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Presseschau für den kritischen Fußballfreund

WM 2018

WM 2018 – Ammoniak, Mangas und jammernde Elitekicker

Kai Butterweck | Dienstag, 3. Juli 2018 ohne Kommentar

Die Presse befasst sich mit schnüffelnden Ersatzspielern, sabbelnde TV-Experten und nervenden Superstars

Kurz vor dem Einbiegen in die Turnier-Zielgerade steht ganz Russland Kopf. Christina Hebel (Spiegel Online) steht neben einem sichtlich zufriedenen Staatschef: „Die Bilder des modernen Russlands, die nun aus den WM-Städten um die Welt gehen, verbessern das angeschlagene Image. Russland präsentiert sich als gut organisierter und freundlicher Gastgeber, der die Fans willkommen heißt und ihnen sogar das ermöglicht, was russische Bürger sonst nicht kennen: Man darf jetzt Alkohol auf offener Straße trinken, man darf auf Denkmäler und Laternen klettern, auf Rasenflächen in den Städten schlafen – und die Innenstädte zu Dauerpartyzonen machen. Städte wie Saransk oder Jekaterinburg hatten wohl noch nie so viele ausländische Gäste auf einmal zu Besuch.“

Wie werden diese vier Wochen in Erinnerung bleiben?

Paul Linke (Berliner Zeitung) hebt beim Fragezeichenstapeln das Glas: „Meine Vorstellungskraft endet genau da, wo die Frage beginnt, was eigentlich passieren wird, wenn Russland nicht nur weltmeisterlich feiert, sondern diese WM tatsächlich gewinnt. Und noch viel ungewisser: Wie werden diese vier Wochen in Erinnerung bleiben, bei allen, die dabei waren? Bei den Russen, die keine Lust haben, sich vom Westen belehren zu lassen, aber diese Lektionen der Fußballvölkerverständigung sehr wohl verstehen? Und bei allen anderen, die tief im Osten etwas Böses vermuteten und plötzlich von all der Güte überrollt werden?“

In der Vergangenheit ist deutlich geworden, dass vom russischen Staatsdopingsystem auch Fußballer profitierten. Johannes Aumüller (SZ) macht während der Achtelfinalbegegnung zwischen Russland und Spanien große Augen: „Wladimir Granat stand zur Einwechslung bereit, mit Beginn der zweiten Hälfte sollte Russlands Abwehrspieler seinen verletzten Teamkollegen Jurij Schirkow ersetzen. Doch dann geschah etwas, was auf dem Fußballplatz eher selten zu sehen ist. Noch bevor Granat den Platz betrat, griff er nach einem Gegenstand und hielt ihn sich für kurze Zeit unter die Nase. Natürlich ist es absurd anzunehmen, dass ein russischer Spieler in aller Öffentlichkeit etwas Verbotenes tun würde. Aber dennoch ist es zugleich ein interessanter Vorgang, wenn sich ein einzuwechselnder Spieler noch kurz vor der Einwechslung einen Gegenstand unter die Nase hält.“

Dank eines „Manga“-Helden verfielen vor dreißig Jahren tausende japanische Kinder dem Zauber des Fußballsports. Stephan Reich (Tagesspiegel) schubst den Erfinder von „Captain Tsubasa“ ins Rampenlicht: „Der langanhaltende Boom von Captain Tsubasa hat für ein nachhaltiges Interesse am Sport gesorgt, das Japan von einem fußballerischen Entwicklungsland in eine Fußballnation verwandelte. Ein Verdienst, das die japanische Öffentlichkeit Yoichi Takahashi zuschreibt, der darüber zu einer Art Volksheld geworden ist, mit einem festen Platz im japanischen Fußball. Von Japans aktuellem WM-Trikot gibt es eine Tsubasa-Edition, Takahashi durfte 2016 zudem eine Tsubasa-Flagge für Tokios Olympia-Bewerbung designen. Ebenso sind Tsubasa-Statuen an japanischen Fußballplätzen oder Straßenecken keine Seltenheit mehr.“

Fundierte Gelassenheit und uneitle Souveränität

Jürgen Roth (deutschlandfunk.de) stolpert bei seiner TV-Wanderung über die Beine eines ehemaligen Ballfangexperten: „Oliver Kahn ist, erfüllt von fundierter Gelassenheit und uneitler Souveränität, der ruhende Rhetor inmitten des endlosen Gesabbels über den Niedergang Deutschlands. Die Grammatik hat er zu seiner Freundin erwählt, den Sinn zu seinem Kumpel, und sofern es nichts zu sagen gibt, sagt er, dass es nichts zu sagen gibt.“

Julia Bosch (Stuttgarter Zeitung) spaziert durch die Straßen Stuttgarts und beschäftigt sich mit den Auswirkungen des vorzeitigen WM-Ausscheidens der deutschen Nationalmannschaft für die Public-Viewing-Veranstalter: „Bei den Mitarbeitern der Kirchengemeinde Heumaden-Süd, wo im Gemeindesaal jedes Deutschlandspiel öffentlich übertragen wurde, ist die Enttäuschung vor allem deshalb groß, weil es nun keinen Anlass mehr gibt, sich ungezwungen zu treffen. „Es wäre schön für die Gemeinschaft gewesen, wenn Deutschland noch weitergekommen wäre“, sagt die Mesnerin Rita Köngeter-Sauter. „Auch nach den Spielen saßen wir immer noch alle zusammen.“ Trotzdem seien sich die Heumadener am vergangenen Mittwoch einig gewesen, dass das frühe Ausscheiden der Deutschen berechtigt war: „Die Gäste waren sich einig: selbst schuld“, sagt Rita Köngeter-Sauter.“

Die Personalie Mesut Özil spaltet ganz Fußball-Deutschland. Tobias Nordmann (n-tv.de) hätte lieber ein anderes Thema auf dem Tisch: „Einen Text über Mesut Özil zu schreiben ist keine besondere Freude. Und das liegt nicht an Mesut Özil. Es liegt an der Liebe und dem Hass, die der Spielmacher der deutschen Fußball-Nationalelf erzeugt. Wer den 29-Jährigen in Schutz nimmt, ist mindestens ein linksversiffter Gutmensch, wer ihn kritisiert mindestens ein Nazi. Begleitet wird die Einstufung nicht selten von Beleidigungen bis hin zur subtilen Gewaltandrohung. Ein Irrsinn! Freunde, es ist immer noch Fußball. Oder nicht?“

Wer kann noch stehen?

Frederic Valin (taz) freut sich aufs Elfmeterschießen: „Wer kann noch stehen? Die Spieler liegen da, ihnen werden die Beine geschüttelt, und irgendwer redet auf sie ein; sie nicken, wie in Trance. Die Seiten werden gewählt; die Torhüter hüpfen, breiten die Arme aus, machen sich groß, wie Paradiesvögel beim Balztanz. Der Spieler geht den langen Weg vom Mittelkreis zum Strafraum, er weiß wohl, dass dies ein Abend ist, an den er sich sein ganzes Leben wird erinnern – können oder müssen, das ist noch nicht klar. Als wäre das ein Western, und er selbst ist sich noch nicht gewiss, ob er im Lager der Bösen oder der Helden steckt.“

Christoph Dach (11Freunde) leidet an einer Superstar-Allergie: „Klar, Messi und Ronaldo sind die herausragenden Spieler ihrer Zeit; als Fan sollte man sich eigentlich freuen, zwei derartige Ausnahmekönner in einer Epoche zu sehen, ja, bestaunen zu dürfen. Bei aller sportlichen Klasse und Erhabenheit sind besagte Herren aber vor allem eines geworden: unfassbare Nervensägen, Kindsköpfe in überathletischen Körpern. Sie stehen für vieles, was den Lieblingssport der Welt angreifbar gemacht hat, was ihn wie ein durchgestyltes Produkt erscheinen lässt, das vor allem zwei Zwecken dient: der Gewinnmaximierung und der Selbstinszenierung.“

Das war schon entlarvend

Cristiano Ronaldo begleitet den verletzten Doppeltorschützen Cavani mit einer „noblen“ Stütz-Geste zum Spielfeldrand. Jakob Böllhoff (FR) kann sich ein Schmunzeln nicht verkneifen: „Ja, vielleicht ist das unfair, gehässig und engherzig, spießbürgerlicher Neid. Vielleicht war Ronaldos Krankentransport tatsächlich ein Akt aus reinstem Herzen, und überhaupt: Mag der nicht auch Kinder ganz arg und verzichtet auf Tattoos, um regelmäßig Blut spenden zu können? Ja, kann schon sein, dass das so ist, aber hey, dieser Blick nach oben, dieses kurze Schielen nach sich selbst durch die Augen der Anderen, das war schon entlarvend.“

Marco Schyns (ksta.de) zeigt mit dem Finger auf Brasiliens Starkicker Neymar: „Beim WM-Achtelfinal-Duell gegen Mexiko tritt ihm Gegenspieler Miguel Layun auf den Fuß. Das gehört sich nicht und soll auch nicht beschönigt werden. Was Neymar aber daraus macht, ist lächerlich und hat mit Fußball nichts zu tun. Und das – vor allem bei dieser Endrunde in Russland – nicht zum ersten Mal.“

Michael Ryberg (reviersport.de) schließt sich an: „Die Theatralik des Starstürmers von Paris St.-Germain auf dem Rasen wird bei der WM langsam zur ärgerlichen Masche. Cristiano Ronaldos protzige Auftritte vor Freistößen und beim Torjubel mögen ja noch als Selbstdarstellerei in Vollendung hinnehmbar sein. Neymars Einlagen indes gehen auch stets auf Kosten des Gegners.“

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