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Presseschau für den kritischen Fußballfreund

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Bundesliga

Oliver Fritsch | Dienstag, 30. März 2004 Kommentare deaktiviert für Bundesliga

„glamouröses Gipfeltreffen in Stuttgart“ (FAZ) – Kurt Jara (1. FC Kaiserslautern) kehrt für einen Tag zurück in seine Heimat nach Hamburg, „es menschelte bei dieser Begegnung“ (SZ): „Trainer sind nicht die entscheidenden Faktoren für den Erfolg einer Mannschaft“ (FAS) – „wie die Bayern-Bosse Karl-Heinz Rummenigge und Uli Hoeneß die Trennung von Trainer Ottmar Hitzfeld vorbereiten“ (FTD) u.v.m.

VfB Stuttgart – Werder Bremen 4:4

Damit Deutschland wieder eine Zukunft hat

Philipp Selldorf (SZ 30.3.) kann’s sich nicht verkneifen: „Da weder die Qualität des Spiels und schon gar nicht die Moralität eines durch Kunst und Schönheit verdienten Erfolgs das entscheidende Kriterium bei der Bestimmung des Erstplatzierten ist, sondern allein die erreichte Punktezahl, kann folgender Albtraum weiterhin Wirklichkeit werden: Meister wird der FC Bayern. Diese Schreckensvision wirft die Frage auf: Darf das sein? Und: Kann man nicht ein Gesetz dagegen erlassen? Muss nicht eine dem Wohl des deutschen Volkes verpflichtete Bundesregierung die Bürger vor diesem FC Bayern schützen? Im Kabinett hat sich dazu bereits eine Initiative gebildet. Verteidigungsminister Peter Struck ist ihr vorangetreten. Unaufgefordert verkündete er auf einer Pressekonferenz zu Themen der Bundeswehr, ihm sei jeder Meister in der Bundesliga recht, solange es nicht der FC Bayern sei. Ein mutiger, aber gewagter Vorstoß, welcher der Regierung Schröder womöglich mehr Wähler abspenstig macht als sämtliche Praxisgebühren und Rentenkürzungen. Denn die Anhängerschaft des FC Bayern ist mächtig, und würde der Verein sich zur Partei ernennen, dann wäre nicht die Fünf-, sondern die Fünfzigprozenthürde sein Ziel. (…) Aber vielleicht ist unser Land jetzt endlich soweit. Vielleicht stehen nun auch andere auf, nachdem Struck sich erhoben hat, vielleicht lassen morgen schon der Rheinländer Westerwelle und übermorgen der Sauerländer Merz ihr Gewissen sprechen. Für Frieden und Fortschritt. Damit Deutschland wieder eine Zukunft hat.“

Martin Hägele (SZ 30.3.) ist von beiden Teams begeistert: „Wohl kein anderes Team hätte die Rückschläge verdaut, die Schaafs Ensemble vom brasilianischen Hünen Bordon oder durch den Schweizer Streller hinnehmen musste. Höchstens der VfB Stuttgart selbst, der sich nach dem vermeintlichen K.o durch Klasnic und Ailton kurz vor der Pause aufrappelte und noch gewinnen wollte. Meisterlich selbstbewusst war auch Werders Reaktion auf das Stuttgarter 4:3. Noch als die Galerie das Führungstor bejubelte, kaum 60 Sekunden nach dem Jubel um Yakins genialen Pass und Strellers Solo, lag die Kugel wieder im anderen Tornetz. Dass Micoud die Vorlage vom VfB-Kapitän Soldo unfreiwillig per Kopf geliefert bekam, spielt dabei so wenig eine Rolle wie die Tatsache, dass der von Torwart Hildebrand abgewehrte Ball dem wie immer lauernden Ailton vor den Fuß flog. Die Bremer zogen sich auch nicht zurück, als Referee Fandel ihr Team mit der Gelb-Roten Karte für Schulz dezimiert hatte. Fandel übrigens bat später um Nachsicht für sich und seine Kollegen. „Es sieht nach zwei Fehlentscheidungen aus“, sagte der Fifa-Referee, als ihm in Zeitlupe vorgeführt wurde, wie der Bremer Torwart Reinke einen Lupfer Kuranyis fast einen Meter außerhalb des Strafraums mit der Hand abgewehrt und mitten in die stärkste Phase des VfB der Kroate Klasnic seinen Konter gesetzt hatte – aus Abseitsposition. Diese zweimal fünfzig, sechzig oder achtzig Zentimeter ergaben nicht nur im Kopf von Trainer Magath einen Platzverweis für den Werder-Keeper und ein Gegentor weniger. Andererseits addierte sich aus der festen Moral, mit der die Schwaben diese Benachteiligungen wegsteckten, ein mentales Plus für die letzten acht Aufgaben der Saison. Das Remis gereiche dem FC Bayern zwar momentan zum psychologischen Vorteil, fand Magath, aber trotz der fünf Punkte Rückstand sei er sicher, noch Platz zwei und die direkte Qualifikation für die Champions League zu erreichen. Dass sich die großen Bayern und der Emporkömmling VfB aufs selbe Saisonziel konzentrieren, ist an sich schon ein Kompliment an das Rote Haus. Magath will diesen Wettlauf unter den finanziell und strukturell ungleichen Bedingungen nun unbedingt gewinnen.“

Hier sind die zwei besten Klubs aufeinandergetroffen

Michael Ashelm (FAZ 30.3.) fügt hinzu: „Nur Felix Magath spielte an diesem berauschenden Fußballabend nicht so recht mit. Anstatt wie die anderen den besonderen Moment der Saison gemeinsam hochleben zu lassen, blickte der Trainer des VfB Stuttgart süßsäuerlich durch die Gegend. Während um ihn herum alle Einzeleinheiten des fußballerischen Feuerwerks noch einmal aufgeregt rekapituliert wurden, haderte Magath mit Fehlentscheidungen des Schiedsrichters, verlorenen Punkten und einer verpaßten Chance – also den üblichen Dingen eines ganz normalen Spieltags. Doch normal war an diesem Sonntag in Stuttgart gar nichts. Der Meisterschaftsaspirant Werder Bremen lieferte sich mit dem drittplazierten VfB ein Duell, von dem noch lange die Rede sein wird. Und das dann selbst den nicht gerade für seine emotionalen Gefühlsausbrüche bekannten Bremer Trainer Thomas Schaaf in positive Schwingungen versetzte. Immer wieder kamen dem Bremer Erfolgscoach „begeisternd“ oder „phantastisch“ über die Lippen. Wie Schaaf reagierten auch die Hauptdarsteller auf dem Platz, die den ligainternen Vergleich zwischen der abwehrstärksten Mannschaft und dem offensivsten Ensemble des deutschen Fußballs zu einer spannungsgeladenen, nervenzerreißenden Angelegenheit machten. Die Begegnung schwankte hin und her, lebte von dem Einsatzwillen der Spieler und hatte ihre Helden. Einer davon Marcelo Bordon, der Stuttgarter Innenverteidiger mit dem knallharten Schuß, dem gleich drei Treffer gelangen. Von seinem nicht weniger brillanten brasilianischen Landsmann Ailton auf der anderen Seite, der in Stuttgart seine Bundesligatreffer 23 und 24 erzielte, wurde Bordon schließlich gefragt, was er denn vor dem Spiel gegessen habe. „Ich habe geantwortet: Ich habe gebetet.“ Und man konnte ja wirklich den Eindruck haben, daß eine höhere Macht im Interesse der Zuschauer diese Partie verzauberte. Aber die neunzig Minuten von Stuttgart würden auch gut als Bewerbungsvideo für den asiatischen Markt taugen, um der Bundesliga in Sachen Fernsehvermarktung den einen oder anderen Deal in Fernost zu ermöglichen. (…) Während die Saison durch die sportlichen und geschäftlichen Schwankungen von Großklubs wie Bayern München, Borussia Dortmund, Hertha BSC Berlin oder auch Schalke 04 immer mehr zu einer drögen, mittelmäßigen Angelegenheit wird und deutsche Klubs in den entscheidenden Runden des Europapokals außerdem sowieso nicht mehr zu finden sind, fällt ein Fußballabend wie der in Stuttgart besonders auf und ins Gewicht. „Hier sind die zwei besten Klubs aufeinandergetroffen, das sagt doch alles“, so der Bremer Mittelfeldmann Paul Stalteri. Und nicht nur, daß Werder und der VfB in dieser Saison fast alleine für die schönen Momente in der Bundesliga sorgen. Beim 4:4 wurde wieder einmal deutlich, daß der deutsche Spitzenfußball weiterhin vor allem von den Kickern aus dem Ausland vorangebracht wird.“

Knallgöweresk

Tobias Schächter (taz 30.3.) fühlt sich an alte Zeiten erinnert: „Karl Allgöwer war ein Bruddler. Er bruddelte gegen die Stationierung der Pershing II-Raketen, gegen Umweltzerstörung, Apartheid – und natürlich gegen die CDU. Fast alle Schwaben, die in den 80er-Jahren zum VfB ins Neckarstadion pilgerten, wählten Kohl, aber dennoch liebten sie Karl den Linken, der so oft auf seinen Präsidenten, den Finanzminister im tiefschwarzen Ländle, pfiff. Der Wasen-Karle war ein Linker mit einem rechten Hammer. Wenn es Freistoß gab, riefen alle: „Kaaarle, Kaaarle, Kaaarle.“ Und Karle zog ab. Aus 20, 30 oder 40 Metern, scheißegal, er zog ab – und die Torhüter unterschrieben schon mal den Krankenschein, für den Fall, dass das vom schmächtigen Quergeist abgefeuerte Geschoss auf ihre Fäuste knallen sollte. Als am Sonntag Schiedsrichter Herbert Fandel in der allerletzten Minute dieses turbulenten 4:4 zwischen Stuttgart und Bremen auf Freistoß entschied, hatte Marcelo Bordon, der elefantenohrige Brasilianer, es längst geschafft: Er war legitimer Nachfolger des Knallgöwer: „Marcelo ohoh, Marcelo ohohohoh“, schrien die Schwaben. Und Bordon lief an, schoss, Bremens Torwart Reinke hielt tatsächlich die Fäuste hin, wehrte den Ball ab – und schüttelte seine mitgenommenen Pranken. Dann pfiff Fandel ab und 48.000 feierten das achttorige Spektakel, als hätten sie so etwas noch nie gesehen. Die Bremer Fans feierten sogar vorzeitig die Meisterschaft, von der Trainer Schaaf freilich noch immer nichts wissen will. Für die Fans der Rot-Weißen aber gab es nur einen Hohepriester dieser heiligen Messe: Bordon. „Fußball isch unglaublich“, sagte der in lustigem Schwabenbrasilianisch. Drei Tore hatte der Haudrauf gemacht – eins per Kopf und zwei knallgöweresk per Freistoß.“

FAS-Interview mit Klaus Allofs über die Medienpolitik Werders

FAS: Überdenken Sie Ihre offene Medienpolitik? Wird sie restriktiver?
KA: Nein. Wir müssen uns immer mal wieder selbst überprüfen und auch das, was aus unseren Aussagen gemacht wird. Mancher bewertet unsere Aussagen eben anders, als sie gemeint waren. Unsaubere Formulierungen werden gesucht. Aber das ändert nichts an unserer Vorgehensweise.
FAS: Falls Sie Meister oder Zweiter würden und in der Champions League spielten, wäre das mediale Interesse noch viel größer. Kann ein kleiner Verein wie Werder das überhaupt bewältigen?
KA: Wir wollen keine Abschottung. Wir wollen den ständigen Austausch, wir kommen so gut wie allen Interviewwünschen nach. Wir denken, das gehört zur Arbeit eines modernen Vereins dazu. Wir müssen einfach abwarten, ob es in Zukunft zu bewältigen sein wird. Wir wissen nicht, was in der Champions League auf uns zukommt.
FAS: Werder auf dem Weg zum anonymen Großklub?
KA: Groß muß nicht unsympathisch sein. Wir wollen sein, wie wir bisher waren. Grundsätzlich sind wir offen, wir bieten den Journalisten ja eine Dienstleistung an. Und wir haben doch auch ein Anliegen: Wenn wir das, was wir denken, auch rüberbringen können, sind wir zufrieden. Wir sind in Zeiten des Mißerfolges offen gewesen und wollen es auch jetzt sein. Ich sehe es nicht als Weiterentwicklung oder Schritt zur Professionalisierung an, wenn man weniger Pressearbeit macht und hier restriktiver wird.

Hamburger SV- 1. FC Kaiserslautern 3:2

Du bist doch nur dabei, weil es keine besseren gibt

Frank Heike (FAZ 30.3.) beglückwünscht Christian Rahn, bester Spieler des Spiels: „Es ist Segen und Fluch zugleich für Christian Rahn, daß er besser als die meisten seiner deutschen Kollegen in der Bundesliga mit dem linken Fuß schießen kann. Segen, weil er nach guten Leistungen immer wieder die Sehnsucht der Deutschen nach einem spielstarken Mann auf der linken Außenbahn weckt. Fluch, weil Rahn dann nach jeder Einladung in die Nationalmannschaft zu hören bekommt: „Du bist doch nur dabei, weil es keine besseren gibt.“ Es ist ja auch tatsächlich so, daß das nationale Angebot auf links überschaubar bleibt und Teamchef Rudi Völler vor allem jungen und ganz jungen Profis eine Chance gibt, die kaum eine Halbserie lang auf dieser Position überzeugt haben – der ehemalige Wolfsburger Tobias Rau und der Stuttgarter Philipp Lahm sind Beispiele dafür. Christian Rahn ist 24 Jahre alt, vier Länderspiele hat der Hamburger bestritten, und auch für die Testpartie am Mittwoch in Köln gegen Belgien steht der ehemalige Akteur des FC St. Pauli im Aufgebot der ersten deutschen Auswahl. Wahrscheinlich wird Lahm spielen, doch Rahn warb am Sonntag abend so nachhaltig für sich, daß er zumindest auf einen kurzen Einsatz hofft: Er schoß zwei Tore und bereitete den Treffer durch Romeo wunderbar vor. Rahns Schußtechnik ist außerordentlich gut; vor allem den kräftigen Spannstoß aus spitzem Winkel beherrscht er fast perfekt – beide Tore von ihm kamen so zustande. (…) Rahn und der HSV, das war bisher eine schwierige Beziehung. Im Sommer 2002 zwei Jahren vom gerade abgestiegenen Ortsrivalen geholt, sollte Rahn die Nachfolge von Bernd Hollerbach antreten. Doch daran haben sich schon ganz andere die Zähne ausgebissen. Als Hollerbach sich verletzte und die ganze Vorrunde ausfiel, war Rahn unter dem ehemaligen Trainer Jara immer noch nicht erste Wahl. Rahn paßte nicht in Jaras Sicherheitskonzept, weil er nach dessen Meinung nicht verteidigen kann. Erst der Wechsel von Jara zu Klaus Toppmöller ebnete ihm den Weg beim HSV.“

Es menschelte bei dieser Begegnung

Jörg Marwedel (SZ 30.3.) beobachtet Kurt Jara, zurück in Hamburg: „Das Transparent in der HSV-Fankurve mit dem freundlichen Gruß „Willkommen Zuhause“ war längst eingerollt, der verdiente Sieg analysiert und der Mannschaftsbus der Gäste schon in Position gebracht für die nächtliche Rückfahrt in die Pfalz. Kurt Jara aber stand noch immer im Kreise alter Bekannter und gab Auskunft über sein Seelenleben. „Froh“ sei er, „dass erst einmal alles vorbei ist“, sagte der Trainer des 1. FC Kaiserslautern und lächelte, denn das Wiedersehen hatte ihn sehr beschäftigt. Jara hatte sich im Hotel extra ein Zimmer mit Blick auf die Alster reservieren lassen, das Wahrzeichen der von ihm so geschätzten Stadt. Und er hatte gegrübelt, wie der Empfang wohl werde bei der Rückkehr an jenen Arbeitsplatz, den er im vergangenen Oktober ausgerechnet nach einem 0:4 in Kaiserslautern hatte räumen müssen. „Mulmig und gut“ zugleich sei ihm dabei zumute gewesen, berichtete er. Abgesehen davon, dass es zu den Eigentümlichkeiten des Profisports gehört, dass ein Tiroler, der in Kaiserslautern lebt, sich in Hamburg genauso zu Hause fühlt wie zuvor in Gelsenkirchen, Zürich oder Valencia, lässt sich also feststellen: Es menschelte bei dieser Begegnung. Und es wurde dann auch ein Abend der Nettigkeiten. Fast trat dabei in den Hintergrund, dass Jara „einigen Herren“ in der HSV-Führung noch immer gram ist wegen der Art seiner Entlassung. Auch dass sein neues Team nun wieder im Abstiegsstrudel steckt, schien ihm nicht wirklich die Laune zu verderben. Oder dass Miroslav Klose wegen einer Innenbanddehnung vom Platz musste, nachdem der Nationalstürmer per Kopfball erstmals nach 964 Minuten ins Tor getroffen und gezeigt hatte, weshalb man ihn laut Jara bis zu seinem Wechsel nach Bremen „so dringend braucht wie das tägliche Brot“. Immerhin war die Blessur so schwer, dass Klose am Montag seine Teilnahme am Länderspiel gegen Belgien in Köln absagen musste. Und selbst zwischen Jara und seinem Nachfolger Klaus Toppmöller, dem er ja über die Medien signalisiert hatte, niemals sein Freund zu werden, bahnte sich so etwas wie kollegiale Eintracht an.“

Frank Heike (FAS 28.3.) resümiert die Trainerwechsel Hamburgs und Kaiserslauterns ein halbes Jahr später: „Trainer sind nicht die entscheidenden Faktoren für den Erfolg einer Mannschaft. Die Zwischenbilanzen von Kurt Jara, dem Lauterer Spielbetriebsleiter, und Klaus Toppmöller, Regisseur des HSV-Fußballschauspiels, entlarven die Hire-and-fire-Mentalität als unangebrachte Grundlage für die Personalpolitik. Seitdem der Österreicher Jara die Pfälzer betreut, hat das Team zwar ein paar Fortschritte im Kampf gegen den Abstieg gemacht. Doch die spielerischen Leistungen, die zu vier 1:0-Siegen, zwei 0:1-Niederlagen und zum jüngsten 2:2 gegen den VfL Bochum führten, lassen sich in einem Satz zusammenfassen: Es hat sich nicht viel geändert in Kaiserslautern seit der Entlassung des Belgiers Erik Gerets, nur das Glück schaut jetzt häufiger am Betzenberg vorbei. Auch Toppmöllers Verpflichtung in Hamburg zahlte sich für den Verein durch eine leicht verbesserte Erfolgsquote aus. Doch der Aufschwung hat noch längst nicht die gewünschten Dimensionen erreicht. Der Trainer des Jahres 2001 kämpft seit Oktober mit der gleichen Vergeblichkeit gegen die Launenhaftigkeit seiner Spieler an wie sein Vorgänger – Kurt Jara. „Natürlich sind die Einflußmöglichkeiten begrenzt, wenn man mitten in der Saison ein Team übernimmt“, gibt Jara offen zu. „Toppmöller konnte wenigstens noch auf dem Transfermarkt tätig werden, um ein paar seiner Vorstellungen umzusetzen. Ich kam erst nach der Winterpause nach Kaiserslautern.“ Der Österreicher hat die Aufgabe dennoch übernommen. „Sonst hätte es ein anderer gemacht.“ Was nicht heißen soll, daß der frühere österreichische Nationalspieler mit Bundesligaerfahrung jeden Job angenommen hätte. In Lautern schien ihm das Risiko kalkulierbar, seinen guten Ruf zu verlieren: „Das Stadion, das Trainingsgelände, die Tradition, die Qualität der Mannschaft, die Tatsache, daß auch der Abzug von drei Punkten zum schlechten Tabellenplatz beitrug, waren alles Argumente, den Job zu übernehmen. Zudem ist das Ziel nicht utopisch: Wir müssen nur die Klasse halten.“ Jara hat sich eine gewisse Distanz zu sich und seinem Beruf erarbeitet, aber natürlich hält er sich nicht für überflüssig: „Man kann schon ein paar Dinge ganz schnell bewirken.“ Dazu gehörten Disziplin und die psychische Einstellung der Spieler: „80 Prozent der Spiele werden im Kopf entschieden“, sagt der Österreicher. Er rede seine Profis stark, Schwächen spreche er so gut wie nie an. Wenn er spricht, wählt Jara kurze, prägnante Sätze: „Als Spieler hatte ich doch auch keine Lust, stundenlang dem Trainer zuzuhören.“ Wenn sich ein längerer Dialog mit einem Profi entspinnt, führt er ihn natürlich gerne. Das erste Aufeinandertreffen mit der Mannschaft sei schon entscheidend für das Verhältnis. „Dinge später durchsetzen geht nicht mehr. Du mußt Pflöcke einschlagen.“ Sein Kollege Toppmöller hatte es in Hamburg zunächst schwerer. Sein Vorgänger Jara war ausgesprochen beliebt gewesen bei der Mannschaft: „So etwas hatte ich zuvor noch nie erlebt“, erzählte Toppmöller. „Aber nach ein paar Tagen hatte ich sie durch gutes Training überzeugt.““

Weiteres

Heinz-Wilhelm Bertram (FTD 30.3.) analysiert die „Demontage“ Ottmar Hitzfelds: „Die sportliche Situation ist, gemessen an den Ansprüchen des Klubs, prekär: Ausgeschieden aus Champions League und DFB-Pokal, in der Meisterschaftsrunde kaum noch mit Chancen. Das ist eine Bilanz, die traditionell jedem Trainer des Marktführers unter die Nase gerieben bekommt. Dass dies für Ottmar Hitzfeld aber in besonderem Maße gilt, könnte mit einem internen Konflikt zusammenhängen, der die Beziehung zwischen dem Vorstand und dem leitenden Angestellten schon seit längerem belastet. Rummenigge, heißt es in Klubkreisen, soll den argentinischen Abwehrspieler Martin Demichelis über Hitzfelds Kopf hinweg verpflichtet und den Trainer vor vollendete Tatsachen gestellt haben. Vorausgesetzt, die Geschichte ist so abgelaufen, so wäre das eine interne Demontage Hitzfelds bereits vor Saisonbeginn gewesen. Und sie hätte eine besonders perfide Note, denn: Hitzfeld hatte nach dem Gewinn der Champions League 2001 Verstärkungen für die Abwehr gefordert. Die wurden ihm zwar zugesagt, doch ist es nie zu den Verpflichtungen seiner Wunschkandidaten wie dem Berliner Arne Friedrich gekommen. Und dann das. Und was sagt der andere Bayernboss, Manager Uli Hoeneß jetzt? „Wir müssen nun erst einmal Zweiter werden, um sicher für die kommende Champions-League-Runde qualifiziert zu sein. Dann sehen wir weiter.“ Er meint die Trainerfrage. Der Manager gilt als der große, starke Antipode Rummenigges. Als der Mann, der „zu 100 Prozent“ („Abendzeitung“) treu zu Hitzfeld steht. Lässt es Rummenigge tatsächlich auf eine Konfrontation mit dem Manager ankommen? Es steht anderes zu vermuten. Die im Taktieren gewieften Führungskräfte des FC Bayern, Rummenigge und Hoeneß, dürften längst übereingekommen sein – und Hitzfelds Dienstende gemeinsam beschlossen haben. Damit bleiben sie wieder einmal ihrem wichtigsten Credo „Niemand wird jemals einen Keil zwischen uns treiben können!“ treu. Um Hitzfeld, den verdienten, überaus erfolgreichen und international angesehenen Trainer, feuern zu können, muss man sensibel vorgehen. Das dramatische Muster mit einem Bösewicht, Rummenigge, und einem Tugendhaften, Hoeneß, bietet sich an. Die Rollenverteilung steht fest, nur der Zeitpunkt der Trennung ist offen. (…) Beckenbauer, Rummenigge, Hoeneß: Dem mächtigen Dreigestirn ist nicht verborgen geblieben, dass Magath gut zu Bayern München passen würde. Als Neuling auf der ganz großen Fußballbühne würde er etwa 1 Mio. Euro Gehalt weniger kosten als Hitzfeld (zirka 3,5 Mio. Euro). Magath hat nachgewiesen, dass er Beckenbauers innigsten Wunsch erfüllen kann, Talente auf höchstem Niveau wettbewerbsfähig zu machen. Er hat sich mit einem der schwierigsten Charaktere der Bundesliga, mit Krassimir Balakow, bestens arrangiert. Magath kann im Notfall den gefürchteten Hardliner spielen und bietet abseits des Rasens Umgangsformen, wie sie die Bayern-Bosse schätzen. Deutet Magath Zustimmung an, muss Hitzfeld wohl schon zum Saisonende seinen Platz räumen. Der Bayern-Trainer weiß, dass er nichts mehr zu verlieren hat. Deshalb kann er so aufgeräumt und überzogen selbstbewusst auftreten wie in den letzten Tagen.“

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