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Oliver Fritsch | Montag, 26. April 2004 Kommentare deaktiviert für Sonstiges

TV-Tipp (FTD): die Berner Helden 54 waren auch „Ackerfußballer“ – ein Holländer entromantisiert die Geschichtsschreibung des WM-Finales 74 (SZ) – der deutsche Steuerzahler, ein guter Organisator der WM 2006 (FAS) u.v.m.

Ackerfußball

René Martens (FTD 27.4.) empfiehlt, heute Abend um 20.15h ZDF anzuschalten: „An den Dokumentationen, die unter der Leitung Guido Knopps entstehen, gibt es einiges auszusetzen: Dass in ihnen der Nationalsozialismus verkitscht und Zeitzeugen zu Stichwortgebern degradiert werden, zum Beispiel. Sein aktueller Film zur Fußball-WM 1954 dagegen, entstanden unter Mitarbeit von Sebastian Dehnhardt und Manfred Oldenburg, ist weit besser gelungen als alles andere, was der Geschichts-Lehrer vom ZDF in den letzten Jahren vorgelegt hat. Für „Das Wunder von Bern. Die wahre Geschichte“ haben die Autoren in den vergangenen Monaten zahlreiche bisher noch nie gezeigte Bilder dieser WM aufgetrieben – unter anderem vom Endspiel Deutschland-Ungarn, von dem bis vor kurzem nur rund 15 Minuten vorlagen. nopps Team erzählt mit Hilfe des neuen Materials die Geschichte des Turniers aus der Sicht der beiden Finalgegner, und insbesondere die bisher auf Bücher angewiesenen Nachgeborenen können sich von dieser WM nun ein deutlicheres Bild machen. Der Zusammenschnitt des Viertelfinalspiels gegen Jugoslawien etwa, das die Deutschen mit 2:0 gewannen, weckt Assoziationen an viele spätere WM-Spiele, in denen sich die DFB-Elf glanzlos durchwurschtelte. Und wenn man im Finale den wegen angeblichem Abseits nicht gegebenen Ausgleich der Ungarn betrachtet, den Ferenc Puskas drei Minuten vor Schluss erzielte, kommt einem das Wembley-Tor von 1966 wie ausgleichende Gerechtigkeit vor. Zu den unangenehmen Highlights gehört das brutale Foul Werner Liebrichs an Puskas bei der 3:8-Vorrundenschlappe gegen die Ungarn: In der 60. Minute – als die Herberger-Elf zu diesem Zeitpunkt ohnehin schon mit 1:5 zurück lag – zielte Liebrich allein auf die Beine des Fußballgotts. Puskas‘ Teamkamerad Jenö Buzánsky sagt in dem Film, Liebrich habe seinen Gegenspieler – der erst im Endspiel wieder auflaufen konnte – „liquidieren“ wollen. Die Autoren liefern noch weitere Belege für die These von Zeitzeugen, die die Spielweise der DFB-Elf als „Ackerfußball“ bezeichnen.“

Das Vergehen gegen eine der sieben Hauptsünden Hochmut wurde Oranje zum Verhängnis

Ein Holländer schreibt Fußball-Geschichte um; Siggi Weidemann (SZ 26.4.) berichtet eine Entromantisierung: „„Je länger 1974 zurückliegt, desto größer wurde der Mythos bei uns. Wir haben im Finale einfach gegen die bessere Mannschaft mit fantastischen Spielern verloren“, fasst Auke Kok das WM-Finale Deutschland – Niederlande zusammen und räumt mit der Fabel auf, die Oranje-Mannschaft sei „auf unmoralische Art“ um ihren Sieg gebracht worden. Noch bevor Kok am vergangenen Mittwoch im Amsterdamer Olympiastadion sein Buch „Wij waren de besten“ vorgestellt hatte, war die erste Auflage bereits restlos vergriffen. Die Medien gingen ausführlich auf die Hintergründe ein, die zum „nationalen Drama von 1974″ geführt hatten. Oranje verkörperte das Holland jener Zeit, und 1974 war die Geburtsstunde des nationalen Oranje-Gefühls, etwas, was zuvor unbekannt war, denn Oranje war bei früheren WM-Spielen nicht dabei oder vorzeitig ausgeschieden. „Der schwarze Sonntag war ein Trauma für unser Land“, so Auke Kok gegenüber der SZ, „aber wir haben keinen Grund zur Rache, denn wir sind nicht um den Sieg betrogen worden. Alles ist rechtens zugegangen.“ Und die Schwalbe von Bernd Hölzenbein, die zum Elfmeter und damit zum Ausgleich führte? „Ich habe mir die TV-Aufzeichnungen immer und immer wieder angeschaut. Das war keine Schwalbe, vielleicht ein Ansatz dazu.“ Auf 364 Seiten analysiert Rundfunkjournalist Kok in seinem Fußballthriller, wie es zum Absturz der Favoriten kam, ja kommen musste. „Wir waren die Besten. Außer im Fußball auch mit Sex, Alkohol, Disziplinlosigkeit sowie Selbstüberschätzung. Dennoch ist keiner der Helden vom Sockel gefallen.“ Und der Autor ergänzt: „Das Vergehen gegen eine der sieben Hauptsünden Hochmut wurde Oranje zum Verhängnis. Es war ein sportlicher Wettkampf, und die Deutschen haben die WM vollkommen verdient gewonnen.“ (…) Beide Teams symbolisierten „Jugend und Rebellion“. Die Deutschen hatten laut Kok „eine gewaltige Erfahrung“, waren „besser vorbereitet und motivierter“. Sie wollten, glaubt er, den Erfolg des Wunders von Bern wiederholen. Nachdem Neeskens mit einem Strafstoß das Führungstor erzielt hatte, erzielte Breitner ebenfalls per Elfmeter den Ausgleich. Gerd Müller schoss in der 43. Minute das Siegtor zum 2:1. Zusammenfassend urteilt Kok: „Auffallend ist der niederländische Provinzialismus, bei den Deutschen spürte man, sie kommen aus einem größeren Land und sind viel weniger borniert.““

Thomas Klemm (FAS 25.4.) beruhigt die Schiedsrichterdebatten: „Das Urteil, das Franz Beckenbauer in seiner allwöchentlichen „Bild“-Kolumne am Montag über die Zunft des DFB fällte, geriet allzu populistisch. Er habe den Eindruck, so der Bayern-Präsident, „daß sich unsere Schiedsrichter leider dem Niveau der Bundesliga anpassen. Und da gehören wir ja schon länger nicht mehr zu den Top drei in Europa“. In seiner Grantelei läßt der Weltmann nicht nur außer acht, daß deutsche Unparteiische in dieser Saison sehr oft zu Champions-League-Spielen berufen wurden und daß Merk zuvor das Viertelfinal-Rückspiel zwischen Arsenal und Chelsea souverän geleitet hatte, sondern auch, daß auch Schiedsrichter in anderen europäischen Spitzenligen um keinen Deut weniger Fehler machen und gleichfalls zu Buhmännern der Fußballnationen werden – gerade gegen Saisonende, wenn Vereine ihre eigenen Ansprüche nicht erfüllen können und dafür nach Gründen suchen. „Da werden dann häufig irgendwelche Schiedsrichterentscheidungen ins Feld geführt, um den dürftigen Tabellenstand der eigenen Mannschaft zu begründen und zu rechtfertigen“, meint der langjährige Unparteiische Krug erkannt zu haben. Ein Phänomen, das nicht nur ein deutsches ist. In der spanischen Primera Division wittert der FC Valencia eine Verschwörung, weil der punktgleiche Meisterschaftskonkurrent Real Madrid zuletzt von einigen Schiedsrichterentscheidungen profitierte. In der italienischen Serie A drohte der Vorsitzende des AC Perugia, aus Protest gegen angebliche Fehler des Unparteiischen, den Tabellenvorletzten bei den letzten vier Ligaspielen nicht mehr antreten zu lassen. Zwar hat sich Luciano Gaucci wieder beruhigt, aber Fans des Klubs sammelten 5000 Euro für einen Rechtsanwalt, der am Donnerstag Klage einreichte. Der Verdacht lautet auf „Betrug in sportlichem Wettbewerb“. In Portugal wird seit Dienstag sogar gegen 16 Personen, darunter Liga-Präsident Valentim Loureiro, Jose Antonio Pinto da Costa als Vorsitzenden der Schiedsrichterkommission und neun „Unparteiische“, wegen des Verdachts auf Bestechung und Dokumentenfälschung ermittelt. Pinto da Costa wurde bereits angeklagt, seine Schiedsrichter in 21 Fällen zu vorsätzlichen Fehlentscheidungen aufgefordert zu haben.“

Sponsored by Steuerzahler

Wird Deutschland ein guter Organisator der WM 2006? Wer zweifelt schon daran? Michael Ashelm (FAS 25.4.): „Weltmeister im Organisieren. Natürlich nehmen die Ausrichter der Weltmeisterschaft 2006 diese in Stein gemeißelte Selbstverständlichkeit auch gerne für sich in Anspruch. Und daß Spielstätten plus Infrastruktur wirklich ordentlich-pünktlich zum großen Turnier an den Internationalen Fußball-Verband übergeben werden, daran zweifelt niemand ernsthaft. Deutschland ist bereit und will sich der Welt als exzellenter Gastgeber präsentieren. Doch zu welchem Preis? Während die Vorbereitungsarbeiten eifrig vorangetrieben werden und viele Bauvorhaben in den letzten Zügen liegen, tauchen hier und da Fragen auf, ob das Milliardenprogramm wirklich so vorbildlich auf stabilen Füßen steht. Denn wie es scheint, könnte die Mammutveranstaltung ungesunde Nachwirkungen haben – für den Steuerzahler. In erster Linie geht es dabei um die großen Stadionprojekte, die für eine einmalige Fußballinfrastruktur sorgen werden. Die neueste Negativmeldung liefert der Standort Frankfurt, könnte das im Bau befindliche Waldstadion doch wegen Fehlern bei der Ausschreibung mehr als dreißig Millionen Euro mehr kosten als gedacht. „Sponsored by Steuerzahler“ heißt es ohnehin schon seit geraumer Zeit, wenn es sich in der Bankenstadt um den großen Fußball dreht. Nur mit staatlichen Bürgschaften und durch Fördergelder aus staatseigenen Unternehmen war die Eintracht vor dem Absturz ins Amateurlager bewahrt worden, damit der Stadt der wichtigste Mieter für das teure WM-Stadion erhalten bleibt. Die Weltmeisterschaft im eigenen Lande zeigt sich eben nicht nur von ihrer schönen Seite. Auch in München nicht. Dort entsteht für die WM die modernste Fußballarena der Welt, doch die Bauherren vom FC Bayern und TSV 1860, die sich später das Stadion teilen wollen, plagt ein ausgewachsener Korruptionsskandal. Während über die Hintergründe ermittelt wird, könnten negative Begleiterscheinungen im sportlichen Bereich den Erfolg der Großinvestition beeinträchtigen. Was passiert, wenn sich die „Löwen“ auf längere Sicht aus der Erstklassigkeit verabschieden? Die Refinanzierung der WM-Arena basiert auf Zuschauereinnahmen zweier Fußballklubs, die abwechselnd Heimspiele auf höchstem Niveau austragen und im Falle der Bayern im internationalen Geschäft mitmischen. Wenn das Konzept nicht aufgehen sollte, müßten aus alter Erfahrung private Defizite wieder sozialisiert werden. Am WM-Standort Kaiserslautern ist dies längst zur bitteren Erkenntnis geworden.“

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