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EM 2016

EM 2016 – Das große Aufatmen

Kai Butterweck | Mittwoch, 22. Juni 2016 Kommentare deaktiviert für EM 2016 – Das große Aufatmen

Tempo, Druck und Großchancen im Minutentakt: Gegen tapfer kämpfende Nordiren spielen sich die Mannen von Jogi Löw phasenweise in einen Rausch. Die Presse hebt dennoch mahnend den Zeigefinger

Die Kugel will einfach nicht ins Tor. Nach gefühlten dreißig Hundertprozentigen, aber nur einem Treffer, sitzt der Deutschland-Fan schweißgebadet vor dem TV-Gerät. Christian Spiller (Zeit Online) stülpt Thomas Müller in eine Postuniform: „Er stand symbolisch für die deutsche Mannschaft an diesem Tag. Vor dem Spiel das Sorgenkind der Nation, weil er auf dem Platz zu verschwinden drohte, war er gegen die Nordiren wieder da. Er stakste mit seinen dünnen Beinchen – bei denen man sich immer wundert, dass überhaupt Kniestrümpfe an ihnen hängen bleiben können –  über den Platz und tauchte mal hier, mal da auf. Er hatte Spaß an seinem Job, nur erfüllte er ihn unzureichend. Er traf einfach das Tor nicht. Wie ein Briefträger, der die Post nicht in den Briefkasten, sondern auf den Bürgersteig wirft.“

Müller is back!

Auch Tobias Nordmann (n-tv.de) beschäftigt sich mit dem Pechvogel des Spiels: „Thomas Müller hat sich eine Chance erarbeitet. Kleiner Spaß – auch wenn’s stimmt. Mehrere sogar. Passiert ist nämlich etwas ganz anderes, etwas viel Wichtigeres: Die deutsche Offensive ist erstmals bei der Europameisterschaft ernsthaft vorstellig geworden. Was natürlich auch mit Thomas Müller zu tun hat. Der hat zwar immer noch nicht getroffen, aber endlich wieder jene Räume gefunden, die er für sein Spiel braucht. Dass seine Mitspieler ihn dann auch noch in diesen Räumen entdeckt und angespielt haben, erlöste das Spiel von jener seltsamen Lethargie, die noch gegen die Ukraine und gegen Polen zu beobachten war.“

Stefan Hermanns (Tagesspiegel) ist guter Dinge: „Offensiv gefährlicher zu werden – das war das Ziel gegen die Nordiren, ohne dass dies auf Kosten der Defensive gehen sollte. Das hat die Mannschaft von Bundestrainer Joachim Löw geschafft. Sie hatte einen ganzen Haufen an Chancen und geriet hinten kein einziges Mal ernsthaft in Gefahr. Eine bessere Chancenverwertung steht dann für das Achtelfinale auf dem Stundenplan.“

Michael Horeni (FAZ) lehnt sich entspannt zurück: „Das Achtelfinale ist nach dem langen und auch holprigen Anlauf nicht mehr als ein Übergang zwischen Vorrunde und dem in Frankreich allzu sehr hinausgezögerten Höhepunkt des europäischen Fußballs. Aber immerhin schon ein Ernstfall im K.-o.-Modus, bei dem es sich der Weltmeister nicht mehr wird leisten können, mit seinen Chancen so verschwenderisch umzugehen. Das wäre dann der nächste und vielleicht genau richtige Schritt auf einem langen Weg, auf dem die Deutschen in Lille wieder ein Stück mehr zu dem werden können, was sie seit zehn Jahren immer wieder waren: eine der besten Turniermannschaften der Welt.“

Warum wurden all die herrlichen Gelegenheiten nicht genutzt?

Klaus Hoeltzenbein (SZ) kommt mit einer wichtigen Frage um die Ecke: „Die deutsche Offensive, auf die ob fehlender Zielstrebigkeit gegen die Polen ein Sommergewitter niedergegangen war, blieb auch mit zwei Neuen (Kimmich, Gomez) ihrer alten Linie treu. Allerdings mit einem gravierenden Unterschied: Die „Kombinationsmaschine“, wie Löw seine Auswahl nennt, arbeitete sich schon bis zur Pause eine Inflation bester Torchancen heraus wie seit dem 7:1 in Brasilien nicht mehr. Weshalb sie sich nun mit einem neuen Vorwurf befassen muss: Warum wurden all die herrlichen Gelegenheiten nicht genutzt?“

Tobias Escher (11Freunde) klopft Mario Gomez auf die Schulter: „Ein großes Problem in den ersten deutschen Partien war die fehlende Tiefe im Spiel. Niemand bot sich an der letzten Linie oder im Strafraum an. Deutschland musste daher häufig um die gegnerische Formation spielen, konnte aber selten den Pass oder die Flanke in die gegnerische Formation wagen. Das änderte sich mit Mario Gomez. Nicht nur fungierte er als Abnehmer für Flanken, er half auch spielerisch aus. Er postierte sich an der letzten Linie und leitete Pässe mit dem Rücken zum Tor weiter. Meist benötigte er dafür nur einen Kontakt. Deutschland konnte über Gomez das Spiel also schnell in die Mitte tragen. Nicht zufällig war Gomez nicht nur End-, sondern auch Ausgangspunkt vieler guter Angriffe.“

Kimmich lief, Kimmich flankte, Kimmich schaltete sich in den Sturm ein

Peter Ahrens und Rafael Buschmann (Spiegel Online) adeln den Auftritt von Joshua Kimmich: „Kimmich hat ein erstaunliches Spiel auf der rechten Seite hingelegt. Auf der Seite, auf der zuvor Benedikt Höwedes zwar den Flügel nach hinten solide abgedichtet hatte, vorne jedoch den lieben Gott einen guten Mann sein ließ. Jetzt war endlich bei dieser EM mal Alarm auf der rechten Angriffsseite. Kimmich lief, Kimmich flankte, Kimmich schaltete sich in den Sturm ein, das hatte man vermisst bei der DFB-Elf, bei der bis dahin fast alles offensiv über links gelaufen war.“

Alle happy? Nicht ganz. Nico Stankewitz (yahoo) bekommt beim Blick in Richtung Reservebank Schweißausbrüche: „Warum Schürrle und Schweinsteiger eingewechselt wurden, konnten sie nicht zeigen. Im weiteren Turnierverlauf wäre es wichtig, einen Push von der Bank zu bekommen, vielleicht auch mal durch eine Umstellung den Gegner vor neue Denksportaufgaben zu stellen. Viele Möglichkeiten gibt der Kader offensiv aber auch nicht her, Innenverteidiger und zentrale Mittelfeldspieler gibt es zwar reichlich, aber so furchtbar viele Alternativen hat das DFB-Team offensiv auch nicht.“

Eher war es ein Konzert

Und die Nordiren? Die lassen sich feiern. Und zwar von Fans, denen nichts die Laune verderben kann. Oliver Fritsch (Zeit Online) feiert mit: „Es war höchstens ein halbes Fußballmatch, eher war es ein Konzert. Man erwischte sich beim Kopfnicken, die Füße wippten, man sang leise mit und hoffte, sie würden nie aufhören. Taten sie auch nicht. Irgendjemand muss die nordirischen Fans aufgezogen und den Schlüssel weggeworfen haben.“

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