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Oliver Fritsch | Samstag, 15. Mai 2004 Kommentare deaktiviert für Bundesliga

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Pressestimmen über die vermutlich bevorstehenden Trainerwechsel und -entlassungen in München und Stuttgart: „FC Mobbing“; „die Münchner Mächtigen machen einen würdigen Abschied Hitzfelds unmöglich“; „Hitzfeld ist ein Glücksfall und hat am Ende unverdientes Pech“ „Magath baut eine Deckung aus Wortspielen auf“ (alle FAZ); „Felix Magath und sein Anliegen, anderen ein Rätsel zu sein“ (SZ) – Ailton, homo ludens und „einziges aktives Vereinsmaskottchen der Liga“ (SZ) verlässt heute Bremen

Heilige Einfalt

Jörg Hanau (FR 15.5.) kritisiert Franz Beckenbauer für seinen Umgang mit Ottmar Hitzfeld: „Mit den Bayern ist’s wie mit den drei Affen: Der eine sagt nichts, der andere sieht nichts, und der dritte, Beckenbauer, will einfach nicht hören. Klar, der Präses redet ja viel lieber. Meist zwar nur Stuss, aber der wird zitiert. Auch hier. Denn ein Franz Beckenbauer darf alles. Auch uneheliche Kinder zeugen und die Ehefrau verlassen. Während Beirats-Kollege und Jung-Talker Boris Becker für seine Stippvisite in der Besenkammer öffentlich büßte, kamen Beckenbauer die guten Freunde von Bild zu Hilfe. Nach zwei Tagen war Ruhe. Schließlich steht Beckenbauer auf der „Pay roll“ des Springer-Verlags. Beckenbauers Worte besitzen für gewöhnlich die Halbwertszeit einer Seifenblase. Na und? Was trivial klingt, wird zur heiligen Einfalt, sobald er es ausspricht. Nach dem Gewinn der Champions League vor drei Jahren saß Hitzfeld für Beckenbauer noch zur Rechten Gottes. „Einen Rentenvertrag“ würde er Hitzfeld antragen, befand der Vielredner, und dass die Räte gut daran täten, den Mann nicht mehr ziehen zu lassen. Aber was interessiert Beckenbauer sein Geschwätz von gestern. Drei Jahre später ist die Blüte, deren Zeugen sich in der Vitrine an der Säbener Straße stapeln, den Wechseljahren gewichen, und Beckenbauer würde den Meistertrainer lieber heute als morgen vom Hof jagen. Etwas Gutes hat der kaiserliche Vorstoß: Jetzt weiß ein jeder, woran er ist. Vorbei endlich das Herumgeeiere der Herren Rummenigge und Hoeneß, die Hitzfeld stündlich einen Gentleman hießen, während sie ihn doch wie einen Tanzbären am Nasenring führten.“

Mobbing

Michael Horeni (FAZ 15.5.) fügt hinzu: “Das Münchner Gerede klingt schon ein wenig so, wie wir das auch von der Kandidatensuche für das höchste Amt im Staate kennen. Da behaupteten die Parteien auch immer, das Ansehen des Amtes dürfe nicht beschädigt werden – und taktierten und fintierten dennoch ohne jede Rücksicht. Im Fall Hitzfeld hat sich Franz Beckenbauer nun unmittelbar vor dem bayrisch-schwäbischen Mannschafts- und Trainerduell den letzten Meinungsbeitrag gestattet. Ganz nach dem üblichen Muster, jedoch in verschärfter Mobbing-Manier. (…) Die Entscheidung über das höchste Traineramt im deutschen Vereinsfußball kündigte der Fußball-Kaiser innerhalb der nächsten beiden Wochen an. Daß sie womöglich schon zugunsten von Felix Magath gefallen ist, würde nach der monatelangen Münchner Zermürbungstaktik niemanden mehr überraschen. Sicher indes ist schon jetzt, daß in der bayrischen Trainerfrage zumindest die Stilfrage eindeutig entschieden ist. Schade nur, daß der loyale Hitzfeld vor ein paar Wochen versäumte, in eigener Sache ein paar passende Worte an die Bayern zu richten. Etwa so: „Sucht euch ruhig einen neuen Trainer – vielleicht habt ihr mit ihm die gleichen Erfolge wie mit mir, viel Glück.““

Die Rolle des Guten im bayerisch-schwäbischen Schurkenstück

„Der Bayern-Trainer hat einen würdigen Abschied verdient, aber die Münchner Mächtigen machen es unmöglich“, kommentiert Elisabeth Schlammerl (FAZ 15.5.): „Es gehört entweder eine große Willensstärke oder ein wenig Masochismus dazu, derart ruhig, ja stoisch seine Demontage zu ertragen, wie Ottmar Hitzfeld dies tut. Der Trainer des FC Bayern München ist leidensfähig, das hat er schon öfters bewiesen in seiner Karriere, aber besonders in den vergangenen Wochen und Monaten. „Ich habe mir angewöhnt, keine Gefühle zu zeigen“, hatte er einmal gesagt, und genau das hilft ihm vielleicht jetzt, die Rolle des Guten zu spielen im bayerisch-schwäbischen Schurkenstück des deutschen Rekordmeisters, das derzeit parallel auf der Münchner und auf der Stuttgarter Fußballbühne aufgeführt wird. (…) Hitzfeld ließ sich in den vergangenen Monaten zu keiner Aussage hinreißen, die Aufschluß hätte geben können, wie er tatsächlich über das Verhalten seiner Chefs denkt. Zumindest nicht offiziell. Er hat den Bayern-Oberen vorgemacht, wie man in Krisenzeiten am besten in der Öffentlichkeit miteinander umgeht. „So einen souveränen und vor allem professionellen Trainer“, sagt ein Mitarbeiter der Bayern-Geschäftsstelle, „wird es so schnell nicht mehr geben bei uns.“ Hitzfeld hat das Feuer in den vergangenen sechs Jahren nicht gescheut, sich stets gestellt, wenn die Lage prekär gewesen ist. Und oft genug war er der einzige, der das tat. Deshalb ist es ihm auch nicht zu verdenken, daß er jetzt einmal keine Lust dazu hatte. Am vergangenen Montag, nach der Niederlage gegen Werder Bremen, sagte er einen Auftritt im Fernsehstudio ab – er hielt es da wie Karl-Heinz Rummenigge. Hitzfeld hätte einen schöneren Abschied verdient beim FC Bayern München, als er ihn nun bekommen wird.“

Unabhängig und frei in seinen Entscheidungen

Josef Kelnberger (SZ 15.5.) notiert den Wortnebel Felix Magaths: „Die nun seit Wochen andauernden Diskussionen um die Zukunft Magaths empfindet man in Stuttgart als sehr vertraut. Man führte sie vor einem Jahr schon einmal, damals lag ihm ein Angebot von Schalke 04 vor. Am Donnerstag bei seiner Pressekonferenz zum Duell gegen die Bayern machte er gar nicht erst den Versuch, nur Fragen nach dem Spiel zu beantworten. Er holte aus zu einem Monolog, der klang, als würde er Bilanz ziehen über seine Amtszeit in Stuttgart, die am 24. Februar 2001 begann, als würde er sein Vermächtnis formulieren. In Wahrheit war es nur ein Beharren darauf, wie unabhängig und frei er sich in seinen Entscheidungen fühlt. Magath ließ kaum etwas aus, während er unablässig seinen Teebeutel im heißen Wasser badete. In der ersten Saison den Abstieg „um Schamhaaresbreite“ vermieden, in der zweiten Platz acht, 2003 Rang zwei. Diese Saison: die Sympathiewelle für den VfB in der Champions League. Kicker-Leser, die Hildebrand besser als Kahn finden. Hildebrand, Hinkel, Lahm, Kuranyi im Nationalteam. Szabics ungarischer Fußballer des Jahres, Hleb weißrussischer Fußballer des Jahres. Uefa-Cup-Platz gesichert, Platz zwei noch möglich, Zuschauerschnitt um 10 000 gesteigert. „Diese Mannschaft hat den VfB in einer Weise vertreten, wie es das lange nicht mehr gab. Die Zukunft des Vereins ist rosig.“ Also kann er guten Gewissens nach München aufbrechen?, fragte jemand. Entschuldigung, wenn er diesen Eindruck erweckt habe, antwortete Magath. „Ich wollte nur, dass das nicht in Vergessenheit gerät.“ Weiter ging die Fragestunde in dem ironischen Ton. Bedächtig Teebeutel badend und Teebeutel über dem Löffel auswringend, zwischendurch am Tee nippend, vermied er wortreich jede Festlegung über seine Zukunft. Sagen Sie doch: Ich erfülle meinen Vertrag bis 2005! Magath: „Ich erfülle meinen Vertrag.“ Punkt. Man wird für Pressekonferenzen mit einem Bayern-Trainer Felix Magath sehr viel Wasser und viel Pfefferminztee brauchen, aber auch eine Menge Spaß haben an seiner Ironie, seinem Sarkasmus. Ob das allerdings die richtige Art und Weise war, mit einer Situation wie dieser umzugehen? (…) Felix Magath auf dem Trainingsplatz, das ist eine imposante Erscheinung. Zwanzig Minuten nach Trainingsbeginn kommt er erst, beobachtet seine Spieler zunächst einmal ungerührt, neben ihm die Cotrainer Balakov und Eichkorn, die scheinbar nur da sind, den Chef zu flankieren. Falls er die Herausforderung in München annimmt, wird man den kleinen Feldherrn noch sehr viel genauer unter die Lupe nehmen. Man wird versuchen, diesen so umgänglichen und doch misstrauischen Menschen zu verstehen. Die Sprache wird auf seine vaterlose Kindheit kommen, auf sein Vorbild Ernst Happel, mit dem zusammen er 1983 beim Hamburger SV den Europacup der Landesmeister gewann. Die Turbulenzen zum Ende seiner Amtszeiten in Hamburg, Nürnberg, Bremen und Frankfurt werden noch einmal untersucht werden, und die Attribute, die ihm damals seine Spieler anhefteten: Saddam, Quälix, letzter Diktator Europas. Dass er die Fähigkeit besitzt, Ottmar Hitzfeld zu beerben, bezweifelt nach seinen Stuttgarter Jahren kaum mehr jemand.“

Genau, Herr Magath

Peter Heß (FAZ 15.5.) ergänzt: “Magath hat beschlossen, der surrealen Situation mit der Art Humor zu begegnen, den Harald Schmidt in seiner Late Night Show pflegte. Und wie der Entertainer seinen Freund und Mitarbeiter Manuel Andrack als Stichwortgeber, Blitzableiter, Sündenbock oder Abnicker benutzte, so instrumentalisiert der Fußballtrainer seinen Pressesprecher Oliver Schraft: „Herr Schraft, ich glaube, Sie täuschen sich.“ Magath widerspricht der Vermutung seines Partners, die versammelte Journaille sei an sportlichen Nachrichten interessiert. Und natürlich will keiner wissen, ob der angeschlagene Mittelfeldspieler Soldo doch noch rechtzeitig fit wird; oder ob der gelbgesperrte Tiffert bei den Amateuren aushilft. Alle wollen nur eine Antwort auf die Frage hören: Wechselt Magath zu den Bayern, und wann wird er es tun? Diese Frage wabert seit einem knappen halben Jahr durch die Fußball-Republik (…) Magath begegnet dem Dilemma mit Ironie und Sarkasmus. „Damit wir gegen die Bayern besser spielen als gegen den HSV, gehen wir ins Trainingslager. Nicht wahr, Herr Schraft.“ – „Genau, Herr Magath.“ – „Wir gehen ins Hotel, damit wir zwei Tage gut essen und trinken und genügend Kraftreserven haben gegen die Bayern.“ – „Absolut, Herr Magath.“ Der Ton bleibt lässig, die Aussagekraft der Antworten gering, als das eigentliche Thema auf den Tisch kommt. Nach seiner Zukunft befragt, setzt Magath die Journalisten auf Diät. „Ich sage seit September, daß es keinen Grund für mich gibt, den Verein zu wechseln. Seitdem hat sich nichts geändert.“ Und: „Ich habe die Diskussion nicht begonnen, ich könnte gut ohne sie leben.“ Oder: „Mich interessiert es nicht, ob mein Vorstand mit anderen Trainern zu Mittag oder zu Abend ißt oder Golf spielt.“ Schließlich: „Ich kann Hitzfelds Situation bei den Bayern nicht beurteilen, und es ist mir auch egal.“ Immer wieder kommen Nachfragen. Ein Trainer wie Otto Rehhagel würde das Spielchen gar nicht mitmachen. Magath scheint am Katz-und-Maus-Sujet fast Gefallen zu finden. Einerseits gibt er sich verwundert über die Diskussionen, andererseits beendet er sie nicht. Er könnte beispielsweise sagen: „Die Machtposition, die ich mir in Stuttgart aufgebaut habe (er ist auch Teammanager), ist einmalig, die Mannschaft hat auf Jahre Perspektive, und wenn die Bayern auf Knieen angekrochen kämen, ich würde nicht zu ihnen wechseln.“ Magath sagt’s nicht. „Warum sollte ich? Ich lasse mich nicht zwingen, etwas klarzustellen.“ Erst wenn wie im Vorjahr fälschlicherweise behauptet würde, er hätte schon einen Vertrag bei einem anderen Klub unterschrieben, würde er das richtigstellen. Schachspieler Magath verschanzt sich hinter seiner dichten Deckung, weil jeder Zug seine Position verschlechterte. Jede Aussage zugunsten der Bayern würde die Stuttgarter verprellen, jeder Spruch gegen die Münchner seinen potentiellen neuen Arbeitgeber kompromittieren.“

Kein Detail aus der Requisite des Weserstadions blieb von ihm ungeküsst

Nicht nur Ralf Wiegand (SZ 15.5.) wird Ailton, homo ludens, vermissen: “Das Herz wird es den Fans von Werder Bremen am Samstag zerreißen, trotz Meisterschaft und Traumfußball ihrer Mannschaft, und kein noch so hoher Sieg gegen Bayer 04 Leverkusen wird den Schmerz lindern können. Zum letzten Mal werden sie IHM zujubeln, dem wohl einzigen Brasilianer von der Statur eines Schneemanns; dieser Körper ist ein Unikat in der Szene stromlinienförmiger 08/15-Hochleistungskörper, und der Kopf darauf Quell der lustigsten Fußballer-Interviews der jüngsten Bundesligageschichte. Der letzte Teil einer Serie, die Bild ihm zu Ehren abdruckt, trägt den verheißungsvollen Titel: „Wehe, jemand sagt, ich bin dick.“ Die Rede ist von Ailton, 30, der schon vor seinem Umzug von Bremen nach Gelsenkirchen eine Legende an der Weser ist. Kein anderer aus dem Team des neuen Deutschen Meisters verkörpert die Spielfreude dieser Mannschaft perfekter als jener Mann, den der Fußballgott an einem seiner besseren Tage aus einer Hand voll Kugeln zusammengebaut und auf die Erde geschickt hat, um den Menschen Spaß zu bereiten und seiner Mannschaft bisher 27 Tore in dieser Saison. Nichts weniger ist dem Brasilianer gelungen, als in den knapp sechs Jahren seines Schaffens das Wesen der Bremer zu verändern. Herrschte früher im Weserstadion oft eine Stimmung wie im Theater bei der siebten Aufführung aus dem Abonnement-Programm, so ist heute südamerikanische Lebensfreude die Grundlage jedes Torjubels in der Ostkurve. Den Fangesang zu „Aaaaailton“-Toren gibt es als CD zu kaufen, und der Stürmer ist wohl der einzige Profi, der sich traut, auch mitten im Spiel mal zu den Fans zu winken, wenn ihm danach ist. Kein Detail aus der Requisite des Weserstadions blieb nach den über 100 Toren für Werder von ihm ungeküsst.“

Interaktives Theater
SZ-Interview mit Andreas Windhuis, Darsteller im Schalke-Musical

SZ: Die Vorstellungen bis zum 10. Juli sind jedenfalls weitgehend ausverkauft. Was spielt sich da ab?
AW: Es hat was von interaktivem Theater. Das habe ich noch nie erlebt, die Leute singen zwischendurch Schalke-Lieder, bringen Fahnen mit, tragen Trikots und Schals. Zum Schluss wird, wie im Stadion, La Ola gemacht, wir rufen „Schalke“ und der Saal brüllt zurück: „04″, bis der Dirigent uns stoppt. Dann rufen wir: „Danke“ – und das Publikum „Bitte“. Da entsteht richtig Gänsehaut.
SZ: Stadionriten im Musiktheater.
AW: Was die Inszenierung und das Team ja Gott sei Dank nie versucht haben. Stadionatmosphäre wird nur durch zwei Einspielungen von Radioreportagen mit Manni Breuckmann auf die Bühne gebracht, das eigentliche Spiel findet nur durch Erzählen statt, wie in der griechischen Tragödie.
SZ: Ist es also ein Kulturereignis oder ein fußballreligiöses Hochamt?
AW: Es ist sicher zuerst eine Kulturveranstaltung, mit tollen Sängern und Tänzern und einer tollen Choreographie. Aber wenn ich mich vor der Aufführung draußen umsehe, wer da so ins Theater geht – ich glaube, da sind viele dabei, die das sonst nicht tun würden. Künstlerisch geht das Stück vielleicht nicht in die Geschichte ein, aber es ist was Besonderes, weil die Schalker so verrückt sind.

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