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WM 2014

WM 2014 – Deutschlands „Neuer“ Libero

Kai Butterweck | Dienstag, 1. Juli 2014 2 Kommentare

Deutschland zittert sich gegen eine aufopferungsvoll kämpfende algerische Mannschaft ins WM-Viertelfinale. Dabei avanciert Torwart Manuel Neuer zum Matchwinner. Auch bei anderen Teams stehen dieser Tage Einzelkräfte im Rampenlicht

Nach dem Zittersieg gegen Algerien rollen die Deutschen ihrem Torwart den roten Teppich aus. Christian Kamp (FAZ) packt mit an: „Der Torwart musste so oft wie lange nicht Hals über Kopf aus seinem Strafraum eilen, um Schlimmeres zu verhindern. Es war so oft von Spezialkräften im deutschen Team die Rede bei dieser WM. Die größte aber war dabei noch nicht einmal gemeint: Ein Torwart, der nicht nur seinen Strafraum, sondern als zusätzlicher Abwehrspieler fast die ganze eigene Hälfte beherrscht. Gegen Algerien war er in dieser Doppelrolle nicht weniger als der zwölfte Mann.“

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Er grätschte, fing, köpfte, antizipierte und schlug ab

Paul Hofman (Zeit Online) sitzt beeindruckt hinter dem deutsche Tor: „Manuel Neuer: Torwart, Libero, Monument. Neuer grätschte, fing, köpfte, antizipierte, passte, beruhigte, beschleunigte, schimpfte, pokerfacte, sprintete, warf, winkte und schlug ab (womit er um Zehennagelbreite eine Torvorlage für Schürrle verpasste). Vor allem aber beeindruckte er.“

Auch Christoph Cöln (Welt Online) ist begeistert: „59 Mal berührte er den Ball, 21 Mal davon außerhalb des Strafraums. Neuer hatte eine Zweikampfquote von 100 Prozent. Normalerweise kommt diese Kategorie in der Torhüter-Statistik gar nicht vor. Am Montag schon. Während die deutsche Abwehr spielte wie in der Geisterbahn, blieb Neuer cool.“

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Löws Auswahl trieb es in Porto Alegre auf die Spitze

Klaus Hoeltzenbein (SZ) klopft mit einem Fragenkatalog in der Hand an die deutsche Kabinentür: „Warum fand diese begabte Elf wie schon gegen Ghana, gegen die USA erst spät aus dem Siesta-Modus heraus ins Spiel? Warum wandelte sie so lange am Abgrund? Warum tauchten Algeriens Konterspitzen so oft solo vor Torwart Neuer auf, der den Libero alter Schule, den Beckenbauer, den Franz geben musste, um seine Elf überhaupt im Spiel zu halten? Gewiss, WM-Spiele sind oft zähe Geduldsspiele, aber Löws Auswahl trieb es in Porto Alegre auf die Spitze.“

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Jan Christian Müller (FR) steht mit mahnendem Zeigefinger vor der deutschen  Trainerbank: „Joachim Löw hat vor der Bibber-Begegnung gegen Algerien eine grotesk falsche Entscheidung getroffen, und es hätte nicht viel gefehlt, dann wäre das ähnlich folgenreich geworden wie vor zwei Jahren gegen Italien. Diesmal kam die deutsche Mannschaft mit dem Schrecken davon. Aber natürlich hätte Skhodran Mustafi niemals zur Startelf gehören dürfen. Der 22-Jährige ist ein guter Innenverteidiger, aber es war fahrlässig, den armen Kerl nach seiner völlig missglückten zweiten Halbzeit gegen Ghana  noch einmal aufzubieten. Mustafis Unsicherheit breitete sich im Nu auf die ganze deutsche Mannschaft aus, die praktisch nur noch mit zehn Mann auf dem Feld war. Man fragt sich, wie die keineswegs nachvollziehbare Entscheidungsfindung beim Bundestrainer  zustande kam.“

So nicht, meine Herren!

Lars Wallrodt (Welt Online)staucht die deutsche Mannschaft zusammen: „So nicht, meine Herren! Was die deutsche Mannschaft in der ersten Halbzeit gezeigt hat, ist mit schwach noch nett umschrieben. Wer gegen Algerien drei, vier Mal in Konter rennt, weil der Ball im Mittelfeld durch Unkonzentriertheiten vertändelt wird, ist nicht mit der richtigen Einstellung ins Spiel gegangen. Und das kann bei einer Weltmeisterschaft tödlich sein.“

Stefan Osterhaus (NZZ Online) lobt die Algerier: „Algerien trat wie ein Außenseiter auf, der entschieden seine Chance sucht und keinen Respekt vor dem Favoriten hatte. All das, was diese Mannschaft schon in der Vorrunde ausgezeichnet und zu einem unberechenbaren Gegner gemacht hatte, all das zeigten die Algerier nun auch gegen die Deutschen. Sie waren das bessere Team. Sie störten den deutschen Spielaufbau ganz empfindlich, und sie verzeichneten Chancen.“

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Er dribbelte und trickste, was seine Füße hergaben

Bei den Holländern wird dieser Tage Arjen Robben auf Schultern getragen. Auch Thomas Hummel (SZ) schwärmt: „Nach der Führung der Mexikaner hetzte er jedes Mal mit dem Ball los, dribbelte und trickste, was seine Füße hergaben und versetzte die Mexikaner in helle Aufregung. Seine x-te Ecke in der 88. Minute flog auf den Kopf von Huntelaar, der nach hinten ablegte, wo Wesley Sneijder den Ausgleich erzielte. In der vierten von sechs Minuten der Nachspielzeit zog Robben ein letzten Mal los, umspielte den ersten Mexikaner, legte den Ball an Rafael Márquez vorbei, der ihm dabei auf den Fuß stieg. Arjen Robben hätte wohl nicht fallen müssen, schon gar nicht in der ihm eigenen Theatralik. Doch einen freiwilligen Sturzflug konnte ihm auch nicht unterstellt werden.“

In Costa Rica erfreut man sich an den Großtaten von Torwart Keylor Navas. Auch Daniel Theweleit (FR) klatscht begeistert in die Hände: „Schon vor dieser Nacht galt der 27-Jährige von UD Levante als stärkster Torhüter des Turniers, und der spanische Fußballverband hat ihn erst vor wenigen Wochen als besten Torwart der Primera Division geehrt. Vor dem erstaunlichen Thibaut Courtois von Atletico Madrid und vor Victor Valdes vom FC Barcelona. In diesem aufregenden Achtelfinale gegen Griechenland konnte nun die ganze Welt sehen, warum.“

Keylor Navas hat gut aufgepasst

Nach der Niederlage gegen Costa Rica vergießt der Grieche Theofanis Gekas die dicksten Tränen. Thomas Kilchenstein (FR) steht daneben: „Womöglich ist Gekas seine umfangreiche Wanderschaft quer durch Europa zum Verhängnis geworden. 2012 kickte der Mann aus Larissa ein paar Monate bei UD Levante in der spanischen Liga. Er hat keine großen Spuren hinterlassen, vier Spiele, kein Tor, dann ging es weiter in die Türkei. In Levante aber stand ein Mann im Tor, der, wie er jetzt sagte, im Training sehr gut aufgepasst hatte, wie Gekas seine Elfmeter zu schießen pflegte. Der Mann war Keylor Navas, ein Torwart aus Costa Rica.“

In Österreich (standard.at) erinnert man an den Erfinder des Elfmeterschießens: „Der Mann, der das Drama des Fußballs auf den Punkt brachte, liegt in Penzberg, Oberbayern, 50 Kilometer südlich von München begraben. Karl Wald, der seine letzten Jahre in einem Altersheim verbrachte, hat die Eingebung sportliche Unsterblichkeit verliehen. Häufig dachte er auch im gesetzten Alter verärgert an die Zeiten zurück, in denen es am Ende einer Verlängerung kein sportliches Entscheidungskriterium mehr gab. Im verkrusteten Schiedsrichterwesen stieß der Vorschlag erst einmal auf Ablehnung. Wald testete seine Idee heimlich bei Oster- oder Schulturnieren. Und plötzlich waren Münzwürfe und Wiederholungsspiele vergessen.“

Johannes Kopp (taz) schüttelt nach begeisterten „Sightseeing-Berichten“ fassungslos den Kopf. Das englische Nationalteam hat in den ersten Wochen eine Vorzeige-Favela besucht. „Amazing“, nannte Daniel Sturridge das Erlebnis. Die Leute seien so herzlich gewesen, er werde es seinen Lebtag nicht vergessen. Der begeisterte Bericht von der organisierten Reise ins Armenviertel hinterlässt bei mir ein zwiespältiges Gefühl. Es ist ein Aufbrechen von Grenzen, dem zugleich Voyeurhaftes innewohnt. Ein abgesicherter Besuch zur Besichtigung einer Welt, die man ansonsten nicht zu Gesicht bekommt und die dennoch wenig repräsentativ ist.“

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Kommentare

2 Kommentare zu “WM 2014 – Deutschlands „Neuer“ Libero”

  1. Pumukel
    Dienstag, 1. Juli 2014 um 10:11

    Ich muss J. C. Müller korrigieren. Wir waren nicht zu zehnt (mit einem wirkungslosen Mustafi), sondern eigentlich sogar nur zu neunt (mit einem überforderten Höwedes, der, sind wir ehrlich, aufgrund seines rel. mutlosen, technisch begrenzten Spiels genauso nicht in diese Mannschaft gehört.)

    Für mich neben Neuer auch Lahm dringend lobend zu erwähnen! Was der lief, ackerte und antrieb, fand ich sensationell!

    Selbst Özil ist entgegen einiger Unkenrufe ein ganz wichiges Puzzlestück dieses Teams. Was wären wir spielerisch in der Offensive ohne seine genialen Momente, ohne seine Fähigkeit, das Besondere zu tun?

    Danke Jungs für diesen Erfolg! Ihr habt alles gegeben bei diesen Temperaturen! Es geht immer besser, aber ich persönlich bin insgesamt wirklich zufrieden.

  2. augelibero
    Dienstag, 1. Juli 2014 um 13:05

    Der hart erkämpfte Sieg gegen Algerien (großes Kompliment: klasse Team, exzellenter Trainer) deckt einmal mehr die taktische Defizite in der deutschen Teamleitung auf. Spätestens nach 25 Minuten hätte man auf folgendes reagieren müssen:

    - FEHLPÄSSE
    Mit den beiden hölzernen Innenverteidigern-auf-Außen (Höwedes, Mustafi) fehlen im Spielaufbau die sicheren Anspielstationen. So konnte sich Algerien beim Forechecking auf das Zentrum konzentrieren. Dort sollte offenbar Mr. Sicherheitspass Lahm alleine die Fäden ziehen, Kroos und Schweinsteiger waren zu weit vorne. So klappte nicht einmal mehr untereinander das Passspiel.

    Das hätte man mit der Umstellung Schweinsteiger auf die 6 gezielt korrigieren können. Erst als Khedira reinkam und Lahm dann auf seine vertraute Verteidiger-Position ging, lief der Ball plötzlich in den eigenen Reihen. Warum nicht gleich so?

    - OFFENE DECKUNG
    Der kleine Philipp als „Bollwerk“ und „Anfangjäger“ im defensiven Mittelfeld? Das klingt schon schräg. Ihm fehlt dafür auf internationalem Niveau die Schnelligkeit und Robustheit. Darüber hinaus ist er erkennbar auf diese Position nicht ausgebildet. Dass man es nach dem Ghana-Fiasko gegen einen physisch ähnlich starken Gegner noch einmal genauso probiert, sagt schon einiges über die taktische Expertise des deutschen Trainerstabes.

    Selbst mit reduzierter Power sind Schweinsteiger und Khedria im Zentrum unersetzbar. Leider musste Schweinsteiger gegen Algerien zu viel laufen – hoffentlich rächt sich das nicht gegen Frankreich. Die haben übrigens einen mit allen Wassern gewaschenen Trainer…

    - KOPFLOSIGKEIT
    Die FEHLPÄSSE und die OFFENE DECKUNG strahlte auf alle Spieler aus. So spielte selbst Toni Kroos mehrere Fehlpässe! Boateng war sichtbar von der Unordnung im deutschen Spiel verunsichert (stabilisierte sich aber in der wiedergefundenen Ordnung dann sofort). Götze hatte nicht nur einen rabenschwarzen Tag, sondern auch keine Chance ins Spiel zu finden. Selbst Müller, der wie immer kämpfte und den Gegner durcheinanderwirbelte, lieferte unter dem Strich ein wirres Spiel.

    Esrt durch die Verletzung Mustafis wurde Löw vom Schicksal zum Glück gezwungen. Gegen einen stärkeren Gegner wie Frankreich wird es auch auf das Coaching ankommen. Und da hat Löw in den Großen Spielen (2008, 2010, 2012) bisher jedes Mal versagt. Wenn er diesmal nicht den Titel holt, wird man Löw als sympatischen und verdienstvollen Erneuerer des deutschen Fußball in Erinnerung behalten, der aber sportlich aus der besten Generation nach 1972/74 bzw. 1990 nicht mehr rausgeholt hat, als Völler mit den Rumpelfüßlern (2002).

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