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Presseschau für den kritischen Fußballfreund

WM 2018

WM 2018 – Deutschland versinkt im Tal der Tränen

Kai Butterweck | Donnerstag, 28. Juni 2018 4 Kommentare

Bleibt er? Oder zieht er einen Schlussstrich? Nach dem historischen Aus in der WM-Vorrunde beschäftigt sich die Presse vor allem mit der Zukunft von Joachim Löw

Schluss. Aus. Ende. Der Weltmeister ist raus aus dem Turnier. Bereits Minuten nach der Blamage gegen Südkorea versammelt sich die halbe Fußball-Nation vor der DFB-Trainerkabine. Christof Kneer (SZ) hat Redebedarf: „Hunger und Gier sind bloße Behauptung geblieben, und man kann Löw den Vorwurf nicht ersparen, dass er diese Wird-schon-klappen-Mentalität mit lässigem Schweben vorgelebt hat. Es geht dabei nicht um die Laternen von Sotschi, an die sich Löw beim morgendlichen Joggen zur Freude der Fotografen angelehnt hat. Joggen darf ein Bundestrainer, er darf auch Bilder ins Land senden, die von seinem Optimismus künden. Was er aber nicht darf: all die Zeichen zu unterschätzen, die eine Mannschaft sendet.“

Löw darf nicht sakrosankt sein

Anno Hecker (FAZ) erhofft sich neue Impulse: „Löw darf nicht sakrosankt sein, wenn das schmerzhafte Resultat von Kasan der Beginn von etwas Neuem, Großem sein soll, des nächsten Fußballfestes zur Freude der Millionen Fans in Deutschland. Dass die Party vorbei ist, bevor sie richtig begonnen hat, ist verschmerzbar – falls die Strategen des deutschen Fußballs die Zeichen der Zeit erkennen und handeln.“

Pierre Winkler (focus.de) verabschiedet sich: „Löw vermittelte zuletzt nicht den Eindruck, der Mannschaft noch das richtige Tempo zu verpassen. Am Kader muss sich einiges ändern, aber grundsätzlich ist die Nationalelf hervorragend aufgestellt. Löw würde also sehr hohe Qualität übergeben und beste Grundlagen. Er kann ruhigen Gewissens gehen, denn trotz des komplett enttäuschenden Turniers in Russland sollten die deutschen Fans seine Arbeit nicht vergessen. Vielen Dank für alles, Herr Löw!“

Joachim Löw hat die Zeichen zu spät erkannt

Stefan Hermanns (Tagesspiegel) schließt sich an: „Löw hat die Zeichen zu spät erkannt und zu spät darauf reagiert. So ist am Mittwoch in Kasan etwas zu Ende gegangen. Nicht nur die Geschichte einer großen Mannschaft, sondern, wenn man ehrlich ist, auch die Ära Löw.“

Oliver Fritsch (Zeit Online) wirft ein dickes Fragezeichen in die Runde: „Der deutsche Fußball sollte sich von seinen Illusionen verabschieden und wieder bescheidener werden. Wie kam man überhaupt auf die Idee, dass der aktuelle Kader der beste aller Zeiten ist, wie manche Experten behaupteten, wo doch der beste deutsche Fußballer seit Jahrzehnten, Philipp Lahm, nicht mehr dabei ist?“

Christoph Cöln (Welt) zeigt mit dem Finger auf Mesut Özil: „Er zog es vor, sich in einen Mantel des Schweigens zu hüllen. Stattdessen wollte er Leistung sprechen lassen. Es klappte auch diesmal wieder nicht. Zu erratisch seine Laufwege, zu phantomhaft seine Präsenz auf dem Platz. Özil wirkt zunehmend wie ein sehr alter Vulkan, in dessen Umfeld zwar von Zeit zu Zeit noch seismografische Ausschläge registriert werden, von dem aber niemand genau weiß, wie aktiv er noch ist.“

Ingo Scheel (stern.de) sucht auf seiner TV-Fernbedienung des „Ton-aus-Button“: „Schon in Hälfte eins klang der mit allen Mundwassern gewaschene Recke so kehlig überreizt, als hätte er zuvor bereits zwei, drei Elfmeterschießen der „Mannschaft“ kommentiert, dabei wird es ja nun genau dazu, so schlau ist denn auch der ratternde Réthy nach „99 Minuten Folter“, nicht mehr kommen. Dabei hatte er mit zunehmender Spieldauer dermaßen alle Register gezogen, als wollte er mit einer Art Vintage-Kommentar vor dunklen Rumpelfußball-Zeiten warnen.“

Alle wollen jetzt nur noch weg

Stefan Strauß (Berliner Zeitung) steht am Brandenburger Tor und verteilt Taschentücher: „Etliche aufblasbare Klatschstangen liegen zertreten am Boden. Am Bierstand bieten Fans ihre Hulaketten in Schwarz-Rot-Gold zum Spottpreis von 50 Cent an. Sie haben mal zwei Euro gekostet. Die Jungs haben noch Humor. Doch solche Fanartikel will jetzt auch niemand mehr haben. Nicht an diesem Tag der Niederlage. Man spürt, alle wollen jetzt nur noch weg. Weg von dieser Frustmeile.“

Stefan Kuzmany (Spiegel Online) vereint Sport und Politik: „Die Behäbigkeit jedenfalls, die damit einherging, Weltmeister zu sein und als Führungsnation Europas das Zentrum der freien Welt, sie sollte spätestens jetzt restlos verschwunden sein. Es ist nicht so selbstverständlich, wie es lange aussah, ein Fußballspiel zu gewinnen. Und es ist nicht selbstverständlich, in einem freien und vereinten Europa zu leben. Es wäre schlimm, jetzt sein Heil in den Rezepten der Vergangenheit zu suchen – Blutgrätschen sind keine gute Verteidigung des eigenen Tores. Und auch nicht der eigenen Grenzen.“

Die Fifa ahndet die politisch motivierten Gesten von drei Schweizer Spielern, sowie Schiedsrichterbeleidigungen aus dem Mund von Serbiens Trainer Mladen Krstajić mit Geldstrafen. Erich Rathfelder (taz) kommt mit einigen Fragezeichen im Gepäck um die Ecke: „Die Fifa hat das Thema Rassismus im Fußball in den letzten Jahren ziemlich hoch gehängt. Angesichts historischer Auseinandersetzungen scheinen die Argumente der Kampagne jedoch zu verhallen. Die bisherigen Mechanismen der Sportgerichtsbarkeit sind ohnehin seit den Dopingskandalen in Frage gestellt. Wie soll man verstehen, dass der serbische Trainer mit seiner Äußerung glimpflicher davonkommt als die beiden Spieler? Wie kann der Versuch, den deutschen Schiedsrichter auf die Stufe serbischer Kriegsverbrecher zu stellen, überhaupt geahndet werden? Der Vorgang zeigt, dass es keine gültigen Kriterien für solche Fälle gibt.“

Wie verrostete Stecknadeln in einer Landkarte

Abseits des WM-Trubels erliegt Andreas Bock (11Freunde) dem rauen Charme des russischen Amateurfußballs: „Das Yantar-Stadion ist zweifelsohne ein interessanter Ort für Fußballfans. Es liegt malerisch am Ufer der Moskwa, Blick auf die Skyline der Stadt. Die Flutlichtmasten sind so groß, als wollte man mit ihnen halb Moskau erleuchten. Sie ragen über die umliegenden Hochhäuser, und man erkennt sie, wie so oft in Osteuropa, schon aus der Ferne. Sie wirken wie verrostete Stecknadeln in einer Landkarte, Relikte aus einer Zeit, als es noch keine Arenen gab. Und vielleicht sind wir ja deshalb hier: Auf der Suche nach der Seele des alten russischen Fußballs. Auf der Suche nach dem Flutlicht im Schatten der Multiplexarenen.“

Diego Maradona gehörte einst zu den hellsten Sternen am Fußball-Himmel. Im Hier und Jetzt fällt der argentinische Ex-Kicker nur noch mit skurrilen Fremdscham-Auftritten auf. Jakob Böllhoff (FR) schüttelt mit dem Kopf: „Diego Maradona trägt zwei Uhren, an jedem Arm eine, und er gestikuliert Richtung Himmel, als wünsche er sich einen weiteren Arm, einen Arm Gottes sozusagen, für eine dritte Uhr und einen dritten Mittelfinger. Diego Maradona ist hier und da und überall und nirgendwo, aber auf dieser Welt ist er eher nicht mehr.“

Auch Marcus Breuer (ksta.de) ist fassungslos: „Nach dem späten Siegtreffer seiner Gauchos gegen Nigeria gingen mit dem Weltmeister von 1986 endgültig die Pferde durch. Er streckte der ganzen Welt den Mittelfinger entgegen – und das gleich in doppelter Ausführung. Ein abscheuliches Verhalten für einen Weltstar, der den Bezug zur Realität nach seinen ganzen Eskapaden offenbar schon längst verloren hat. Der Absturz von Boris Becker ist nichts dagegen.“

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Kommentare

4 Kommentare zu “WM 2018 – Deutschland versinkt im Tal der Tränen”

  1. wolfgang kill
    Donnerstag, 28. Juni 2018 um 10:42

    Oliver Fritsch (Zeit Online)

    Das ist ne berechtigtet Frage
    Oli !!

    Und die jungen und agilen nach Hause geschickt bzw. erst gar nicht aufgefordert hat.

    Der „Fluch“ des : ich muss immer Bayern Spieler haben haben haben ….

    na ja , Ära J.Löw ist zu Ende ;
    bei dem persönlichen Kontostand von ca. 20 Mio €
    kann mans ja ruhig weiter gehen lassen !

    Joachim Löw mit 3,8 Millionen Euro Jahresgehalt Topverdiener unter den WM-Trainern

    Vermögen aktuell ca. 18-20 Mio €

  2. Charly
    Donnerstag, 28. Juni 2018 um 18:00

    Ein journalistisches Glanzstück für Nachahmer:
    „Diego Maradona trägt zwei Uhren, an jedem Arm eine“. Nicht in BILD, sondern in der FR zu lesen. The trend is your friend. So sad.

    Zu Löw:
    Da ihn das Misstrauen der neutralen deutschen Medienschaffenden und deren plappernden Entourage ab gestern zeitlebens begleiten wird, wünscht man ihm ein lockeres Adieu, auch wenn wir dann -nach 12 herrlichen Jahren- vom meist schönen, zugleich oft erfolgreichen Fußball vorerst Abschied nehmen müssen.
    Danke, Mr.Löw.

  3. Van Kuchen
    Donnerstag, 28. Juni 2018 um 23:38

    Auch auf die Gefahr hin, daß meine Zeilen für Unmut sorgen, sage ich:
    ich find’s gut, daß Deutschland ausgeschieden ist.
    Wofür es gut ist
    - wir müssen uns nicht weiter der Illusion hingeben, daß Weltmeister werden ein Spaziergang sei
    - ein erneuter Titel hätte weiter von den drängenden Problemen (Kriege, fortschreitender Verlust der Menschlichkeit, Zerstörung der Lebensgrundlagen) abgelenkt und wir können uns diesen nun zuwenden und damit beginnen, sie zu lösen
    - Der Trend, daß Dingen, die keine Bedeutung haben, Bedeutung zugemessen wird, darf wieder einmal in Frage gestellt werden.
    - die Politiker hätten wieder, unbemerkt vom öffentlichen Interesse, Beschlüsse verabschieden können, die dem großteil der Menschen schaden.
    - ich habe nichts dagegen, sich zu freuen, doch das geht auch, indem man mit einer Flagge durch die Straßen läuft und freudig (gerne auch laut) ruft. Dauer: max. 20 min.
    so: wie wahnsinnig durch die gegend fahrende und hupende Menschen, mit dem damit verbunden Lärm und Folgen für die Umwelt bleiben uns erspart.
    - ach ja, und die ganzen umweltschädlichen, in Frage zu stellenden Fan-‘Artikel‘ (Müll?) sind auf einmal wertlos

  4. Lesenswerte Links – Kalenderwoche 27 in 2018 - Ein Ostwestfale im Rheinland
    Freitag, 6. Juli 2018 um 08:01

    […] muss ich noch einmal in der Wunde von vergangener Woche bohren: Der Weltmeister ist raus, WM 2018 – Deutschland versinkt im Tal der Tränen, Das Aus der Nationalelf bei der Fußball WM und die Folgen und Lieber Mesut Özil, lieber Jogi […]

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