indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Deutsche Elf

Nationalelf: Das große Feilen hat längst begonnen

Kai Butterweck | Montag, 15. Juni 2015 2 Kommentare

Nach dem glanzlosen Kantersieg gegen Gibraltar beschäftigt sich die Presse mit dem weiter voranschreitenden Umbau im deutschen Team sowie mit Joachim Löws Fingernägeln

Joachim Löw kündigt für die bevorstehende Sommerpause eine umfassende Bestandsaufnahme an. Lars Wallrodt (Welt) macht den Altgedienten Beine: „Das Ziel für das kontinentale Turnier in Frankreich hat Löw bereits klar definiert. Nach dem WM-Titel soll nun auch die Europameisterschaft gewonnen werden. Dafür allerdings, das weiß der Bundestrainer, wird er seinen Weltmeistern Druck machen müssen. Bestandsschutz genießt ab sofort wohl niemand mehr bei ihm.“

Fantasielos, schludrig, rumdaddelnd

Oliver Fritsch (Zeit Online) schlägt sich während des Spiels des Öfteren die Hände vors Gesicht: „Die Löw-Elf rannte immer wieder fantasielos, schludrig und rumdaddelnd in die Abwehrreihe oder ins Abseits. Die Pässe waren ungenau. Die Fans mussten sich bis zur Führung fast dreißig Minuten gedulden. Trotz eines frühen Elfmeters; Bastian Schweinsteigers Versuch hatte zu viel Unterschnitt. Was die Ungenauigkeit der Deutschen auch gut belegt: Vor drei der ersten vier Tore hatten die gibraltarischen Abwehrspieler eigentlich schon die Gefahr entschärft, gaben den Ball aber wieder her. So souverän, wie das Ergebnis klingt, war die Leistung der Deutschen nicht.“

Peter Ahrens (Spiegel Online) bringt es auf den Punkt: „Zehn Spiele hat die Nationalmannschaft seit dem WM-Finale bestritten, überzeugend war davon im Grunde kein einziges. Und daher steht das Team in der EM-Qualifikation derzeit auch zu Recht nicht auf Platz eins der Gruppe, sondern ist lediglich Zweiter hinter Polen und hat die Iren und Schotten nach wie vor im Nacken.“

Eingerissene Schlampigkeit

Da das Spiel nur selten Begeisterungsstürme auslöste, schwenkten die TV-Kameras immer wieder gerne in Richtung DFB-Trainerbank. Dort saß Joachim Löw und feilte an seinen Fingernägeln. Michael Horeni (FAZ) ist empört: „Dass sich Jogi Löw seinen Ausflug ins aktuelle Nagelstudio während des Spiels gegen Gibraltar auf seiner Trainerbank besser gespart hätte, wird auch der Bundestrainer spätestens beim Blick in die sozialen Netzwerke verstanden haben. #Jogifeilt ist dabei die netteste Variante über einen sorgsamen Bundestrainer, der sich um seinen eingerissenen Nagel genauso schnell kümmert, wie in der Halbzeit um die eingerissene Schlampigkeit im deutschen Europameisterschafts-Qualifikationsspiel. Allerdings wurde die deutsche Nagelschau in Faro mitunter auch als genau das wahrgenommen, was Löw vorgab, was es auf keinen Fall sein sollte: despektierlich.“

Christoph Cöln (Welt) wünscht sich mehr Anstand: „Man muss das alles nicht gleich „feminin“ finden. Letztlich bedeutet es ohnehin nicht mehr, als dass selbst in der Männerdomäne Fußball die traditionellen Rollenzuschreibungen überholt sind, und Löws Maniküre ist nur ein weiterer Beleg dafür, dass vermeintlich unmännliche Beschäftigungen in der Öffentlichkeit nicht länger tabu sind. Abgesehen davon muss sich trotzdem niemand auf der Bank die Nägel machen, ob der Gegner nun Gibraltar oder Argentinien heißt. Einfach deshalb, weil es unhöflich ist.“

Auch Roland Peters (n-tv.de) zieht die Augenbrauen zusammen: „Bundestrainer Joachim Löw beobachtet also eine Partie gegen eine Mannschaft, die aus 30.000 Einwohnern ihre Amateure rekrutiert. Wirklich aufmerksam ist er jedoch nicht, denn plötzlich holt der Weltmeistertrainer eine Nagelfeile heraus und fängt in aller Seelenruhe an, sein persönliches System der Handpflege mit der Fußballwelt zu teilen. Während auf dem Platz bei solch eindeutigen Spielständen auch gerne mal eine Pirouette für die Galerie gedreht wird, um den Gegner völlig zu demoralisieren und absolute Überlegenheit zu demonstrieren, ist das Desinteresse des Trainers an den Geschehnissen zumindest ungewöhnlich, wenn nicht sogar überheblich – oder mehr.“

Nebenbei auch noch ein Klischee geglättet

Friedhard Teuffel (Tagesspiegel) nimmt’s mit Humor: „Vor einigen Jahren, bei der EM in der Schweiz und in Österreich, gab es noch Empörung darüber, dass Löw nach seiner Verbannung von der Seitenlinie auf die Tribüne rauchte. Jetzt feilt er an seinem Auftritt und es ist auch nicht recht. Was in diesem Spiel gegen Gibraltar wirklich arrogant war, darauf hat Löw selbst hinterher hingewiesen: die Chancenauswertung der deutschen Spieler. Das Beste aber an Löws Nagelpflege ist etwas anderes: Parallel zur EM-Qualifikation spielen die Frauen ihre Weltmeisterschaft Kanada, und wenn man vorher eine Umfrage gemacht hätte, wo denn wohl eine Nagelfeile zum Einsatz kommen würde, wäre die Antwort sicher eindeutig ausgefallen. Joachim Löw hat also nebenbei auch noch ein Klischee geglättet.“

Ralf Birkhan (derwesten.de) fordert Modus-Veränderungen: „Viele Stars wie Torwart Manuel Neuer oder Angreifer Thomas Müller bleiben direkt im Urlaub, in den meisten Wohnzimmern flimmert das Spiel nur als Hintergrund-Unterhaltung, und selbst der Bundestrainer hat – ähm – anderes zu tun. Eine Vorqualifikation für die Fußball-Zwerge wäre demnach sinnvoll. Etwa wie im DFB-Pokal, in dem sich der Regionalligist Rot-Weiss Essen die Teilnahme an der ersten Hauptrunde hart erarbeitet hat. So macht Fußball sogar doppelt Spaß, aber dazu müsste man ein bisschen an den Ideen feilen. Doch das kommt nicht immer gut an . . .“

freistoss des tages

Kommentare

2 Kommentare zu “Nationalelf: Das große Feilen hat längst begonnen”

  1. Der goldene Pooh, ein Fahrrad-Toast und der Mödling SC - die Links der Woche vom 11. bis 18. Juni | Männer unter sich
    Freitag, 19. Juni 2015 um 09:01

    […] gegen Gibraltar nicht aufkommen. was die Presse meinte, hat – wie immer – der „Indirekte Freistoß“ gesammelt. Und jetzt kommt die letzte Fußballgeschichte vor der Sommerpause. Die handelt vom Mödling SC. […]

  2. gladbach-blog
    Donnerstag, 25. Juni 2015 um 21:32

    Das Spiel gegen Gibraltar war trotz des 7:0 nicht wirklich überzeugend. Einziger Lichtblick in den Spielen gegen die USA und Gibraltar war für mich Patrick Herrmann 🙂

    Von Fans – Für Fans
    http://www.gladbach-blog.com

  • Quellen

  • Blogroll

  • Kategorien

  • Ballschrank

  • Blogverzeichnis - Blog Verzeichnis bloggerei.de
89 queries. 0,868 seconds.