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WM 2014

WM 2014 – Die Großen unter sich

Kai Butterweck | Montag, 7. Juli 2014 2 Kommentare

Deutschland, Brasilien, Holland und Argentinien: Im Kampf um das WM-Finale in Rio lassen die etablierten Fußballmächte keine Underdogs zu

Am Dienstag trifft die Mannen von Jogi Löw im ersten WM-Halbfinale auf den Gastgeber Brasilien. Lars Wallrodt (Welt Online) kniet flehend vor der deutschen Trainerbank: „Lieber Herr Löw, ich habe nur eine Bitte. Bitte studieren Sie die Brasilianer nicht zu sehr, und bitte bauen Sie Ihre Mannschaft nicht um, um sie dem Gegner anzupassen. Wenn sie jetzt wirklich erwachsen ist, dann lassen Sie sie ihren Stil spielen. Machen Sie den Fehler aus dem Italien-Spiel nicht noch einmal. Schicken Sie Männer auf den Platz. Ich möchte am Sonntagabend nach dem Finale wieder vom Super-Jogi schreiben.

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Eine Mischung, die Hoffnungen nährt

Christian Kamp (FAS) ist bester Dinge: „Die deutsche Mannschaft ist in sich so gefestigt, dass es ganz egal scheint, von welcher Seite die Impulse kommen. Die Erfahrung der vergangenen Turniere und der Hunger, endlich etwas Großes zu erreichen, verbinden sich zu einer Mischung, die Hoffnungen nährt – weil sie Kräfte freisetzt, die man so bei dieser Mannschaft lange nicht vermutet hatte.“

Peter Ahrens (Spiegel Online) freut sich vor allem für Rückkehrer Bastian Schweinsteiger: „Hätte er in der Vergangenheit nicht so viele DFB-Einsätze wegen Verletzungen verpasst, er stünde schon bei mehr als 120 Partien. Miroslav Klose mag alle Torrekorde jagen, Schweinsteiger ist ein Kandidat dafür, in ein paar Jahren der deutsche Rekordnationalspieler zu werden. Abgeschrieben worden ist er oft, selbst beim FC Bayern, bei dem er zum lebenden Inventar gehört, gab es zuletzt Diskussionen, ob die Mannschaft wirklich noch so einen wie ihn braucht. Er ist wieder einmal zurückgekommen.“

Der Boden für den Titel ist bereitet

Jan Christian Müller (FR) stellt schon mal die Sektflaschen kalt: „Das Filigrane, Überraschende, Aufregende ist dem DFB-Team vor allem aufgrund offenkundiger Fitnessprobleme der beiden zentralen Mittelfeldspieler Bastian Schweinsteiger und Sami Khedira abhandengekommen. Aber es hat in der guten Tradition deutscher Nationalmannschaften sein Momentum genutzt und sollte es weiter nutzen: Spanien raus, Italien raus, Frankreich ohne Ribéry nicht mehr als ein Sparringspartner, das Brasilien nun gar ohne Neymar und Thiago Silva – der  Boden für mehr ist bereitet. Der Boden für den Titel ist bereitet.“

Auch Michael Ashelm (FAZ) lehnt sich entspannt zurück: „Es geht auch darum, dass Löws Team seinen Weg in diesem Turnier offenbar gefunden hat. Während in den vergangenen Jahren die jugendliche Frische, die hohe spielerische Klasse der vielen Talente und das auf hohe Ballbesitzzeiten ausgerichtete Kombinationsspiel in Anlehnung an die großen Spanier im Mittelpunkt der Strategie standen, kommen jetzt durch verschiedene Umstände vor allem Routine, Erfahrung und mentale Stärke zum Zuge.“

Der Lohn für taktische Flexibilität

Lionel Messi ist der letzte verbliebene Superstar. Benjamin Steffen (NZZ Online) lobt die Team-Trainer dieser WM: „Der Finaleinzug wäre Löws und van Gaals Lohn – Lohn für taktische Flexibilität; Lohn für eine Erkenntnis, die gerade sie längst gewannen, lange vor den fast weltweit beweinten Verlusten Ibrahimovics, Ribérys, Ronaldos, Neymars und Rodriguez‘: So phantastisch sie sein mögen – Einzelkönner sind nicht alles.“

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Nach der Verletzung von Neymar steht halb Brasilien unter Schock. Frank Hellmann (Berliner Zeitung) verfolgt die Nach-Berichterstattung mit schüttelndem Kopf: „Als Neymar auf einer Rolltrage aus der Klinik geschoben wurde, bedeckte ein weißes Handtuch das weinende Gesicht. Der Charterflieger mit der Mannschaft zurück Richtung Rio de Janeiro hob erst ab, als Neymar im Krankenwagen herangekarrt wurde. Nach der Landung bestieg der Vater das Ambulanzfahrzeug, und der Verband verbreitete selbst die Bilder, wie der im Rollstuhl sitzende Stürmer am Flughafen von seinen Kollegen getröstet wurde. Mehr Melodram geht nicht. Der unwirkliche Personenkult erreichte in diesen Stunden eine absurde Dimension.“

Für die Fifa ist die Situation nicht einfach

Christian Spiller (Zeit Online) nimmt die Fifa in Schutz: „Und so leicht es ist, sich im Angesicht des schlimmen Fouls aufzuregen: Für die Fifa ist die Situation nicht einfach. Lässt sie und ihre Schiedsrichter zu viel durchgehen, bekommen die Stars pro Turnier viele, viele Tritte ab. Neymar bekam das vom ersten Spiel an zu spüren, er stand immer wieder auf, bis zum späten Freitagabend. Die entscheidenden Spiele ohne die entscheidenden Akteure, das kann auch der spektakelsüchtigen Fifa nicht gefallen. Greifen die Unparteiischen jedoch zu hart durch, setzt sich der Weltverband dem Vorwurf aus, er würde seine Posterboys, die ihm das Geld verdienen, meist sind das Offensive, besonders schützen und bevorzugt behandeln.“

Jens Uthoff (taz) hingegen wettert gegen die Unparteiischen: „Während die Spieler mit der steigenden Bedeutung der Spiele härter und härter zu Werke gehen, pfeifen die Schiedsrichter nach wie vor: wenig. Leichte Fouls lassen sie laufen, bei taktischen Fouls im Mittelfeld gibt es kein Gelb, verbale und gestische Provokationen ahnden sie mit Ermahnungen – das Hochschaukeln im Spiel Brasilien gegen Kolumbien eine natürliche Folge dieses anything goes. Resultat: ein gebrochener Lendenwirbel und der vielleicht filigranste Ballkünstler der Welt aus dem Turnier.“

Im zweiten Halbfinale trifft Holland auf Argentinien. Christoph Ruf (Spiegel Online) adelt Louis van Gaal: „In den Niederlanden musste er sich lange kritisieren lassen, weil er das heilige 4-3-3-System geopfert hatte. Erst allmählich beginnt man dort, van Gaal zu vertrauen. Die Fans sehen natürlich auch, dass da eine Mannschaft auf dem Platz ist, die funktioniert und die – auch das gehört zur Handschrift van Gaals – ihre Kräfte meisterhaft dosieren kann.“

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Ein mieses Psychospiel

Das Taz-WM-Team sieht das grundlegend anders: „Nur ein mieses Psychospiel konnte die großartigen Costa Ricaner aus dem Turnier werfen. Es war keine taktische Meisterleistung Louis van Gaals, den Torwart Tim Krul kurz vor dem Ende der Verlängerung einzuwechseln. Es war bloß ein billiger Trick. Denn Krul ist kein Fachmann: Von 20 Elfmetern, die er in den letzten fünf Jahren bei Newcastle hätten halten können, hat er gerade mal zwei gehalten. Van Gaal blieb gegen Costa Rica nur eine Taktik: Einschüchterung.“

Abseits des Rasens begibt sich Susann Kreutzmann (standard.at) auf die Suche nach dem WM-Maskottchen: „Fuleco twittert regelmäßig und zeigt sich auf Facebook. Nur in den Stadien wurde das sympathische WM-Maskottchen schon lange nicht mehr gesichtet. Vor Beginn der WM war Fuleco auf dem besten Weg, eines der meistverkauften Maskottchen der Geschichte der Weltmeisterschaften zu werden. Jetzt, ohne die erwartete Werbung, entwickelt es sich fast zum Ladenhüter wie seinerzeit der hosenlose deutsche Löwe Goleo. Die Fifa ficht das scheinbar nicht an. Sie kann sich über Rekordeinnahmen von mehr als 4,7 Milliarden Dollar aus der WM in Brasilien freuen. Vielleicht liegt auch darin der Grund für das Untertauchen des Gürteltiers: Fuleco ist es peinlich, dass er seinen Artgenossen, die ganz gerne gegessen werden, nicht helfen kann.“

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Kommentare

2 Kommentare zu “WM 2014 – Die Großen unter sich”

  1. augelibero
    Montag, 7. Juli 2014 um 11:45

    Die Verletzung von Neymar ist sehr, sehr bedauerlich. Dennoch muss man sachlich festhalten: Fouls dieser Härte gibt es viele in einem ganz normalen Spiel. Dass so eine schlimme Verletzung (die im Fußball sehr, sehr, sehr selten ist) passiert, kann man selbst dem ruppigen Treter nicht unterstellen. Es war insgesamt ein hartes Spiel, bei dem Brasilien selbst am häufigsten zugelangt hat (31:23 Fouls!). Häufigstes Opfer war übrigens nicht Neymar, sondern der Kolumbianer James.

    Dennoch sollte man die Härte diese WM genau analysieren und überlegen, welche Art von Fouls künftig härter bestraft werden soll. Das schließt aber klare Sanktionen gegen Schwalbenkönige ein. Zudem sollte das Reklamieren eingedaämmt werden. Das geht aber nur, wenn die Schiedsrichter-Ansetzung der FIFA über jeden Zweifel erhabe ist, nur Referees auf WM-Niveau pfeiffen und man einen TV-Beweis (z.B. für Abseits und Schwalben) einführt.

  2. Dirk E
    Dienstag, 8. Juli 2014 um 11:53

    Das kommenden Halbfinalspiel Brasilien : Deutschland hat meineer Meinung nach einen kommischen Beigeschmack. Sollte Brasilien verlieren, könnte man das auf die Verletzung von Neymar und der Sperre von Silva schieben. Mir wäre es lieber beide Mannschaften würden in Top-Besetzung auflaufen.

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