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Presseschau für den kritischen Fußballfreund

WM 2018

WM 2018 – Elektrischka oder Sammeltaxi?

Kai Butterweck | Dienstag, 10. Juli 2018 ohne Kommentar

Wie kommt man ohne Flieger nach Sotschi? Welcher russische Spieler schafft den Sprung ins Ausland? Und wer startet den großen DFB-Umbruch? In der Presse stapeln sich die Fragezeichen

Das Halbfinale lockt. Aber was tun, wenn kein Flieger mehr geht? Sven Goldmann (Tagesspiegel) steigt in ein Sammeltaxi: „Wir zwängen uns zu siebt in einen alten Lada, der Chauffeur, eine russische Familie und ich. Nach zehn Minuten stehen wir im ersten Stau. Kurz mal bei Googlemaps nachschauen, wie lange es noch bis Sotschi dauert: 5 Stunden und 47 Minuten. Blödsinn, das wäre ja fast zwei Stunden länger als mit der Bahn. Wahrscheinlich stimmt da was mit dem Satellitenempfang nicht. Wir müssen doch nur runter bis zum Schwarzen Meer und dann immer geradeaus. Entspann dich, Sven!“

Andreas Rüttenauer (taz) tuckert mit der russischen S-Bahn (Elektrischka) durch die Moskauer Vororte: „Es erschallt seichte Schlagermusik und ein junger Mann singt in ein Mikrofon von Liebe, Herz und Schmerz. Er macht das so gut, dass viele Frauenherzen in der S-Bahn zumindest so weit abschmelzen, dass sie nicht mehr anders können, als ihm ein paar Rubel zuzustecken. Kaum hat er mit seiner kleinen Box den Wagen verlassen, bettelt sich ein Mann ohne Arme durch die Sitzreihen.“

Eine seltsam schweigsame Art des Fußballguckens

Niklas Levinsohn (Tagesspiegel) geht in einem Berliner Wettbüro auf Entdeckungsreise: „Rechts von mir sitzt eine Gruppe junger Männer. Sie trinken mitgebrachten Saft aus Pappbechern, die es neben der Kaffeemaschine gibt. Vor mir ein junger Asiate, schätzungsweise Anfang 20. Es ist eine seltsam schweigsame Art des Fußballguckens, die hier den Raum erfüllt. Als die Engländer in der 30. Minute in Führung gehen, schläft einer meiner Nebenleute bereits auf seinem Stuhl. Der junge Mann vor mir zerknüllt wortlos einen seiner Wettscheine und besorgt sich am nicht mal eine Armlänge entfernten Automaten sogleich einen neuen. Dieses Schauspiel wiederholt sich noch einige Male, bis die 20-Euro-Scheine in seiner linken hinteren Hosentasche langsam weniger werden.“

Oliver Fritsch (Zeit Online) geht mit Ohrenschützern ins Stadion: „Der Dezibelrekord könnte beim Achtelfinale Russland gegen Spanien aufgestellt worden sein. Schon ihre schöne und mollgesättigte Hymne schmetterten die Gastgeber, als ob ihr Team ein Tor dafür gutgeschrieben bekäme. Ob sie wissen, dass die in Go West variiert wird, einem auch bei der WM in Russland zu hörenden Fansong, der ursprünglich aus der amerikanischen Schwulenbewegung stammt? Jeder Ball, der bloß in die spanische Hälfte flog, wurde fast hysterisch bejubelt. Und immer wieder: „Ra-siii-jaa, Ra-siii-jaa!“ Wer auf seine Gesundheit wert legt, hätte Ohrenstöpsel dabeihaben sollen.“

Auf der Suche nach kommenden russischen Weltenbummlern tappt Paul Linke (Berliner Zeitung) im Dunkeln: „Denis Tscheryschew ist ja neben Ersatztorwart Wladimir Gabulow (FC Brügge) der einzige Spieler, der im Ausland seine Millionen verdient. Beim FC Villarreal kam er in der vergangenen Saison neunmal zum Einsatz. In vier Jahren für Real Madrid spielte er zweimal. Und dass in der Gerüchteküche aktuell kein Transfersüppchen kocht, ist ein Hinweis darauf, dass Tscheryschew, dem vier schöne Turniertore gelangen, kaum seine Marktposition verbessern konnte. Russischen Spielern eilt der Ruf voraus, sich genügsam eingerichtet zu haben in ihrem Profileben.“

Für ein so einfaches Spiel wie Fußball werden erstaunlich viele Ausdrücke benutzt

Uli Hesse (Tagesspiegel) sitzt vor dem Fernseher und hört genau hin: „Hört man sich die Sprache unserer Fußballreporter genauer an, dann fällt einem auf, dass sie seltsam hochgestochen ist. Für ein so einfaches Spiel wie Fußball werden erstaunlich viele Ausdrücke benutzt, die der Duden mindestens als gehoben einstuft. Damit ist jetzt nicht der moderne Trainerjargon gemeint, sondern all die Ausdrücke, die schon seit Jahrzehnten wie selbstverständlich von den Lippen der Berichterstatter purzeln, obwohl man sie in einer normalen Unterhaltung niemals benutzen würde.“

Vor dem Halbfinale zwischen Belgien und Frankreich beschäftigt sich Rolf Heßbrügge (11Freunde) mit Brüder-Vergleichen: „Belgien teilt das tragische Los so vieler kleiner Brüder auf dieser Welt: Im Wetteifern mit dem großen Frankreich um Lob, Achtung und Anerkennung ist es einfach schwierig zu bestehen. Gut, die Belgier haben Brüssel, das Atomium und das liebenswerte Manneken Piss. Aber Frankreich hat Paris. Den Eiffelturm. Und die wunderbare Mona Lisa. Belgien ist zwar die Heimat großer Söhne wie Eddie Merckx, Helmut Lotti, Jean-Claude van Damme oder Tim und Struppi. Doch Frankreich kann Zinedine Zidane, Charles Aznavour, Gérard Depardieu oder Asterix und Obelix aufbieten. Und wenn die Belgier mal etwas ureigenes, mega-geniales hervorbringen wie Pommes-Frites, dann kommen die Amerikaner und nennen die Dinger »French Fries«. Das ist doch frustrierend.“

Javier Cáceres (SZ) verneigt sich vor Belgiens Dribbelkünstler Eden Hazard: „Der Erfolg in Russland ist auch eine späte Genugtuung für einen Fußballer, der 2009 ernsthaft fürchtete, seine Nationalmannschaftskarriere könnte vorbei sein. Nachdem ihn Trainer Georges Leekens in einem EM-Qualifikationsspiel gegen die Türkei ausgewechselt hatte, war Hazard außer sich. Er verließ vor Spielende das Stadion und flüchtete in ein Fastfood-Restaurant. Dort aß er im Kreis der Familie – zu der sein Bruder Thorgan zählt, Profi bei Borussia Mönchengladbach – einen Hamburger. Leekens sperrte ihn intern für zwei Spiele. Doch dann kam auch er nicht am Talent Hazards vorbei, das nun in Russland zur Entfaltung kommt.“

Halt die Klappe und stell dich ins Tor

Im Interview mit welt.de spricht Belgiens Torwart-Legende Jean-Marie Pfaff über alte Zeiten: „1986 in Mexiko waren wir eine goldene Generation. Das hier ist eine brillante. Wir sind 1986 mit 30 Mann nach Mexiko geflogen. Da gab es keinen Torwarttrainer, nur einen Physiotherapeuten, und schlafen mussten wir auf besseren Holzpritschen. Man kann ja fast ein wenig neidisch werden auf diese umsorgten Superstars. Mir hat man früher immer nur gesagt: ‚Halt die Klappe und stell dich ins Tor – Bälle halten.“

WM-Kolumnist Berti Vogts (RP-Online) analysiert das große Ganze: „In meinen Augen hat sich in Russland gezeigt, dass der Fußball zurückkehrt zu seinen Wurzeln: Es ist im Grunde genommen ein ganz einfaches Spiel – und erfolgreich sind die Teams, die es einfach spielen. Das große Ballgeschiebe hat keinen Effekt mehr, es ist nicht das Turnier der Künstler und Superstars, sondern der Teams und der Teamplayer.“

Heiko Ostendorp (sportbuzzer.de) steht mit erhobenen Zeigefingern vor der DFB-Zentrale in Frankfurt: „Reinhard Grindel, Joachim Löw und Oliver Bierhoff machen wie selbstverständlich einfach weiter, bisher ist noch kein Nationalspieler zurückgetreten und hat für sich Konsequenzen aus dem WM-Debakel gezogen – ein großer Umbruch sieht anders aus.“

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