrisiko herausgestellt. Bisher war auf Mertesacker bei Turnieren allerdings Verlass. Der Neu-Londoner hat schließlich noch ein halbes Jahr Zeit, seine Form zu finden. Sein 22 Jahre alter Nebenmann Holger Badstuber ist derzeit erheblich weiter.“

Zu viele Störvariablen spielen eine Rolle

Markus Völker (taz.de) warnt vor zu viel Euphorie: „Im Moment sieht alles gut aus: Die Elf überzeugt spielerisch. Sie leistet sich extravagante Experimente (Dreierkette) und verliert trotzdem nicht. Alle Welt ist begeistert vom forschen Kreativfußball der DFB-Jungs. Zurecht. Im Zeitraffer haben Löw und seine Helfer aus Leichtathleten mit der Lizenz zum hölzernen Dribbling leichtfüßige Ballstreichler gemacht, die den deutschen Fußball, der noch Anfang dieses Jahrtausends hoffnungslos festgefahren schien, um eine neue Formel bereichert haben: Leichtigkeit plus Gedankenschnelle plus Esprit ist gleich Erfolg. Das Problem dabei ist, Fußball lässt sich nicht mathematisch exakt berechnen. Zu viele Störvariablen spielen hier eine Rolle. Sie könnten sogar einem DFB-Team im Formhoch zum Verhängnis werden.“

freistoss des tages

Kommentare

5 Kommentare zu “Alles Müller, oder was?”

  1. Ole Super-Adelmann!
    Freitag, 18. November 2011 um 11:07

    Müller könnte zur Not schon auch durch Özil ersetzt werden. (Götze rückt auf die Özil Position zentral hinter der Spitze, Özil auf Müllers Position auf dem rechten Flügel. Macht Mourinho mit Özil in Madrid oft – letztes Jahr gelang es überragend, dieses Jahr eher lau.)

  2. Manfred
    Freitag, 18. November 2011 um 15:00

    Die ganze Presseschau ist nichts ohne diesen Blogbeitrag von dogfood, den ich eigentlich als Freistoß des Tages erwartete:
    http://www.allesaussersport.de/archiv/2011/11/16/so-locker-und-leicht-die-mannschaft-schwimmt-sogar-in-milch/

  3. Dirk
    Freitag, 18. November 2011 um 18:20

    @Manfred
    danke, sehr schön.

    Ganz generell an die Macher des IF ein persönlicher Gedanke (für den Fall, dass momentan vielleicht über Anpassungen nachgedacht wird):

    Die traditionellen Printmedien sind für mich sehr vorhersehbar … bei Horeni weiß man, was man bekommt; bei Ahrens und vielen anderen ebenso und wirklich neue Ideen liest man selten. In der weiten Internetwelt steht unbestritten viel Unsinn, allerdings lassen sich auch Beiträge finden, die unkonventioneller und spannender sind (siehe z.B. heutiger freistoss des tages, besonders hinsichtlich Müller und die Seitenlinie).

    Eine stärkere Berücksichtigung dieser Nicht-Mainstreanm-Quellen fände ich gut und zwar innerhalb der normalen „Presse“-Schau; dazu zählen für mich dann teilweise auch Sport1 oder Sportal, die in letzter Zeit einige interessante Diskussionen eröffnet haben bzgl. Regeländerungen, Spielsysteme etc..

  4. mustard
    Samstag, 19. November 2011 um 00:36

    Was die von Dirk angedachte thematische Erweiterung angeht möchte ich ihm zustimmen. Zu selten lese ich in den traditionellen Printmedien interessantes über Fußball. Das ist anders geworden im Vergleich zu der Zeit als ich den indirekten Freistoss entdeckt habe – das war wohl 2006 oder so, als hier eine interessante Arbeit über die Berichterstattung der deutschen Presse über Jürgen Klinsmann als Nationaltrainer veröffentlicht wurde. Ich glaube das pdf liegt hier irgendwo noch auf meiner Platte rum.

    Heute lese ich lieber direkt bei dogfood, Jens Weinreich und anderen was über das aktuelle Sportgeschehen berichtet wird. zonalmarking.net und seit dieser Saison auch spielverlagerung.de bieten imho deutlich interessantere Berichterstattung. Den Fokus mehr auf solche Bereiche zu lenken könnte vielversprechend sein.

    Um zum aktuellen Thema zurück zu kehren und mein Mantra einmal mehr zu wiederholen: Markus Völker von der taz scheint die Bundesligatrainer, die Nachwuchsabteilungen der Vereine und alles was dazu gehört einfach so zu „Jogi Löws Helfer“n zu zählen? Eine arg verkürzte Berichterstattung denke ich. 😉

  5. Kai Butterweck
    Sonntag, 20. November 2011 um 14:19

    Danke für die Anregungen. Wir werden das in unsere Überlegungen mit einbeziehen.

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