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WM 2014

WM 2014 – Das Finale vor Augen

Kai Butterweck | Dienstag, 8. Juli 2014 Kommentare deaktiviert für WM 2014 – Das Finale vor Augen

Vor dem WM-Halbfinale beschäftigt sich die Presse noch einmal intensiv mit einzelnen deutschen und brasilianischen Hauptdarstellern. Außerdem: Große Männer am Spielfeldrand und übereifrige Balljungen

Die deutsche Nationalmannschaft steht zum vierten Mal in Folge in einem WM-Halbfinale. Christian Kamp (FAZ) zieht seinen Hut: „Die Wahrnehmung von Löws Mannschaft, so wirkt es in den internationalen Pressekonferenzen, hat sich noch einmal verschoben in den letzten Wochen. Sie wird zwar immer noch bewundert, aber nicht mehr schwärmerisch für ihr bisweilen künstlerisches Spiel. Sondern für ihre in Serie unter Beweis gestellte Effizienz: dass die Deutschen es nun schon zum vierten Mal nacheinander in das Halbfinale einer WM geschafft haben. Und darüber hinaus für das fokussierte, zweckorientierte Auftreten bei dieser WM. Diese Mannschaft, das spürt man an allen Ecken, flößt Respekt ein.“

Deutschland gibt gerne den Partyschreck

Udo Muras (Welt Online)hat schlechte Nachrichten für die Brasilianer: „Die größte Sorge der Veranstalter gilt immer der gastgebenden Mannschaft, die bitte bloß nicht zu früh ausscheiden darf. Passieren tut es trotzdem oft genug – und den Partyschreck gab dabei ganz bevorzugt die deutsche Mannschaft. Bei Weltmeisterschaften hat sie schon vier Gastgebern den Garaus gemacht, bei Europameisterschaften fünf – die Bilanz aus diesen elf Schlachten lautet 9:2 für Deutschland. Dienstagnacht dürfen wir das Dutzend dieser sehr speziellen Art von Länderspielen gegen ein ganzes Stadion und gegen ein ganzes Land vollmachen.“

Stefan Hermanns (Zeit Online) nimmt die Entwicklung von Bastian Schweinsteiger unter die Lupe: „Zehn Jahre ist es her, dass Schweinsteiger, damals noch in der Rolle des lustigen Schweini, sein erstes Turnier mit der Nationalmannschaft bestritten hat; zwei Jahre später, bei der Weltmeisterschaft im eigenen Land, gab er mit seinem Kumpel Lukas Podolski das lustigste Duo des deutschen Fußballs seit den 74ern WM-Maskottchen Tip&Tap; doch während Podolski stets der alberne Poldi geblieben ist, der immer noch durch die Mixed-Zone läuft und bei Interviews seiner Kollegen wie ein Pferd wiehert, hat sich Schweinsteiger mehr und mehr mit einer Aura der Ernsthaftigkeit umgeben. Er ist gewissermaßen in Ehren ergraut.“

Özil hatte seine Chance

Christian Bartlau (n-tv.de) stellt Mesut Özil aufs Abstellgleis: „Özils fehlende Robustheit ist ein Fakt, den Löw nicht ignorieren kann, wenn er seinen Matchplan für das Halbfinale entwirft. Er muss auch bedenken, dass er den sensiblen Özil mit einer Versetzung auf die Bank wahrscheinlich komplett aus dem Turnier nimmt – denn einer, der von der Bank Schwung bringt, ist der Londoner nicht. Auch keiner, der im nächsten Spiel mit einer Gala-Vorstellung antwortet. Aber das muss Löw in Kauf nehmen. Er hat André Schürrle. Er hat Lukas Podolski. Sie verdienen ihre Chance. Özil hatte seine. Mehrfach.

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In Österreich (standard.at) schwärmt man von Manuel Neuer: „Der Deutsche ist der sicherste Rückhalt. Viele halten den 28-Jährigen sogar für den derzeit besten Torwart der Welt. Seit der WM 2010 ist Neuer Deutschlands Nummer 1. Bei der WM in Brasilien war Neuer bisher immer zur Stelle, wenn er gebraucht wird. Im Achtelfinale gegen Algerien brillierte er sogar als „Libero“.  Neuer gilt als stark mit dem Fuß und besitzt derzeit die Aura des Unüberwindbaren.“

Weiter nördlich rollen Peter Ahrens und Rafael Buschmann (Spiegel Online) einem deutschen Mittelfeldspieler den roten Teppich aus: „Toni Kroos ist im Mittelfeld der Nationalmannschaft derzeit unverzichtbar, um ein Lieblingswort von Bundestrainer Joachim Löw zu zitieren. Kroos als Bindeglied zwischen Defensive und Offensive, als Mann für die feinen Standards, die plötzlich beim DFB wieder angesagt sind, als Passgeber und Zusteller. Kroos macht vieles, und er macht vieles richtig.“

Auch Stefan Osterhaus (NZZ Online) klatscht begeistert in die Hände, wenn der Name Toni Kroos in die Runde geworfen wird: „Kroos wird den FC Bayern verlassen. Nach dieser Weltmeisterschaft sollte es ihm leichtfallen, sich unter dem Trainer Carlo Ancelotti bei Real Madrid einen Stammplatz zu erspielen. Er, der Taktgeber, der mit Übersicht und einer phänomenalen Ballsicherheit die Experten begeistert. Sein ausgezeichnetes Spiel an der WM gibt ihm Selbstvertrauen, er tritt mit breitem Kreuz auf. Gegen Brasilien können seine Pässe den Unterschied machen. Seine Gabe, das Spiel zu beruhigen, es zu beschleunigen, es zu lenken, wird in Belo Horizonte gefragter denn je sein.“

Vater João sitzt vor dem Fernseher und guckt Telenovelas

Boris Herrmann (SZ) besucht die Familie von Dante, der nach der Gelbsperre von Thiago Silva ausgerechnet gegen Deutschland auf seinen ersten WM-Einsatz hofft: „Das Haus, in dem Dante aufwuchs, befindet sich am Ende einer Sackgasse. Nach Sonnenuntergang empfiehlt es sich, eine Taschenlampe mitzubringen. Um zum Eingangsgatter zu gelangen, schlittert man einen schmalen Trampelpfad hinunter, der sich schon bei überschaubaren Regenmengen in einen reißenden Gebirgsbach verwandelt. Hier im Stadtviertel Federação von Salvador da Bahia lebt die untere Mittelschicht. Vater João sitzt vor dem Fernseher und guckt Telenovelas.“

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Nach Ansicht von Michael Horeni (FAZ) mache der Fall Neymar ein Dilemma offensichtlich: „Auch wenn es wie ein Klischee klingen mag, weil man die Fifa ja gerne für alles Übel verantwortlich macht: Dass Neymar drohte, zerrieben zu werden, musste man früh befürchten. Die Ignoranz, mit der die Schiedsrichter in großer Linie auf die bisher üblichen Interpretationen von überharten Attacken und taktischen Fouls pfiffen, war erschreckend offensichtlich.“

Die Partien werden mehr denn je von Details entschieden

Florian Haupt (Welt Online) läuft mit leuchtenden Augen von einer Trainerbank zur nächsten: „Coaching hat schon lange keine solche Rolle mehr gespielt bei einem großen Turnier. Das liegt womöglich auch an den extremen klimatischen Bedingungen. Keine Mannschaft kann hier bisher so zuverlässig ihre Spielidee durchsetzen wie die Spanier in den vergangenen Jahren. Bei vielen stellt sich sogar die Frage, ob sie überhaupt eine haben. Oder ob es nur um Strategien für den Augenblick geht. Jeder der vier Halbfinalisten hat schon ein Elfmeterschießen oder eine Verlängerung überstehen müssen und keines seiner K.o.-Spiele mit mehr als einem Tor Unterschied gewonnen. Die Partien sind eng und eklektisch, sie werden mehr denn je von Details entschieden.“

Thomas Schmitz (Berliner Zeitung) nimmt die WM-Balljungen an die Leine: „Es vergeht fast kein Spiel, in dem nicht plötzlich zwei Bälle auf dem Spielfeld sind und dadurch das Spiel verzögert wird. Dabei ist das genaue Gegenteil gewünscht: Um eine möglichst hohe Nettospielzeit zu erreichen, soll der Brazuca getaufte Ball so schnell wie möglich aufs Spielfeld geworfen werden. Doch die jungen Helfer sind übereifrig, und dann kommt es eben zu Situationen wie in den Viertelfinalspielen Deutschland gegen Frankreich und Niederlande gegen Costa Rica, als der Schiedsrichter mal wieder einen Spieler zurückpfeifen musste, weil sich ein zweites Spielgerät auf dem Platz befand und erst ins Aus bugsiert werden musste.“

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