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Presseschau für den kritischen Fußballfreund

WM 2018

WM 2018 – Russisches Allerlei

Kai Butterweck | Mittwoch, 20. Juni 2018 Kommentare deaktiviert für WM 2018 – Russisches Allerlei

Heute im Presse-Fokus: Diktatoren, iranische Frauen, TV-Experten und Spargel-Kartoffel-Salat mit gebeiztem Rindfleisch

Seit Beginn der WM verkauft sich Russland als eine Nation des Friedens, der Freude und des Miteinanders. Aber der Schein trügt. Maxim Kireev (Spiegel Online) geht unweit des Donezbeckens in Deckung: „Während in Russland friedlich gefeiert wird, schießen nur einige Stunden Autofahrt südwestlich von Moskau Menschen aus schweren Geschossen aufeinander. Seit Beginn des laufenden Jahres sind in der Konfliktzone mindestens 29 Zivilisten ums Leben gekommen. Insgesamt hat der Konflikt mehr als 10.000 Menschen auf beiden Seiten der Frontlinie das Leben gekostet. So viel zum friedlich-fröhlichen WM-Fest.“

Wichtige Symbolik

Im Iran dürfen Frauen nicht ins Stadion, in Russland schon. Frank Hellmann (Berliner Zeitung) begleitet in Kasan begeisterte iranische Fans beider Geschlechter: „Sayahy, der selbst in London mit einer Brasilianerin zusammenlebt, bekommt leuchtende Augen. Jedem will er sagen, wie wichtig die Symbolik ist, wenn sich in den sozialen Netzwerken die nächsten Verbrüderungsszenen verbreiten, bei denen iranische Frauen sich umarmen lassen, in die Kameras lächeln, ja sogar gegnerische Fans küssen.“

Ramsan Kadyrow winkt gemeinsam mit Ägyptens Fußballgott Mohamed Salah in die Menge. Der Propaganda-Auftritt des tschetschenischen Diktators schlägt in der Presse immer noch hohe Wellen. Simone Brunner (Zeit Online) wendet sich ab: „Einmal gibt Kadyrow in Camouflage den skrupellosen Rächer, ein anderes Mal im Jogginganzug den kickenden Normalo. Es ist diese Kombination, die nicht nur im Ausland für Befremden sorgt. Seit dem Tod von Ramsans Vater Achmat, der zunächst zum Dschihad gegen Moskau aufrief und sich schließlich doch mit Wladimir Putin verbündete, führt Kadyrow die Republik wie eine Diktatur. Aktivisten, Menschenrechtler und Journalisten werden verfolgt, gefoltert, ermordet.“

Dank der Fußball-WM stehen ehemalige Schönspieler und Rundleder-Grobmotoriker wieder im Rampenlicht – allerdings nur abseits des grünen Rasens. Ralf Wiegand (SZ) beschäftigt sich mit TV-Experte Stefan Effenberg: „Er hat eine Kolumne bei t-online, ist zu Gast im WM-Doppelpass auf Sport1, fordert mal da den Rausschmiss von Özil und Gündogan und mal dort, dass Özil, wenn er schon nicht fliegt, die deutsche Hymne mitsingen „muss“. Witzig: Ein ehemaliger Spieler, der selbst einmal rausgeschmissen worden ist aus der Nationalmannschaft, weil er, so seine Legende, sich nicht sagen lassen wollte, was er tun muss, sagt jetzt, was ein Spieler tun muss, den man allerdings besser rausgeschmissen hätte.“

Christoph Cöln (Welt) nimmt sich Özil-Kritiker zur Brust: „Es scheint wieder salonfähig zu sein, jemanden aufgrund seiner Herkunft zu diskreditieren und ihm die Zugehörigkeit zu einer imaginierten Volksgemeinschaft abzusprechen. Wie groß muss die Lust am (sportlichen) Untergang in Deutschland, der Selbsthass und die irrationale Angst vor dem anderen sein, wenn die Diskussion über den Fehltritt eines 29-jährigen Sportlers derart eskaliert? Man mag es sich lieber nicht vorstellen.“

Kickendes Sexsymbol

Rolf Heßbrügge (11Freunde) befasst sich mit dem neuen Beau des Weltfußballs: „Nun also trägt Rurik Gislason, der erst im Januar vom 1. FC Nürnberg nach Sandhausen gewechselt war, die Bürde des kickenden Sexsymbols. Ausgerechnet jener ruhige Bursche, der im beschaulichen Sandhausen bislang ein Dasein knapp unterhalb des Wahrnehmungs-Radars geführt hatte. Nach dem isländischen Coup gegen Argentinien wurde der Mann aus Reykjavik urplötzlich zum internationalen Werbestar – auch wenn er selbst vermutlich nichts davon wusste.“

Nach der zweiten Gastgeber-Gala steht Andreas Evelt (Spiegel Online) applaudierend vor den Katakomben des Sankt-Petersburg-Stadions: „Die russische Mannschaft wurde vor diesem Turnier belächelt. Hatte sie sich doch auch bei der EM vor zwei Jahren noch so blamiert. Nun aber wird der Gastgeber wohl in die K.-o.-Runde einziehen. Zwar spielt die Sbornaja auch in der wohl einfachsten Gruppe. Wie Russland diese Vorrunde aber meistert, ist durchaus beeindruckend.“

Sadio Mané ist der Star im Team der Senegalesen. Manuel Schubert (FR) stellt den Linksaußen vom FC Liverpool vor: „Die Geschichte von Sadio Mané, die sich liest, wie eine aus dem großen Buch der Fußballmärchen. Vom kleinen Strohhütten-Dorf auf die Titelblätter dieser Welt. Vom Barfußkicker aus der Steppe zum Superstar. Vom Jungen aus ärmlichen Verhältnissen zum Multimillionär. Von der Wüste auf die große Weltbühne.“

Null Tiefe, null Ordnung, null Sicherheit, null Risiko

Nach der Pressekonferenz mit Manuel Neuer stapeln sich bei Christoph Wolf (n-tv.de) noch viele Fragezeichen: „Eine Mannschaft, ein Matchplan – das klingt banal, war im DFB-Team zuletzt aber offenkundig nicht der Fall. Auch der Bundestrainer hatte sich ja schon nachhaltig irritiert gezeigt, dass das DFB-Spiel plötzlich gar nicht mehr nach dem Löw‘schen Spielrezept schmeckt. Null Tiefe, null Ordnung, null Sicherheit, null Risiko – und null Erklärungen dafür. Die gab es auch vom Kapitän nicht.“

Die DFB-Delegation besucht den deutschen Botschafter in Russland. Jan Christian Müller (FR) sitzt in der ersten Reihe: „In Moskau hört der Botschafter auf den Namen Rüdiger Freiherr von Fritsch. In seiner Residenz wohnt der Freiherr oben, die Gäste werden von dienstbaren Geistern unten empfangen. Im geräumigen Garten trafen sich in einer lauen Nacht nun 200 Menschen auf Einladung des Botschafters, der die Gästeliste dann bald schließen musste, weil es ansonsten zu voll geworden wäre und das Buffet womöglich nicht gereicht hätte. Es gab Quarkterrine mit Spargel-Kartoffel-Salat und gebeiztes Rindfleisch mit Spinat und Parmesan. Sehr schmackhaft, wie auch die Zitronencreme hinterher.“

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